29. Kapitel | Inhalt | Schluß

August Bebel - "Die Frau und der Sozialismus" - 62. Auflage, Berlin/DDR, 1973, S. 528-549.

1. Korrektur.
Erstellt am 31.1.1999.

Dreißigstes Kapitel
Bevölkerungsfrage und Sozialismus

1. Furcht vor Übervölkerung

|528| Es gibt Leute, welche die Bevölkerungsfrage als die wichtigste und brennendste aller Fragen ansehen, weil eine "Übervölkerung" drohe, ja, tatsächlich schon vorhanden sei. Diese Frage muß ganz speziell vom internationalen Standpunkt aus behandelt werden, denn Volksernährung und Volksverteilung sind immer mehr eine internationale Angelegenheit geworden. Über das Bevölkerungsgesetz ist seit Malthus viel gestritten worden. In seiner berühmt und berüchtigt gewordenen Schrift "Versuch über das Bevölkerungsprinzip", die Karl Marx "als ein schülerhaft oberflächliches und pfäffisch vordeklamiertes Plagiat aus Sir James Stewart, Townsend, Franklin, Wallace usw." bezeichnet, das "nicht einen einzigen selbstgedachten Satz enthält", stellt Malthus die Ansicht auf, daß die Menschheit das Bestreben habe, sich in geometrischer Progression zu vermehren (1, 2, 4, 8, 16, 32 usw.), wohingegen die Nahrung nur in arithmetischer Progression (1, 2, 3, 4, 5 usw.) vermehrt werden könne. Die notwendige Folge sei, daß zwischen der Menschenzahl und dem Nahrungsvorrat rasch ein Mißverhältnis entstehe, das zu Massennot und schließlich zu Massentod führen müsse. Es sei darum geboten, sich in der Kinderzeugung "Enthaltsamkeit" aufzuerlegen. Derjenige dürfe nicht heiraten, der nicht genügend Mittel zur Ernährung einer Familie besitze, weil sonst am "Tische der Natur" kein Platz für die Nachkommen vorhanden sei.

Die Furcht vor Übervölkerung ist sehr alt. Sie war bereits, wie die Erörterungen in der vorliegenden Schrift zeigten, bei Griechen und Römern und wieder am Ausgang des Mittelalters vorhanden. Plato und Aristoteles, die Römer, der Kleinbürger des Mittelalters wurden von ihr beherrscht, und sie beherrschte Voltaire, der darüber im ersten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts eine Abhandlung veröffentlichte. Andere Schriftsteller folgten ihm, bis endlich in Malthus der- |529| jenige erstand, der diese Befürchtungen am prägnantesten zum Ausdruck brachte.

Die Furcht vor Übervölkerung tritt stets in Perioden auf, in denen der bestehende Sozialzustand im Zerfall begriffen ist. Die allgemeine Unzufriedenheit, die dann entsteht, glaubt man in erster Linie dem Überfluß an Menschen und dem Mangel an Lebensmitteln und nicht der Art, wie sie gewonnen und verteilt werden, zuschreiben zu müssen.

Alle Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beruht auf Klassenherrschaft. Das erste und vornehmste Mittel der Klassenherrschaft aber ist die Besitznahme von Grund und Boden. Aus dem Gemeinbesitz gelangt derselbe allmählich in Privatbesitz. Die Masse wird eigentumslos und ist genötigt, sich im Dienste der Besitzenden wird jeder Zuwachs zur Familie oder ein neuer Konkurrent als eine Last empfunden. Das Gespenst der Übervölkerung erscheint, das in dem Maße Schrecken verbreitet, wie der Grund und Boden immer mehr Monopolbesitz wird und an Produktivität verliert, sei es, weil er nicht genügend bewirtschaftet wird, oder weil man den besten Boden in Schafweiden verwandelt, oder ihn dem Vergnügen seiner Herren als Jagdgründe reserviert und ihn so dem Anbau für menschliche Nahrung entzieht. Rom und Italien hatten am meisten Mangel an Nahrungsmitteln, als der Grund und Boden sich in den Händen von ungefähr dreitausend Latifundienbesitzern befand. Daher der Schreckensruf: Die Latifundien richten Rom zugrunde. Der Grund und Boden Italiens wurde in ungeheure Jagdreviere oder Lustgärten zum Vergnügen seiner adligen Besitzer verwandelt, häufig auch unbebaut liegengelassen, weil seine Bebauung durch Sklaven sich teurer stellte als der Preis des aus Afrika und Sizilien bezogenen Getreides, ein Zustand, der Tür und Tor dem Kornwucher öffnete, an dem in erster Linie wieder der reiche Adel Roms beteiligt war. Das wurde sogar ein Hauptgrund, die Bebauung des heimischen Grund und Bodens zu unterlassen. Der Adel gewann am Getreidewucher mehr als am Getreidebau im eigenen Lande.

Unter solchen Verhältnissen zog der römische Bürger oder der verarmte Adel es vor, auf Ehe und Kinderzeugung zu verzichten, was durch alle Prämien, die auf Eheschließung und Kinder gesetzt wurden, um die Verminderung der herrschenden Klasse zu verhindern, nicht verhindert werden konnte.

|530| Eine ähnliche Erscheinung trat gegen Ende des Mittelalters ein, nachdem während Jahrhunderten Adel und Geistlichkeit durch alle Mittel der List und Gewalt zahlreiche Bauern ihres Eigentums beraubt und das Gemeindeland an sich gerissen hatten. Als dann infolge all der erlittenen Mißhandlungen die Bauern sich empörten, aber niedergeschlagen wurden und nun erst recht das Raubhandwerk des Adels nur auf höherer Stufenleiter fortgesetzt und von den reformierten Fürsten auch am Kirchengut praktiziert wurde, wuchs die Zahl der Räuber, Bettler und Vagabunden wie nie zuvor. Ihre Zahl war am größten nach der Reformation. Die expropriierte Landbevölkerung strömte nach den Städten. Hier waren aber auch bereits aus früher geschilderten Ursachen die Lebensverhältnisse immer übler geworden, und so war "Übervölkerung" überall vorhanden.

Das Auftreten von Malthus fällt nun in jene Periode der englischen Industrie, wo infolge der neuen Erfindungen von Hargreaves, Arkwright und Watt gewaltige Umgestaltungen in der Mechanik und Technik eintraten, die hauptsächlich in der Baumwollen- und Leinenindustrie zur Geltung gelangten und die Arbeiter in den betroffenen Hausindustrien zu Zehntausenden brotlos machten. Die Konzentration des Bodeneigentums und die Entwicklung der großen Industrie nahm um jene Zeit in England große Dimensionen an. Mit dem rasch steigenden Reichtum auf der einen Seite wuchs das Massenelend auf der anderen. In einer solchen Zeit mußten die herrschenden Klassen, welche die bestehende Welt für die beste anzusehen alle Ursache haben, für eine so widersprechende Erscheinung wie die Pauperisierung der Massen inmitten des steigenden Reichtums und der höchsten Industrieblüte eine plausible, sie entlastende Erklärung suchen. Nichts war bequemer, als der allzu raschen Vermehrung der Arbeiter durch Kinderzeugung und nicht ihrer Überflüssigmachung durch den kapitalistischen Produktionsprozeß und die Akkumulierung des Grund und Bodens in den Händen der Landlords die Schuld zu geben. Unter solchen Verhältnissen enthielt das "schülerhaft oberflächliche, pfäffisch vordeklamierte Plagiat", das Malthus veröffentlichte, eine Begründung der vorhandenen Übel, die den geheimsten Gedanken und Wünschen der herrschenden Klasse Ausdruck gab und sie vor der Welt rechtfertigte. Daher erklärt sich der ungeheure Beifall, den es auf der einen Seite, und die heftige Befehdung, die es auf der anderen fand. Malthus hatte für die englische Bourgeoisie im rechten Augenblick das rechte |531| Wort gesprochen, und so wurde er, trotzdem seine Schrift "keinen einzigen selbstgedachten Satz" enthielt, ein großer und berühmter Mann und sein Name zum Stichwort für die ganze Lehre.(1)

2. Produktion der Übervölkerung

Die Zustände, die Malthus zu seinem Notschrei und seinen brutalen Lehren veranlaßten - er richtete sie an die arbeitende Klasse und fügte so zum Schaden auch noch den Hohn -, haben seitdem sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verbreitert. Nicht bloß im Vaterland des Malthus, in Großbritannien, sondern in allen Ländern der Welt mit kapitalistischer Produktionsweise, die das Raubsystem an Grund und Boden und die Unterjochung der Massen durch die Maschinerie und die Fabrik zur Folge hat. Dieses System besteht, wie nachgewiesen, in der Trennung des Arbeiters von seinem Arbeitsmittel, sei dieses Grund und Boden oder Werkzeug, und in dem Übergang der Arbeitsmittel in die Hände der Kapitalisten. Das System schafft immer neue Industriezweige, entwickelt und konzentriert dieselben, wirft aber auch immer neue Volksmassen auf die Straße, es macht sie "überzählig". Vielfach befördert es, wie im alten Rom, den Latifundienbesitz mit allen seinen Folgen. Irland ist das klassische Land in Europa, das vom englischen Raubsystem am schlimmsten heimgesucht wurde. Es besaß schon 1874 12.378.244 Acres Wiesen und Weideland, aber nur 3.373.508 Acres Ackerland, und jedes Jahr schreitet die Abnahme der Bevölkerung und Hand in Hand damit die Verwandlung von Ackerland in Wiesen und Weideland für Schaf- und Rinderherden und in Jagdreviere für die Landlords vor.(2) (Im Jahre 1908 14.805.046 Acres Wiesen und Weide- |532| land und 2.328.906 Acres Ackerland.) Das irische Ackerland befindet sich außerdem vielfach als Pachtland in den Händen einer großen Zahl kleiner und kleinster Pächter, die nicht imstande sind, die Ausnutzung des Bodens in höherem Maßstab zu betreiben. So zeigt Irland den Anblick eines Landes, das sich aus einem ackerbautreibenden Lande in ein Hirtenland zurückverwandelt. Dabei ist die Bevölkerung, die im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts über 8 Millionen Köpfe zählte, gegenwärtig auf 4,3 Millionen gesunken, und noch immer sind einige Millionen "überzählig". Die Rebellion der Irländer gegen England erklärt sich hiernach sehr einfach. Schottland zeigt ein ganz ähnliches Bild wie Irland in seinen Bodenbesitz- und Bodenbebauungsverhältnissen.(3) Ähnliches wiederholt sich in dem erst in den letzten Jahrzehnten in die moderne Entwicklung eingetretenen Ungarn. Ein Land, so reich an fruchtbarem Boden wie wenige in Europa, ist überschuldet, seine Bevölkerung verarmt und befindet sich in den Händen von Wucherern. Aus Verzweiflung wandert sie in Massen aus. Aber der Grund und Boden ist in den Händen moderner Kapitalmagnaten konzentriert, die mit Wald und Ackerland die schlimmste Raubwirtschaft treiben, so daß Ungarn in nicht ferner Zeit aufhört, ein Getreide ausführendes Land zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Italien. In Italien hat die politische Einheit der Nation, ähnlich wie in Deutschland, der kapitalistischen Entwicklung Vorschub geleistet, aber die fleißigen |533| Bauern von Piemont und der Lombardei, von Toskana, der Romagna und Siziliens verarmen immer mehr und gehen zugrunde. Bereits beginnen Sümpfe und Moore sich von neuem zu bilden, wo noch vor wenigen Jahrzehnten gut gepflegte Gärten und Äcker kleiner Bauern standen. Vor den Toren Roms, in der sogenannten Campagna, liegen Hunderttausende Hektar Bodens brach, in einem Landstrich, der einst zu den blühendsten des alten Roms gehörte. Sümpfe bedecken den Boden und hauchen ihre giftigen Miasmen aus. Wenn unter Aufwendung entsprechender Mittel eine gründliche Entsumpfung und eine zweckmäßige Bewässerung eingerichtet würde, erhielte die Bevölkerung Roms eine reichliche Nahrungs- und Genußquelle. Aber Italien leidet an der Großmachtssucht, es ruiniert die Bevölkerung durch schlechte Verwaltung, durch militärische und maritime Rüstungen und in "Kolonisationen", und so hat es für Kulturaufgaben, wie die Fruchtbarmachung der Campagna, keine Mittel. Ähnlich wie in der Campagna ist es in Süditalien und Sizilien. Dieses, einst die Kornkammer Roms, verfällt immer mehr der Verarmung; eine ausgesogenere, ärmlicher lebende, mißhandeltere Bevölkerung gibt es in ganz Europa nicht mehr. Die bedürfnislosen Söhne des schönsten Landes Europas überschwemmen halb Europa und Amerika als Lohndrücker oder sie wandern in Scharen für immer aus, weil sie auf dem heimatlichen Boden, der nicht ihr Eigentum ist, nicht verhungern wollen. Die Malaria, jenes schreckliche Fieber, nahm in ganz Italien Dimensionen an, daß die Regierung schon 1882 darüber erschreckt, eine Untersuchung vornehmen ließ, die das traurige Resultat ergab, daß von den 69 Provinzen des Landes 32 in hohem Grade von der Krankheit heimgesucht, 32 bereits davon ergriffen und nur 5 noch davon verschont geblieben waren. Die Krankheit, die früher nur auf dem Lande bekannt war, drang in die Städte, weil das dort aufgehäufte Proletariat, durch die proletarisierte Landbevölkerung vermehrt, die Infektionsherde der Krankheit bildete.

3. Armut und Fruchtbarkeit

Von welcher Seite wir immer das kapitalistische Wirtschaftssystem betrachten, wir werden belehrt, daß Not und Elend der Massen nicht die Folgen des Mangels an Nahrungs- und Lebensmitteln, sondern die Folgen der ungleichen Verteilung derselben und der verkehrten Wirt- |534| schaftsweise sind, die dem einen Überfluß schafft und die andern zum Darben zwingt. Die Malthusschen Behauptungen haben nur vom Standpunkt der kapitalistischen Produktionsweise Sinn. Auf der andern Seite drängt die kapitalistische Produktionsweise selbst zur Produktion von Kindern; sie braucht billige "Hände" in Gestalt von Kindern für ihre Werkstätten und Fabriken. Bei dem Proletarier wird das Kinderzeugen eine Art Berechnung, sie müssen die Kosten ihres Lebensunterhalts selbst erwerben. Der Proletarier in der Hausindustrie wird sogar genötigt, viele Kinder zu besitzen, denn darin liegt eine Gewähr für seine Konkurrenzfähigkeit. Das ist sicher ein scheußliches System; es verstärkt die Pauperisierung des Arbeiters und seine Abhängigkeit vom Unternehmer. Der Proletarier wird gezwungen, für immer elenderen Lohn zu arbeiten. Und jede Arbeiterschutzbestimmung, jede Mehrausgabe für diese oder andere soziale Pflichten, die dem Unternehmer nicht auch für die von ihm beschäftigten Hausindustriellen auferlegt wird, veranlaßt ihn, den Kreis der Hausindustriellen zu erweitern, sie bietet ihm Vorteile, wie nicht leicht eine andere Betriebsform, vorausgesetzt, daß sie nach der Natur des Produktionsprozesses durchführbar ist.

Das kapitalistische Produktionssystem erzeugt aber nicht nur Überproduktion an Waren und Arbeitern, sondern auch an Intelligenzen. Auch die Intelligenz findet schließlich immer schwerer Unterkommen, das Angebot übersteigt permanent die Nachfrage. Nur eins ist in dieser kapitalistischen Welt nicht überflüssig, das ist das Kapital und sein Besitzer, der Kapitalist. Sind die bürgerlichen Ökonomen Malthusianer, so sind sie, was sie aus bürgerlichem Interesse sein müssen, nur sollen sie ihre bürgerlichen Schrullen nicht auf die sozialistische Gesellschaft übertragen wollen. John Stuart Mill sagt: "Der Kommunismus ist gerade derjenige Zustand der Dinge, bei dem man erwarten darf, daß die öffentliche Meinung sich mit der allergrößten Intensität gegen diese Art selbstsüchtiger Unmäßigkeit erklären wird. Jede Volksvermehrung, welche die annehmliche Lage der Bevölkerung verringern oder deren Mühen steigern würde, müßte dann für jedes einzelne Individuum der Assoziation unmittelbare und unverkennbare Inkonvenienz zur Folge haben, und diese könnte dann nicht der Habsucht der Arbeitgeber oder den ungerechten Privilegien der Reichen zur Last gelegt werden. Unter so veränderten Umständen könnte es nicht ausbleiben, daß die |535| öffentliche Meinung ihre Mißbilligung zu erkennen gäbe, und wenn diese nicht ausreichte, daß man durch Strafen irgendwelcher Art diese oder andere gemeinschädliche Unenthaltsamkeit unterdrücken würde. Die kommunistische Theorie trifft also keineswegs in besonderer Weise der Vorwurf, welcher von der Gefahr der Übervölkerung hergenommen ist; vielmehr empfiehlt sich dieselbe dadurch, daß sie in hohem Grade diesem Übelstande vorzubeugen die Tendenz haben würde." Und Professor Ad. Wagner äußert auf Seite 376 von Raus "Lehrbuch der politischen Ökonomie": "Am wenigsten würde in einem sozialistischen Gemeinwesen prinzipiell Ehefreiheit oder Freiheit der Kinderzeugung gewährt werden können." Die Genannten gehen also von der Ansicht aus, daß das Streben nach Übervölkerung ein allen Gesellschaftszuständen gemeinsames sei, aber beide vindizieren dem Sozialismus die Eigenschaft, das Verhältnis von Bevölkerung und Nahrung besser als jede andere Gesellschaftsform ins Gleichgewicht bringen zu können. Das letztere ist richtig, das erstere nicht.

Es gab allerdings vereinzelte Sozialisten, die, von den Malthusschen Ideen bestochen, fürchteten, die Gefahr einer Übervölkerung "stehe nahe bevor". Aber diese sozialistischen Malthusianer sind verschwunden. Das tiefere Eindringen in die Natur und das Wesen der bürgerlichen Gesellschaft belehrt sie eines Besseren. Auch belehren uns die Klagelieder unserer Agrarier, daß wir zuviel Nahrungsmittel - vom Standpunkt des Weltmarktes betrachtet - produzieren, so daß die daraus entstandenen niedrigeren Preise die Produktion derselben unrentabel machten. Unsere Malthusianer bilden sich ein, und der Chorus der bürgerlichen Wortführer schwatzt es ihnen gedankenlos nach, eine sozialistische Gesellschaft, in der freie Liebeswahl bestehe und für alle eine menschenwürdige Existenz vorhanden sei, werde zu einem "Kaninchenstall" werden; sie würde dem ausschweifendsten Geschlechtsgenuß und massenhafter Kinderzeugung verfallen. Das Gegenteil dürfte eintreten. Bisher haben durchschnittlich nicht die bessersituierten Schichten die größte Zahl der Kinder, sondern umgekehrt die schlechtestsituierten. Man darf sogar, ohne sich einer Übertreibung schuldig zu machen, sagen: Je ärmlicher die Lage einer Proletarierschicht, um so zahlreicher ist durchschnittlich der Kindersegen; hüben und drüben Ausnahmen zugegeben. Das bestätigt auch Virchow, der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts schrieb: "Wie der englische Ar- |536| beiter in seiner tiefsten Versunkenheit, in der äußersten Entblößung des Geistes endlich nur noch zwei Quellen des Genusses kennt, den Rausch und den Beischlaf, so hatte auch die oberschlesische Bevölkerung bis vor wenig Jahren alle Wünsche, alles Streben auf diese beiden Dinge konzentriert. Der Branntweingenuß und die Befriedigung des Geschlechtstriebs waren bei ihr vollkommen souverän geworden, und so erklärt es sich leicht, daß die Bevölkerung ebenso rapid an Zahl wuchs, als sie an physischer Kraft und an moralischem Halt verlor."

Karl Marx spricht sich im "Kapital" ähnlich aus, indem er schreibt: "In der Tat steht nicht nur die Masse der Geburten und Todesfälle, sondern die absolute Größe der Familien im umgekehrten Verhältnis zur Höhe des Arbeitslohns, also zur Masse der Lebensmittel, worüber die verschiednen Arbeiterkategorien verfügen. Dies Gesetz der kapitalistischen Gesellschaft klänge unsinnig unter Wilden oder selbst zivilisierten Kolonisten. Es erinnert an die massenhafte Rohproduktion individuell schwacher und vielgehetzter Tierarten." Des weiteren zitiert Marx Laing, der äußert: "Befände sich alle Welt in bequemen Umständen, so wäre die Welt bald entvölkert." Laing ist also entgegengesetzter Anschauung wie Malthus, gute Lebenshaltung trage nicht zur Vermehrung, sondern zur Verminderung der Geburten bei. Ähnlich äußert sich Herbert Spencer, der sagt: "Immer und überall sind Vervollkommnung und Fortpflanzungsfähigkeit einander entgegengesetzt. Daraus folgt, daß die fernere Entwicklung, welcher die Menschheit entgegensieht, wahrscheinlich eine Abnahme ihrer Fortpflanzung zur Folge haben wird." Es ist hier also eine Übereinstimmung von Männern vorhanden, die sonst auf ganz verschiedenen Standpunkten stehen, und ihrer Auffassung schließen auch wir uns an.

4. Mangel an Menschen und Überfluß an Nahrungsmitteln

Man könnte die ganze Bevölkerungsfrage kurzerhand damit abtun, daß man sagt, auf absehbare Zeit hat eine Befürchtung wegen Übervölkerung überhaupt keinen Sinn, denn wir befinden uns einem Überfluß von Nahrungsmitteln gegenüber, der sogar mit jedem Jahr größer zu werden droht, daß die Sorge: wohin mit diesem Reichtum, weit mehr am Platze ist als die Sorge, ob er langt. Den Lebensmittelproduzenten würde sogar eine raschere Vermehrung der Konsumenten |537| das Erwünschteste sein. Aber unsere Malthusianer sind im Erheben von Einwürfen unermüdlich, und so muß man diesen Einwürfen begegnen, um ihnen nicht die Ausrede zu lassen, man könne ihnen nicht antworten.

Sie behaupten, die Gefahr der Übervölkerung in nicht ferner Zeit liege in dem Gesetz des "abnehmenden Bodenertrags". Unser Kulturboden werde "ertragsmüde", steigende Ernten seien nicht mehr zu erwarten und da kulturfähiger Boden, der noch bebaut werden könne, immer seltener werde, sei die Gefahr des Nahrungsmangels bei weiterer Vermehrung der Bevölkerung eine unmittelbare. Es ist zwar schon in dieser Schrift in den Kapiteln über die landwirtschaftliche Bodenausnutzung wie wir glauben unwiderlegbar nachgewiesen, welche enormen Fortschritte noch die Menschheit selbst vom Standpunkt der gegenwärtigen Bodenbewirtschaftungslehre in bezug auf Gewinnung neuer Nahrungsmengen zu machen vermag, aber wir wollen weitere Beispiele dafür anführen. Ein sehr tüchtiger Großgrundbesitzer und ein anerkannter Nationalökonom, also ein Mann, der in beiden Richtungen Malthus weit überragt, äußerte schon 1850, also zu einer Zeit, als die Agrikulturchemie noch in den Windeln lag: "Die Produktivität der Rohproduktion, namentlich von Nahrungsstoff, wird künftig nicht mehr hinter der Produktivität in der Fabrikation und der Transportation zurückbleiben ... In unseren Tagen beginnt erst die Agrikulturchemie der Landwirtschaft Aussichten zu eröffnen, die ohne Zweifel noch zu manchem Irrweg verleiten werden, die aber schließlich die Schöpfung des Nahrungsstoffes ebenso in die Gewalt der Gesellschaft legen dürften, als es heute in ihrer Macht liegt, beliebige Tuchquantitäten zu liefern, wenn nur die nötigen Wollvorräte vorhanden sind."(4)

Justus v. Liebig, der Schöpfer der Agrikulturchemie, ist der Ansicht, "daß, wenn menschliche Arbeit und Dungmittel in genügender Menge vorhanden sind, der Boden unerschöpflich ist und ununterbrochen die reichsten Ernten gibt". Das Gesetz des abnehmenden Bodenertrags ist eine Malthussche Schrulle, das zu seiner Zeit bei sehr unentwickeltem landwirtschaftlichen Kulturstand angenommen werden konnte, aber längst durch Wissenschaft und Erfahrung widerlegt ist. Gesetz ist vielmehr: Der Ertrag eines Feldes steht in direktem Verhältnis zu der auf dasselbe verwandten menschlichen Arbeit (Wissen- |538| schaft und Technik einbegriffen) und den auf dasselbe zweckentsprechend verwendeten Dungstoff. War es dem kleinbäuerlichen Frankreich möglich, in den letzten neunzig Jahren seinen Bodenertrag mehr als zu vervierfachen, während die Bevölkerung sich nicht einmal verdoppelte, so sind ganz andere Resultate von einer sozialistisch wirtschaftenden Gesellschaft zu erwarten. Unsere Malthusianer übersehen ferner, daß bei den heutigen Verhältnissen nicht nur unser Grund und Boden in Betracht kommt, sondern der Boden der ganzen Welt, das heißt zu einem großen Teil Länder, deren Fruchtbarkeit das Zwanzig-, Dreißig- und Mehrfache ergibt als unser Boden von gleichem Umfang. Die Erde ist zwar schon ziemlich stark von Menschen in Besitz genommen, aber sie ist, mit Ausnahme eines kleinen Bruchteils, nirgends so angebaut und ausgenutzt, wie sie angebaut und ausgenutzt werden könnte. Nicht allein könnte Großbritannien eine große Menge von Nahrungsmitteln mehr erzeugen als heute, auch Frankreich, Deutschland, Österreich und in noch weit höherem Grads die übrigen Länder Europas. In dem kleinen Württemberg mit seinen 879.970 Hektar Getreideboden ließe sich allein durch Anwendung des Dampfpfluges die durchschnittliche Erntemenge von 6.140.000 Zentner auf 9.000.000 Zentner Getreide erhöhen.

Das europäische Rußland, an dem Bevölkerungsstand Deutschlands als Maßstab gemessen, würde statt der zirka 100 Millionen, die es gegenwärtig zählt, 475 Millionen ernähren können. Heute zählt das europäische Rußland ungefähr 19,4 Einwohner auf den Quadratkilometer, Sachsen über 300.

Der Einwand, daß Rußland weite Strecken Landes habe, die durch ihr Klima eine höhere Befruchtung unmöglich machten, trifft zwar zu, dagegen hat es namentlich im Süden ein Klima und eine Bodenfruchtbarkeit, die Deutschland nicht entfernt kennt. Weiter werden durch die Dichtigkeit der Bevölkerung und die damit steigende Kultur des Bodens Veränderungen im Klima herbeigeführt, die sich gegenwärtig gar nicht ermessen lassen. Überall, wo in dichten Mengen der Mensch sich ansammelt, gehen auch klimatische Veränderungen vor. Wir legen diesen Erscheinungen zu wenig Gewicht bei, auch vermögen wir sie in ihrem ganzen Umfang nicht zu ermessen, weil wir keine Veranlassung und, wie die Dinge noch gegenwärtig liegen, auch nicht die Möglichkeit haben, Experimente im großen anzustellen. So würde das heute so spärlich bevölkerte Schweden und Norwegen mit seinen |539| ungeheuren Wäldern und seinem unerschöpflich zu nennenden Metallreichtum, seiner Menge Flüsse, seinen Meeresküsten eine reiche Quelle der Ernährung für eine dichte Bevölkerung abgeben. Die passenden Mittel und Einrichtungen, die den Reichtum dieser Länder erschließen, sind unter den gegebenen Verhältnissen nicht zu beschaffen, und so wandert sogar ein Teil der spärlichen Bevölkerung aus.

Was vom Norden gesagt werden kann, gewinnt eine ungleich größere Bedeutung für den Süden Europas: für Portugal, Spanien, Italien, Griechenland, die Donauländer, Ungarn, die Türkei usw. Ein Klima von der größten Vortrefflichkeit, ein Boden, so üppig und fruchtbar, wie er kaum in den besten Gegenden der Vereinigten Staaten vorhanden ist, gab einst ungezählten Bevölkerungsscharen die reichlichste Nahrung. Die faulen politischen und sozialen Zustände jener Länder veranlassen, daß Hunderttausende aus Europa über den Ozean ziehen, statt in der Heimat zu bleiben oder sich in jenen viel näher und bequemer gelegenen Ländern niederzulassen. Sobald hier vernünftige soziale und politische Einrichtungen vorhanden sind, werden neue Millionen Menschen nötig sein, um jene weiten und fruchtbaren Länder auf eine höhere Kulturstufe zu heben.

Wir haben auf lange Zeit hinaus in Europa, um wesentlich höhere Kulturzwecke erreichen zu können, nicht Überfluß an Menschen, sondern eher Mangel daran, und es ist unter solchen Umständen absurd, sich wegen Übervölkerung irgendeiner Befürchtung hinzugeben.(5) Dabei muß immer im Auge behalten werden, daß die Ausnutzung der vorhandenen Nahrungsquellen, durch die Anwendung von Wissenschaft und Arbeit, gar keine Grenzen kennt und jeder Tag uns neue Entdeckungen und Erfindungen bringt, welche die Quellen für die Nahrungsgewinnung vermehren. Gehen wir von Europa nach den anderen Erdteilen, so stellt sich noch in viel höherem Grade Menschenmangel und Bodenüberfluß heraus. Die üppigsten und fruchtbarsten Länder der Erde liegen noch |540| vollständig oder fast vollständig unbenutzt, weil ihre Urbarmachung und Ausbeutung nicht mit einigen tausend Menschen in Angriff genommen werden kann, sondern Massenkolonisationen von vielen Millionen erfordert, um der überüppigen Natur nur einigermaßen Herr werden zu können. Dazu gehören unter anderen Zentral- und Südamerika, ein Terrain von Hunderttausenden von Quadratmeilen. Argentinien hatte zum Beispiel 1892 erst rund 5 Millionen Hektar kultiviert, das Land hat aber 96 Millionen Hektar fruchtbaren Bodens zur Verfügung. Der für Weizenbau geeignete Boden Südamerikas, der noch brachliegt, wird auf mindestens 200 Millionen Hektar geschätzt, die Vereinigten Staaten, Österreich-Ungarn, Großbritannien und Irland, Deutschland und Frankreich zusammengenommen haben aber für Halmfrüchte nur ungefähr 105 Millionen Hektar in Anbau. Carey behauptete vor vier Jahrzehnten, daß allein das 560 Meilen lange Orinokotal Nahrungsmittel in solcher Menge zu liefern vermöge, daß die ganze Menschheit davon erhalten werden könnte. Nehmen wir nur die Hälfte an, so ist das überreichlich. Jedenfalls könnte allein Südamerika das Mehrfache der Menschenzahl, die gegenwärtig auf der Erde wohnt, ernähren. Der Nährwert eines mit Bananenbäumen bepflanzten Terrains und eines gleich großen, auf dem Weizen gebaut wird, stellt sich wie 133 zu 1. Während unser Weizen in günstigem Boden zwölf- bis zwanzigfältige Frucht trägt, gibt der Reis in seiner Heimat das 80 bis 100fache, der Mais das 250 bis 300fache seiner Saat, und von manchen Gegenden, wie zum Beispiel von den Philippinen, wird die Ertragsfähigkeit des Reises auf das 400fache geschätzt. Es handelte sich auch bei all diesen Nahrungsmitteln darum, sie durch die Zubereitung möglichst nahrhaft zu machen. In den Ernährungsfragen hat die Chemie ein unerschöpfliches Feld der Entwicklung vor sich.

Zentral- und Südamerika, insbesondere Brasilien, das allein nahezu so groß wie ganz Europa ist - Brasilien hat 8.524.000 Quadratkilometer mit etwa 22 Millionen Einwohnern gegen Europa mit 9.897.010 Quadratkilometern mit ungefähr 430 Millionen Einwohnern -, strotzen von einer Üppigkeit und Fruchtbarkeit, die das Staunen und die Bewunderung aller Reisenden erregt, auch sind diese Länder an Erzen und Metallen unerschöpflich reich. Aber für die Welt sind sie fast noch unerschlossen, weil ihre Bevölkerung indolent ist und an Zahl zu gering und an Kultur zu niedrig steht, um der gewaltigen Natur Herr |541| zu werden. Wie es in Afrika aussieht, darüber haben uns die Entdeckungen der letzten Jahrzehnte belehrt. Wird auch ein großer Teil Innerafrikas für europäische Bodenkultur nie verwendbar sein, so sind andere Territorien von großem Umfang in sehr hohem Grade ausnutzbar, sobald nur vernünftige Kolonisationsprinzipien zur Anwendung kommen. Andererseits gibt es in Asien noch weite, fruchtbare Länder, die ungezählte Millionen ernähren können. Die Vergangenheit hat uns gezeigt, wie dort in gegenwärtig unfruchtbaren, fast wüsten Gegenden das milde Klima reichste Nahrung dem Boden entlockt, wenn der Mensch es versteht, ihm das segenspendende Wasser zuzuführen. Mit der Vernichtung der großartigen Wasserleitungen und Bewässerungsanlagen in Vorderasien, den Ländern des Tigris und Euphrat usw., in wüsten Eroberungskriegen und durch wahnsinnige Bedrückung der Bevölkerung verwandelten sich Länder von Tausenden von Quadratmeilen in wüsten Sandboden.(6) So wie in Asien auch in Nordafrika, Mexiko, Peru. Schafft zivilisierte Menschen millionenweise herbei und unerschöpfliche Nahrungsquellen werden erschlossen. Die Dattelpalme gedeiht in Asien und Afrika in kaum glaublicher Fülle und braucht dabei so wenig Platz, daß 200 Dattelbäume einen Morgen Landes bedecken. Die Durrha trägt in Ägypten mehr als 3.000fältige Frucht, und doch ist das Land arm. Nicht infolge des Überflusses an Menschen, sondern infolge eines Raubsystems, das es fertigbrachte, daß von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Wüste sich immer weiter ausdehnte. Welche großartigen Resultate mitteleuropäischer Acker- und Gartenbau in allen diesen Ländern erzielte, entzieht sich jeder Berechnung.

Die Vereinigten Staaten Nordamerikas können, nach dem heutigen Stande der Ackerbauproduktion gemessen, bequem das Fünfzehn- bis Zwanzigfache ihrer gegenwärtigen Bevölkerung (85 Millionen), also 1.250 bis 1.700 Millionen, ernähren; Kanada könnte in demselben Verhältnis statt 6 Millionen mehreren hundert Millionen Nahrung geben. Ferner haben wir Australien, die zahlreichen, zum Teil großen und außerordentlich fruchtbaren Inseln des Großen und Indischen |542| Ozeans usw. Die Menschen vermehren, aber nicht zu vermindern, ist der Ruf, der im Namen der Kultur an die Menschheit ergeht.

Überall sind es die sozialen Einrichtungen - die bestehende Erzeugungs- und Verteilungsweise der Produkte -, die Mangel und Elend hervorrufen, und nicht die Überzahl der Menschen. Einige reichliche Ernten hintereinander drücken so die Preise der Nahrungsmittel, daß mancher Bodenbebauer daran zugrunde geht. Statt die Erzeuger in bessere Lage zu setzen, kommen sie in eine schlechtere. Ein großer Teil der Landwirte sieht eine gute Ernte heute als ein Unglück an, weil sie die Preise drückt. Und das sollen vernünftige Zustände sein? Um den Erntereichtum anderer Länder uns fernzuhalten, werden hohe Getreidezölle eingeführt, damit die Einfuhr des ausländischen Getreides erschwert wird und das inländische im Preise steigt. Wir haben nicht Mangel, sondern Überfluß an Nahrungsmitteln, wie wir Überfluß an Industrieprodukten haben. Wie Millionen Menschen Bedürfnisse für Industrieerzeugnisse aller Art besitzen, aber sie unter den bestehenden Eigentums- und Erwerbsverhältnissen nicht befriedigen können, so haben Millionen an den notwendigsten Lebensmitteln Mangel, weil sie dafür die Preise nicht bezahlen können, obgleich die Lebensmittel im Überfluß vorhanden sind. Der Wahnsinn solcher Zustände liegt auf der Hand. Bei einer reichlichen Ernte lassen unsere Kornspekulanten oft absichtlich die Frucht zugrunde gehen, weil sie wissen, daß der Preis sich progressiv steigert, wie die Frucht mangelt, und da sollen wir Übervölkerung furchten. In Rußland, Südeuropa und vielen andern Ländern der Welt verfallen jährlich Hunderttausende Zentner von Getreide der Vernichtung, weil es an passenden Lagerräumen und geeigneten Transportmitteln fehlt. Viele Millionen Zentner von Nahrungsmitteln werden jährlich verschleudert, weil die Erntevorrichtungen unvollkommen sind oder es im entscheidenden Augenblick an Händen für die Ernte fehlt. Gar mancher Kornfeim, manche gefüllte Scheune und ganze Wirtschaften werden niedergebrannt, weil die Versicherungsprämie den Gewinn erhöht; man vernichtet aus demselben Grunde Lebensmittel, aus dem man Schiffe mit Mann und Maus ins Meer versinken läßt.(7) Bei unseren militärischen |543| Übungen werden jährlich bedeutende Ernteerträge ruiniert - die Kosten eines nur wenige Tage dauernden Manövers belaufen sich auf Hunderttausende, und die Abschätzung fällt bekanntlich sehr mäßig aus -, und solche Manöver gibt es jedes Jahr eine größere Anzahl. Für die gleichen Zwecke sind ganze Dörfer rasiert worden und werden große Flächen aller Kultur entzogen.

Man vergesse auch nicht, daß zu all den erwähnten Hilfsquellen das Meer kommt, dessen Wasserfläche sich zur Erdfläche wie 18 zu 7 verhält, also zweiundeinhalbmal so groß ist, und rationeller Ausbeutung seines enormen Nahrungsreichtums noch harrt. Es eröffnet sich uns also für die Zukunft ein Bild, das sehr verschieden ist von dem düsteren Gemälde, das unsere Malthusianer uns malen.

Wer kann überhaupt sagen, wo für unsere chemischen, physikalischen, physiologischen Kenntnisse die Grenze zu ziehen ist? Wer will wagen, vorauszusagen, welche Riesenunternehmungen die Menschheit späterer Jahrhunderte ausführen wird, um wesentliche Veränderungen in den klimatischen Verhältnissen der Länder und ihrer Bodenausnutzung zu erzielen?

Wir sehen bereits heute in der kapitalistischen Form der Gesellschaft Unternehmungen ausführen, die vor einem Jahrhundert als unmöglich und wahnsinnig galten. Breite Landengen werden durchstochen und Meere verbunden. Meilenlange Tunnel, in die Eingeweide der Berge gewühlt, verbinden durch die höchsten Berge getrennte Länder; andere werden unter dem Meeresboden gebrochen, um Entfernungen abzukürzen, Störungen und Gefahren zu vermeiden, welche für die durch das Meer getrennten Länder sich ergeben. Wo gibt es also einen Punkt, bei dem jemand sagen könnte: "Bis hierher und nicht weiter!" Nicht allein ist auf Grund unserer heutigen Erfahrung das "Gesetz des abnehmenden Bodenertrags" zu verneinen, es gibt außerdem kulturfähigen Boden im Überfluß, um von Tausenden Millionen Menschen erst angebaut zu werden.

|544| Sollten alle diese Kulturaufgaben zugleich angegriffen werden, so hätten wir nicht zu viel, sondern zu wenig Menschen. Die Menschheit muß sich noch stark vermehren, um all den Aufgaben, die ihrer harren, gerecht zu werden. Weder ist der bebaute Boden ausgenutzt, wie er ausgenutzt werden könnte, noch sind für fast drei Viertel der Erdoberfläche die Menschen vorhanden, um sie bebauen zu können. Die relative Übervölkerung, die heute fortgesetzt das kapitalistische System zum Schaden des Arbeiters und der Gesellschaft erzeugt, wird sich auf höherer Kulturstufe als eine Wohltat erweisen. Eine möglichst zahlreiche Bevölkerung ist nicht ein Hindernis, sondern ein Mittel des Kulturfortschritts, und zwar genauso, wie die vorhandene Überproduktion an Waren und Lebensmitteln, die Zerstörung der Ehe durch Verwendung der Frauen und Kinder in der modernen Industrie, die Expropriation der Mittelschichten durch das Großkapital die Vorbedingungen für eine höhere Kulturstufe sind.

5. Soziale Verhältnisse und Vermehrungsfähigkeit

Die andere Seite der Frage lautet: Vermehren sich die Menschen in beliebiger Zahl, und haben sie das Bedürfnis dazu?

Um die große Vermehrungsfähigkeit der Menschen zu beweisen, lieben es die Malthusianer, sich auf abnorme Fälle einzelner Familien und Völkerschaften zu stützen. Damit ist aber nichts bewiesen. Diesen Fällen gegenüber gibt es andere, in denen trotz günstiger Lebensbedingungen sich nach kurzer Zeit vollkommene Sterilität oder nur sehr geringe Vermehrungsfähigkeit herausstellte. Es ist überraschend, wie schnell oft gutsituierte Familien aussterben. Obgleich die Vereinigten Staaten wie kein anderes Land günstige Bedingungen für die Bevölkerungsvermehrung enthalten und alljährlich Hunderttausende im kräftigsten Lebensalter einwandern, verdoppelt sich ihre Bevölkerung erst in dreißig Jahren. Von der behaupteten zwölf- oder zwanzigjährigen Verdoppelungsperiode sind nirgends Beweise in größerem Maßstab vorhanden.

Wie schon durch die Zitate von Virchow und Marx angedeutet wurde, vermehrt sich die Bevölkerung dort am raschesten, wo sie am ärmsten ist, weil, wie Virchow mit Recht ausführt, neben dem Trunke der Geschlechtsgenuß ihr einziges Vergnügen ist. Als Gregor VII. der |545| Geistlichkeit das Zölibat aufzwang, klagten, wie wir anführten, die niederen Geistlichen der Diözese Mainz, sie hätten nicht, wie die Prälaten, alle möglichen Genüsse, ihre einzige Freude sei das Weib. Mangel an vielseitigerer Beschäftigung ist vielleicht auch die Ursache, daß durchschnittlich die Ehen der Landgeistlichen mit Kindern so gesegnete sind. Unbestreitbar ist ferner, daß unsere ärmsten Distrikte in Deutschland, das schlesische Eulengebirge, die Lausitz, das Erz- und Fichtelgebirge, der Thüringer Wald, der Harz usw., die Sitze der dichtesten Bevölkerung sind, deren Hauptnahrung die Kartoffel bildet. Weiter steht fest, daß bei Schwindsüchtigen der Geschlechtstrieb besonders stark entwickelt ist und diese oft noch in einem Stadium der Kräfteabnahme Kinder zeugen, in welchem man es nicht mehr für möglich halten sollte.

Es ist ein Gesetz der Natur, das auch in den von Herbert Spencer und Laing zizierten Aussprüchen sich ausgedrückt findet, an Quantität zu ersetzen, was an Qualität verlorengeht. Die höchststehenden und stärksten Tiere: Löwe, Elefant, Kamel usw., unsere Haustiere, wie Pferd, Esel, Kuh, bringen sehr wenig Junge zur Welt, wohingegen die niedriger organisierten Tiere im umgekehrten Verhältnis sich vermehren, zum Beispiel alle Insektenarten, die meisten Fische usw., die kleineren Säugetiere, wie Hasen, Ratten, Mäuse usw. Andererseits stellte Darwin fest, daß gewisse Tiere, sobald sie aus der Wildnis unter die Zucht des Menschen kommen und gezähmt werden, ihre Fruchtbarkeit einbüßen, zum Beispiel der Elefant. Damit ist erwiesen, daß veränderte Lebensbedingungen und daraus folgende veränderte Lebensweise das Entscheidende für die mehr oder weniger große Vermehrungsfähigkeit ist.

Nun sind es aber gerade die Darwinianer, welche die Übervölkerungsfurcht teilen, auf die sich unsere modernen Malthusianer als Autoritäten stützen. Unsere Darwinianer haben überall eine unglückliche Hand, sobald sie ihre Theorien auf den Menschen anwenden, weil sie hierbei roh empirisch verfahren und nicht berücksichtigen, daß zwar der Mensch das höchst organisierte Tier ist, aber im Gegensatz zu den Tieren die Naturgesetze erkennt und sie zweckbewußt zu lenken und zu benützen vermag. Die Theorie vom Kampfe ums Dasein, die Lehre, daß die Keime für neue Existenzen in weit höherem Grade vorhanden sind, als auf Grund der vorhandenen Existenzmittel lebensfähig erhalten werden können, |546| wäre auch für die Menschen zutreffend, wenn diese, statt ihr Gehirn anzustrengen und die Technik zu Hilfe zu nehmen, um Luft, Grund und Boden und Wasser zweckbewußt auzunützen, wie Viehherden grasten oder wie Affen ungezügelt der Befriedigung ihres Geschlechtstriebs oblägen, also selbst zu Affen würden. Beiläufig bemerkt, liegt in der Tatsache, daß außer bei den Menschen nur noch bei den Affen der Geschlechtstrieb nicht an gewisse Zeiten gebunden ist, ein schlagender Beweis für die Verwandtschaft der beiden. Aber wenn sie nahe verwandt sind, so sind sie nicht gleich; man kann sie nicht auf eine Stufe stellen und mit gleichem Maße messen.

Daß unter den bisherigen Eigentums- und Produktionsverhältnissen der Kampf ums Dasein auch für den einzelnen Menschen bestand und besteht und viele die notwendigen Lebensbedingungen nicht finden, ist richtig. Aber nicht weil sie mangelten, fanden sie die Existenzmittel nicht, sondern weil sie durch die sozialen Verhältnisse, mitten im größten Überfluß, ihnen vorenthalten wurden. Und falsch ist ferner, daraus abzuleiten, daß, weil dies bisher so war, dieses unabänderlich sei und ewig so bleiben müsse. Hier ist der Punkt, wo die Darwinianer auf die schiefe Ebene geraten, sie studieren wohl Naturgeschichte und Anthropologie, aber keine Soziologie, sondern leisten gedankenlos unseren bürgerlichen Ideologen Heeresfolge. So kommen sie zu ihren Trugschlüssen.

Der Geschlechtstrieb ist bei dem Menschen perennierend, er ist sein stärkster Trieb, der Befriedigung verlangt, soll seine Gesundheit nicht leiden. Auch ist dieser Trieb in der Regel um so stärker, je gesünder und normaler entwickelt der Mensch ist, gleichwie ein guter Appetit und eine gute Verdauung einen gesunden Magen anzeigen und die Grundbedingungen für einen gesunden Körper sind. Aber Befriedigung des Geschlechtstriebs und Empfängnis sind nicht dasselbe. Über die Fruchtbarkeit des Menschengeschlechts sind die verschiedensten Theorien aufgestellt worden. Im ganzen tappen wir in diesen hochwichtigen Fragen noch im dunkeln, und zwar hauptsächlich, weil viele Jahrhunderte lang die unsinnigste Scheu bestand, sich mit den Gesetzen der Entstehung und Entwicklung des Menschen zu beschäftigen, die Gesetze der Zeugung und Entwicklung gründlich zu studieren. Das wird erst allmählich anders und muß noch viel anders werden.

Von der einen Seite wird die Theorie auf gestellt, daß höhere geistige Entwicklung und starke geistige Beschäftigung, überhaupt höhere |547| Nerventätigkeit, auf den Geschlechtstrieb reprimierend einwirke und die Zeugungsfähigkeit abschwäche. Von der anderen wird das bestritten. Man weist auf die Tatsache hin, daß die besser situierten Klassen durchschnittlich weniger Kinder besäßen und dies nicht bloß Präventivmaßregeln zuzuschreiben sei. Sicher wirkt stark anstrengende geistige Beschäftigung auf den Geschlechtstrieb reprimierend, aber daß diese Beschäftigung von der Mehrheit unserer besitzenden Klasse geübt wird, darf man bestreiten. Andererseits wirkt ein Übermaß physischer Anstrengung ebenfalls reprimierend. Aber jedes Übermaß von Anstrengung ist schädlich und aus diesem Grunde zu verwerfen.

Andere behaupten, die Lebensweise, insbesondere die Nahrung, bestimme, neben gewissen physischen Zuständen auf seiten der Frau, die Zeugungsfähigkeit und Empfänglichkeit. Entsprechende Nahrung beeinflusse, wie auch bei Tieren sich zeige, mehr als alles andere die Wirkung des Zeugungsaktes. Hier dürfte in der Tat die Entscheidung liegen. Welchen Einfluß die Art der Ernährung auf den Organismus gewisser Tiere ausübt, ist in überraschender Weise bei den Bienen konstatiert worden, die durch Darreichung einer besonderen Nahrung sich beliebig eine Königin züchten. Die Bienen sind also in der Kenntnis ihrer Geschlechtsentwicklung weiter als die Menschen. Vermutlich hat man ihnen nicht ein paar tausend Jahre lang gepredigt, daß es "unanständig" und "unsittlich" sei, sich um geschlechtliche Dinge zu bekümmern.

Bekannt ist ferner, daß Pflanzen, in gutem Boden und fett gedüngt, wohl üppig gedeihen, aber keinen Samen ergeben. Daß auch beim Menschen die Art der Nahrung auf die Zusammensetzung des männlichen Samens wie auf die Befruchtungsfähigkeit des weiblichen Eies einwirkt, kann kaum einem Zweifel unterliegen, und so dürfte wohl in hohem Grade von der Art der Ernährung die Vermehrungsfähigkeit der Bevölkerung abhängen. Andere Faktoren, die in ihrer Natur noch wenig bekannt sind, spielen ebenfalls eine Rolle. In der Bevölkerungsfrage ist in Zukunft eins von ausschlaggebender Bedeutung. Das ist die höhere, freiere Stellung, die alsdann unsere Frauen ohne Ausnahme einnehmen. Intelligente und energische Frauen haben - von Ausnahmen abgesehen - in der Regel keine Neigung, einer größeren Anzahl Kinder, als einer "Schickung Gottes", das Leben zu geben und die besten Lebensjahre im Schwangerschaftszustande oder mit dem Kinde an der Brust zu verbringen. Diese Ab- |548| neigung gegen zahlreiche Kinder, welche sogar schon gegenwärtig die meisten Frauen hegen, dürfte sich ungeachtet aller Vorsorge, die eine sozialistische Gesellschaft den Schwangeren und Müttern widmet, eher verstärken als vermindern und liegt hierin unseres Erachtens die große Wahrscheinlichkeit, daß in der sozialistischen Gesellschaft die Bevölkerungsvermehrung langsamer als in der bürgerlichen vor sich gehen wird.

Unsere Malthusianer haben wahrlich keinen Grund, sich wegen der Vermehrung der Menschheit in Zukunft die Köpfe zu zerbrechen. Bis jetzt sind Völker wohl durch Rückgang ihrer Kopfzahl zugrunde gegangen, aber niemals durch ihre Überzahl. Schließlich vollzieht sich die Regulierung der Volkszahl in einer naturgemäß lebenden Gesellschaft ohne schädliche Enthaltsamkeit und ohne widernatürlichen Präventivverkehr. Karl Marx wird auch hier für die Zukunft recht behalten; seine Auffassung, jede ökonomische Entwicklungsperiode habe ihr besonderes Bevölkerungsgesetz, wird sich auch unter der Herrschaft des Sozialismus bewahrheiten.

In einer Schrift: "Die künstliche Beschränkung der Kinderzahl" vertritt H. Ferdy die Auffassung: Die Sozialdemokratie bezwecke durch ihre Opposition gegen den Malthusianismus ein Schelmenstück. Die rasche Volksvermehrung begünstige die Massenproletarisierung, und diese fördere die Unzufriedenheit. Gelänge es, der Übervölkerung Herr zu werden, dann sei es mit der Ausbreitung der Sozialdemokratie zu Ende und ihr sozialdemokratischer Staat sei mit all seiner Herrlichkeit für immer begraben. Hier haben wir zu den vielen anderen ein neues Mittel, mit dem man die Sozialdemokratie tötet, den Malthusianismus.(8)

|449| Unter denjenigen, die an der Furcht vor Übervölkerung leiden, und deshalb Einschränkung der Eheschließungs- und der Niederlassungsfreiheit namentlich für die Arbeiter fordern, befindet sich auch Professor Dr. Adolf Wagner. Er klagt, die Arbeiter heirateten im Vergleich zur Mittelklasse zu früh. Er wie andere mit den gleichen Ansichten übersehen nur, daß die männlichen Angehörigen der Mittelklasse erst im höheren Alter zu einer Lebensstellung gelangen, die ihnen eine standesgemäße Ehe zu schließen ermöglicht. Für diese Entsagung halten sie sich aber bei der Prostitution schadlos. Erschwert man auch den Arbeitern die Ehe, so verweist man sie auf denselben Weg. Man klage dann aber auch nicht über die Konsequenzen und schreie nicht über "den Verfall von Sitte und Moral". Auch empöre man sich nicht, wenn Männer und Frauen, da letztere die gleichen Triebe haben wie die Männer, in illegitimen Verbindungen leben, um ihren Naturtrieb zu befriedigen und Scharen unehelicher Kinder "als Gesäte" Stadt und Land bevölkern. Die Ansichten der Wagner und Genossen widersprechen aber auch den Interessen der Bourgeoisie und unserer wirtschaftlichen Entwicklung, die möglichst zahlreiche Hände nötig hat, um Arbeitskräfte zu besitzen, die sie auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig machen. Mit kleinlichen, der kurzsichtigsten Philisterei und Rückwärtserei entsprungenen Vorschlägen heilt man nicht die Übel der Zeit. Keine Klasse, keine Staatsgewalt ist am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts mehr stark genug, die natürliche Entwicklung der Gesellschaft zurückhalten oder eindämmen zu können. Jeder Versuch endet mit einem Mißerfolg. Der Strom der Entwicklung ist so stark, daß er jedes Hindernis überrennt. Nicht rückwärts, sondern vorwärts heißt die Losung, und ein Geprellter ist, wer noch an Hemmungen glaubt. Die Menschheit wird in der sozialistischen Gesellschaft, in der sie erst wirklich frei und auf ihre natürliche Basis gestellt ist, ihre Entwicklung mit Bewußtsein lenken. In allen bisherigen Epochen handelte sie in bezug auf Produktion und Verteilung wie auf Bevölkerungsvermehrung ohne Kenntnis ihrer Gesetze, also unbewußt; in der neuen Gesellschaft wird sie mit Kenntnis der Gesetze ihrer eigenen Entwicklung bewußt und planmäßig handeln. Der Sozialismus ist die auf allen Gebieten menschlicher Tätigkeit angewandte Wissenschaft.


Fußnoten von August Bebel

(1) Daß Darwin und andere ebenfalls zu Nachbetern Malthus' wurden, zeigt nur, wie der Mangel ökonomischer Studien zu den einseitigsten Anschauungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet führt. <=

(2) Ferdinand Freiligrath singt in dem erschütternden Gedicht "Irland":

So sorgt der Herr, daß Hirsch und Ochs,
Das heißt: daß ihn sein Bauer mäste,
Statt auszutrocknen seine Bogs -
Ihr kennt sie ja: Irlands Moräste!
Er läßt den Boden nutzlos ruhn,
Drauf Halm an Halm sich wiegen könnte;
Er läßt ihn schnöd dem Wasserhuhn,
Dem Kibitz und der wilden Ente.
Ja doch, bei Gottes Fluche: - Sumpf
Und Wildnis vier Millionen Acker!<=

(3) "Zwei Millionen Acres, welche einige der fruchtbarsten Ländereien Schottlands einbegreifen, sind ganz und gar wüst gelegt. Das natürliche Gras von Glen Tilt zählte zu den nahrhaftesten der Grafschaft Perth; der deer forest (Wildpark) von Ben Aulder war der beste Grasgrund im weiten Distrikt von Badenoch; ein Teil des Black Mount forest war das vorzüglichste schottische Weideland für schwarzgesichtige Schafe. Von der Ausdehnung des für Jagdliebhaberei wüstgelegten Grund und Bodens mag man sich eine Vorstellung bilden aus der Tatsache, daß er einen viel größeren Flächenraum umfaßt als die ganze Grafschaft Perth. Den Verlust des Landes an Produktionsquellen infolge dieser gewaltsamen Verödung mag man daraus schätzen, daß der Boden des forest von Ben Aulder 15.000 Schafe nähren könnte und daß er nur 1/30 des gesamten Jagdreviers von Schottland beträgt ... All dies Jagdland ist durchaus unproduktiv ... es hätte ebensowohl in den Fluten der Nordsee versenkt werden können." Der Londoner "Economist", 2. Juni 1866, zitiert bei Karl Marx, Das Kapital, 1. Baud, 2. Auflage. (Hervorhebungen von August Bebel.) <=

(4) Rodbertus, Zur Beleuchtung der sozialen Frage. 1850. <=

(5) Das gilt insbesondere auch von Deutschland. Trotz der ständigen Steigerung der Bevölkerung ist die Auswanderung ebenso ständig gesunken - sie betrug zum Beispiel 1891 120.089 Köpfe, 1907 nur noch 31.696 Köpfe. Umgekehrt ist die Einwanderung gestiegen, weil es in verschiedenen Industriezweigen an einheimischen Arbeitern fehlt. Deren Kopfzahl betrug zum Beispiel 1900 757.151, im Jahre 1905 1.007.149. <=

(6) Kärger schätzt den Ertrag in Anatolien selbst bei Mißernte auf 9 bis 13 Doppelzentner, im Durchschnitt auf 26,40 bis 39 Doppelzentner, auf gut gedüngtem und bewässertem Boden auf 66 Doppelzentner. Die internationale landwirtschaftliche Konkurrenz, ein kapitalistisches Problem von Professor Dr. Gustav Ruhland. Berlin 1901. <=

(7) Schon zur Zeit des heiligen Basilius (gestorben 579) müssen ähnliche Zustände bestanden haben, denn er ruft den Reichen zu: "Elende, die ihr seid, was werdet ihr dem göttlichen Richter antworten? Ihr bedeckt mit Tapeten die Nacktheit eurer Mauern, aber bedeckt nicht mit Kleidern die Nacktheit des Menschen! Ihr schmückt die Pferde mit kostbaren weichen Decken und verachtet euren mit Lumpen bedeckten Bruder. Ihr laßt zugrunde gehen und auffressen euer Getreide in den Scheunen und auf den Kornböden und erhebt euch nicht einmal einen Blick auf diejenigen zu werfen, die kein Brot haben." Das Moralpredigen hat von jeher bei den Herrschenden herzlich wenig geholfen und wird in alle Zukunft nichts helfen. Man ändere die sozialen Einrichtungen, damit niemand ungerecht gegen seinen Nebenmenschen handeln kann, und die Welt wird sich wohl befinden. <=

(8) Die großartige Unwissenheit des Sozialistentöters Ferdy in bezug auf die Sozialdemokratie geht am besten aus folgenden Sätzen hervor, die er sich Seite 40 seiner Schrift leistet: "Die Sozialdemokratie wird in ihren Forderungen weitergehen als die Neo-Malthusianer. Sie wird verlangen, daß der Minimallohn so bemessen werde, daß jeder Arbeiter die nach dem gesellschaftlichen Nahrungsstand mögliche Kinderzahl erzeugen kann ... Sobald einmal die letzten Konsequenzen der Sozialdemokratie gezogen und das Privateigentum aufgehoben wäre, da würde alsbald auch der Einfältigste sich sagen: Warum sollte ich wohl länger und härter arbeiten müssen, nur weil es meinem Nachbarn beliebt ein Dutzend neuer Mitglieder in die Gesellschaft hineinzustoßen?" Man sollte doch erst das Abc des Sozialismus kennen, ehe man sich anmaßt, über ihn zu schreiben, und noch dazu ungereimtes Zeug. <=