MLWerke | Kurt Eisner

Kurt Eisner: Zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Reden und Aufsätze. Edition Suhrkamp.
1. Korrektur
Erstellt am 20.11.1999

Kurt Eisner

Sittenbilder des Kapitalismus

in: Vorwärts, 7.1., 8.4., 3.6., 24.6. 1900; 20.3.1904


Man kann unserer Zeit und unserem Deutschland jeden Vorwurf anheften, nur den einen nicht, daß man sich übermäßiger Gefühlsweichheit hingebe. Im Gegenteil: Die Anklage, wir seien ein Volk von Dichtern und Denkern, wird als die schwerste Beleidigung empfunden. Energie ist alles, und die Gewalt der stärkeren Muskeln - seien sie von Fleisch, Stahl oder Gold - regiert, den humanitätsduseligen Schlappiers zum Trotz. Wir achten nicht das Selbstbestimmungsrecht fremder Völker, sondern wir kultivieren sie mit Schnaps, Blei, Strick und Bibel. Wir vernichten unzähliges Leben, zertreten es in Not und Siechtum. Wir legen den freien Geist an die würgenden Ketten wirtschaftlicher Abhängigkeit. Wir beten zum Kleinkalibrigen und Panzerschiff und erstreben nur ein Ziel: so stark zu sein, um völlig rücksichtslos sein zu dürfen. Das tun wir alles und schämen uns nicht. Lachend schreiten wir über die Leiber und Seelen derer, die man im veralteten Deutsch der Heiligen Schrift Nächste nennt, während sie für die realpolitische Betrachtung Konkurrenten, Feinde sind.

Die Verletzung der Person, die Beeinträchtigung, Schädigung und Zerstörung fremden Daseins erscheint inmitten unseres Kulturlebens in mannigfachen Arten. Dabei ist das Maß der Schädlichkeit durchaus nicht das Maß der Beurteilung. Der im Krieg organisierte Massentotschlag erscheint wie ein furchtbares, unentrinnbares, in seiner erbarmungslosen Gewalttätigkeit zugleich heroisches Schicksal; und wenn die Kraft und Blüte eines Volks sinnlos geopfert wird - was gilts, die Geschichtsfabulisten weisen uns die historische Notwendigkeit des glorreichen Ereignisses nach (...).

Aus unzähligen Rinnsalen läßt der giftmischende Kapitalismus unablässig Tod und Siechtum in die Leiber der besitzlosen Arbeitssklaven strömen. Wir begnügen uns, bedauernd die Berufskrankheiten zu beschreiben, die frühes Sterben bewirken, und, an die grausige Erscheinung wie an ein Unvermeidliches gewohnt, werden wir uns kaum völlig bewußt, daß diese Massenvergiftung, die der Mehrheit der Menschen den größeren Teil des von der Natur gewährten Lebens widernatürlich raubt, das fluchtwürdigste Verbrechen ist. (1900)

Die Lust am Grausigen fand in diesen Tagen reiche Sättigung und der Lokalreporter üppigen Zeilenlohn: Ein Knabe, der seinen Lehrherrn nächtlich zu ermorden sucht, um sein Geld zu rauben; ein Wegelagerer, der in der nächsten Umgebung von Berlin Radfahrer überfällt, erschlägt und ausplündert; eine in der täglichen Geldmisere krankhaft gereizte Frau, die sich mit ihren vier Kindern aus dem Fenster vier Stock abwärts auf den Hof stürzt; und endlich der Kriminalprozeß, in dem ein moderner Zauberer und Geisterbeschwörer, ein Doktor Faustus des weltstädtischen Hinterhauses, sich wegen der gewinnsüchtigen Vergiftung einer armen gläubigen Närrin zu verantworten hat. Nimmt man hinzu die endlosen Betrachtungen über Ritual- und Sühnemord, die auf der Höhe unserer Zeit gesponnen werden, so spannt sich vor uns ein unheimlich düsteres Kulturbild, das mit Blut gepinselt und mit den Schwefelflammen beleuchtet ist, die von dem Spelunkenherd herüberlohen, in denen die drei Hexen des Hungers, der Geldgier und des Aberglaubens das Geschick dieser Tage bestimmen. Die dünne Humusschicht der modernen Kultur scheint wie lockerer Flugsand in Nichts verweht, und unendlich breitet sich das öde Brachfeld, nach Blut riechend, über ihm hallend ein Wimmern der Verzweiflung und ein Gelächter des Wahnsinns, am Rande ein Irrenhaus, eine Idiotenanstalt, ein Selbstmörderkirchhof, ein Hungerturm und in der Mitte ein Schafott, über dem ein aus den Wolken hängendes Riesenbeil gleißt - sonst nichts auf der ganzen Welt. Alle Kulturarbeit der Menschheit zerronnen, die Mühen der Jahrtausende zertreten, die Vernunft nur ein schillernder Traum und die menschliche Güte ein leerer Einfall sonder Kraft und Wirkung. Narren, die pfeifen, und Narren, die tanzen, bis aus dem Hinterhalt Hunger und Mord würgend stürzen - dann hat auch diese Herrlichkeit die verdiente Ruhe. Die Boxerplakate, die europäische Journalisten-Phantasie über die weißen Teufel zusammenfabuliert hat, wirken wie edle Kulturblüten angesichts der schmutzigen Gewächse, die aus der abendländischen Barbarei wuchern. Die hektographierten Berichte der Lokalreporter schreiben die wahre Geschichte unsrer Zeit, und wenn sich die Gemeinheit und der Jammer, der sich in diesen Dingen enthüllt, aufbläht, frisiert und einen stolzen Purpurmantel um die edle Blöße wirft, dann steht vor uns die große, die hohe Politik der Staatsmänner, die die Geschichte der Völker nach dem Vorbild der lokalen Verbrechen, Selbstmorde, Gaunereien und Verrücktheiten zu leiten bemüht sind.

All jene Sensationsfälle der letzten Woche, die das Herz der Zeitungskapitalisten erheitern, den Stumpfsinn der parteilosen Philister wollüstig kitzeln und das Gemüt des Kulturmenschen mit tiefer Sorge erfüllen, alle diese epileptischen Krampferscheinungen einer morschen Gesellschaft bewegen sich um ein Motiv:
das Geld. Man mordet, um zu rauben, man zerschmettert sich und den Kindern das Leben, um der Qual zu entgehen, welche der tägliche Kampf um das Brot zeugt, man verbündet sich mit den wildesten Dämonen menschlichen Aberwitzes, um aus der Dummheit und Not Gewinn zu ziehen.

Am niederdrückendsten aber wirkt gerade diese Verbindung materiellen und geistigen Elends (...). Die dumpfe Unbefriedigung, in der unzählige Menschen unsrer Zivilisation materiell und geistig leben, erklärt die Möglichkeit solcher Erscheinungen, in denen die Gespenster eines im Wahnsinn und Verbrechen konzentrierten Mittelalters umzugehen scheinen. Kein heller Schein der modernen Vernunftfreiheit hat jemals diese Gehirne erleuchtet, in denen die Dressur in unverstandener religiöser Dogmatik die Empfänglichkeit für jene rohe und plumpe Mystik vorbereitet hat, zu der sich die Siechen flüchten, wenn sie der zerrenden wirtschaftlichen Not, dem seelischen Ungenügen, der geschlechtlichen Entbehrung, dem körperlichen Leiden eine Hilfe suchen. Sie wenden sich an den geheimnisvollen Spuk, an das Mögliche des Unmöglichen, an das absurde Wunder. Und nicht nur die arme Näherin sieht in dem Kaffeesatz eines Betrügers den Quell allen Glücks und aller Weisheit, auch die Besitzenden haben sich längst wieder der dümmsten und albernsten Magie ergeben. (1900)

Man durchwandere abends die Straßen einer Großstadt, man schaue in die hellerleuchteten Prachtcafes und Bierpaläste, man besuche die Destillen und steige in die Kellerlokale hinab, man durchwandere die Tingel-Tangel: alles Stätten des Lebensgenusses in seiner konzentriertesten und brutalsten Form, des Amüsements. Zwar gibt es ja auch Theater, in denen wirkliche Kunst dem geläuterten Geschmack einen erlesenen Genuß bereitet, allein auf jeden wahren Kunsttempel, auf dessen Altären freilich nicht immer die echte Kunst geopfert wird, kommt ein halbes Dutzend solcher Musentempel, die dem Kult des Grotesken, Trivialen, Obszönen, Frechen und Albernen geweiht sind. Und dieser Kult zählt viel mehr begeisterte Verehrer, als der der wahren Kunst. (...)

Der Kapitalismus kennt nur das Surrogat des Lebensgenusses, das Amüsement. Die Form der kapitalistischen Arbeitsteilung, die den einen ein sybaritisches Lotterleben ermöglicht, während sie die anderen zur Tretmühle einer die intellektuelle und physische Kraft absorbierenden Arbeitsfron verdammt, läßt nicht dem edlen Lebensgenuß, sondern nur dem barbarischen Amüsement Raum. (1900)

Satiriker und Kulturpolitiker haben schlimme Zeiten. Der Satiriker ist nicht mehr gewachsen der Fülle satirischer Tatsachen, die jeder Tag anspült. Da hilft kein künstliches Worteschärfen, kein phantastisch-greller Einfall mehr, auch der brennendste Teufelswitz verdünnt und schwächt nur den schreienden Hohn des Geschehens selbst. Nicht einmal übertreiben lassen sich mehr die Geschehnisse, durch karikierende Beziehungen werden ihre Formen nicht grotesker. Der Scharfsinn des Spötters ist entbehrlich geworden. Sogar die bloße gestempelte Bildunterschrift »Kommentar überflüssig« ist ein verbogenes Ausrufungszeichen, das den Ausruf der Tatsachen knebelt.

Muß der Satiriker den Witz im Stall behalten, so hat auch der Kulturkritiker nicht mehr die Möglichkeit, durch das Pathos der Anklage, durch die Dialektik der Empörung die natürliche Wucht der Ereignisse zu steigern und dem Bewußtsein der Menschen aufpeitschend einzuprägen. Die Superlative des Wortes reichen nicht mehr heran an die Superlative der Dinge. Die »Besprechung« der Angelegenheiten tötet nur ihre innere Wirkung. Die Nachricht allein wird zum Nachrichter, jede kritische Zutat erstickt die Grausamkeit des immanenten Urteils. Zudem vermag keine Geißel mehr die abgestumpften Nerven zu reizen. Wir haben uns an alles gewöhnt, an das Tollste und Ruchloseste. Die Dinge erreichen schnell die Grenze, wo sie für die Empfindung nicht mehr überboten werden können. Vorgänge, die vordem ein Jahrzehnt hindurch die Menschen erregten, haben heute nur noch den Wert von Neuigkeiten, die man unter tausend anderen flüchtig in der Zeitung liest und vergißt. Vergebens ist das Bemühen der Sehnsüchtigen der Kultur, die Gewissen zu schüren, die Schlafenden wachzuschreien. Und wirft man die Fackelbrände aufreizender Wahrheit unter sie, so wickeln sie die Fackeln in ihre gutgepolsterten Schlafröcke und zeigen, wie leicht und ungefährlich ihre Flammen erstickt werden können; kaum ein Wollhärchen wird bei der Prozedur versehrt. (1904)


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