MLWerke | . Kapitel | Inhalt | 3. Kapitel | Franz Mehring

Seitenzahlen nach: Franz Mehring - Gesammelte Schriften, Band 3. Berlin/DDR, 1960, S. 15-63.
1. Korrektur
Erstellt am 30.10.1999

Franz Mehring: Karl Marx - Geschichte seines Lebens

Zweites Kapitel: Der Schüler Hegels


1. Das erste Jahr in Berlin

|15| Schon ehe Karl Marx sich verlobte, hatte sein Vater bestimmt, daß er seine Studien in Berlin fortsetzen solle; vom 1. Juli 1836 ist der noch erhaltene Schein datiert, worin Heinrich Marx nicht nur die Erlaubnis erteilt, sondern es auch für seinen Willen erklärt, daß sein Sohn Karl im nächsten Semester die Universität Berlin beziehe, um die in Bonn angefangenen Studien der Rechts- und Kameralwissenschaft fortzusetzen.

Die Verlobung selbst wird diesen Entschluß des Vaters eher bestärkt als geschwächt haben; bei ihren langen Aussichten hat sein bedächtiges Wesen vorläufig wohl eine weite Trennung der Liebenden als ratsam erwogen. Sonst mag er bei der Wahl Berlins durch seinen preußischen Patriotismus bestimmt worden sein und auch dadurch, daß die Berliner Universität die alte Burschenherrlichkeit nicht kannte, die Karl Marx nach der vorsorglichen Meinung des Alten genügend in Bonn ausgekostet hatte; »wahre Kneipen sind andere Universitäten gegen das hiesige Arbeitshaus«, meinte Ludwig Feuerbach.

Keinesfalls hat der junge Student selbst sich für Berlin entschieden. Karl Marx liebte seine sonnige Heimat, und die preußische Hauptstadt ist ihm all sein Lebtag widrig gewesen. Am wenigsten konnte ihn die Philosophie Hegels anziehen, die nach dem Tode ihres Stifters die Berliner Universität noch unumschränkter beherrschte als schon bei dessen Lebzeiten, denn sie war ihm vollkommen fremd. Dazu kam die weite Entfernung von der Geliebten. Er hatte zwar versprochen, sich mit ihrem Jawort für die Zukunft zu begnügen und allen äußeren Liebeszeichen für die Gegenwart zu entsagen. Aber selbst unter ihresgleichen genießen solche Schwüre der Liebenden den besonderen Vorzug, ins Wasser geschrieben zu sein; seinen Kindern hat Karl Marx später erzählt, er sei damals in der Liebe zu ihrer Mutter ein wahrer rasender Roland gewesen, und so ruhte das junge glühende Herz nicht eher, bis ihm gestattet wurde, Briefe mit seiner Braut zu wechseln.

Allein den ersten Brief von ihr erhielt er doch erst, als er bereits ein Jahr in Berlin geweilt hatte, und über dies Jahr sind wir in gewisser |16| Beziehung genauer unterrichtet, als über irgendeines seiner früheren oder späteren Lebensjahre: durch einen umfangreichen Brief, den er am 10. November 1837 an seine Eltern richtete, um ihnen »am Schlusse eines hier verlebten Jahres einen Blick auf die Zustände desselben« zu gewähren. Die merkwürdige Urkunde zeigt uns im Jüngling schon den ganzen Mann, der bis zur völligen Erschöpfung seiner geistigen und körperlichen Kräfte um die Wahrheit ringt: seinen unersättlichen Wissensdurst, seine unerschöpfliche Arbeitskraft, seine unerbittliche Selbstkritik und jenen kämpfenden Geist, der das Herz, wo es geirrt zu haben schien, doch nur übertäubte.

Am 22. Oktober 1836 war Karl Marx immatrikuliert worden. Um die akademischen Vorlesungen hat er sich nicht viel gekümmert; in neun Semestern hat er ihrer nicht mehr als zwölf belegt, hauptsächlich juristische Pflichtkollegien, und selbst von ihnen vermutlich wenige gehört. Von den offiziellen Universitätslehrern hat wohl nur Eduard Gans einigen Einfluß auf seine geistige Entwicklung gehabt. Er hörte bei Gans Kriminalrecht und Preußisches Landrecht, und Gans selbst hat den »ausgezeichneten Fleiß« bezeugt, womit Karl Marx die beiden Vorlesungen besucht habe. Beweiskräftiger als solche Zeugnisse, bei denen es sehr menschlich herzugehen pflegt, ist die schonungslose Polemik, die Marx in seinen ersten Schriften gegen die Historische Rechtsschule führte, gegen deren Enge und Dumpfheit, gegen deren schädlichen Einfluß auf Gesetzgebung und Rechtsentwicklung der philosophisch gebildete Jurist Gans seine beredte Stimme erhoben hatte.

Jedoch betrieb Marx nach seiner eigenen Angabe das Fachstudium der Jurisprudenz nur als untergeordnete Disziplin neben Geschichte und Philosophie, und in diesen beiden Fächern hat sich Marx überhaupt um keine Vorlesungen gekümmert, sondern nur das übliche Pflichtkolleg über Logik wenigstens belegt, bei Gabler, dem offiziellen Nachfolger Hegels, aber dem mittelmäßigsten unter dessen mittelmäßigen Nachbetern. Als denkender Kopf hat Marx schon auf der Universität selbständig gearbeitet, und in zwei Semestern einen Wissensstoff bewältigt, den in der langsamen Stallfütterung der akademischen Vorlesungen zu verarbeiten nicht zwanzig Semester genügt haben würden.

Nach seiner Ankunft in Berlin verlangte zunächst die »neue Welt der Liebe« ihr Recht. »Sehnsuchtstrunken und hoffnungsleer« entlud sie sich in drei Heften Gedichte, die alle »meiner teuren, ewig geliebten Jenny von Westphalen« gewidmet wurden. In deren Händen waren sie schon im Dezember 1836, mit »Tränen der Wonne und des Schmerzes begrüßt«, wie Schwester Sophie nach Berlin meldete. Der Dichter selbst |17| urteilte ein Jahr später, in dem großen Briefe an die Eltern, sehr respektlos über diese Kinder seiner Muse. »Breit und formlos geschlagenes Gefühl, nichts Naturhaftes, alles aus dem Mond konstruiert, der völlige Gegensatz von dem, was da ist und dem, was sein soll, rhetorische Reflektionen statt poetischer Gedanken«: dies ganze Sündenregister entrollte der junge Dichter selbst, und wenn er »vielleicht auch eine gewisse Wärme der Empfindung und Ringen nach Schwung« als mildernden Umstand geltend machen möchte, so trafen diese löblicheren Eigenschaften doch nur etwa in dem Sinn und Umfange zu wie bei den Lauraliedern Schillers.

Im allgemeinen atmen seine jugendlichen Gedichte eine triviale Romantik, durch die selten ein echter Ton klingt. Dabei ist die Technik des Verses so unbeholfen und ungelenk, wie sie eigentlich nicht mehr sein durfte, nachdem Heine und Platen gesungen hatten. Auf so seltsamen Irrwegen begann sich das künstlerische Vermögen zu entwickeln, das Marx in reichem Maße besaß und gerade auch in seinen wissenschaftlichen Werken bekundete. Wie er in der Bildkraft seiner Sprache an die ersten Meister der deutschen Literatur heranreichte, so legte er hohen Wert auf das ästhetische Gleichmaß seiner Schriften, ungleich den dürftigen Geistern, denen lederne Langeweile die erste Bürgschaft gelehrten Schaffens ist. Aber unter den mannigfachen Spenden, die ihm die Musen in seine Wiege gelegt hatten, befand sich doch nicht die Gabe der gebundenen Rede.

Allein, wie er seinen Eltern in dem großen Briefe vom 10. November 1837 schrieb: die Poesie durfte nur Begleitung sein; er mußte Jurisprudenz studieren und fühlte vor allem Drang, mit der Philosophie zu ringen. Er nahm Heineccius, Thibaut und die Quellen durch, übersetzte die beiden ersten Pandektenbücher ins Deutsche und suchte eine Rechtsphilosophie auf dem Gebiete des Rechts zu begründen. Dies »unglückliche Opus« wollte er bis auf beinahe dreihundert Bogen geführt haben, was vielleicht doch nur auf einem Schreibfehler beruht. Am Schlusse sah er die »Falschheit des Ganzen« ein und warf sich der Philosophie in die Arme, um ein neues metaphysisches System zu entwerfen, an dessen Schlusse er abermals seiner bisherigen Bestrebungen Verkehrtheit einzusehen gezwungen war. Daneben hatte er die Gewohnheit, sich Auszüge aus allen Büchern zu machen, die er las, so aus Lessings »Laokoon«, Solgers »Erwin«, Winckelmanns »Kunstgeschichte«, Ludens »Deutscher Geschichte«, und so nebenbei Reflektionen niederzukritzeln. Zugleich übersetzte er die »Germania« des Tacitus, die »Trauergesänge« des Ovid und fing privatim, das heißt aus Grammatiken, Englisch und Italienisch zu |18| lernen an, worin er noch nichts erreichte, las Kleins »Kriminalrecht« und seine Annalen und alles Neueste der Literatur, doch dies nur nebenhin. Den Schluß des Semesters bildeten dann wieder »Musentänze und Satyrmusik«, wobei ihm plötzlich das Reich der wahren Poesie wie ein ferner Feenpalast entgegenblitzte und alle seine Schöpfungen in nichts zerfielen.

Danach war das Ergebnis dieses ersten Semesters, daß »viele Nächte durchwacht, viele Kämpfe durchstritten, viele innere und äußere Anregung erduldet«, aber doch nicht viel gewonnen, Natur, Kunst, Welt vernachlässigt und Freunde abgestoßen worden waren. Auch litt der jugendliche Körper unter der Überanstrengung, und auf ärztlichen Rat siedelte Marx nach Stralau über, das damals noch ein ruhiges Fischerdorf war. Hier erholte er sich schnell, und nun begann das geistige Ringen von neuem. Auch im zweiten Semester wurden Massen des verschiedenartigsten Wissensstoffes durchgenommen, jedoch immer deutlicher zeichnete sich Hegels Philosophie als der ruhende Pol in der Flucht der Erscheinungen ab. Als Marx sie zuerst in Fragmenten kennenlernte, wollte ihm ihre »groteske Felsenmelodie« nicht behagen, aber während einer neuen Erkrankung studierte er sie von Anfang bis zu Ende und geriet zudem in einen »Doktorklub« von jungen Hegelianern, wo er sich im Streite der Meinungen immer fester »an die jetzige Weltphilosophie» kettete, freilich nicht ohne daß alles Klangreiche in ihm verstummte und ihn »eine wahre Ironiewut nach so viel Negiertem« befiel.

Alles das offenbarte Karl Marx seinen Eltern und schloß mit der Bitte, sofort - und nicht erst zu Ostern des nächsten Jahres, wie ihm der Vater schon erlaubt hatte - nach Hause kommen zu dürfen. Er wollte sich mit dem Vater aussprechen über die »vielfach hin- und hergeworfene Gestaltung« seines Gemüts; nur in der »lieben Nähe« der Eltern würde er die »aufgeregten Gespenster« besänftigen können.

So wertvoll uns heute dieser Brief ist als ein Spiegel, worin wir den jungen Marx leibhaftig erblicken, so schlecht wurde er in dem elterlichen Hause empfangen. Der schon kränkelnde Vater sah den »Dämon« vor sich, den er immer in dem Sohne gefürchtet hatte, den er doppelt fürchtete, seitdem er eine »gewisse Person« wie sein eigenes Kind liebte, seitdem eine sehr ehrwürdige Familie veranlaßt war, ein Verhältnis gutzuheißen, das anscheinend und nach dem gewöhnlichen Weltenlauf für dieses geliebte Kind voller Gefahren und trüber Aussichten war. Er war nie so eigensinnig gewesen, dem Sohne den Lebensweg vorzuschreiben, wenn es anders nur ein Weg war, der dazu führen konnte, »heilige Verpflichtungen« zu erfüllen; aber was er nun vor sich sah, war eine stürmisch bewegte See ohne jeden sicheren Ankergrund.

|19| So entschloß er sich, trotz seiner »Schwäche«, die er selbst am besten kannte, »einmal hart« zu sein, und wurde in seiner Antwort vom 1. [bei Mehring: 9.] Dezember »hart« nach seiner Weise, maßlos übertreibend und dazwischen wehmütig seufzend. Er fragte, wie der Sohn seine Aufgabe gelöst habe, und antwortete selbst: »Das sei Gott geklagt!!! Ordnungslosigkeit, dumpfes Herumschweben in allen Teilen des Wissens, dumpfes Brüten bei der düsteren Öllampe; Verwilderung im gelehrten Schlafrock und ungekämmten Haaren statt der Verwilderung bei dem Bierglase; zurückscheuchende Ungeselligkeit mit Hintansetzung alles Anstandes und selbst aller Rücksicht gegen den Vater - die Kunst, mit der Welt zu verkehren, auf die schmutzige Stube beschränkt, wo vielleicht in der klassischen Unordnung die Liebesbriefe einer Jenny und die wohlgemeinten, und vielleicht mit Tränen geschriebenen Ermahnungen des Vaters zum Fidibus verwandt werden, was übrigens besser wäre, als wenn sie durch noch unverantwortlichere Unordnung in die Hände Dritter kämen.« Dann übermannt ihn die Wehmut, und er stärkt sich durch die Pillen, die ihm der Arzt verschrieben hat, um unbarmherzig zu bleiben. Die schlechte Wirtschaft Karls wird schwer getadelt. »Als wären wir Goldmännchen, verfügt der Herr Sohn in einem Jahre für beinahe 700 Taler, gegen alle Abrede, gegen alle Gebräuche, während die Reichsten keine 500 ausgeben.« Gewiß sei Karl kein Prasser und kein Verschwender, aber wie könne ein Mann, der alle acht oder vierzehn Tage neue Systeme erfinden und die alten zerreißen müsse, sich mit solchen Kleinigkeiten abgeben? Jeder habe die Hand in seiner Tasche und jeder hintergehe ihn.

In dieser Art ging es noch eine gute Strecke weiter, und zuletzt lehnte der Vater unerbittlich den Besuch Karls ab. »In diesem Augenblick hierher zu kommen, wäre Unsinn. Ich weiß zwar, daß Du Dir wenig aus Vorlesungen machst - wahrscheinlich doch bezahlst -, aber ich will wenigstens das Dekorum beobachten. Ich bin gewiß kein Sklave der Meinung, aber ich liebe auch nicht, daß auf meine Kosten geklatscht werde.« Zu den Osterferien dürfe Karl kommen, oder auch zehn Tage früher, denn so pedantisch wolle der Vater nicht sein.

Durch alle seine Klagen klang der Vorwurf, daß es dem Sohne an Herz fehle, und wie dieser Vorwurf wieder und wieder gegen Karl Marx erhoben worden ist, so mag hier, wo er zum erstenmal ertönt und noch am ehesten ertönen durfte, gleich das Wenige gesagt werden, was darüber gesagt werden kann. Mit dem modischen Schlagwort vom »Rechte des Auslebens«, das eine verzärtelte Kultur erfunden hat, um eine feige Eigenliebe zu beschönigen, ist natürlich nichts gesagt; und |20| nicht viel mehr auch mit dem älteren Worte von dem »Rechte des Genius«, der sich mehr erlauben dürfe als gewöhnliche Menschenkinder. Bei Karl Marx entsprang das unablässige Ringen um die höchste Erkenntnis vielmehr der tiefsten Empfindung des Herzens; er war nicht, wie er sich einmal derb ausgedrückt hat, Ochse genug, um den »Menschheitsqualen« den Rücken zu kehren, oder wie schon Hutten den gleichen Gedanken ausgedrückt hat: Gott hatte ihn mit dem Gemüt beschwert, daß ihm gemeiner Schmerz weher tue und tiefer zu Herzen gehe als anderen. Kein einzelner hat je soviel geleistet, die Wurzeln der »Menschheitsqualen« zu zerstören als Karl Marx. Wie sein Lebensschiff auf hoher See kreuzte, im Sturm und Wetter und im ewigen Kugelregen der Feinde, so hat seine Fahne immer hoch am Maste geflattert, aber ein behagliches Leben an Bord ist es nicht gewesen, weder für den Kapitän, noch für die Mannschaft.

Deshalb war Marx nicht gefühllos gegen die Seinen. Der kämpfende Geist konnte die Empfindungen des Herzens wohl übertäuben, aber niemals ersticken, und oft hat noch der reife Mann schmerzlich beklagt, daß die ihm am nächsten standen, unter den ehernen Losen seines Lebens schwerer zu leiden hätten als er selbst. Auch der junge Student war nicht taub gegen die Notschreie seines Vaters; er verzichtete nicht nur auf den sofortigen Besuch in Trier, sondern auch auf die Osterreise, zum Kummer der Mutter, aber zur großen Genugtuung des Vaters, dessen Groll sich nun schnell zu besänftigen begann. Er hielt zwar an seinen Klagen fest, aber ihre Übertreibungen gab er preis; in der Kunst, abstrakt zu räsonieren, könne er es mit Karl doch nicht aufnehmen, und um die Terminologie zu studieren, bevor er nun gar ins Heiligtum eindringen könne, dazu sei er zu alt. Nur in einem Punkte wolle alles Transzendente nicht helfen, und da beobachte der Sohn klugerweise ein vornehmes Schweigen, nämlich über das lumpige Geld, dessen Wert für einen Familienvater er immer noch nicht zu kennen scheine. Aber aus Müdigkeit wollte der Vater die Waffen niederlegen, und das Wort hatte einen ernsteren Sinn, als es nach dem leisen Humor zu haben schien, der schon wieder durch die Zeilen dieses Briefes spielte.

Er ist vom 10. Februar 1838 datiert, als Heinrich Marx sich eben von einem fünfwöchigen Krankenlager erhoben hatte. Es war keine dauernde Besserung; die Krankheit, anscheinend ein Leberleiden, kehrte wieder und nahm zu, bis gerade ein Vierteljahr später, am 10. Mai 1838, der Tod eintrat. Er kam zur rechten Zeit, um diesem Vaterherzen die Enttäuschungen zu ersparen, an denen es Stück für Stück zerbrochen wäre.

|21| Karl Marx aber hat immer dankbar empfunden, was ihm sein Vater gewesen war. Wie dieser ihn im Innersten des Herzens getragen hatte, so trug er ein Bild des Vaters auf seinem Herzen, bis er es mit ins eigene Grab nahm.

2. Die Junghegelianer

Vom Frühjahr 1838, wo er den Vater verlor, hat Karl Marx noch drei Jahre in Berlin verlebt, in dem Kreise des Doktorklubs, dessen geistiges Leben ihm die Geheimnisse der Hegelschen Philosophie erschlossen hatte.

Diese Philosophie galt damals noch als preußische Staatsphilosophie. Der Kultusminister Altenstein und sein Geheimrat Johannes Schulze hatten sie unter ihren besonderen Schutz genommen. Hegel verherrlichte den Staat als die Wirklichkeit der sittlichen Idee, als das absolut Vernünftige und den absoluten Selbstzweck, daher als das höchste Recht gegen die einzelnen, deren höchste Pflicht es sei, Mitglieder des Staats zu sein. Diese Lehre vom Staat schmeichelte sich der preußischen Bürokratie ausnehmend ein; warf sie doch einen verklärenden Schein selbst auf die Sünden der Demagogenjagd!

Hegel beging mit ihr auch keineswegs eine Heuchelei, denn es erklärte sich aus seiner politischen Entwicklung, daß ihm die Monarchie, in der die Staatsdiener das Beste tun müßten, als die idealste Staatsform galt; allenfalls eine gewisse mittelbare Mitherrschaft der herrschenden Klassen hielt er daneben für notwendig, doch nur in ständischer Beschränkung; von einer allgemeinen Volksvertretung im modern-konstitutionellen Sinne wollte er so wenig wissen wie der preußische König und dessen Orakel Metternich.

Aber das System, das sich Hegel für seine Person zurechtgemacht hatte, stand in unversöhnlichem Widerspruch mit der dialektischen Methode, die er als Philosoph vertrat. Mit dem Begriffe des Seins ist auch der Begriff des Nichts gegeben, und aus dem Kampfe beider entsteht der höhere Begriff des Werdens. Alles ist und ist zugleich nicht, denn alles fließt, ist in steter Veränderung, in stetem Werden und Vergehen begriffen. So war die Geschichte ein in ewiger Umwälzung begriffener, von Niederem zu Höherem aufsteigender Entwicklungsprozeß, den Hegel mit seiner universalen Bildung in den verschiedensten Fächern der historischen Wissenschaft nachzuweisen unternahm, wenn auch nur in der seiner idealistischen Anschauung entsprechenden Form, daß sich |22| in allem geschichtlichen Geschehen die absolute Idee auswirke, die Hegel für die belebende Seele der ganzen Welt erklärte, ohne sonst etwas von ihr auszusagen.

Danach konnte das Bündnis zwischen der Philosophie Hegels und dem Staat der Friedrich Wilhelme nur eine Vernunftehe sein, die gerade so lange währte, wie sich beide Teile gegenseitig ihre Vernunft bescheinigten. Das ging etwa an in den Tagen der Karlsbader Beschlüsse und der Demagogenverfolgungen, aber schon die Julirevolution von 1830 gab der europäischen Entwicklung einen so starken Stoß nach vorwärts, daß Hegels Methode sich ungleich waschechter erwies als sein System. Sobald die immerhin noch schwachen Wirkungen der Julirevolution auf Deutschland erstickt worden waren und die Ruhe des Kirchhofs wieder über dem Volke der Dichter und Denker lag, beeilte sich das preußische Junkertum, den alten verschlissenen Kram der mittelalterlichen Romantik nochmals gegen die moderne Philosophie auszuspielen. Das wurde ihm um so leichter, als die Bewunderung Hegels weniger seine Sache, als die Sache der halbwegs aufgeklärten Bürokratie gewesen war, und Hegel, bei aller Verherrlichung des Beamtenstaats, doch gar nichts dazu getan hatte, dem Volke die Religion zu erhalten, was nun einmal das A und O der feudalen Überlieferung war und im letzten Grunde aller ausbeutenden Klassen ist.

Auf religiösem Gebiete erfolgte dann auch der erste Zusammenstoß. Hatte Hegel gemeint, die heiligen Geschichten der Bibel seien wie profane zu betrachten, den Glauben gehe das Wissen gemeiner, wirklicher Geschichten nichts an, so machte David Strauß, ein junger Schwabe, nun vollen Ernst mit dem Worte des Meisters. Er forderte, daß die evangelische Geschichte der historischen Kritik preiszugeben sei, und bewies die Berechtigung seiner Forderung durch sein »Leben Jesu«, das 1835 erschien und ungeheures Aufsehen erregte. Strauß knüpfte damit an die bürgerliche Aufklärung an, über deren »Aufkläricht« sich Hegel allzu verächtlich ausgesprochen hatte. Aber die Gabe des dialektischen Denkens gestattete ihm die Frage ungleich tiefer zu fassen als der alte Reimarus, der »Ungenannte« Lessings, sie gefaßt hatte. Strauß sah nicht mehr in der christlichen Religion ein Produkt des Betruges oder in den Aposteln eine Rotte von Gaunern, sondern erklärte die mythischen Bestandteile der Evangelien aus dem bewußtlosen Schaffen der ersten christlichen Gemeinden. Vieles aber aus den Evangelien erkannte er noch als geschichtlichen Bericht über das Leben Jesu und Jesus selbst als geschichtliche Person an, wie er überhaupt in den wichtigsten Punkten immer noch einen geschichtlichen Kern voraussetzte.

|23| Politisch war Strauß vollkommen harmlos und ist es all sein Lebtag geblieben. Ein wenig schärfer klang die politische Note in den »Hallischen Jahrbüchern« an, die Arnold Ruge und Theodor Echtermeyer im Jahre 1838 als Organ der Junghegelianer gründeten. Sie gingen zwar auch von der Literatur und Philosophie aus und wollten zunächst nicht mehr sein als ein Gegengewicht gegen die Berliner Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik, das eingerostete Organ der Althegelianer. Aber Arnold Ruge, hinter den der früh verstorbene Echtermeyer bald zurücktrat, hatte doch schon in der Burschenschaft mitgetan und den Wahnsinn der Demagogenjagd mit sechsjährigem Gefängnis in Köpenick und Kolberg gebüßt. Er hatte dies Schicksal freilich nicht tragisch genommen und sich als Privatdozent in Halle durch glückliche Heiraten eine behagliche Existenz geschaffen, die ihn das preußische Staatswesen trotz alledem für frei und gerecht erklären ließ. Er hätte nichts dagegen einzuwenden gehabt, wenn sich an ihm die boshafte Rede der altpreußischen Mandarinen erfüllt hätte, wonach im Preußischen niemand eine so schnelle Karriere mache wie ein bekehrter Demagoge. Jedoch eben hieran haperte es.

Ruge war kein selbständiger Denker und am wenigsten ein revolutionärer Geist, aber er besaß gerade genug Bildung, Ehrgeiz, Fleiß und Kampflust, um eine wissenschaftliche Zeitung gut zu leiten. Er selbst hat sich einmal nicht unzutreffend einen Großkaufmann des Geistes genannt. Er machte aus seinen »Hallischen Jahrbüchern« einen Sammelplatz aller unruhigen Geister, die nun einmal den - im Interesse aller staatlichen Ordnung leidigen - Vorzug besitzen, das meiste Leben in die Bude der Presse zu bringen. David Strauß fesselte als Mitarbeiter ungleich mehr, als sämtliche Theologen, die mit Spießen und Stangen für die gottgegebene Unfehlbarkeit der Evangelien fochten, die Leser hätten fesseln können. Zwar versicherte Ruge, seine Jahrbücher blieben »Hegelsche Christen und Hegelsche Preußen«, aber der Kultusminister Altenstein, der ohnehin schon von der romantischen Reaktion arg an die Wand gedrückt wurde, traute dem Frieden nicht und ließ sich auf die flehentliche Bitte Ruges um eine staatliche Anstellung als Anerkennung seiner Leistungen nicht ein. So dämmerte den »Hallischen Jahrbüchern« die Erkenntnis auf, daß die Bande gelöst werden müßten, die die preußische Freiheit und Gerechtigkeit gefangen hielten.

Zu den Mitarbeitern der »Hallischen Jahrbücher« gehörten nun auch die Berliner Junghegelianer, in deren Mitte Karl Marx drei Jugendjahre verlebt hat. Der Doktorklub bestand aus Dozenten, Lehrern, Schriftstellern in der ersten Blüte des Mannesalters. Rutenberg, den |24| Karl Marx anfangs in einem Briefe an seinen Vater den »intimsten« seiner Berliner Freunde nannte, hatte am Berliner Kadettenkorps in Geographie unterrichtet, war aber entlassen worden, angeblich weil er eines Morgens betrunken im Rinnstein gelegen hatte, tatsächlich weil er in den Verdacht geraten war, »böswillige« Artikel in Hamburger oder Leipziger Zeitungen veröffentlicht zu haben. Eduard Meyen war an einer kurzlebigen Zeitschrift beteiligt, in der Marx zwei seiner Gedichte veröffentlicht hat, die einzigen glücklicherweise, die je das Licht der Welt erblickt haben. Ob Max Stirner, der an einer Mädchenschule unterrichtete, schon zur Zeit, wo Marx in Berlin studierte, diesem Verein angehört hat, läßt sich nicht sicher feststellen; ein Beweis dafür, daß beide sich persönlich gekannt haben, liegt nicht vor. Auch entbehrt die Frage eines tieferen Interesses, da irgendwelche geistigen Zusammenhänge zwischen Marx und Stirner nicht bestanden haben. Um so stärker ist der Einfluß gewesen, den die geistig hervorragendsten Mitglieder des Doktorklubs auf Marx gehabt haben: Bruno Bauer, der Privatdozent an der Berliner Universität, und Karl Friedrich Köppen, der Lehrer an der Dorotheenstädtischen Realschule war.

Karl Marx zählte kaum zwanzig Jahre, als er sich dem Doktorklub anschloß, aber wie so oft in seinem späteren Leben, wenn er in einen neuen Kreis eintrat, wurde er der belebende Mittelpunkt. Auch Bauer und Köppen, die ihm um etwa zehn Lebensjahre voraus waren, haben in ihm früh die geistig überlegene Kraft erkannt und sich keinen lieberen Kampfgefährten ersehnt als diesen Jüngling, der doch noch viel von ihnen lernen konnte und auch gelernt hat. »Seinem Freunde Karl Heinrich Marx aus Trier« widmete Köppen die ungestüme Kampfschrift, die er im Jahre 1840 zum hundertsten Geburtstage des Königs Friedrich von Preußen veröffentlichte.

Köppen besaß historisches Talent in ungewöhnlich hohem Maße, wovon heute noch seine Beiträge in den »Hallischen Jahrbüchern« zeugen; ihm verdanken wir die erste wirklich geschichtliche Würdigung der roten Schreckenszeit in der großen französischen Revolution. Er wußte die Träger der zeitgenössischen Geschichtsschreibung, die Leo, Ranke, Raumer, Schlosser, der glücklichsten und treffendsten Kritik zu unterziehen. Er selbst hat sich auf den mannigfachsten Gebieten geschichtlicher Forschung versucht, von einer Literarischen Einleitung in die nordische Mythologie, die sich neben die Forschungen Jacob Grimms und Ludwig Uhlands stellen durfte, bis zu einem großen Werk über Buddha, das selbst die Anerkennung Schopenhauers fand, der dem alten Hegelianer sonst nicht grün war. Wenn nun ein Kopf wie Köppen, den ärgsten |25| Despoten der preußischen Geschichte als »wiedergeborenen Geist« herbeiwünschte, um »alle Widersacher, die uns den Eintritt ins Land der Verheißung verwehren, mit flammendem Schwerte zu vertilgen«, so wird man dadurch am schnellsten in die eigentümliche Umwelt versetzt, in der diese Berliner Junghegelianer lebten.

Man darf dabei gewiß zweierlei nicht übersehen. Die romantische Reaktion und alles was ihr anhing, arbeitete mit aller Kraft daran, das Andenken des alten Fritz anzuschwärzen. Es war, wie Köppen meinte, eine »greuliche Katzenmusik: alt- und neutestamentliche Trompeten, moralische Maultrommeln, erbauliche Dudelsäcke, historische Sackpfeifen und andere Schnurrpfeifereien, dazwischen Freiheitshymnen, gebrüllt in urteutonischem Bierbaß«. Ferner aber gab es noch keine kritisch-wissenschaftliche Untersuchung, die dem Leben und den Taten des preußischen Königs einigermaßen gerecht geworden wäre, und konnte es noch nicht geben, da die entscheidend wichtigen Quellen zu seiner Geschichte noch nicht eröffnet waren. Er stand in dem Rufe einer »Aufklärung«, um derentwillen ihn die einen haßten und die andern bewunderten.

In der Tat wollte Köppen mit seiner Schrift wieder der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts aufhelfen; Ruge sagte von Bauer, Köppen und Marx, ihr Kennzeichen sei die Anknüpfung an die bürgerliche Aufklärung; sie schrieben, eine philosophische Bergpartei, das Mene Mene Tekel Upharsin an den deutschen Gewitterhimmel. Köppen wies die »schalen Deklamationen« gegen die Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts zurück; trotz ihrer Langweiligkeit verdankten wir den deutschen Aufklärern sehr viel; ihr Mangel sei nur gewesen, daß sie nicht aufgeklärt genug gewesen seien. Das gab Köppen vornehmlich den gedankenlosen Nachbetern Hegels zu bedenken, »den einsamen Büßern des Begriffs«, den »alten Brahmanen der Logik«, die, mit untergeschlagenen Beinen in ewiger Ruhe dasitzend, mit eintönigem Geschnarr die heiligen drei Vedas wieder und wieder läsen und nur dann und wann einen lüsternen Blick hinüberwürfen in die tanzende Bajaderenwelt. In dem Organ der Althegelianer wies denn auch Varnhagen die Schrift Köppens als »ekelhaft« und »widerwärtig« zurück; er mochte sich noch besonders getroffen fühlen durch die derben Worte Köppens über die »Kröten des Sumpfs«, jenes Gewürm ohne Religion, ohne Vaterland, ohne Überzeugung, ohne Gewissen, ohne Herz, ohne Wärme und Kälte, ohne Freude und Schmerz, ohne Liebe und Haß, ohne Gott und Teufel, jene Elenden, die vor den Toren der Hölle umherirrten und selbst für diese zu schlecht seien.

|26| Köppen feierte den »großen König« nur als »großen Philosophen«. Allein dabei geriet er doch tiefer in die Brüche, als selbst nach dem Stande der damaligen Erkenntnis erlaubt war. Er meinte: »Friedrich hatte nicht wie Kant, eine doppelte Vernunft, eine theoretische, die ziemlich aufrichtig und keck mit ihren Bedenklichkeiten und Zweifeln und Negationen hervortritt, und eine praktische, vormundschaftliche, öffentlich angestellte, die wieder gut macht, was jene gesündigt hat und deren Studentenstreiche vertuscht. Nur die schülerhafteste Unreife kann behaupten, daß seine philosophisch-theoretische Vernunft der königlich-praktischen gegenüber als sehr transzendent erscheine, und daß der alte Fritz sich oft des Einsiedlers von Sanssouci wenig erinnert habe. Nie ist vielmehr in ihm der König hinter dem Philosophen zurückgeblieben.« Heute würde jeder, der diese Behauptung Köppens zu wiederholen wagte, sich selbst bei der preußischen Geschichtsschreibung den Vorwurf der schülerhaftesten Unreife zuziehen, aber auch für das Jahr 1840 war es doch schon ein starkes Stück, das aufklärende Lebenswerk eines Mannes wie Kant, unter die aufklärerischen Scherze zu stellen, die der borussische Despot mit den französischen Schöngeistern getrieben hatte, die sich zu seinen Hofnarren hergaben.

Was sich darin kundgab, war die absonderliche Dürftigkeit und Leere des Berliner Lebens, die den dortigen Junghegelianern überhaupt verhängnisvoll geworden ist. Gerade an Köppen, der sich ihrer schließlich noch am ehesten erwehren sollte, trat sie am auffallendsten hervor, zumal in einer Kampfschrift, die mit dem ganzen Herzen geschrieben war. In Berlin fehlte noch der kräftige Rückhalt, den die schon reich entwickelte Industrie der Rheinlande dem bürgerlichen Selbstbewußtsein bot, aber nicht nur hinter Köln, sondern auch hinter Leipzig und selbst Königsberg trat die preußische Hauptstadt zurück, sobald der Kampf der Zeit praktisch zu werden begann. »Sie glauben ungeheuer frei zu sein«, schrieb der Ostpreuße Walesrode von den damaligen Berlinern, »wenn sie Cerf, die Hagen, den König, die Tagesereignisse usw. usw., in den Kaffeehäusern bewitzeln, auf Eckenstehermanier, in der bekannten Tonart.« Berlin war erst eine Militär- und Residenzstadt, deren kleinbürgerliche Bevölkerung sich durch ein boshaft-kleinliches Mundwerk für die feige Unterwürfigkeit entschädigte, die sie öffentlich vor jeder Hofequipage bekundete. Eine rechte Stätte dieser Opposition war der Klatschsalon desselben Varnhagen, der sich schon vor der friderizianischen Aufklärung bekreuzigte, so wie Köppen sie verstand.

Es liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, daß der junge Marx die Auffassungen der Schrift geteilt hat, die seinen Namen der Öffentlichkeit |27|* zuerst in ehrenvoller Weise nannte. Er stand mit Köppen im nächsten Verkehr und hat viel von der schriftstellerischen Art des älteren Kameraden übernommen. Auch sind sie gute Freunde geblieben, obgleich sich ihre Lebenswege schnell trennten; als Marx zwanzig Jahre später einen Besuch in Berlin abstattete, fand er in Köppen »ganz den alten«, und sie feierten frohe Stunden eines ungetrübten Wiedersehens. Nicht lange darauf, im Jahre 1863, ist Köppen gestorben.

3. Die Philosophie des Selbstbewußtseins

Das eigentliche Haupt der Berliner Junghegelianer war jedoch nicht Köppen, sondern Bruno Bauer. Als berufener Schüler des Meisters wurde er auch anerkannt, zumal als er sich mit spekulativem Hochmut gegen das schwäbische »Leben Jesu« erklärt und sich von Strauß eine derbe Abfuhr geholt hatte. Der Kultusminister Altenstein hielt seine schützende Hand über dieser hoffnungsvollen Kraft. Bei alledem war Bruno Bauer kein Streber, und Strauß hatte schlecht prophezeit, als er ihn bei der »verknöcherten Scholastik« des orthodoxen Häuptlings Hengstenberg landen sah. Vielmehr geriet Bauer im Sommer 1839 mit Hengstenberg, der den alttestamentarischen Gott der Rache und des Zornes zum Gotte des Christentums erheben wollte, in eine literarische Fehde, die sich zwar noch in den Grenzen einer akademischen Streitfrage hielt, aber doch den altersschwachen und schwer geängstigten Altenstein veranlaßte, seinen Schützling den argwöhnischen Blicken der so rachsüchtigen wie rechtgläubigen Orthodoxie zu entziehen. Er sandte Bruno Bauer im Herbst 1839 an die Universität Bonn, zunächst als Privatdozenten, aber mit der Absicht, ihn binnen Jahresfrist als Professor anzustellen.

Um diese Zeit war Bruno Bauer aber schon, wie namentlich aus seinen Briefen an Marx hervorgeht, mitten in einer geistigen Entwicklung, die ihn weit über Strauß hinausführen sollte. Er begann eine »Evangelienkritik«, die ihn dazu führte, mit den letzten Trümmern aufzuräumen, die Strauß noch erhalten hatte. Bruno Bauer wies nach, daß auch nicht ein einziges geschichtliches Atom in den Evangelien enthalten, daß alles in ihnen freie schriftstellerische Tätigkeit der Evangelisten sei; er wies nach, daß die christliche Religion als Weltreligion der antiken, der griechisch-römischen Welt nicht aufgedrängt worden, sondern das eigenste Produkt dieser Welt sei. Er schlug damit den einzigen Weg ein, |28| auf dem die Entstehung des Christentums wissenschaftlich erforscht werden konnte. Es hat schon seinen guten Sinn, wenn der Hof-, Mode- und Salontheologe Harnack, der gegenwärtig im Interesse der herrschenden Klassen die Evangelien zurechtmacht, kürzlich das Fortschreiten auf dem Wege, den Bruno Bauer eröffnet hat, als »miserabel« zu beschimpfen suchte.

Während diese Gedanken in Bruno Bauer zu reifen begannen, war Karl Marx sein unzertrennlicher Gefährte, und Bauer selbst sah in dem um neun Jahre jüngeren Freunde den fähigsten Kampfgenossen. Er war kaum in Bonn warm geworden, als er Marx durch sehnsüchtige Briefe nachzulocken suchte. Ein Professorenklub in Bonn sei die »reine Philisterei« gegenüber dem Berliner Doktorklub, durch den doch immer ein geistiges Interesse gegangen sei; er lache auch viel in Bonn, was man so lachen nenne, aber so habe er noch nie wieder gelacht wie in Berlin, wenn er mit Marx nur über die Straße gegangen sei. Marx möge doch nur mit dem »lumpigen Examen« fertig werden, für das nur Aristoteles, Spinoza, Leibniz und weiter nichts erforderlich sei; er solle doch aufhören, einen solchen Unsinn, eine bloße Farce saumselig zu behandeln. Mit den Bonner Philosophen werde er leichtes Spiel haben; unaufschiebbar sei aber vor allem eine radikale Zeitschrift, die sie gemeinsam herausgeben müßten. Das Berliner Gewäsch und die Mattigkeit der »Hallischen Jahrbücher« seien nicht mehr zu ertragen; Ruge tue ihm leid, aber weshalb jage er das Gewürm nicht aus seinem Blatt heraus?

Es klingt manchmal revolutionär genug aus diesen Briefen, doch war immer nur eine philosophische Revolution gemeint, bei der Bauer weit eher auf die Hilfe als auf den Widerstand der Staatsgewalt zählte. Kaum hatte er an Marx im Dezember 1839 geschrieben, daß Preußen dazu bestimmt scheine, nur durch eine Jenaer Schlacht vorwärtszukommen, die ja freilich nicht gerade auf einem Leichenfelde ausgefochten werden müsse, als er wenige Monate später - zur Zeit, wo sein Beschützer Altenstein und der alte König ziemlich gleichzeitig gestorben waren - die höchste Idee unseres Staatslebens beschwor, den Familiengeist des fürstlichen Hauses Hohenzollern, der seit vier Jahrhunderten seine besten Kräfte daran gesetzt habe, das Verhältnis von Kirche und Staat zu ordnen. Zugleich verhieß Bauer, daß die Wissenschaft nicht ermüden werde, die Idee des Staates gegen die Anmaßungen der Kirche zu verteidigen; der Staat könne sich wohl einmal irren, gegen die Wissenschaft argwöhnisch werden und zu Zwangsmaßregeln greifen, aber die Vernunft gehöre ihm zu innig an, als daß er lange irren könne. Auf |29| diese Huldigung antwortete der neue König damit, als Nachfolger Altensteins den orthodoxen Reaktionär Eichhorn zu ernennen, der sich bemühte, die Freiheit der Wissenschaft, soweit sie mit der Idee des Staates verknüpft war, das heißt die akademische Lehrfreiheit, den Anmaßungen der Kirche zu opfern.

Die politische Haltlosigkeit war bei Bauer viel größer als bei Köppen, der sich wohl an einem einzelnen Hohenzollern irren konnte, der das Familienmaß übertraf, aber nicht an dem »Familiengeist« dieses fürstlichen Hauses. Köppen war lange nicht so tief in der Hegelschen Ideologie untergetaucht wie Bauer. Aber man darf nicht übersehen, daß dessen politische Kurzsichtigkeit doch eben nur die Kehrseite seines philosophischen Scharfblickes war. Er hatte in den Evangelien den geistigen Niederschlag der Zeit entdeckt, worin sie entstanden waren, und so meinte er vom rein ideologischen Standpunkt aus nicht so uneben, wenn es schon der christlichen Religion mit ihrer trüben Gärung griechisch-römischer Philosophie möglich gewesen sei, die antike Bildung zu überwinden, so werde es der freien und klaren Kritik der modernen Dialektik um so leichter gelingen, den Alp der christlich-germanischen Bildung abzuschütteln.

Was ihm diese imponierende Sicherheit gab, war die Philosophie des Selbstbewußtseins. Unter ihrem Namen hatten sich einst die griechischen Philosophenschulen zusammengefaßt, die aus dem nationalen Verfall des griechischen Lebens entstanden waren und am meisten dazu beigetragen hatten, die christliche Religion zu befruchten, die Skeptiker, die Epikureer und die Stoiker. Sie konnten sich an spekulativer Tiefe weder mit Plato noch an universalem Wissen mit Aristoteles messen, und waren von Hegel ziemlich verächtlich behandelt worden. Ihr gemeinsames Ziel war, den einzelnen Menschen, der durch einen furchtbaren Zusammenbruch von allem getrennt war, was ihn bis dahin gebunden und getragen hatte, nun auch von allem Äußeren unabhängig zu machen und auf sein inneres Leben zurückzuführen, sein Glück zu suchen in der Ruhe des Geistes und Gemüts, die unerschütterlich widerstehe, auch wenn eine Welt über ihr zusammenstürze.

Aber auf den Trümmern einer untergegangenen Welt habe, so führte Bauer aus, dem ausgemergelten Ich als einzige Macht vor sich selber gegraut; es habe sein Selbstbewußtsein entfremdet und veräußert, indem es seine allgemeine Macht als eine fremde sich gegenübergestellt, dem Weltherrn in Rom, der alle Rechte in sich verschlossen halte, der Leben und Tod auf seinen Lippen trage, in dem Herrn der evangelischen Geschichte, der mit einem Hauche seines Mundes den Widerstand |30|* der Natur bezwinge oder seine Feinde niederschlage, der sich schon auf Erden als den Weltherrn und Weltrichter ankündige, einen feindlichen Bruder zwar, aber doch einen Bruder geschaffen habe. Unter der Knechtschaft der christlichen Religion sei jedoch die Menschheit erzogen worden, damit sie um so gründlicher die Freiheit vorbereite und sie um so inniger umfasse, wenn sie endlich gewonnen sei; das zu sich selbst gekommene, das sich selbst verstehende, das sein Wesen erfassende unendliche Selbstbewußtsein habe die Macht über die Geschöpfe seiner Selbstentäußerung.

Verzichtet man auf die Einkleidung der damaligen Philosophensprache, so läßt sich einfacher und verständlicher sagen, was Bauer, Köppen und Marx an die griechische Philosophie des Selbstbewußtseins fesselte. Im Grunde knüpften sie auch damit an die bürgerliche Aufklärung an. Die altgriechischen Schulen des Selbstbewußtseins hatten nicht entfernt so geniale Träger aufzuweisen wie die älteren Naturphilosophen in Demokrit und Heraklit oder die späteren Begriffsphilosophen in Plato und Aristoteles, aber sie hatten doch eine große geschichtliche Existenz gehabt. Sie hatten dem menschlichen Geiste neue Fernsichten eröffnet, die nationale Schranke des Hellenentums und die soziale Schranke der Sklaverei zerbrochen, worin Plato und Aristoteles noch ganz befangen gewesen waren; sie hatten das Urchristentum entscheidend befruchtet, die Religion der Leidenden und Unterdrückten, die erst als ausbeutende und unterdrückende Herrscherkirche zu Plato und Aristoteles überging. Wie unwirsch Hegel sonst über die Philosophie des Selbstbewußtseins abgesprochen hatte, so hatte doch auch er nachdrücklich darauf hingewiesen, was die innere Freiheit des Subjekts bedeutet habe in dem vollkommenen Unglück des römischen Weltreichs, wo alles Edle und Schöne der geistigen Individualität mit rauher Hand verwischt worden sei. So hatte denn auch schon die bürgerliche Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts die griechischen Philosophen des Selbstbewußtseins mobil gemacht, den Zweifel der Skeptiker, den Religionshaß der Epikureer, die republikanische Gesinnung der Stoiker.

Köppen schlug dieselbe Note an, wenn er in seiner Schrift über seinen Helden der Aufklärung, über König Friedrich sagte: »Epikureismus, Stoizismus und Skepsis sind die Nervenmuskeln und Eingeweidesysteme des antiken Organismus, deren unmittelbare, natürliche Einheit die Schönheit und Sittlichkeit des Altertums bedingte und die beim Absterben desselben auseinanderfielen. Alle drei hat Friedrich mit wunderbarer Kraft in sich aufgenommen und durchgeführt. Sie sind Hauptmomente seiner Weltanschauung, seines Charakters, seines Lebens geworden |31|*.« Wenigstens was Köppen in diesen Sätzen über den Zusammenhang der drei Systeme mit dem griechischen Leben sagt, hat Marx als eine tiefere Bedeutung« anerkannt.

Er selbst freilich griff das Problem, das ihn nicht minder beschäftigte als die älteren Freunde, anders an als sie. Er suchte das menschliche Selbstbewußtsein als »oberste Gottheit«, neben der keiner sein solle, weder in dem verzerrenden Hohlspiegel der Religion zu erkennen, noch indem philosophischen Müßiggange eines Despoten, sondern er ging auf die geschichtlichen Quellen dieser Philosophie zurück, deren Systeme auch für ihn die Schlüssel zur wahren Geschichte des griechischen Geistes waren.

4. Die Doktordissertation

Als Bruno Bauer im Herbst 1839 auf Marx einsprach, dieser möge doch endlich das »lumpige Examen« abmachen, hatte er insofern einigen Grund zur Ungeduld, als Marx bereits acht Semester hinter sich hatte. Aber eine Examenangst im leidigen Sinne des Wortes hat er bei Marx gleichwohl nicht vorausgesetzt, sonst hätte er ihm nicht zugetraut, die Bonner Philosophieprofessoren gleich beim ersten Anlauf über den Haufen zu rennen.

Es war einmal die Art von Marx, und sie ist es bis an sein Lebensende geblieben, daß sein unersättlicher Wissensdrang ihn ebenso zwang, die schwierigsten Probleme schnell aufzugreifen, wie seine unerbittliche Selbstkritik ihn hinderte, gleich schnell mit ihnen abzuschließen. Nach der Art seines Arbeitens wird er sich in die grauesten Tiefen der griechischen Philosophie eingelassen haben, und die Darstellung auch nur jener drei Systeme des Selbstbewußtseins war keine Sache, die sich in ein paar Semestern erledigen ließ. Dafür hatte Bauer, der ungemein schnell produzierte, viel zu schnell für die Dauer seiner Werke, nur ein geringes Verständnis, ein viel geringeres als später Friedrich Engels, der doch auch manches Mal ungeduldig wurde, wenn Marx kein Maß und Ziel seiner Selbstkritik finden konnte.

Das »lumpige Examen« hatte aber auch sonst seine Haken, wenn nicht für Bauer, so doch für Marx. Er hatte sich schon bei Lebzeiten seines Vaters für die akademische Laufbahn entschieden, ohne daß jedoch die Wahl eines praktischen Berufs deshalb völlig im Hintergrunde verschwunden wäre. Nun aber begann mit dem Tode Altensteins die lockendste Seite des »Professorierens« zu verschwinden, die am ehesten |32| über seine mannigfachen Schattenseiten hinweghelfen konnte: die verhältnismäßige Freiheit, die dem Philosophieren auf den Kathedern der Universitäten gestattet war. Wie wenig sich sonst mit den akademischen Perücken anfangen ließ, wußte ja Bauer aus Bonn nicht beweglich genug zu schildern.

Alsbald hatte Bauer selbst die erste Erfahrung zu machen, daß es mit der wissenschaftlichen Forschung des preußischen Professors sein besonderes Bewenden habe. Nach Altensteins Tode im Mai 1840 verwaltete der Ministerialdirektor Ladenberg einige Monate das Kultusministerium, und er besaß Pietät genug für das Andenken seines alten Vorgesetzten, um dessen Versprechen einzulösen und Bauers »Fixierung« in Bonn zu versuchen. Aber sobald Eichhorn zum Kultusminister ernannt worden war, lehnte die theologische Fakultät in Bonn die Ernennung Bauers zum Professor ab, angeblich, weil er ihre Einigkeit stören würde, tatsächlich mit jenem Heldenmut, den der deutsche Professor stets bewährt, wenn er der heimlichen Zustimmung seiner hohen Oberen sicher sein darf.

Bauer erhielt die Entscheidung, als er eben aus den Herbstferien, die er in Berlin verlebt hatte, nach Bonn zurückkehren wollte. Im Kreise seiner Freunde wurde nun überlegt, ob nicht schon ein unheilbarer Bruch zwischen der religiösen und der wissenschaftlichen Richtung bestehe, ob ein Anhänger dieser Richtung es noch mit seinem Gewissen vereinbaren könne, der theologischen Fakultät anzugehören. Aber Bauer selbst beharrte bei seiner optimistischen Auffassung des preußischen Staatswesens und lehnte auch den offiziösen Vorschlag ab, sich mit schriftstellerischen Arbeiten zu beschäftigen, wobei er aus staatlichen Mitteln unterstützt werden sollte. Er kehrte voll Kampfeslust nach Bonn zurück, wo er gemeinsam mit Marx, der ihm bald nachfolgen sollte, die Krisis in ihren wichtigsten Momenten herbeizuführen hoffte.

An dem Plane einer radikalen Zeitschrift, die beide herausgeben wollten, hielten sie fest, aber mit der akademischen Laufbahn an der rheinischen Universität sah es für Marx nunmehr sehr übel aus. Als Freund und Helfer Bauers hatte er auf den feindseligsten Empfang durch den Bonner Professorenklüngel zu rechnen, und nichts lag ihm ferner, als sich bei Eichhorn oder Ladenberg einzuschmeicheln, wie Bauer ihm riet, in der an sich durchaus wahrscheinlichen Erwartung, daß dann in Bonn »alles kaduk« sein werde. In solchen Dingen hat Marx stets mit äußerster Strenge gedacht. Aber selbst wenn er geneigt gewesen wäre, sich auf diesen schlüpfrigen Pfad zu begeben, so war mit Sicherheit vorauszusehen, daß er darauf ausgleiten würde. Denn Eichhorn fackelte |33| nicht lange, um zu zeigen, wes Geistes Kind er war. Er berief den alten Schelling, der offenbarungsgläubig geworden war, an die Berliner Universität, um die altersschwache Schar der verknöcherten Hegelianer noch extra totzuschlagen und ließ die Halleschen Studenten maßregeln, die in einer ehrerbietigen Eingabe an den König als ihren Rektor um Berufung Straußens nach Halle gebeten hatten.

Unter solchen Aussichten hat Marx mit seinen junghegelianischen Anschauungen überhaupt darauf verzichtet, ein preußisches Examen zu machen. Wenn es ihn aber nicht gelüstete, sich von den willigen Helfern eines Eichhorn hudeln zu lassen, so wich er deshalb nicht dem Kampfe aus. Im Gegenteil! Er entschloß sich, an einer kleinen Universität den Doktorhut zu erwerben, gleichzeitig seine Dissertation als einen Beweis seiner Fähigkeiten und seines Fleißes mit einem herausfordernd kühnen Vorwort zu veröffentlichen, dann aber sich in Bonn niederzulassen, um mit Bauer die geplante Zeitschrift herauszugeben. Auch die Universität war ihm dann nicht völlig verschlossen; nach ihren Statuten wenigstens brauchte er als Doctor promotus einer »ausländischen« Universität nur noch einige Formalitäten zu erfüllen, um als Privatdozent zugelassen zu werden.

Diesen Plan hat Marx ausgeführt; am 15. April 1841 ist er in Jena abwesend zum Doktor ernannt worden, auf Grund einer Abhandlung, die sich mit der Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie beschäftigte. Es war ein vorweggenommener Teil der größeren Schrift, in der Marx den gesamten Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie in deren Zusammenhange mit der ganzen griechischen Spekulation darstellen wollte. Zunächst sollte nur an einem Beispiel dies Verhältnis entwickelt werden, und auch nur in Beziehung auf die ältere Spekulation.

Unter den älteren Naturphilosophen Griechenlands hatte Demokrit den Materialismus am strengsten durchgeführt. Aus Nichts wird Nichts; Nichts, was ist, kann vernichtet werden. Alle Veränderung ist nur Verbindung und Trennung von Teilen. Nichts geschieht zufällig, sondern alles aus einem Grunde und mit Notwendigkeit. Nichts existiert als die Atome und der leere Raum, alles andere ist Meinung. Die Atome sind unendlich an Zahl und von unendlicher Verschiedenheit der Form. In ewiger Fallbewegung durch den unendlichen Raum prallen die größeren, die schneller fallen, auf die kleineren; die dadurch entstehenden Seitenbewegungen und Wirbel sind der Anfang der Weltbildung. Unzählige Welten bilden sich und vergehen wieder, nebeneinander und nacheinander.

|34| Epikur hatte nun diese Naturauffassung Demokrits übernommen, aber mit gewissen Änderungen. Die berufenste dieser Änderungen bestand in der sogenannten »Deklination der Atome«; Epikur behauptete, daß die Atome im Fall »deklinierten«, das heißt, nicht senkrecht fielen, sondern ein wenig von der geraden Linie abwichen. Er ist wegen dieser physikalischen Unmöglichkeit weidlich verspottet worden, von Cicero und Plutarch bis auf Leibniz und Kant: als ein Nachbeter Demokrits, der sein Vorbild nur zu verschlechtern verstanden habe. Daneben ging aber eine andere Strömung, die in Epikurs Philosophie das vollendetste materialistische System des Altertums erblickte, dank dem Umstande, daß sie in dem Lehrgedichte des Lukrez erhalten geblieben ist, während sich von der Philosophie Demokrits nur geringe Trümmer aus dem Strom und Sturm der Jahrhunderte gerettet haben. Derselbe Kant, der die Deklination der Atome als eine »unverschämte« Erfindung abfertigte, sah in Epikur gleichwohl den vornehmsten Philosophen der Sinnlichkeit, im Gegensatze zu Plato, dem vornehmsten Philosophen des Intellektuellen.

Marx bestritt nun keineswegs die physikalische Unvernunft Epikurs; er gab dessen »grenzenlose Fahrlässigkeit in der Erklärung physischer Phänomene« zu; er führte aus, daß für Epikur die sinnliche Wahrnehmung der einzige Prüfstein der Wahrheit gewesen sei; die Sonne habe er für zwei Fuß groß gehalten, weil sie zwei Fuß groß zu sein scheine. Aber Marx ließ sich nicht daran genügen, diese handgreiflichen Torheiten mit irgendeinem Ehrentitel zu erledigen; er spürte vielmehr der philosophischen Vernunft in der physikalischen Unvernunft nach. Er verfuhr dem schönen Worte gemäß, das er in einer Anmerkung seiner Abhandlung zu Ehren seines Meisters Hegel äußerte, daß nämlich die Schule eines Philosophen, der eine Akkommodation begangen habe, nicht den Lehrer verdächtigen, sondern seine Akkommodation aus der Unzulänglichkeit des Prinzips, worin sie wurzeln müsse, erklären und somit zu einem Fortschritt des Wissens machen solle, was als Fortschritt des Gewissens erscheine.

Was für Demokrit der Zweck war, das war für Epikur nur das Mittel zum Zweck. Ihm war es nicht um die Erkenntnis der Natur zu tun, sondern um eine Ansicht der Natur, die sein philosophisches System stützen konnte. Wenn die Philosophie des Selbstbewußtseins, so wie sie das Altertum gekannt hatte, in drei Schulen zerfallen war, so vertraten nach Hegel die Epikureer das abstrakt-einzelne und die Stoiker das abstrakt-allgemeine Selbstbewußtsein, beide als einseitige Dogmatismen, denen um dieser Einseitigkeit willen sogleich der Skeptizismus entgegengetreten |35|* sei. Oder wie ein neuerer Historiker der griechischen Philosophie denselben Zusammenhang ausgedrückt hat: im Stoizismus und Epikureismus traten sich die individuelle und die allgemeine Seite des subjektiven Geistes, die atomistische Isolierung des Individuums und seine pantheistische Hingebung an das Ganze, mit gleichen Ansprüchen unversöhnt gegenüber, während sich dieser Gegensatz im Skeptizismus zur Neutralität aufgehoben habe.

Trotz ihres gemeinsamen Zieles wurden Epikureer und Stoiker durch die Verschiedenheit ihrer Ausgangspunkte weit auseinandergeführt. Ihre Hingebung an das Ganze machte die Stoiker philosophisch zu Deterministen, denen die Notwendigkeit alles Geschehens sich von selbst verstand, und politisch zu entschiedenen Republikanern, während sie auf religiösem Gebiete sich nicht von einer abergläubischen und unfreien Mystik befreien konnten. Sie lehnten sich an Heraklit, für den die Hingebung an das Ganze die Form des schroffsten Selbstbewußtseins angenommen hatte, und mit dem sie übrigens ebenso ungeniert umsprangen wie die Epikureer mit Demokrit. Dagegen die Epikureer machte ihr Prinzip des isolierten Individuums philosophisch zu Indeterministen, zu Bekennern der Willensfreiheit für jeden Einzelnen, und politisch zu leidsamen Duldern - der Bibelspruch: Seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, ist ein Erbe Epikurs -, während es sie von allen Banden der Religion befreite.

In einer Reihe feiner Untersuchungen legte nun Marx dar, wie sich die »Differenz zwischen der demokritischen und der epikureischen Naturphilosophie« erkläre. Für Demokrit handle es sich nur um die materielle Existenz des Atoms, dagegen habe Epikur daneben den Begriff des Atoms geltend gemacht, neben seiner Materie auch seine Form, neben seiner Existenz auch sein Wesen; er habe in dem Atom nicht nur die materielle Grundlage der Erscheinungswelt, sondern auch das Sinnbild des isolierten Individuums, das formale Prinzip des abstrakt-einzelnen Selbstbewußtseins erblickt. Folgerte Demokrit aus dem senkrechten Fall der Atome die Notwendigkeit alles Geschehens, so ließ Epikur sie ein wenig von der geraden Linie abweichen, denn wo bliebe sonst - wie Lukrez, der berufenste Ausleger der epikureischen Philosophie, in seinem Lehrgedicht sagt - der freie Wille, der dem Schicksal entrissene Wille der lebenden Wesen? Dieser Widerspruch zwischen dem Atom als Erscheinung und als Wesen zieht sich durch die ganze Philosophie Epikurs und treibt sie zu jener grenzenlos-willkürlichen Erklärung der physischen Phänomene, die schon in den Tagen des Altertums verspottet wurde. Erst in den Himmelskörpern lösen sich alle Widersprüche der |36| epikureischen Naturphilosophie, aber an ihrer allgemeinen und ewigen Existenz scheitert auch das Prinzip des abstrakt-einzelnen Selbstbewußtseins. So wirft es alle materielle Vermummung von sich und als »größter griechischer Aufklärer«, wie Marx ihn nennt, kämpft Epikur gegen die Religion, die mit dräuendem Blick aus den Höhen des Himmels die sterblichen Menschen schrecke.

In seiner ersten Schrift offenbarte sich Marx schon als schöpferischer Geist, auch dann und gerade dann, wenn man seine Auslegung Epikurs im einzelnen bestreiten sollte. Denn dieser Einspruch könnte sich nur dagegen richten, daß Marx das Grundprinzip Epikurs schärfer durchdacht und klarere Schlüsse aus ihm gezogen habe als Epikur selbst. Hegel hatte die epikureische Philosophie die Gedankenlosigkeit im Prinzip genannt, und sicherlich hat ihr Urheber, der als Autodidakt immer großes Gewicht auf die gewöhnliche Sprache des Lebens legte, sie nicht in den spekulativen Wendungen der Hegelschen Philosophie begründet, mit denen Marx sie erläuterte. Es ist das Zeugnis der Reife, das sich der Schüler Hegels in dieser Abhandlung selbst ausgestellt hat; mit sicherer Hand beherrscht er die dialektische Methode, und die Sprache bekundet jene markige Kraft, die dem Meister Hegel trotz alledem eigen, aber dem Troß seiner Jünger längst abhanden gekommen war.

Jedoch steht Marx in dieser Schrift auch noch ganz auf dem idealistischen Boden der Hegelschen Philosophie. Was den heutigen Leser auf den ersten Blick am meisten befremdet, ist ihr ungünstiges Urteil über Demokrit. Von ihm wird gesagt, daß er nur eine Hypothese aufgestellt habe, die das Ergebnis der Erfahrung, nicht ihr energisches Prinzip sei, die daher ebensowohl ohne Verwirklichung bleibe, wie die reale Naturforschung nicht weiter von ihr bestimmt werde. Im Gegensatz zu Demokrit wird von Epikur gerühmt, daß er die Wissenschaft der Atomistik geschaffen habe, trotz seiner Willkür in der Erklärung der Naturerscheinungen und trotz seines abstrakt-einzelnen Selbstbewußtseins, das, wie Marx selbst einräumt, alle wahre und wirkliche Wissenschaft insoweit aufhebe, als nicht die Einzelheit in der Natur der Dinge selbst herrsche.

Heute braucht nicht noch erst bewiesen zu werden, daß, soweit es eine Wissenschaft der Atomistik gibt, soweit die Lehre von den Elementarkörperchen und der Entstehung aller Erscheinungen durch ihre Bewegung zur Grundlage der modernen Naturforschung geworden ist, aus ihr die Gesetze des Schalles, des Lichtes, der Wärme, der chemischen und physikalischen Veränderungen in den Dingen erklärt worden sind, Demokrit ihr erster Bahnbrecher gewesen ist, nicht aber Epikur. Allein für den damaligen Marx war die Philosophie oder genauer die Begriffsphilosophie |37|* noch dermaßen die Wissenschaft, daß er zu einer Auffassung kommen konnte, die wir heute kaum noch verstehen würden, wenn sich in ihr nicht auch seines Wesens Wesenheit offenbart hätte.

Leben hieß ihm immer Arbeiten, und Arbeiten hieß ihm immer Kämpfen. Was ihn von Demokrit entfernte, war der Mangel eines »energischen Prinzips«, war, wie er es später ausdrückte, der »Hauptmangel alles bisherigen Materialismus«[1], daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, die Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt werde, nicht subjektiv, nicht als Praxis, nicht als menschlich-sinnliche Tätigkeit. Was ihn an Epikur anzog, war das »energische Prinzip«, womit sich dieser Philosoph gegen die lastende Wucht der Religion erhob und ihr zu trotzen wagte,

Weder von Blitzen geschreckt, noch durch das Geraune von Göttern,
Oder des Himmels murrenden Groll ...

Prachtvoll lodert eine unbändige Kampflust in der Vorrede auf, mit der Marx seine Abhandlung zu veröffentlichen und seinem Schwiegervater zu widmen gedachte. »Die Philosophie, solange noch ein Blutstropfen in ihrem weltbezwingenden, absolut freien Herzen pulsiert, wird stets den Gegnern mit Epikur zurufen: Gottlos ist nicht, wer die Götter der Menge verachtet, sondern wer den Meinungen der Menge von den Göttern anhängt.«[2] Die Philosophie verheimlicht nicht das Bekenntnis des Prometheus:

Mit schlichtem Wort, den Göttern allen heg' ich Haß.

Denen aber, die über ihre anscheinend verschlechterte bürgerliche Stellung klagen, erwidert sie, was Prometheus dem Götterbedienten Hermes erwiderte:

Für deinen Frondienst gäb' ich mein unselig Los,
Das sei versichert, nimmermehr zum Tausche dar.

Prometheus ist der vornehmste Heilige und Märtyrer im philosophischen Kalender: so schloß Marx dies trotzige Vorwort, das selbst seinen Freund Bauer erschreckte. Was diesen »ein überflüssiger Mutwille« dünkte, war jedoch nur ein schlichtes Bekenntnis des Mannes, der ein anderer Prometheus werden sollte, im Kämpfen wie im Leiden.

5. »Anekdota« und »Rheinische Zeitung«

|38| Kaum hatte Marx das Diplom seiner neuen Würde in der Tasche, als die Lebenspläne, die er daran geknüpft hatte, durch neue Gewaltakte der romantischen Reaktion zusammenfielen.

Zunächst bot Eichhorn im Sommer 1841 die theologischen Fakultäten zu einem schmählichen Kesseltreiben gegen Bruno Bauer auf, wegen dessen Evangelienkritik; mit Ausnahme von Halle und Königsberg verrieten alle das Prinzip der protestantischen Lehrfreiheit, und Bauer mußte weichen. Damit war aber auch für Marx jede Aussicht genommen, an der Bonner Universität festen Fuß zu fassen.

Zugleich fiel der Plan einer radikalen Zeitschrift ins Wasser. Der neue König war ein Freund der Preßfreiheit, und er ließ eine gemilderte Zensurinstruktion ausarbeiten, die am Ende des Jahres 1841 auch wirklich das Licht der Welt erblickte. Aber er stellte dabei die Bedingung, daß die Preßfreiheit sich begnüge, im Rahmen einer romantischen Laune zu bleiben. Wie er die Sache verstand, zeigte er, ebenfalls im Sommer 1841, in einer Kabinettsorder, durch die Ruge angewiesen wurde, seine bei Wigand in Leipzig verlegten und gedruckten Jahrbücher unter preußischer Zensur zu redigieren oder sich ihres Verbots in den preußischen Staaten gewärtig zu halten. Dadurch wurde Ruge über sein »freies und gerechtes Preußen« genügend aufgeklärt, um nach Dresden überzusiedeln, wo er vom 1. Juli 1841 ab seine Zeitschrift als »Deutsche Jahrbücher« herausgab. Er schlug nun von selbst jene schärferen Töne an, die Bauer und Marx bisher an ihm vermißt hatten, und beide entschlossen sich, seine Mitarbeiter zu werden, statt eine eigene Zeitschrift zu gründen.

Seine Doktorschrift hat Marx nicht veröffentlicht. Ihr unmittelbarer Zweck war hinfällig geworden und nach einer späteren Andeutung ihres Verfassers sollte sie nun erst ihren eigentlichen Platz abwarten in der Gesamtdarstellung der epikureischen, stoischen und skeptischen Philosophie, an deren Ausführung ihn »politische und philosophische Beschäftigungen ganz anderer Art« nicht denken ließen.

Zu diesen Beschäftigungen gehörte in erster Reihe der Nachweis, daß nicht nur der alte Epikur, sondern auch der alte Hegel ein ausbündiger Atheist gewesen sei. Im November 1841 erschien bei Wigand ein »Ultimatum« unter dem Titel: Die Posaune des jüngsten Gerichts über Hegel den Atheisten und Antichristen. Unter der Maske eines rechtgläubigen Verfassers jammerte dies anonyme Pamphlet in biblischen Prophetenton über Hegels Atheismus, wies diesen Atheismus aber aus Hegels Werken in überzeugendster Weise nach. Das Ding machte großes Aufsehen |39|*, zumal da die orthodoxe Maske anfangs nicht durchschaut wurde, selbst von Ruge nicht. Tatsächlich war die »Posaune« von Bruno Bauer verfaßt, der sie nun, gemeinsam mit Marx, fortzusetzen gedachte, um auch an Hegels Ästhetik, Rechtsphilosophie usw. den Nachweis zu führen, daß nicht die Alt-, sondern die Junghegelianer den wahren Geist des Meisters geerbt hätten.

Inzwischen war die »Posaune« verboten worden, und Wigand machte Schwierigkeiten wegen der Fortsetzung; dazu erkrankte Marx, und sein Schwiegervater lag drei Monate auf dem Krankenbette, bis er am 3. März 1842 starb. So war es für Marx »unmöglich, was Rechtes zu tun«. Einen »kleinen Beitrag« sandte er aber doch am 10. Februar 1842 an Ruge und stellte sich, soviel er nach seinen Kräften vermöge, zur Verfügung der »Deutschen Jahrbücher«. Der Beitrag beschäftigte sich mit der neuesten Zensurinstruktion, worin der König eine mildere Handhabung der Zensur angeordnet hatte. Mit diesem Artikel begann Marx seine politische Laufbahn; mit einschneidender Kritik deckte er Punkt für Punkt den logischen Widersinn auf, den die Instruktion unter romantisch verschwommener Hülle barg, im schroffsten Gegensatz zu dem Jubel der »scheinliberalen« Philister und selbst mancher Junghegelianer, die schon »die Sonne hoch am Himmel stehen sahen«, wegen der »königlichen Gesinnung«, die sich in der Instruktion ausspräche.

In seinem Begleitschreiben bat Marx um Beschleunigung des Druckes, »wenn nicht die Zensur meine Zensur zensiert«, und die bange Ahnung trog ihn nicht. Ruge antwortete am 25. Februar, die schwerste Zensurnot sei über die »Deutschen Jahrbücher« hereingebrochen; »Ihr Aufsatz ist eine Unmöglichkeit geworden«. An zurückgewiesenen Aufsätzen habe er »so eine Elite hübscher und pikanter Sachen« zusammen, die er als »Anecdota philosophica« in der Schweiz veröffentlichen möchte. Auf diesen Plan ging Marx am 5. März mit großem Eifer ein. »Bei der plötzlichen Wiedergeburt« der sächsischen Zensur werde von vornherein der Druck seiner Abhandlung über christliche Kunst, die als zweiter Teil der »Posaune« erscheinen sollte, ganz unmöglich sein. Er bot sie in geänderter Redaktion für die »Anekdota« an, ebenso eine Kritik des Hegelschen Naturrechts, soweit es innere Verfassung betreffe, mit der Tendenz, die konstitutionelle Monarchie als ein durch und durch sich widersprechendes und aufhebendes Zwitterding zu bekämpfen. Ruge ging auf alles ein, aber außer dem Aufsatze über die Zensurinstruktion hat er nichts erhalten.

Am 20. März wollte Marx den Aufsatz über christliche Kunst aus dem Posaunenton und der lästigen Gefangenschaft in Hegels Darstellung befreien |40|* und mit einer freieren, daher gründlicheren Darstellung vertauschen und versprach nun bis Mitte April fertig zu sein. Am 27. April war er »beinahe fertig«; Ruge solle »nur wenige Tage noch verzeihen«; den Aufsatz über christliche Kunst werde er nur in einem Auszuge erhalten, da die Sache unter der Hand beinahe zu einem Buche herangewachsen sei. Dann wollte Marx am 9. Juli den Versuch einer Entschuldigung aufgeben, wenn ihn die Ereignisse, »unangenehme Äußerlichkeiten«, nicht entschuldigten, indessen wollte er nichts anrühren, bis er die Beiträge für die »Anekdota« beendigt habe. Endlich meldete Ruge am 21. Oktober, die »Anekdota« seien nun durch und würden vom Literarischen Kontor in Zürich verlegt werden; er halte noch immer einen Platz für Marx offen, wenngleich ihn dieser bisher mehr mit Hoffnungen als mit Erfüllungen beglückt habe; er sehe sehr wohl, wieviel Marx erfüllen könne, wenn er einmal daran komme.

Wie Bruno Bauer und Köppen, hatte der selbst um sechzehn Jahre ältere Ruge die größte Achtung vor dieser jungen Kraft, die seine Geduld als Redakteur auf eine so harte Probe gestellt hatte. Ein bequemer Autor ist Marx nie gewesen, weder für seine Mitarbeiter noch für seine Verleger, aber keiner von ihnen hat je daran gedacht, auf Nachlässigkeit oder Saumseligkeit zurückzuführen, was doch nur die überströmende Fülle der Gedanken und eine Selbstkritik verschuldete, die sich nie genug tun konnte.

In diesem besonderen Falle kam noch ein Umstand hinzu, Marx zu rechtfertigen, auch in den Augen Ruges; ein ungleich mächtigeres Interesse begann ihn jetzt zu fesseln als das philosophische. Mit seinem Aufsatz über die Zensurinstruktion hatte er den politischen Kampf begonnen, den er nun in der »Rheinischen Zeitung« fortsetzte, statt in den »Anekdotis« den philosophischen Faden fortzuspinnen.

Die »Rheinische Zeitung« erschien seit dem 1. Januar 1842 in Köln. In ihrem Ursprunge war sie kein Oppositions-, eher ein Regierungsblatt. Seit den Kölner Bischofswirren der dreißiger Jahre vertrat die »Kölnische Zeitung« mit achttausend Abonnenten die Ansprüche der ultramontanen Partei, die am Rhein übermächtig war und der Gendarmenpolitik der Regierung viel zu schaffen machte. Es geschah nicht aus heiliger Begeisterung für die katholische Sache, sondern aus geschäftlicher Rücksicht auf die Leser, die nun einmal von den Segnungen der Berliner Vorsehung nichts wissen wollten. Das Monopol der »Kölnischen Zeitung« war so stark, daß es ihrem Besitzer regelmäßig gelang, alle auftauchenden Konkurrenzblätter durch Ankauf zu beseitigen, auch wenn sie von Berlin her gefördert wurden. Dasselbe Schicksal drohte der |41| »Rheinischen Allgemeinen Zeitung«, die im Dezember 1839 von den Zensurministern die damals notwendige Konzession erhalten hatte, eben um die Alleinherrschaft der Kölnischen Zeitung« zu brechen. Jedoch im letzten Augenblick tat sich eine Gesellschaft wohlhabender Bürger zusammen, um ein Kapital auf Aktien zur gründlichen Umgestaltung des Blattes aufzubringen. Die Regierung begünstigte das Vorhaben und ließ provisorisch für die nunmehrige »Rheinische Zeitung« die Konzession gelten, die sie ihrer Vorläuferin erteilt hatte.

In der Tat war die Kölner Bourgeoisie weit davon entfernt, der preußischen Herrschaft, die in den Massen der rheinischen Bevölkerung immer noch als Fremdherrschaft betrachtet wurde, irgendwelche Unbequemlichkeiten zu bereiten. Da die Geschäfte gut gingen, hatte sie ihre französischen Sympathien aufgegeben, und nach Gründung des Zollvereins verlangte sie geradezu die preußische Vorherrschaft über Deutschland. Ihre politischen Ansprüche waren äußerst gemäßigt und standen hinter ihren wirtschaftlichen Forderungen zurück, die auf eine Erleichterung der am Rhein schon hoch entwickelten, kapitalistischen Produktionsweise abzielten: sparsame Verwaltung der Staatsfinanzen, Ausbau des Eisenbahnnetzes, Ermäßigung der Gerichtssporteln und Postgebühren, eine gemeinsame Flagge und gemeinsame Konsuln für den Zollverein und was sonst auf solchen Wunschzetteln der Bourgeoisie zu stehen pflegt.

Es zeigte sich nun aber, daß zwei ihrer jungen Leute, denen sie die Einrichtung der Redaktion überlassen hatte, der Referendar Georg Jung und der Assessor Dagobert Oppenheim, begeisterte Junghegelianer waren und namentlich unter dem Einfluß von Moses Heß standen, ebenfalls eines rheinischen Kaufmannssohnes, der sich neben der Hegelschen Philosophie bereits mit dem französischen Sozialismus vertraut gemacht hatte. Sie warben unter ihren Gesinnungsgenossen die Mitarbeiter des Blattes, und namentlich auch unter den Berliner Junghegelianern, von denen Rutenberg sogar die Redaktion des deutschen Artikels übernahm: auf Empfehlung von Marx, der damit keine besondere Ehre einlegen sollte.

Marx selbst muß dem Unternehmen von früh an nahegestanden haben. Er wollte Ende März von Trier nach Köln übersiedeln, aber das Leben war ihm dort zu geräuschvoll; er schlug seine Stätte einstweilen in Bonn auf, von wo Bruno Bauer inzwischen verschwunden war; »es wäre auch schade, wenn niemand hier bliebe, an dem die Heiligen ein Ärgernis nehmen«. Von hier aus begann er seine Beiträge für die »Rheinische Zeitung« zu schreiben, durch die er bald alle anderen Mitarbeiter überflügeln sollte.

|42| Wenngleich die persönlichen Beziehungen Jungs und Oppenheims den ersten Anstoß dazu gegeben haben mögen, das Blatt zum Tummelplatz der Junghegelianer zu machen, so ist doch schwer anzunehmen, daß diese Wendung sich ohne Billigung oder gar wider Wissen der eigentlichen Aktionäre vollzogen haben sollte. Sie werden pfiffig genug gewesen sein, zu erkennen, daß sie fähigere Geistesarbeiter in dem damaligen Deutschland nicht finden konnten. Preußenfreundlich waren die Junghegelianer selbst bis zum Überschwange, und was der Kölner Bourgeoisie sonst an deren Treiben unverständlich oder verdächtig sein mochte, wird sie als unschädliche Schrullen betrachtet haben. Jedenfalls schritt sie nicht ein, als schon in den ersten Wochen aus Berlin Klagen über die »subversive Tendenz« des Blattes einliefen und sein Verbot für das Ende des ersten Quartals drohte. Namentlich durch die Berufung Rutenbergs war die Berliner Vorsehung erschreckt worden; er galt als fürchterlicher Revolutionär und stand unter strenger politischer Aufsicht; noch in den Märztagen von 1848 hat Friedrich Wilhelm IV. vor ihm als dem eigentlichen Anstifter der Revolution gezittert. Wenn der tötende Blitzstrahl einstweilen von dem Blatte abgelenkt wurde, so war es in erster Reihe dem Kultusminister geschuldet; bei aller reaktionären Gesinnung vertrat Eichhorn die Notwendigkeit, der ultramontanen Tendenz der »Kölnischen Zeitung« entgegenzuwirken; möge die Richtung der »Rheinischen Zeitung« »fast noch bedenklicher« sein, so spiele sie doch nur mit Ideen, die für keinen, der irgend festen Fuß im Leben habe, verlockend sein könnten.

Dies war nun freilich am wenigsten der Fehler der Beiträge, die Marx für die »Rheinische Zeitung« lieferte, und die praktische Art, womit er die Dinge angriff, wird die Aktionäre des Blattes gründlicher mit dem Junghegelianismus versöhnt haben als etwa die Beiträge Bruno Bauers oder Max Stirners. Sonst wäre es nicht zu begreifen, daß sie ihn wenige Monate, nachdem er seinen ersten Beitrag eingesandt hatte, im Oktober 1842 bereits an die Spitze des Blattes stellten.

Marx bewährte hier zum ersten Male sein unvergleichliches Geschick, an die Dinge anzuknüpfen, wie sie nun einmal lagen, und versteinerte Zustände zum Tanzen zubringen, indem er ihnen ihre eigene Melodie vorsang.

6. Der rheinische Landtag

|43| In einer Reihe von fünf großen Abhandlungen unternahm Marx, die Verhandlungen des rheinischen Provinziallandtags zu beleuchten, der gerade ein Jahr früher neun Wochen lang in Düsseldorf getagt hatte. Die Provinziallandtage waren ohnmächtige Scheinvertretungen, durch deren Einrichtung die preußische Krone den Bruch ihres Verfassungsversprechens von 1815 zu verdecken gesucht hatte; sie tagten bei verschlossenen Türen und hatten höchstens in kleinlichen kommunalen Angelegenheiten ein wenig mitzureden. Seitdem im Jahre 1837 die Wirren mit der katholischen Kirche in Köln und Posen ausgebrochen waren, wurden sie überhaupt nicht mehr einberufen; vom rheinischen und vom posenschen Landtage war noch am ehesten eine Opposition zu erwarten, wenn auch nur eine Opposition in ultramontanem Sinne.

Vor allen liberalen Abwandlungen waren diese würdigen Körperschaften hinlänglich dadurch geschützt, daß Grundbesitz die unerläßliche Bedingung ihrer Mitgliedschaft war, und zwar sollte der ritterschaftliche Grundbesitz die Hälfte, der städtische ein Drittel und der bäuerliche ein Sechstel aller Mitglieder stellen. In seiner ganzen Schönheit ließ sich dies erbauliche Prinzip nicht in allen Provinzen durchführen, und namentlich in den neuerworbenen Rheinlanden mußten dem modernen Geiste einige Zugeständnisse gemacht werden; immer aber blieb es dabei, daß die Ritterschaft mehr als ein Drittel aller Stimmen besaß, so daß, da die Beschlüsse mit Zweidrittelmehrheit gefaßt werden mußten, nichts gegen ihren Willen geschehen konnte. Dem städtischen Grundbesitz war noch die Beschränkung auferlegt, daß er zehn Jahre in derselben Hand gewesen sein mußte, ehe er wählbar machte, und zudem durfte die Regierung die Wahl jedes städtischen Beamten ablehnen.

Diese Landtage genossen die allgemeinste Verachtung, doch hatte sie Friedrich Wilhelm IV. nach Antritt seiner Regierung wieder für das Jahr 1841 einberufen. Er hatte sogar ihre Rechte ein wenig erweitert, freilich nur zu dem Zweck, den Staatsgläubigern, denen sich die Krone im Jahre 1820 verpflichtet hatte, neue Darlehen nur mit Zustimmung und Garantie der künftigen reichsständischen Versammlung aufzunehmen, ein X für ein U zu machen. In einer berühmten Flugschrift forderte Johann Jacoby die Provinziallandtage auf, die Einlösung des königlichen Verfassungsversprechens als ihr Recht zu beanspruchen, aber er predigte damit tauben Ohren.

Selbst der rheinische Landtag versagte, und gerade auch in der kirchenpolitischen Frage, wegen deren die Regierung ihn am meisten |44| gefürchtet hatte. Mit Zweidrittelmehrheit lehnte er den vom liberalen wie vom ultramontanen Standpunkt gleich selbstverständlichen Antrag ab, den widerrechtlich verhafteten Erzbischof von Köln entweder vor die Gerichte zu stellen oder wieder in sein Amt einzusetzen. An die Verfassungsfrage rührte der Landtag überhaupt nicht, und eine mit mehr als tausend Unterschriften bedeckte Petition, die ihm aus Köln zuging und freien Zutritt zu den Sitzungen des Landtages, die tägliche und unverkürzte Wiedergabe seiner Verhandlungen, ihre sowie aller inneren Landesangelegenheiten freie Besprechung in den öffentlichen Blättern und endlich ein Preßgesetz an Stelle der Zensur verlangte, war von ihm in der kümmerlichsten Weise erledigt worden. Er bat den König nur darum, die Namen der Redner in den Landtagsprotokollen veröffentlichen zu dürfen und beanspruchte daneben nicht ein Preßgesetz mit Abschaffung der Zensur, sondern nur ein den Willkürlichkeiten der Zensoren vorbeugendes Zensurgesetz. Gemäß dem verdienten Schicksal aller Feigheit blitzte er auch damit bei der Krone ab.

Lebendig wurde dieser Landtag nur, wenn es die Interessen des Grundbesitzes zu vertreten galt. Freilich konnte er nicht daran denken, die feudale Herrlichkeit wiederherzustellen. Alle Versuche dazu waren den Rheinländern so in den Tod verhaßt, daß sie darin schlechterdings keinen Spaß verstanden, wie auch die aus den östlichen Provinzen herübergeschickten Beamten nach Berlin berichteten. Insbesondere an der freien Teilbarkeit des Grund und Bodens ließ die rheinische Bevölkerung nicht rütteln, weder zugunsten des »Ritterstandes«, noch zugunsten des »Bauernstandes«, mochte die Parzellierung des Grundbesitzes ins Unendliche auch schon zu seiner förmlichen Zerstäubung geführt haben, wie die Regierung nicht mit Unrecht sagte. Aber ihr Vorschlag, der Parzellierung »zur Erhaltung eines kräftigen Bauernstandes« gewisse Schranken zu setzen, wurde vom Landtage, der darin einig mit der Provinz war, mit 49 gegen 8 Stimmen abgelehnt. Umsomehr erfrischte er sich an einigen Gesetzen über Holzdiebstahl, Jagd-, Forst- und Feldfrevel, die ihm die Regierung vorgelegt hatte; hier machte das Privatinteresse des Grundbesitzes die gesetzgeberische Gewalt zu seiner feilen Dirne, ohne Gram wie ohne Scham.

Nach einem umfassenden Plane ging Marx mit dem Landtag ins Gericht. In der ersten Abhandlung, die sechs lange Artikel umfaßte, behandelte er die Debatten über Preßfreiheit und Veröffentlichung der landständischen Verhandlungen. Die Erlaubnis zu dieser Veröffentlichung, ohne daß die Namen der Redner genannt werden durften, war eine der kleinen Reformen gewesen, durch die der König die Landtage |45| aufzumuntern versucht hatte, jedoch in den Landtagen selbst stieß er damit auf heftigen Widerstand. Soweit wie der brandenburgische und der pommersche Landtag, die sich einfach weigerten, ihre Protokolle zu veröffentlichen, ging der rheinische zwar nicht, aber auch in ihm spielte sich jene alberne Anmaßung auf, die aus dem Gewählten eine Art höheren Wesens macht, das vor allem vor der Kritik der eigenen Wähler geschützt werden müsse. »Der Landtag verträgt den Tag nicht. In der Nacht des Privatlebens ist uns heimlicher zumute. Wenn die ganze Provinz das Vertrauen hat, ihre Rechte einzelnen Individuen anzuvertrauen, so versteht es sich von selbst, daß diese einzelnen Individuen so herablassend sind, das Vertrauen der Provinz zu akzeptieren, aber es wäre wirkliche Überspanntheit, zu verlangen, sie sollten nun Gleiches mit Gleichem vergelten und vertrauensvoll sich selbst, ihre Leistungen, ihre Persönlichkeiten, dem Urteil der Provinz hingeben, die ihnen erst ein Urteil von Konsequenz gegeben hat.«[3] Mit köstlichem Humor verspottete Marx beim ersten Auftauchen schon das, was er später als »parlamentarischen Kretinismus« taufen sollte und all sein Lebtag nicht ausstehen konnte.

Für die Preßfreiheit aber schlug er eine Klinge, wie sie gleich glänzend und scharf weder früher noch später geschlagen worden ist. Neidlos gestand Ruge: »Es ist noch nichts Tieferes und es läßt sich auch nichts Gründlicheres über und für Preßfreiheit sagen. Wir dürfen uns Glück wünschen zu der Durchbildung, der Genialität und der souveränen Beherrschung ordinärer Gedankenverwirrung, welche hiermit in unserer Publizistik auftritt.« Marx sprach in diesen Artikeln einmal von dem freien heiteren Klima seiner Heimat, und heute noch liegt auf ihnen ein leichter Glanz wie der Sonnenschein auf den Rebenhügeln des Rheins. Hatte Hegel von der »elenden, alles auflösenwollenden Subjektivität der schlechten Presse« gesprochen, so ging Marx auf die bürgerliche Aufklärung zurück, wie er denn in der »Rheinischen Zeitung« die Kantische Philosophie als die deutsche Theorie der Französischen Revolution anerkannte [4], aber er ging darauf zurück, bereichert mit allen politischen und sozialen Fernsichten, die ihm Hegels historische Dialektik erschloß. Man braucht seine Artikel in der »Rheinischen Zeitung« nur mit Jacobys »Vier Fragen« zu vergleichen, um zu erkennen, was damit erreicht war; das königliche Verfassungsversprechen von 1815, auf das Jacoby immer wieder als auf das A und O der ganzen Verfassungsfrage zurückkam, hat Marx nicht einmal einer beiläufigen Erwähnung für wert gehalten.

Allein so sehr er die freie Presse als das offene Auge des Volksgeistes |46| feierte, gegenüber der zensierten Presse mit ihrem Grundlaster der Heuchelei, aus dem alle ihre anderen Gebrechen, ihre, selbst ästhetisch betrachtet, ekelhaften Laster der Passivität flössen, so verkannte er doch nicht die Gefahren, die auch der freien Presse drohten. Ein Redner aus dem Städtestande hatte die Preßfreiheit als einen Teil der Gewerbefreiheit gefordert, worauf Marx antwortete: »Ist die Presse frei, die sich zum Gewerbe herabwürdigt? Der Schriftsteller muß allerdings erwerben, um existieren und schreiben zu können, aber er muß keineswegs existieren und schreiben, um zu erwerben ... Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein. Dem Schriftsteller, der sie zum materiellen Mittel herabsetzt, gebührt als Strafe dieser inneren Unfreiheit die äußere, die Zensur, oder vielmehr ist schon seine Existenz seine Strafe.«[5] Und Marx hat durch sein ganzes Leben bekräftigt, was er von dem Schriftsteller fordert, seine Arbeiten müßten immer Selbstzweck sein; sie seien so wenig Mittel für ihn selbst und für andere, daß er ihrer Existenz seine Existenz opfere, wenns not tue.

Die zweite Abhandlung über den rheinischen Landtag beschäftigte sich mit der »erzbischöflichen Geschichte«, wie Marx an Jung schrieb. Sie ist von der Zensur gestrichen und auch später nicht veröffentlicht worden, obgleich Ruge sich erbot, sie in die »Anekdota« aufzunehmen. An Ruge schrieb Marx am 9. Juli 1842: »Glauben Sie übrigens nicht, daß wir am Rhein in einem politischen Eldorado leben. Es gehört die konsequenteste Zähigkeit dazu, um eine Zeitung wie die ›Rheinische‹ durchzuschlagen. Mein zweiter Artikel über den Landtag, betreffend die kirchlichen Wirren, ist gestrichen. Ich habe darin nachgewiesen, wie die Verteidiger des Staats sich auf kirchlichen und die Verteidiger der Kirche sich auf staatlichen Standpunkt gestellt. Dieser Inzident ist der ›Rheinischen‹ um so unlieber, als die dummen kölnischen Katholiken in die Falle gelaufen und die Verteidigung des Erzbischofs Abonnenten gelockt hätte. Sie haben übrigens schwerlich eine Vorstellung, wie niederträchtig die Gewaltleute und wie dumm zugleich sie mit dem orthodoxen Dickkopf umgesprungen sind. Aber der Erfolg hat das Werk gekrönt; Preußen hat dem Papst vor aller Welt den Pantoffel geküßt, und unsre Regierungsmaschinen gehn über die Straße, ohne zu erröten.« Der Schlußsatz bezieht sich darauf, daß Friedrich Wilhelm IV., gemäß seinen romantischen Neigungen, sich in Friedensverhandlungen mit der Kurie eingelassen hatte, die ihn zum Dank dafür nach allen Regeln vatikanischer Kunst übers Ohr hieb.

Was Marx an Ruge über diesen Artikel schrieb, wird man nicht dahin mißverstehen dürfen, daß er ernsthaft die Verteidigung des Erzbischofs |47|* geführt habe, um die Kölner Katholiken in eine Falle zu locken. Er blieb sich vielmehr durchaus konsequent, wenn er die vollkommen ungesetzliche Verhaftung des Erzbischofs wegen kirchlicher Handlungen und die Forderung der Katholiken nach einem gerichtlichen Verfahren gegen den widerrechtlich Verhafteten dahin erläuterte, daß sich die Verteidiger des Staats auf kirchlichen und die Verteidiger der Kirche auf staatlichen Boden gestellt hätten. In dieser verkehrten Welt die richtige Stellung zu nehmen, war allerdings eine entscheidende Frage für die »Rheinische Zeitung«, gerade auch aus den Gründen, die Marx weiterhin in seinem Brief an Ruge angab, weil die ultramontane Partei, die von der Zeitung lebhaft bekämpft wurde, am Rhein die gefährlichste war und die Opposition sich zu sehr daran gewöhnt hatte, innerhalb der Kirche zu opponieren.

Die dritte Abhandlung, die fünf lange Aufsätze umfaßte, beleuchtete die Verhandlungen, die der Landtag über ein Holzdiebstahlsgesetz geführt hatte. Mit ihr kam Marx auf die »ebene Erde« oder wie er ein andermal den gleichen Gedanken ausgedrückt hat: er kam in die Verlegenheit, über materielle Interessen sprechen zu müssen, die in Hegels ideologischem System nicht vorgesehen waren. In der Tat hat er das Problem, das mit diesem Gesetze gestellt war, noch nicht so scharf gefaßt, wie er in späteren Jahren getan haben würde. Es handelte sich um den Kampf der aufkommenden kapitalistischen Ära gegen die letzten Reste des Gemeineigentums am Grund und Boden, um einen grausamen Enteignungskrieg gegen die Volksmassen; von 207.478 strafgerichtlichen Untersuchungen, die 1836 im preußischen Staat geführt wurden, bezogen sich gegen 150.000, also nahe an drei Viertel, auf Holzdiebstähle, Forst-, Jagd- und Hutungsvergehen.

Bei der Beratung des Holzdiebstahlsgesetzes hatte sich im rheinischen Landtage das ausbeuterische Interesse des privaten Grundbesitzes in der unbeschämtesten Weise durchgesetzt, noch über den Entwurf der Regierung hinaus. Hiergegen trat nun Marx mit schneidender Kritik »für die arme politisch und sozial besitzlose Menge« ein, aber noch nicht mit ökonomischen, sondern mit rechtlichen Gründen. Er forderte für die bedrohten Armen die Wahrung ihrer Gewohnheitsrechte, deren Grundlage er in dem schwankenden Charakter eines gewissen Eigentums fand, der es nicht entschieden zum Privat-, aber auch nicht entschieden zum Gemeineigentum stempele, in einer Mischung von Privatrecht und öffentlichem Rechte, die uns in allen Einrichtungen des Mittelalters entgegentrete. Der Verstand habe diese zwitterhaften, schwankenden Bildungen des Eigentums aufgehoben, indem er die dem römischen |48|* Recht entnommenen Kategorien des abstrakten Privatrechts auf sie anwandte, aber in den Gewohnheitsrechten der armen Klasse lebe ein instinktmäßiger Rechtssinn; ihre Wurzel sei positiv und legitim.

Wenn die historische Erkenntnis dieser Abhandlung noch einen »gewissen schwankenden Charakter« trägt, so zeigt sie nichtsdestoweniger oder vielmehr eben dadurch, was im letzten Grunde diesen großen Vorkämpfer der »armen Klassen« erweckt hat, überall aus der Schilderung der Bübereien, durch die das Privatinteresse der Waldeigentümer Logik und Vernunft, Gesetz und Recht und nicht zuletzt die Interessen des Staates zerstampfte, um sich an den Armen und Elenden zu befriedigen, tönt das Knirschen des ganzen inneren Menschen hervor. »Um sich der Forstfrevler zu versichern, hat der Landtag dem Rechte nicht nur Arme und Beine gebrochen, sondern sogar das Herz durchbohrt.«[6] An diesem Beispiele wollte Marx erweisen, was von einer Ständeversammlung der Sonderinteressen zu erwarten sei, wenn sie einmal ernstlich zur Gesetzgebung berufen würde.

Dabei hielt Marx noch an der Hegelschen Rechts- und Staatsphilosophie fest. Nicht zwar, indem er wie die wortgläubigen Nachbeter Hegels den preußischen Staat als den idealen Staat feierte, sondern indem er den preußischen Staat an dem idealen Staat maß, der sich aus den philosophischen Voraussetzungen Hegels ergab. Marx betrachtete den Staat als den großen Organismus, worin die rechtliche, sittliche und politische Freiheit ihre Verwirklichung zu erhalten habe und der einzelne Staatsbürger in den Staatsgesetzen nur den Naturgesetzen seiner eigenen Vernunft, der menschlichen Vernunft gehorche. Von diesem Standpunkt aus wurde Marx noch mit den Debatten des Landtags über das Holzdiebstahlgesetz fertig, und wäre auch wohl noch mit der vierten Abhandlung fertig geworden, die ein Gesetz über Jagd-, Forst- und Feldfrevel behandeln, nicht aber mehr mit der fünften, die den ganzen Bau krönen und die »irdische Frage in Lebensgröße«, die Parzellierungsfrage erörtern sollte.

Wie das bürgerliche Rheinland vertrat Marx die freie Teilbarkeit des Grund und Bodens; dem Bauern die Parzellierungsfreiheit beschränken, hieße seiner physischen Armut die rechtliche Armut hinzufügen. Aber mit diesem rechtlichen Gesichtspunkt war die Frage nicht erledigt; der französische Sozialismus hatte längst darauf hingewiesen, daß die freie Teilbarkeit des Grund und Bodens ein hilfloses Proletariat schaffe, und sie mit der atomistischen Isolierung des Handwerks auf eine Stufe gestellt. Wollte Marx sie behandeln, so mußte er sich mit dem Sozialismus auseinandersetzen.

|49| Sicherlich hatte er diese Notwendigkeit erkannt, und er am wenigsten wäre ihr ausgewichen, wenn er die geplante Reihe seiner Abhandlungen vollendet hätte. Jedoch dazu ist es nicht gekommen. Als die dritte Abhandlung in der »Rheinischen Zeitung« veröffentlicht wurde, war Marx schon ihr Redakteur, und nun trat das sozialistische Rätsel an ihn heran, noch ehe er es lösen konnte.

7. Fünf Kampfmonate

Im Laufe des Sommers hatte sich die »Rheinische Zeitung« ein paar kleine Streifzüge ins soziale Gebiet gestattet; vermutlich ist Moses Heß ihr Urheber gewesen. Einmal hatte sie einen Artikel aus einer Zeitschrift Weitlings über die Berliner Familienhäuser als einen Beitrag zu einer »wichtigen Zeitfrage« nachgedruckt und ihrem Bericht über einen Straßburger Gelehrtenkongreß, auf dem auch sozialistische Fragen verhandelt worden waren, die ganz nichtssagende Bemerkung hinzugefügt, wenn der nichtsbesitzende Stand nach den Reichtümern der Mittelklasse trachte, so lasse sich das mit dem Kampfe der Mittelklassen gegen den Adel im Jahre 1789 vergleichen, aber diesmal werde sich eine friedliche Lösung finden.

Die harmlosen Anlässe genügten der »Allgemeinen Zeitung« in Augsburg, die »Rheinische Zeitung» auf Liebäugeln mit dem Kommunismus anzuklagen. Sie selbst besaß in diesem Punkte kein reines Gewissen und hatte aus der Feder Heines viel brenzlichere Sachen über den französischen Sozialismus und Kommunismus veröffentlicht, aber sie war das einzige deutsche Blatt von nationaler und selbst internationaler Bedeutung, und diese Stellung begann durch die »Rheinische Zeitung« gefährdet zu werden. So wenig erhebende Ursachen also ihr heftiger Angriff hatte, so war er doch nicht ohne boshaftes Geschick angelegt; neben allerlei Anspielungen auf die reichen Kaufmannssöhne, die in unschuldiger Einfalt mit sozialistischen Ideen spielten, ohne jeden Gedanken daran, mit den Kölner Domwerkleuten und Hafenträgern ihre Habe zu teilen, trumpfte er namentlich darauf, daß es doch nur eine kindliche Verirrung sei, in einem ökonomisch noch so weit zurückgebliebenen Lande, wie Deutschland sei, der Mittelklasse, die kaum schon frei zu atmen wage, mit dem Lose des französischen Adels von 1789 zu drohen.

Die Abwehr des bissigen Ergusses war die erste redaktionelle Aufgabe, die Marx zu lösen hatte, und sie war für ihn unbequem genug. |50| Er wollte nicht Dinge decken, die er selbst als » Stümpereien« empfand, aber er konnte auch nicht sagen, wie es ihn um den Kommunismus dünke. So spielte er zwar nach Möglichkeit den Krieg ins Lager der Gegnerin, indem er ihr selbst kommunistische Gelüste unterschob, gestand aber ehrlich ein, daß es der »Rheinischen Zeitung« nicht gegeben sei, mit einer Phrase Probleme zu bändigen, an deren Bezwingung zwei Völker arbeiteten. Sie werde die kommunistischen Ideen, denen sie in ihrer jetzigen Gestalt nicht einmal theoretische Wirklichkeit zugestehen, also noch weniger ihre praktische Verwirklichung wünschen oder auch nur für möglich halten könne, einer gründlichen Kritik unterwerfen, »nach langanhaltenden und tiefgehenden Studien«, denn Schriften, wie die von Leroux, Considérant und vor allem das scharfsinnige Werk Proudhons könnten nicht durch oberflächliche Einfälle des Augenblicks abgetan werden.

Später hat Marx wohl gemeint, dieser Streit habe ihm die Tätigkeit an der »Rheinischen Zeitung« verleidet, und er habe »begierig« die Gelegenheit ergriffen, sich in die Studierstube zurückzuziehen. Dabei hat sich ihm aber, wie es in der Erinnerung zu geschehen pflegt, Ursache und Wirkung zu unmittelbar aneinandergerückt. Einstweilen war Marx noch mit Leib und Leben bei der Sache, die ihm viel zu wichtig erschien, als daß er um ihretwillen nicht mit den alten Berliner Genossen gebrochen hätte. Mit denen war gar kein Staat mehr zu machen, seitdem die gemilderte Zensurinstruktion den Doktorklub, durch den doch immer »ein geistiges Interesse ging«, in eine Gesellschaft der sogenannten Freien gewandelt hatte, in der sich so ziemlich alle vormärzlichen Literaten der preußischen Hauptstadt zusammenfanden, um die politischen und sozialen Revolutionäre in der Gestalt wild gewordener Philister zu spielen. Marx wurde schon im Sommer durch dies Treiben beunruhigt; er sagte, ein anderes sei es, seine Emanzipation erklären, was Gewissenhaftigkeit sei, ein anderes, sich im voraus als renommistische Propaganda auszuschreien. Aber er meinte, zum Glück sei Bruno Bauer in Berlin; dieser werde dafür sorgen, daß wenigstens keine »Dummheiten« begangen würden.

Darin irrte Marx leider. Nach einer glaubwürdigen Mitteilung hat sich zwar Köppen von dem Treiben der Freien ferngehalten, nicht aber Bruno Bauer, der sich nicht einmal genierte, den Fähnchenführer bei ihren Eulenspiegeleien zu spielen. Ihre Bettelaufzüge in den Straßen, ihre Skandalszenen in Bordellen und Kneipen, ihr abgeschmacktes Hänseln eines wehrlosen Geistlichen, dem Bruno Bauer bei Stirners Trauung die messingenen Ringe seiner gehäkelten Geldbörse mit dem Bemerken |51| überreichte, als Trauringe seien sie gut genug - alles das machte die Freien zum Gegenstande halb der Bewunderung und halb des Grauens für alle zahmen Philister, stellte aber unheilbar die Sache bloß, die sie angeblich vertraten.

Natürlich wirkte dies gassenjungenhafte Treiben auch verheerend auf die geistige Produktion der Freien, und Marx hatte mit ihren Beiträgen für die »Rheinische Zeitung« seine liebe Not. Viele davon verfielen dem Rotstifte des Zensors, aber - so schrieb Marx an Ruge - »ebensoviel wie der Zensor erlaubte ich mir selbst zu annullieren, indem Meyen und Konsorten weltumwälzungsschwangre und gedankenleere Sudeleien in saloppem Stil, mit etwas Atheismus und Kommunismus (den die Herrn nie studiert haben) versetzt, haufenweise uns zusandten, bei Rutenbergs gänzlichem Mangel an Kritik, Selbständigkeit und Fähigkeit sich gewöhnt hatten, die ›Rh[einische] Z[eitung]‹ als ihr willenloses Organ zu betrachten, ich aber nicht weiter dies Wasserabschlagen in alter Weise gestatten zu dürfen glaubte«. Dies war der erste Grund zur »Verfinsterung des Berliner Himmels«, wie Marx sagte.

Zum Bruche kam es, als im November 1842 Herwegh und Ruge einen Besuch in Berlin machten. Herwegh befand sich damals auf seiner berühmten Triumphfahrt durch Deutschland, auf der er auch mit Marx in Köln schnelle Freundschaft geschlossen hatte; in Dresden war er mit Ruge zusammengetroffen und mit ihm zusammen nach Berlin gereist. Hier vermochten sie begreiflicherweise dem Unfug der Freien keinen Geschmack abzugewinnen; Ruge kam hart mit seinem Mitarbeiter Bruno Bauer aneinander, weil ihm dieser »die lächerlichsten Dinge auf die Nase binden« wollte, so die Behauptung, daß Staat, Eigentum und Familie im Begriff aufgelöst werden müßten, ohne daß man sich um die positive Seite der Sache weiter zu bekümmern habe. Ebenso geringes Wohlgefallen fand Herwegh an den Freien, die sich für diese Mißachtung dafür rächten, daß sie die bekannte Audienz des Dichters beim König und seine Verlobung mit einem reichen Mädchen in ihrer Weise durchhechelten.

Die streitenden Teile wandten sich beide an die »Rheinische Zeitung«. Herwegh, im Einverständnis mit Ruge, bat um die Aufnahme einer Notiz, worin den Freien zwar zugestanden war, daß sie einzeln meistens treffliche Leute seien, aber hinzugefügt wurde, daß sie, wie Herwegh und Ruge ihnen offen erklärt hätten, durch ihre politische Romantik, Geniesucht und Renommage die Sache und die Partei der Freiheit kompromittierten. Marx veröffentlichte diese Notiz, wurde nun aber mit |52| groben Briefen von Meyen überfallen, der sich zum Sprachrohr der Freien machte.

Marx antwortete zunächst ganz sachlich, indem er die Mitarbeit der Freien auf den richtigen Weg zu leiten suchte. »Ich forderte auf, weniger vages Räsonnement, großklingende Phrasen, selbstgefällige Bespiegelungen und mehr Bestimmtheit, mehr Eingehn in die konkreten Zustände, mehr Sachkenntnis an den Tag zu fördern. Ich erklärte, daß ich das Einschmuggeln kommunistischer und sozialistischer Dogmen, also einer neuen Weltanschauung, in beiläufigen Theaterkritiken etc. für unpassend, ja für unsittlich halte und eine ganz andere und gründlichere Besprechung des Kommunismus, wenn er einmal besprochen werden solle, verlange. Ich begehrte dann, die Religion mehr in der Kritik der politischen Zustände, als die politischen Zustände in der Religion zu kritisieren, da diese Wendung mehr dem Wesen einer Zeitung und der Bildung des Publikums entspricht, da die Religion, an sich inhaltlos, nicht vom Himmel, sondern von der Erde lebt, und mit der Auflösung der verkehrten Realität, deren Theorie sie ist, von selbst stürzt. Endlich wollte ich, daß, wenn einmal von Philosophie gesprochen, weniger mit der Firma: ›Atheismus‹ getändelt (was den Kindern ähnlich sieht, die jedem, der's hören will, versichern, sie fürchteten sich nicht vor dem Bautzenmann) als vielmehr ihr Inhalt unters Volk gebracht würde.« Diese Ausführungen gewähren zugleich einen lehrreichen Blick in die Grundsätze, nach denen Marx die »Rheinische Zeitung« leitete.

Ehe indessen seine Ratschläge an ihr Ziel gelangt waren, erhielt er einen »insolenten Brief« von Meyen, worin dieser nicht mehr und nicht weniger forderte, als die Zeitung solle nicht »temperieren«, sondern das »Äußerste tun«, das heißt, um der Freien willen sich unterdrücken lassen. Nun wurde auch Marx ungeduldig und schrieb an Ruge: »Aus alledem leuchtet eine schreckliche Dosis Eitelkeit heraus, die nicht begreift, wie man, um ein politisches Organ zu retten, einige Berliner Windbeuteleien preisgeben kann, die an überhaupt nichts denkt, als an ihre Cliquengeschichten ... Da wir nun von morgens bis abends die schrecklichsten Zensurquälereien, Ministerialschreibereien, Oberpräsidialbeschwerden, Landtagsklagen, Schreien der Aktionäre etc. etc. zu tragen haben und ich bloß auf dem Posten bleibe, weil ich es für Pflicht halte, der Gewalt die Verwirklichung ihrer Absichten, so viel an mir liegt, zu vereiteln, so können Sie denken, daß ich etwas gereizt bin und dem M[eyen] ziemlich derb geantwortet habe.« In der Tat war es der Bruch mit den Freien, die politisch alle ein mehr oder minder trauriges |53|* Ende genommen haben; von Bruno Bauer, dem späteren Mitarbeiter der »Kreuzzeitung« und der »Post«, bis zu Eduard Meyen, der als Redakteur der »Danziger Zeitung« starb und über sein verlorenes Leben mit dem kläglichen Witze quittierte, er dürfe nur die protestantischen Orthod-oxen verhöhnen, denn den päpstlichen Syllabus zu kritisieren, habe ihm der liberale Besitzer des Blattes aus Rücksicht auf die katholischen Abonnenten verboten. Andere der Freien sind bei der offiziösen oder gar offiziellen Presse untergekrochen wie Rutenberg, der einige Jahrzehnte später als Redakteur des »Preußischen Staats-Anzeigers« gestorben ist.

Damals aber, im Herbst 1842, war er noch der gefürchtete Mann, und die Regierung verlangte seine Entfernung. Sie hatte den Sommer über das Blatt zwar durch die Zensur aufs äußerste gequält, aber noch sein Leben geschont, in der Hoffnung, daß es von selbst eingehen werde; am 8. August berichtete der rheinische Oberpräsident von Schaper nach Berlin, die Zahl der Abonnenten beliefe sich nur auf 885. Aber am 15. Oktober hatte Marx die Redaktion übernommen, und am 10. November meldete Schaper, die Abonnentenzahl nehme unaufhaltsam zu; sie habe sich von 885 auf 1.820 gehoben, und die Tendenz des Blattes werde immer feindseliger und frecher. Dazu kam, daß der »Rheinischen Zeitung« ein äußerst reaktionärer Ehegesetzentwurf auf den Tisch geflogen war, dessen vorzeitige Veröffentlichung den König um so mehr erbitterte, als die beabsichtigte Erschwerung der Ehescheidung einen heftigen Widerstand in der Bevölkerung fand. Er verlangte, die Zeitung mit sofortiger Unterdrückung zu bedrohen, falls sie den Einsender des Entwurfs nicht nenne, doch wollten die Minister dem verhaßten Blatte, von dem sie wußten, daß es ein so entwürdigendes Ansinnen zurückweisen würde, keine Märtyrerkrone flechten. Sie begnügten sich, Rutenberg aus Köln zu entfernen, und bei Strafe des Verbots die Ernennung eines verantwortlichen Redakteurs zu verlangen, der an Stelle des Verlegers Renard das Blatt zu zeichnen habe. Zugleich wurde statt des bisherigen, wegen seiner Beschränktheit verrufenen Zensors Dolleschall ein Assessor Wiethaus ernannt.

Marx meldete am 30. November an Ruge: »Rutenberg, dem schon der deutsche Artikel (an dem seine Tätigkeit hauptsächlich im Interpunktieren bestand) gekündigt, dem nur auf mein Verwenden der französische provisorisch übertragen worden, Rutenberg hatte bei der ungeheuern Dummheit unserer Staatsvorsehung das Glück, für gefährlich zu gelten, obgleich er niemandem gefährlich war als der ›Rheinischen Zeitung‹ und sich selbst. Rut[enbergs] Entfernung wurde gewaltsam |54| verlangt. Die preußische Vorstehung, dieser despotisme prussien, le plus hypocrite, le plus fourbe, ersparte dem Geranten [Renard] einen unangenehmen Auftritt, und der neue Märtyrer, der schon in Physiognomie, Haltung und Sprache das Märtyrerbewußtsein mit einiger Virtuosität darzustellen weiß, Rutenberg beutet diese Gelegenheit aus, schreibt in alle Welt, schreibt nach Berlin, er sei das exilierte Prinzip der ›Rh[einischen] Z[eitung]‹, die eine andere Stellung zur Regierung entriert.« Marx erwähnt den Zwischenfall unter dem Gesichtspunkt, daß sein Zerwürfnis mit den Berliner Freien dadurch geschärft worden sei, aber es scheint fast, als ob er mit dem Spott über den »Märtyrer« Rutenberg dem armen Teufel doch ein wenig zu viel getan habe.

Seine Bemerkung, daß die Entfernung Rutenbergs »gewaltsam verlangt« und dem Verleger Renard dadurch ein »unangenehmer Auftritt« erspart worden sei, läßt sich nicht wohl anders auslegen, als daß man sich der »Gewalt« gefügt und auf jeden Versuch verzichtet hat, Rutenberg zu halten. Ein solcher Versuch wäre ohne allen Zweifel aussichtslos gewesen und man hatte auch wohl Grund, dem Verleger jeden unangenehmen Auftritt« zu ersparen, das will sagen, jede protokollarische Vernehmung, für die der gänzlich unpolitische Buchhändler nicht taugte. Ein schriftlicher Protest gegen das angedrohte Verbot der Zeitung ist von ihm auch nur unterzeichnet, aber wie der handschriftliche Entwurf bezeugt, der sich im Kölner Stadtarchiv befindet, von Marx verfaßt worden.

Hierin wird, »der Gewalt nachgebend«, die einstweilige Entfernung Rutenbergs zugestanden und die Anstellung eines verantwortlichen Redakteurs verheißen. Auch will die »Rheinische Zeitung« gern alles tun, um sich vor dem Untergange zu bewahren, soweit es mit dem Beruf eines unabhängigen Blattes vereinbar sei. Sie will sich in der Form eine größere Mäßigung auferlegen als bisher, nämlich soweit es der Inhalt gestatte. Das Schreiben ist mit einer diplomatischen Vorsicht abgefaßt, von der sich aus dem Leben seines Verfassers kein zweites Beispiel beibringen läßt, aber wenn es unbillig sein würde, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, so würde es nicht minder unbillig sein, zu sagen, daß der junge Marx darin seinen damaligen Überzeugungen merkliche Gewalt angetan habe. Auch nicht in dem, was er über die preußenfreundlichen Gesinnungen der Zeitung sagt. Neben ihren polemischen Artikeln gegen die preußenfeindlichen Bestrebungen der Augsburger »Allgemeinen Zeitung« und neben ihrer Agitation für die Ausdehnung des Zollvereins auf das nordwestliche Deutschland hätten sich ihre preußischen Sympathien vor allem in ihrem steten Hinweisen auf |55| norddeutsche Wissenschaft im Gegensatze zu der Oberflächlichkeit der französischen und auch der süddeutschen Theorien gezeigt. Die »Rheinische Zeitung« sei das erste »rheinische und überhaupt süddeutsche Blatt«, das hier den norddeutschen Geist einführe und damit zu der geistigen Einigung der getrennten Stämme beitrage.

Auf diese Eingabe antwortete der Oberpräsident von Schaper ziemlich ungnädig; selbst wenn Rutenberg sofort entlassen und ein durchaus geeigneter Redakteur namhaft gemacht würde, hinge es von der weiteren Haltung des Blattes ab, ob es eine endgültige Konzession erhielte. Nur für die Bestellung des neuen Redakteurs wurde ein Spielraum bis zum 12. Dezember eingeräumt. Es ist nicht dazu gekommen, denn in der Mitte Dezember war schon ein neuer Krieg im Gange. Zwei Korrespondenzen der Zeitung aus Bernkastel über die elende Lage der Moselbauern veranlaßten Schaper zu zwei Berichtigungen, die inhaltlich ebenso nichtig, wie formell ungezogen waren. Die »Rheinische Zeitung« machte zunächst noch einmal gute Miene zum bösen Spiel und lobte die »ruhige Würde« dieser Berichtigungen, die die Männer des geheimen Polizeistaats beschäme und die geeignet sei, »das Mißtrauen ebenso zu vernichten, als das Vertrauen zu befestigen«. Aber nachdem sie das nötige Material gesammelt hatte, brachte sie von Mitte Januar ab in fünf Artikeln [7] eine Fülle urkundlicher Beweise dafür bei, daß die Regierung die Notschreie der Moselbauern mit grausamer Härte unterdrückt hatte. Der oberste Beamte der Rheinprovinz war dadurch bis auf die Knochen blamiert. Jedoch wurde ihm der süße Trost, daß die Unterdrückung der Zeitung bereits am 21. Januar 1843 durch den Ministerrat im Beisein des Königs beschlossen worden war. Um die Jahreswende hatte eine Reihe von Vorkommnissen den Zorn des Königs gereizt: ein sentimental-trotziger Brief, den Herwegh aus Königsberg an ihn gerichtet und den die »Leipziger Allgemeine Zeitung« ohne Wissen und wider Willen des Verfassers veröffentlicht hatte, die Freisprechung Johann Jacobys von der Anklage des Hochverrats und der Majestätsbeleidigung durch den obersten Gerichtshof, endlich auch das Neujahrsbekenntnis der »Deutschen Jahrbücher« »zur Demokratie mit ihren praktischen Problemen«. Sie wurden daraufhin sofort verboten, und so auch - für Preußen - die »Leipziger Allgemeine Zeitung«; nun sollte in einem Aufwaschen auch die Hurenschwester vom Rhein« daran, zumal da sie die Unterdrückung der beiden Blätter scharf gegeißelt hatte.

Zur formellen Handhabe des Verbots diente der angebliche Mangel einer Konzession - »als wenn in Preußen, wo kein Hund leben darf ohne seine Polizeimarke, die ›Rh[einische Zeitung]‹ auch nur einen Tag |56| ohne die offiziellen Lebensbedingungen hätte erscheinen können«, wie Marx meinte - und als »sachlicher Grund« wurde der alt- wie neupreußische Schwatz von der ruchlosen Tendenz angegeben - »der alte Larifari von schlechter Gesinnung, hohler Theorie, Dideldumdey usw.«, wie Marx spottete. Aus Rücksicht auf die Aktionäre wurde das Erscheinen der Zeitung bis zum Ablauf des Vierteljahrs gestattet. »Während dieser Galgenfrist hat sie Doppelzensur. Unser Zensor, ein ehrenwerter Mann, ist unter die Zensur des hiesigen Regierungspräsidenten von Gerlach, eines passiv gehorsamen Dummkopfs, gestellt, und zwar muß unser fertiges Blatt der Polizeinase zum Riechen präsentiert werden, und wenn sie was Unchristliches, Unpreußisches riecht, darf die Zeitung nicht erscheinen.« So Marx an Ruge. In der Tat war der Assessor Wiethäus ehrenwert genug, auf die Zensur zu verzichten, wofür ihn die Kölner Liedertafel durch ein Ständchen ehrte. An seine Stelle wurde aus Berlin der Ministerialsekretär Saint-Paul gesandt, der den Henkersdienst so eifrig versah, daß die Doppelzensur bereits am 18. Februar aufgehoben werden konnte.

Das Verbot der Zeitung wurde von der ganzen Rheinprovinz als eine ihr zugefügte Schmach empfunden. Die Zahl der Abonnenten schnellte auf 3.200 empor, und Petitionen, die sich mit Tausenden von Unterschriften bedeckten, gingen nach Berlin, um den drohenden Schlag noch abzuwenden. Auch eine Deputation von Aktionären machte sich auf den Weg, wurde beim Könige aber nicht erst vorgelassen, wie denn die Petitionen aus der Bevölkerung spurlos in den Papierkörben des Ministeriums verschwunden wären, wenn sie nicht energische Rüffel an die Beamten veranlaßt hätten, die sie unterschrieben hatten. Bedenklicher war, daß die Aktionäre durch eine schwächere Haltung des Blattes zu erreichen suchten, was ihren beweglichen Vorstellungen nicht gelungen war; wesentlich dieser Umstand veranlaßte Marx, schon am 17. März die Redaktion niederzulegen, was ihn natürlich nicht hinderte, der Zensur bis zum letzten Augenblick das Leben so sauer wie möglich zu machen.

Saint-Paul war ein jugendlicher Bohemien, der in Berlin mit den Freien kneipte, wie er sich vor den Kölner Bordellen mit den Nachtwächtern prügelte. Aber er war ein verschmitzter Bursche, der bald entdeckte, wo der »doktrinäre Mittelpunkt« der »Rheinischen Zeitung« und der »lebendige Quell« ihrer Theorien war. In seinen Berichten nach Berlin sprach er mit unwillkürlicher Achtung von Marx, dessen Charakter wie Geist ihm offenbar mächtig imponiert hatten, trotz des »tiefen, spekulativen Irrtums«, den er an ihm entdeckt haben wollte. Am |57| 2. März konnte Saint-Paul nach Berlin melden, daß Marx sich entschlossen habe, »unter den jetzigen Umständen« jede Verbindung mit der »Rheinischen Zeitung« aufzugeben und Preußen zu verlassen, was die Berliner Neunmalweisen veranlaßte, in ihren Akten zu vermerken, es sei kein Verlust, wenn Marx auswandere, da seine »ultrademokratischen Gesinnungen mit dem Prinzip des preußischen Staats in völligem Widerspruch ständen«, was sich gewiß nicht bestreiten ließ. Am 18. jubelte dann der würdige Zensor: »Der spiritus rector des ganzen Unternehmens, Dr. Marx, ist gestern definitiv ausgetreten, und Oppenheim, ein wirklich im ganzen gemäßigter, übrigens unbedeutender Mann, hat die Redaktion übernommen ... Ich befinde mich dabei sehr wohl und habe heute kaum ein Viertel der sonstigen Zeit auf die Zensur verwandt.« Er machte dem scheidenden Marx das schmeichelhafte Kompliment, in Berlin vorzuschlagen, daß man nunmehr die »Rheinische Zeitung« ruhig weiter bestehen lassen solle. Indessen übertrafen ihn seine Auftraggeber an feiger Gesinnung; er wurde angewiesen, den Redakteur der »Kölnischen Zeitung«, einen gewissen Hermes, heimlich zu kaufen und den Verleger dieses Blattes einzuschüchtern, dem die »Rheinische Zeitung« die Möglichkeit einer gefährlichen Konkurrenz bewiesen hatte, und dies Schelmenstück gelang.

Marx selbst aber schrieb schon am 25. Januar an Ruge, demselben Tage, an dem das Verbot der »Rheinischen Zeitung« nach Köln gelangt war: »Mich hat nichts überrascht. Sie wissen, was ich gleich von der Zensurinstruktion hielt. Ich sehe hier nur eine Konsequenz, ich sehe in der Unterdrückung der ›Rh[einischen] Z[eitung]‹ einen Fortschritt des politischen Bewußtseins und resigniere daher. Außerdem war mir die Atmosphäre so schwül geworden. Es ist schlimm, Knechtsdienste, selbst für die Freiheit zu verrichten und mit Nadeln statt mit Kolben zu fechten. Ich bin der Heuchelei, der Dummheit, der rohen Autorität und unseres Schmiegens, Biegens, Rückendrehens und Wortklauberei müde gewesen. Also die Regierung hat mich wieder in Freiheit gesetzt ... In Deutschland kann ich nichts mehr beginnen. Man verfälscht sich hier selbst.«

8. Ludwig Feuerbach

In eben diesem Briefe bestätigte Marx den Empfang der Sammlung, in die er seinen politischen Erstling gestiftet hatte. Sie war in zwei Bänden unter dem Titel »Anekdota zur neuesten deutschen Philosophie |58| und Publizistik« von dem Literarischen Kontor in Zürich, das Julius Fröbel als Heimstätte für deutsche Zensurflüchtlinge gegründet hatte, im Anfang März 1843 herausgegeben worden.

In ihnen marschierte noch einmal die alte Garde der Junghegelianer auf, doch schon in wankenden Reihen, und in ihrer Mitte der kühne Denker, der die ganze Philosophie Hegels zu den Toten warf, der den »absoluten Geist« für den abgeschiedenen Geist der Theologie und somit für den reinen Gespensterglauben erklärte, der alle Geheimnisse der Philosophie gelöst sah im Anschauen der Menschen und der Natur. Die »Vorläufigen Thesen zur Reform der Philosophie«, die Ludwig Feuerbach in den »Anekdotis« veröffentlichte, sind auch für Marx eine Offenbarung gewesen.

In späteren Jahren hat Engels den großen Einfluß Feuerbachs auf die geistige Entwicklung des jungen Marx vom »Wesen des Christentums« datiert, der berühmtesten Schrift Feuerbachs, die bereits im Jahre 1841 erschienen war. Von der »befreienden Wirkung« dieses Buchs, die man selbst erlebt haben müsse, um sich eine Vorstellung davon zu machen, sagte Engels: »Die Begeisterung war allgemein; Wir waren alle momentan Feuerbachianer.«[8] Allein in dem, was Marx in der »Rheinischen Zeitung« veröffentlicht hat, läßt sich der Einfluß Feuerbachs noch nicht spüren; »enthusiastisch begrüßt« hat Marx die neue Auffassung, trotz aller kritischen Vorbehalte, erst in den »Deutsch-Französischen Jahrbüchern«, die im Februar 1844 erschienen und schon im Titel einen gewissen Anklang an die Gedankengänge Feuerbachs verrieten.

Nun sind die »Vorläufigen Thesen« gewiß schon im »Wesen des Christentums« enthalten, und insofern scheint der Irrtum, dem Engels in der Erinnerung unterlegen ist, recht gleichgültig zu sein. Er ist es jedoch insofern nicht, als er die geistigen Zusammenhänge zwischen Feuerbach und Marx verschleiert. Feuerbach war deshalb nicht weniger ein Kämpfer, weil ihm immer nur in ländlicher Einsamkeit wohl war. Er dachte mit Galilei, die Stadt sei gleichsam ein Gefängnis spekulativischer Gemüter, hingegen das freie Landleben sei ein Buch der Natur, das einem jeden unmittelbar vor Augen liege, der mit seinem Verstande darin zu lesen beliebe. Mit solchen Worten hat Feuerbach sein einsames Leben in Bruckberg stets gegen alle Anfechtungen verteidigt; er liebte die ländliche Einsamkeit, nicht im Sinne des alten friedseligen Wortes: wohl dem, der im Verborgenen gelebt hat, sondern weil er aus ihr die Kraft zum Kampfe schöpfte, in dem Bedürfnis des Denkers, sich zu sammeln und durch das lärmende Geräusch des Tages sich nicht dem |59| Anschauen der Natur entreißen zu lassen, die ihm der große Urquell alles Lebens und seiner Geheimnisse war.

Trotz seiner ländlichen Verborgenheit kämpfte Feuerbach den großen Krieg der Zeit in vorderster Reihe mit. Seine Aufsätze gaben den Zeitschriften Ruges die schärfste Schneide und Spitze. Im »Wesen des Christentums« wies er nach, daß der Mensch die Religion mache, nicht aber die Religion den Menschen, daß die höheren Wesen, die unsere Phantasie erschaffe, nur die phantastische Rückspiegelung unseres eigenen Wesens seien. Gerade aber zur Zeit, wo dies Buch erschien, wandte sich Marx dem politischen Kampfe zu, der ihn mitten in das Getümmel des öffentlichen Marktes führte, soweit davon überhaupt schon gesprochen werden konnte; für diesen taugten die Waffen nicht, die Feuerbach in seiner Schrift gerüstet hatte. Nun aber, da die Hegelsche Philosophie sich unfähig erwiesen hatte, die materiellen Fragen zu lösen, die ihm in der »Rheinischen Zeitung« entgegengetreten waren, erschienen just die »Vorläufigen Thesen« Feuerbachs zur Reform der Philosophie, die der Hegelschen Philosophie als dem letzten Zufluchtsort, der letzten rationellen Stütze der Theologie den Todesstoß gaben. So machten sie einen tiefen Eindruck auf Marx, wenngleich er sich sofort seine Kritik vorbehielt.

In seinem Briefe vom 13. März schrieb er an Ruge: »Feuerbachs Aphorismen sind mir nur in dem Punkte nicht recht, daß er zu sehr auf die Natur und zu wenig auf die Politik hinweist. Das ist aber das einzige Bündnis, wodurch die jetzige Philosophie eine Wahrheit werden kann. Doch wird's wohl gehen wie im sechzehnten Jahrhundert, wo den Naturenthusiasten eine andere Reihe von Staatsenthusiasten entsprach.« In der Tat hatte Feuerbach in seinen »Thesen« die Politik nur mit einer sehr dürftigen Bemerkung gestreift, die eher hinter Hegel zurück-, als über ihn hinausging. In diesem Punkte setzte Marx ein, um Hegels Rechts- und Staatsphilosophie so gründlich zu untersuchen, wie Feuerbach die Natur- und Religionsphilosophie des Meisters untersucht hatte.

Noch an einer Stelle verriet der Brief an Ruge vom 13. März, wie stark Marx damals durch Feuerbach beeinflußt wurde. Sobald er sich darüber klar geworden war, daß er nicht unter preußischer Zensur schreiben oder in preußischer Luft leben könne, war auch sein Entschluß gefaßt, Deutschland nicht ohne seine Braut zu verlassen. Er fragte schon am 25. Januar bei Ruge an, ob er am »Deutschen Boten«, den Herwegh damals in Zürich. erscheinen lassen wollte, eine Tätigkeit finden würde, doch wurde die Absicht Herweghs, noch ehe sie ausgeführt werden konnte, durch seine Ausweisung aus Zürich zerstört. Ruge machte nun |60| andere Vorschläge eines gemeinsamen Wirkens, unter anderem die gemeinsame Redaktion der umgestalteten und umgetauften Jahrbücher; Marx möge nach Schluß seiner Kölner »Redaktionsqual« zur mündlichen Verhandlung über den »Ort unserer Wiedergeburt« nach Leipzig kommen.

Darauf ging Marx am 13. März ein, äußerte aber doch »vorläufig« seine Überzeugung über »unseren Plan« wie folgt: »Als Paris erobert war, schlugen einige den Sohn Napoleons mit Regentschaft, andre den Bernadotte, andre endlich den Louis-Philippe zur Herrschaft vor. Talleyrand aber antwortete: Louis XVIII. oder Napoleon. Das ist ein Prinzip, alles andere ist Intrige. Und so möchte ich auch fast alles andere außer Straßburg (oder höchstens der Schweiz) kein Prinzip, sondern eine Intrige nennen. Bücher über zwanzig Bogen sind keine Schriften fürs Volk. Das Höchste, was man da wagen kann, sind Monatshefte. Würden nun gar die ›Deutschen Jahrbücher‹ wieder gestattet, so brächten wir es zum Allerhöchsten auf einen schwachen Abklatsch der selig Entschlafenen, und das genügt heutzutage nicht mehr. Dagegen ›Deutsch-Französische Jahrbücher‹, das wäre ein Prinzip, ein Ereignis von Konsequenzen, ein Unternehmen, für das man sich enthusiasmieren kann.« Man spürt hier den Nachhall von Feuerbachs »Thesen«, in denen es heißt, der wahre, der mit dem Leben, dem Menschen identische Philosoph müsse gallo-germanischen Geblüts sein. Das Herz müsse französisch, der Kopf deutsch sein. Der Kopf reformiere, aber das Herz revolutioniere. Nur wo Bewegung, Wallung, Leidenschaft, Blut, Sinnlichkeit, da sei auch Geist. Nur der Esprit Leibnizens, sein sanguinisches, materialistisch-idealistisches Prinzip habe zuerst die Deutschen aus ihrem Pedantismus und Scholastizismus herausgerissen.

Mit diesem »gallo-germanischen Prinzip« erklärte sich Ruge in seiner Antwort vom 19. März vollkommen einverstanden, doch zog sich die geschäftliche Regelung der Dinge noch eine Reihe von Monaten hin.

9. Hochzeit und Verbannung

In dem bewegten Jahre seiner ersten öffentlichen Kämpfe hat Marx auch mit manchen häuslichen Schwierigkeiten zu ringen gehabt. Er sprach darüber nicht gern und immer nur, wenn ihn eine herbe Notwendigkeit dazu zwang, im schroffsten Gegensatze zu dem kläglichen Lose des Philisters, der über seinem kleinen Kram Gott und die Welt vergißt, |61| war ihm gegeben, sich an der »Menschheit großen Gegenständen« auch über die bitterste Not zu erheben. Sich in dieser Fähigkeit zu üben, hat ihm sein Leben nur allzu reichliche Gelegenheit geboten.

Gleich in der ersten Äußerung, die sich von ihm über seine »Privatlumpereien« erhalten hat, spricht sich seine Auffassung solcher Dinge in sehr bezeichnender Weise aus. Um sich bei Ruge wegen des Ausbleibens von Beiträgen zu entschuldigen, die er für die »Anekdota« versprochen hatte, schrieb er am 9. Juli 1842 nach Aufzählung anderer Hindernisse: »Die übrige Zeit war zerstückelt und verstimmt durch die allerwidrigste Familienkontroverse. Meine Familie legte mir Schwierigkeiten in den Weg, die mich, trotz ihres Wohlstandes, momentan den drückendsten Verhältnissen aussetzten. Ich kann Sie unmöglich mit der Erzählung dieser Privatlumpereien belästigen; es ist ein wahres Glück, daß die öffentlichen Lumpereien jede mögliche Irritabilität für das Private einem Menschen von Charakter unmöglich machen.« Es ist eben auch dieser Beweis einer ungewöhnlichen Charakterstärke, der die Philister bei ihrer »Irritabilität für das Private« von jeher gegen den »herzlosen« Marx aufgebracht hat.

Näheres über die »allerwidrigsten Familienkontroversen« ist sonst nicht bekannt geworden; ganz im allgemeinen kam Marx nur noch einmal darauf zurück, als es sich um die Gründung der »Deutsch-Französischen Jahrbücher« handelte. Er schrieb an Ruge, sobald der Plan feste Gestalt angenommen habe, wolle er nach Kreuznach reisen, wo die Mutter seiner Braut seit dem Tode ihres Gatten lebte, und dort heiraten, dann aber einige Zeit bei seiner Schwiegermutter bleiben, »da wir doch jedenfalls, ehe wir ans Werk gehn, einige Arbeiten fertig haben müßten ... Ich kann Ihnen ohne alle Romantik versichern, daß ich von Kopf bis zu Fuß und zwar allen Ernstes liebe. Ich bin schon über sieben Jahre verlobt, und meine Braut hat die härtesten, ihre Gesundheit fast untergrabenden Kämpfe für mich gekämpft, teils mit ihren pietistisch-aristokratischen Verwandten, denen der ›Herr im Himmel‹ und der ›Herr in Berlin‹ gleiche Kultusobjekte sind, teils mit meiner eigenen Familie, in der einige Pfaffen und andre Feinde von mir sich eingenistet haben. Ich und meine Braut haben daher mehr unnötige und angreifende Konflikte jahrelang durchgekämpft, als manche andre, die dreimal älter sind und beständig von ihrer ›Lebenserfahrung‹ sprechen.« Außer dieser kargen Andeutung ist auch über die Kämpfe der Brautzeit nichts überliefert worden.

Nicht ohne Mühe, aber doch verhältnismäßig schnell, und auch ohne daß Marx sich nach Leipzig begab, ist das Erscheinen der neuen Zeitschrift |62|* gesichert worden. Fröbel entschloß sich, den Verlag zu übernehmen, nachdem der wohlhabende Ruge sich bereit erklärt hatte, als Kommanditär mit 6.000 Talern in das Literarische Kontor einzutreten. Als Redaktionsgehalt für Marx wurden 500 Taler ausgeworfen. Auf diese Aussicht hin heiratete er seine Jenny am 19. Juni 1843.

Noch blieb der Ort zu bestimmen, wo die »Deutsch-Französischen Jahrbücher« erscheinen sollten. Die Wahl schwankte zwischen Brüssel, Paris und Straßburg. Die elsässische Stadt hätte den Wünschen des jungen Paares Marx am meisten entsprochen, doch fiel die Entscheidung schließlich für Paris, nachdem Fröbel und Ruge sich dort und in Brüssel persönlich umgetan hatten. In Brüssel hatte die Presse zwar freieren Spielraum als in Paris mit seinen Kautionen und Septembergesetzen, aber dem deutschen Leben war man in der französischen Hauptstadt viel näher als in der belgischen. Mit 3.000 Franken oder etwas mehr könne Marx in Paris leben, schrieb Ruge ermunternd.

Seinem Plane gemäß hatte Marx die ersten Monate seiner Ehe im Hause seiner Schwiegermutter verlebt; im November hat er seinen jungen Hausstand nach Paris verlegt. Als letztes Lebenszeichen in der Heimat hat sich ein Brief erhalten, den er am 23. Oktober 1843 aus Kreuznach an Feuerbach richtete, um von ihm einen Beitrag für das erste Heft der neuen Jahrbücher zu erbitten, und zwar eine Kritik Schellings: »Ich glaube fast aus Ihrer Vorrede zur 2. Auflage des ›Wesens des Christentums‹ schließen zu können, daß Sie manches über diesen Windbeutel in petto hätten. Sehen Sie, das wäre ein herrliches Debüt. Wie geschickt hat Herr Schelling die Franzosen zu ködern gewußt, vorerst den schwachen, eklektischen Cousin, später sogar den genialen Leroux. Dem Pierre Leroux und seinesgleichen gilt Schelling immer noch als der Mann, der an die Stelle des transzendenten Idealismus den vernünftigen Realismus, der an die Stelle des abstrakten Gedankens den Gedanken mit Fleisch und Blut, der an die Stelle der Fachphilosophie die Weltphilosophie gesetzt hat ... Sie würden unserem Unternehmen, aber noch mehr der Wahrheit, daher einen großen Dienst leisten, wenn Sie gleich zu dem ersten Hefte eine Charakteristik Schellings lieferten. Sie sind gerade dazu der Mann, weil Sie der umgekehrte Schelling sind. Der - wir dürfen das Gute von unserem Gegner glauben - der aufrichtige Jugendgedanke Schellings, zu dessen Verwirklichung er indessen kein Zeug hatte als die Imagination, keine Energie als die Eitelkeit, keinen Treiber als das Opium, kein Organ als die Irritabilität eines weiblichen Rezeptionsvermögens, dieser aufrichtige Jugendgedanke Schellings, der bei ihm ein phantastischer Jugendtraum |63| geblieben ist, er ist Ihnen zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zu männlichem Ernst geworden ... Ich halte Sie daher für den notwendigen, natürlichen, also durch Ihre Majestäten, die Natur und die Geschichte, berufenen Gegner Schellings.« Wie liebenswürdig ist dieser Brief geschrieben und wie hell leuchtet aus ihm die frohe Hoffnung eines großen Kampfes hervor!

Feuerbach aber zauderte. Er hatte schon gegenüber Ruge das neue Unternehmen erst gelobt, dann aber abgelehnt; auch die Berufung auf sein »gallo-germanisches Prinzip« hatte ihn nicht bekehrt. In erster Reihe seine Schriften hatten den Zorn der Machthaber gereizt, so daß sie mit dem Polizeistock niederschlugen, was es in Deutschland noch an Freiheit des Philosophierens gab und die philosophische Opposition ins Ausland flüchten mußte, wenn sie sich nicht feige ergeben wollte.

Das Ergeben war nicht die Sache Feuerbachs, aber so war es auch nicht der kecke Sprung in die Wogen, die um das deutsche Totenland brandeten. Der Tag, an dem Feuerbach die feurigen Worte, womit Marx um ihn warb, voll freundlichen Interesses zwar, aber doch ablehnend beantwortete, ist der schwarze Tag seines Lebens gewesen. Er vereinsamte nun auch geistig.


[1] Karl Marx: Thesen über Feuerbach, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 3, S. 5 ff. <=

[2] Karl Marx: Doktordissertation, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Ergänzungsband, 1. Teil (Band 40), S. 262. <=

[3] Karl Marx: Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 45. <=

[4] Karl Marx: Das philosophische Manifest der historischen Rechtsschule, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 80/81. <=

[5] Karl Marx: Debatten über Preßfreiheit und Publikation der Landständischen Verhandlungen, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 70/71. <=

[6] Karl Marx: Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 145. <=

[7] Karl Marx: Rechtfertigung des ++-Korrespondenten von der Mosel, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 1, S. 172. <=

[8] Friedrich Engels: Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, in: Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd. 21, S. 272. <=


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