Lenin: Die nationale Frage in unserem Programm

Wladimir I. Lenin

Die nationale Frage in unserem Programm

„Iskra” Nr. 44, 15. Juli 1903

Die Seitenzahlen verweisen auf: Lenin Werke, Band 6, Seiten 452-460; Dietz Verlag Berlin, 1975

Um den Text leichter lesbar zu machen, wurden zusätzliche Absatzschaltungen eingefügt. Redaktion MLwerke


452 Im Entwurf des Parteiprogramms haben wir die Forderung einer Republik mit demokratischer Verfassung aufgestellt, die unter anderem auch die „Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes aller Nationen, die zum Staate gehören”, gewährleistet. Diese Programmforderung schien vielen nicht genügend klar zu sein, und wir erläuterten in Nr. 33 bei der Besprechung des Manifests der armenischen Sozialdemokraten 1 die Bedeutung dieses Punktes folgendermaßen.

Die Sozialdemokratie wird stets jeden Versuch bekämpfen, durch Gewalt oder Ungerechtigkeit, welcher Art auch immer, die nationale Selbstbestimmung von außen her zu beeinflussen. Doch die bedingungslose Anerkennung des Kampfes für die Freiheit der Selbstbestimmung verpflichtet uns keineswegs, jede Forderung nach nationaler Selbstbestimmung zu unterstützen. Die Sozialdemokratie sieht als Partei des Proletariats ihre positive und wichtigste Aufgabe darin, die Selbstbestimmung nicht der Völker und Nationen, sondern des Proletariats innerhalb jeder Nationalität zu fördern. Wir müssen stets und unbedingt die engste Vereinigung des Proletariats aller Nationalitäten anstreben, und nur in einzelnen Ausnahmefällen können wir Forderungen, die auf die Schaffung eines neuen Klassenstaates oder auf die Ersetzung der völligen politischen Einheit eines Staates durch eine losere föderative Einheit usw. hinauslaufen, aufstellen und aktiv unterstützen.

Diese Auslegung unseres Programms in der nationalen Frage hat entschiedenen Protest seitens der Polnischen Sozialistischen Partei (PPS) hervorgerufen.

In dem Artikel „Die Stellung der russischen Sozial 453 demokratie zur nationalen Frage” („Przedświt” 2, März 1903) entrüstet sich die PPS über diese „erstaunliche” Auslegung und die „Nebelhaftigkeit” unserer „geheimnisvollen” Selbstbestimmung, wirft uns Doktrinarismus vor und unterschiebt uns die „anarchistische” Auffassung, daß „der Arbeiter sich um nichts weiter zu kümmern braucht als um die vollständige Vernichtung des Kapitalismus, da ja Sprache, Nationalität, Kultur u. ä. nur bürgerliche Erfindungen sind” usw. Es lohnt sich, mit aller Ausführlichkeit auf diese Argumentation einzugehen, der fast sämtliche Irrtümer anhaften, die in der nationalen Frage unter den Sozialisten so geläufig und so verbreitet sind.

Weshalb ist unsere Auslegung so „erstaunlich”? Weshalb erblickt man darin ein Abgehen vom „wörtlichen” Sinn? Erfordert denn die Anerkennung des Rechtes der Nationen auf Selbstbestimmung die Unterstützung jeder Forderung jeder Nation, über sich selbst zu bestimmen? Verpflichtet doch auch die Anerkennung des Rechtes aller Bürger, freie Vereine zu gründen, uns Sozialdemokraten durchaus nicht, die Bildung jedes neuen Vereins zu unterstützen, ja, sie hindert uns keineswegs, gegen die Gründung dieses oder jenes neuen Vereins Stellung zu nehmen und dagegen zu agitieren, wenn wir sie für unzweckmäßig und unvernünftig halten. Wir gestehen selbst den Jesuiten das Recht der freien Agitation zu, aber wir bekämpfen (freilich nicht mit Polizeimethoden) ein Bündnis zwischen Jesuiten und Proletariern. Wenn also „Przedświt” sagt: „Sollte diese Forderung der freien Selbstbestimmung wörtlich aufgefaßt werden (und diese Bedeutung haben wir ihr bisher beigelegt), so würde sie uns befriedigen”, dann ist es ganz offensichtlich, daß es gerade die PPS ist, die vom wörtlichen Sinn des Programms abgeht. Es steht außer Zweifel, daß ihre Schlußfolgerung vom formalen Standpunkt aus unlogisch ist.

Aber wir wollen uns nicht auf die formale Prüfung unserer Auslegung beschränken. Stellen wir die Frage auch dem Wesen nach unumwunden: Muß die Sozialdemokratie stets bedingungslos die nationale Unabhängigkeit fordern oder nur unter bestimmten Bedingungen, und zwar unter welchen? Die PPS hat diese Frage immer im Sinne der bedingungslosen Anerkennung entschieden, und wir sind daher nicht im geringsten erstaunt über ihre zärtlichen Gefühle für die russischen Sozialrevolutionäre, 454die eine föderative Staatsordnung fordern und für die „vollständige und bedingungslose Anerkennung des Rechtes auf nationale Selbstbestimmung” eintreten („Rewoluzionnaja Rossija” Nr. 18, der Artikel „Nationale Versklavung und revolutionärer Sozialismus”). Leider ist das nicht mehr als eine jener bürgerlich-demokratischen Phrasen, die zum hundertsten und tausendsten Male die wirkliche Natur der sogenannten Partei der sogenannten Sozialrevolutionäre zeigen.

Und die PPS, die sich von diesen Phrasen ködern, von diesem Flittergold blenden läßt, beweist damit ihrerseits, wie schwach in ihrer theoretischen Einsicht und in ihrer politischen Tätigkeit die Verbindung mit dem Klassenkampf des Proletariats ist. Den Interessen eben dieses Kampfes müssen wir die Forderung der nationalen Selbstbestimmung unterordnen. Gerade in dieser Bedingung besteht ja der Unterschied zwischen unserer Einstellung zur nationalen Frage und der bürgerlich-demokratischen Einstellung. Der bürgerliche Demokrat (und auch der in seine Fußtapfen tretende heutige sozialistische Opportunist) bildet sich ein, die Demokratie beseitige den Klassenkampf, und stellt daher seine gesamten politischen Forderungen abstrakt, summarisch, „bedingungslos”, vom Standpunkt der Interessen des „ganzen Volkes” oder sogar vom Standpunkt des ewigen absoluten sittlichen Prinzips. Der Sozialdemokrat entlarvt schonungslos diese bürgerliche Illusion stets und überall, ob sie nun in der abstrakten idealistischen Philosophie zum Ausdruck kommt oder in der bedingungslosen Forderung nach nationaler Unabhängigkeit.

Sollte es noch notwendig sein, zu beweisen, daß der Marxist die Forderung der nationalen Unabhängigkeit nur bedingt, und zwar unter der oben angeführten Bedingung, anerkennen kann, so wollen wir die Worte eines Schriftstellers anführen, der die Forderung des polnischen Proletariats nach der Unabhängigkeit Polens vom marxistischen Standpunkt aus verteidigt hat. Karl Kautsky schrieb 1896 in dem Artikel „Finis Poloniae?” 3 : „Sobald also das Proletariat sich mit der polnischen Frage befaßt, kann es gar nicht anders, als sich zugunsten der Unabhängigkeit Polens auszusprechen, damit aber auch die Unterstützung jedes Schrittes gutzuheißen, der in dieser Richtung heute schon getan werden kann, soweit er überhaupt vereinbar ist mit den Klasseninteressen des internationalen kämpfenden Proletariats.”

455 „Dieser Vorbehalt”, fährt Kautsky fort, „muß allerdings gemacht werden. Die nationale Unabhängigkeit hängt nicht so innig mit den Klasseninteressen des kämpfenden Proletariats zusammen, daß sie bedingungslos, unter allen Umständen anzustreben wäre 4 , März 1903). Marx und Engels traten für die Einigung und Befreiung Italiens mit größter Entschiedenheit ein, das hinderte sie aber nicht, 1859 sich gegen das mit Napoleon verbündete Italien zu erklären.” 5

Man sieht: Kautsky lehnt kategorisch die bedingungslose Forderung der Unabhängigkeit der Nationen ab, er verlangt kategorisch, daß die Frage nicht nur auf den allgemein-geschichtlichen, sondern gerade auf den Klassenboden gestellt werde.

Und nehmen wir die Stellung von Marx und Engels in der polnischen Frage, so sehen wir, daß auch sie diese Frage von Anfang an ebenso gestellt haben. Die „Neue Rheinische Zeitung” 6 widmete der polnischen Frage viel Platz und forderte entschieden nicht nur die Unabhängigkeit Polens, sondern auch einen Krieg Deutschlands gegen Rußland um die Befreiung Polens. Gleichzeitig aber wetterte Marx gegen Ruge, der im Frankfurter Parlament für die Freiheit Polens sprach, aber die polnische Frage nur mit Hilfe bürgerlich-demokratischer Phrasen über die „schmachvolle Ungerechtigkeit”, ohne jede geschichtliche Analyse lösen wollte. Marx gehörte nicht zu jenen Pedanten und Philistern der Revolution, die in revolutionären geschichtlichen Augenblicken nichts so sehr fürchten wie eine „Polemik”. Er überschüttete den „humanen” Bürger Rüge mit schonungslosen Sarkasmen und zeigte ihm am Beispiel der Unterdrückung Südfrankreichs durch Nordfrankreich, daß nicht jede nationale Unterdrückung stets ein vom Standpunkt der Demokratie und des Proletariats gerechtfertigtes Streben nach Unabhängigkeit hervorruft. 7 Marx berief sich auf die besonderen sozialen Bedingungen, denen zufolge „Polen… der revolutionäre Teil von Rußland, Ostreich und Preußen wurde… Sogar der Adel, der zum Teil noch auf feudalem Boden stand, schloß sich mit einer beispiellosen Aufopferung der demokratisch-agrarischen Revolution an. Polen war schon der Herd der osteuropäischen Demokratie geworden, als Deutschland noch in der plattesten konstitutionellen und der überschwenglichsten philosophischen Ideologie umhertappte… 8 Solange wir” (Deutsche) „…Polen unterdrücken helfen, solange wir einen Teil von Polen an Deutschland schmieden, solange bleiben 456 wir an Rußland und die russische Politik geschmiedet, solange können wir den patriarchalisch-feudalen Absolutismus bei uns selbst nicht gründlich brechen. Die Herstellung eines demokratischen Polens ist die erste Bedingung der Herstellung eines demokratischen Deutschlands.” 9

Wir haben diese Erklärungen so ausführlich wiedergegeben, weil sie anschaulich zeigen, unter welchen geschichtlichen Bedingungen sich in der internationalen Sozialdemokratie jene Einstellung zur polnischen Frage herausgebildet hat, die fast die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gültig blieb. Die seither veränderten Bedingungen übersehen und auf den alten Lösungen des Marxismus beharren heißt dem Buchstaben und nicht dem Geiste der Lehre treu sein, heißt die einstigen Schlüsse mechanisch wiederholen, ohne daß man versteht, die Methoden der marxistischen Forschung bei der Analyse der neuen politischen Lage anzuwenden.

Damals und jetzt — die Zeit der letzten bürgerlichen revolutionären Bewegungen und die Zeit der zu allem entschlossenen Reaktion, der äußersten Anspannung aller Kräfte am Vorabend der proletarischen Revolution — sind ganz offensichtlich voneinander verschieden. Damals war gerade Polen als Ganzes revolutionär, nicht nur die Bauernschaft, sondern auch die Masse des Adels. Die Traditionen des Kampfes für die nationale Befreiung waren so stark und tief eingewurzelt, daß die besten Söhne Polens nach der Niederlage in der Heimat auszogen, um überall und allenthalben die revolutionären Klassen zu unterstützen. Das Andenken Dombrowskis und Wrublewskis 10 ist unzertrennlich verbunden mit der gewaltigsten Bewegung des Proletariats im 19. Jahrhundert, mit dem letzten — und hoffen wir, mit dem letzten mißglückten — Aufstand der Pariser Arbeiter. Damals war der vollständige Sieg der Demokratie in Europa tatsächlich unmöglich ohne die Wiederherstellung Polens. Damals war Polen wirklich ein Bollwerk der Zivilisation gegen den Zarismus, war es die Vorhut der Demokratie.

Jetzt treten die herrschenden Klassen Polens — die Schlachta in Deutschland und Österreich, die Industrie- und Finanzmagnaten in Rußland — als Anhänger der herrschenden Klassen in den Ländern auf, die Polen unterdrücken, während Seite an Seite mit dem polnischen Proletariat, das heldenmütig die großen Traditionen des alten revolutionären Polens übernommen hat, das deutsche und das russische Proletariat um ihre Befreiung kämpfen. Jetzt erklären die führenden Vertreter des Marxismus im Nachbarlande, die Europas politische Entwicklung 457 aufmerksam verfolgen und mit dem heldenmütigen Kampf der Polen vollauf sympathisieren, dennoch offen: „Petersburg ist heute ein viel wichtigeres revolutionäres Zentrum als Warschau, die russische revolutionäre Bewegung hat bereits eine größere internationale Bedeutung als die polnische.” 11 So äußerte sich Kautsky bereits 1896, als er die Zulässigkeit der Forderung nach der Wiederherstellung Polens im Programm der polnischen Sozialdemokraten verteidigte. Und 1902 kam Mehring, der die Entwicklung der polnischen Frage von 1848 bis heute erforschte, 12 zu dem Schluß: „Wollte das polnische Proletariat die Wiederherstellung eines polnischen Klassenstaates auf seine Fahne schreiben, eines Klassenstaates, von dem die herrschenden Klassen selbst nichts wissen wollen, so würde es ein historisches Fastnachtsspiel aufführen, was wohl den besitzenden Klassen passieren mag, wie dem polnischen Adel im Jahre 1791, aber der arbeitenden Klasse nie passieren darf. Taucht diese reaktionäre Utopie nun gar auf, um diejenigen Schichten der Intelligenz und des Kleinbürgertums, in denen die nationale Agitation noch einen gewissen Widerhall findet, der proletarischen Agitation geneigt zu machen, so ist sie doppelt hinfällig, als Ausgeburt jenes verwerflichen Opportunismus, der um nichtiger und wohlfeiler Augenblickserfolge willen die dauernden Interessen der Arbeiterklasse preisgibt.

Diese Interessen gebieten durchaus, daß die polnischen Arbeiter in allen drei Teilungsstaaten mit ihren Klassengenossen ohne jeden Rückhalt Schulter an Schulter kämpfen. Die Zeiten sind vorüber, wo eine bürgerliche Revolution ein freies Polen schaffen konnte; heute ist die Wiedergeburt Polens nur möglich durch die soziale Revolution, in der das moderne Proletariat seine Ketten bricht.” 13

Wir unterschreiben diese Schlußfolgerung Mehrings ohne Bedenken. Es sei nur bemerkt, daß sie auch dann einwandfrei bleibt, wenn wir in der Argumentation nicht so weit gehen wie Mehring. Zweifellos steht die polnische Frage heute wesentlich anders als vor fünfzig Jahren. Man darf jedoch diesen gegenwärtigen Stand nicht als ewig betrachten. Zweifellos hat der Klassenantagonismus die nationalen Fragen jetzt weit in den Hintergrund gedrängt, doch darf man nicht, ohne Gefahr zu laufen, in Doktrinarismus zu verfallen, kategorisch behaupten, es sei unmöglich, daß diese oder jene nationale Frage vorübergehend in den Vordergrund des politischen Geschehens tritt. Zweifellos ist die Wiederherstellung Polens 458 vor dem Sturze des Kapitalismus äußerst unwahrscheinlich, aber man kann nicht sagen, daß sie ganz unmöglich sei, daß die polnische Bourgeoisie sich unter bestimmten Umständen nicht auf die Seite der Unabhängigkeit stellen könne usw. Die russische Sozialdemokratie bindet sich daher in keiner Weise die Hände. Sie rechnet mit allen möglichen und sogar mit allen überhaupt denkbaren Wechselfällen, wenn sie in ihrem Programm die Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen verkündet.

Dieses Programm schließt keineswegs aus, daß das polnische Proletariat die freie und unabhängige polnische Republik zu seiner Losung macht, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit ihrer Verwirklichung vor dem Sozialismus verschwindend gering sein sollte. Dieses Programm fordert lediglich, daß eine wirklich sozialistische Partei das proletarische Klassenbewußtsein nicht trübe, den Klassenkampf nicht verdunkle, die Arbeiterklasse nicht durch bürgerlich-demokratische Phrasen betöre und die Einheit des heutigen politischen Kampfes des Proletariats nicht störe. Und gerade diese Bedingung, unter der allein wir die Selbstbestimmung anerkennen, ist der Kern des Ganzen. Vergeblich sucht die PPS die Sache so hinzustellen, als trenne sie von den deutschen oder den russischen Sozialdemokraten deren Ablehnung des Rechtes auf Selbstbestimmung, des Rechtes, eine freie und unabhängige Republik anzustreben. Nicht das ist es, was uns hindert, in der PPS eine wirkliche sozialdemokratische Arbeiterpartei zu sehen, sondern die Tatsache, daß sie den Klassenstandpunkt vergißt, ihn durch Chauvinismus verdunkelt und die Einheit im gegebenen politischen Kampf stört. Hier ein Beispiel, wie die PPS die Frage gewöhnlich stellt: „…wir können den Zarismus nur schwächen, indem wir Polen losreißen; stürzen müssen ihn die russischen Genossen.” Oder weiter: „…nach der Vernichtung der Selbstherrschaft würden wir unser Schicksal einfach so bestimmen, daß wir uns von Rußland trennen.”

Man beachte, zu welch ungeheuerlichen Schlüssen diese ungeheuerliche Logik selbst vom Standpunkt der Programmforderung der Wiederherstellung Polens führt. Weil die Wiederherstellung Polens eine mögliche (aber unter der Herrschaft der Bourgeoisie durchaus nicht gesicherte) Folge der demokratischen Entwicklung darstellt, darum darf das polnische Proletariat nicht gemeinsam mit dem russischen für den Sturz des Zarismus kämpfen, sondern „nur” für dessen Schwächung durch die Losreißung Polens. Weil der russische Zarismus ein immer engeres Bünd- 459 nis mit der Bourgeoisie und den Regierungen Deutschlands, Österreichs usw. schließt, darum muß das polnische Proletariat sein Bündnis mit dem russischen, deutschen und übrigen Proletariat schwächen, mit dem es heute gegen ein und dasselbe Joch kämpft. Das bedeutet nichts anderes als den Verzicht auf die lebenswichtigsten Interessen des Proletariats zugunsten der bürgerlich-demokratischen Auffassung von der nationalen Unabhängigkeit. Der Zerfall Rußlands, den die PPS zum Unterschied von unserem Ziel, die Selbstherrschaft zu stürzen, anstreben will, ist und bleibt ein leeres Wort, solange die wirtschaftliche Entwicklung die verschiedenen Teile eines politischen Ganzen immer enger zusammenschmiedet, solange die Bourgeoisie aller Länder sich immer einmütiger gegen ihren gemeinsamen Feind, das Proletariat, und für ihren gemeinsamen Verbündeten, den Zaren, zusammenschließt. Dafür aber ist der Zerfall der Kräfte des Proletariats, das heute unter dem Joch dieser Selbstherrschaft leidet, eine traurige Wirklichkeit, die unmittelbare Folge des Fehlers der PPS, die unmittelbare Folge ihrer Anbetung der bürgerlich-demokratischen Formeln.

Um die Augen vor diesem Zerfall des Proletariats zu verschließen, muß sich die PPS zum Chauvinismus erniedrigen und z. B. die Ansichten der russischen Sozialdemokraten wie folgt auslegen: „Wir (Polen) sollen auf die soziale Revolution warten und bis dahin das nationale Joch geduldig ertragen.” Das ist einfach nicht wahr. Die russischen Sozialdemokraten haben nicht nur nie etwas Derartiges geraten, sondern kämpfen im Gegenteil selber gegen jede nationale Unterdrückung in Rußland und fordern das gesamte russische Proletariat dazu auf; sie nehmen nicht nur die vollständige Gleichberechtigung der Sprache, der Nationalität usw. in ihr Programm auf, sondern auch die Anerkennung des Rechtes jeder Nation, ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Wenn wir, dieses Recht anerkennend, unsere Unterstützung der Forderungen nach nationaler Unabhängigkeit den Erfordernissen des proletarischen Kampfes unterordnen, so kann nur ein Chauvinist unsere Stellung mit dem Mißtrauen des Russen gegenüber dem „Fremdstämmigen” erklären, denn in Wirklichkeit muß diese Stellung zwangsläufig dem Mißtrauen des klassenbewußten Proletariers gegen die Bourgeoisie entspringen.

Die PPS ist der Ansicht, die nationale Frage erschöpfe sich in dem Gegensatz: „wir” (die Polen) und „sie” (die Deutschen, Russen usw.). Der Sozialdemokrat dagegen rückt einen anderen Gegensatz in den Vordergrund: „wir” — die Proletarier, und „sie” — 460 die Bourgeoisie. „Wir”, die Proletarier, haben dutzendemal gesehen, wie die Bourgeoisie die Interessen der Freiheit, der Heimat, der Sprache und der Nation verrät, wenn das revolutionäre Proletariat ihr entgegentritt. Wir haben gesehen, wie die französische Bourgeoisie im Augenblick der schwersten Unterjochung und Erniedrigung der französischen Nation zu den Preußen überlief, wie die Regierung der nationalen Verteidigung zur Regierung des Volksverrats wurde, wie die Bourgeoisie der unterdrückten Nation die Soldaten der unterdrückenden Nation zu Hilfe rief, um ihre Landsleute, die Proletarier niederzuwerfen, die gewagt hatten, die Hand nach der Macht auszustrecken. Und darum werden wir, ohne uns im geringsten durch chauvinistische und opportunistische Ausfälle beirren zu lassen, dem polnischen Arbeiter stets sagen: Nur das vollständigste und engste Bündnis mit dem russischen Proletariat ist imstande, den Anforderungen des politischen Tageskampfes gegen die Selbstherrschaft gerecht zu werden, nur ein solches Bündnis gibt die Gewähr für eine völlige politische und wirtschaftliche Befreiung.

Das, was wir über die polnische Frage gesagt haben, läßt sich voll und ganz auch auf jede andere nationale Frage anwenden. Die fluchwürdige Geschichte der Selbstherrschaft hat uns eine sehr große Entfremdung der Arbeiterklassen der von dieser Selbstherrschaft unterdrückten verschiedenen Völkerschaften als Erbe hinterlassen. Diese Entfremdung ist das größte Übel, das größte Hindernis im Kampf gegen die Selbstherrschaft, und wir dürfen dieses Übel nicht zum Gesetz erheben, dürfen dieser Schmach nicht die Weihe geben durch irgendwelche „Prinzipien” von getrennten Parteien oder einer „föderativen” Partei. Es ist natürlich einfacher und leichter, den Weg des geringsten Widerstands zu gehen und jeden sich in seinem Winkel einrichten zu lassen nach der Regel: „Die andern gehn mich nichts an”, wie es jetzt auch der „Bund” tun will. Je mehr wir die Notwendigkeit der Einheit erkennen, je fester wir von der Unmöglichkeit eines allgemeinen Ansturms auf die Selbstherrschaft ohne vollständige Einheit überzeugt sind, je stärker unter unseren politischen Verhältnissen die unbedingte Notwendigkeit einer zentralistischen Organisation des Kampfes hervortritt — desto weniger sind wir geneigt, uns mit einer „einfachen”, aber nur scheinbaren und ihrem Wesen nach grundfalschen Lösung der Frage zufriedenzugeben. Wenn die Schädlichkeit der Entfremdung nicht erkannt wird, wenn der Wunsch nicht vorhanden ist, im Lager 461 der proletarischen Partei um jeden Preis und radikal mit dieser Entfremdung Schluß zu machen — dann sind auch die Feigenblätter der „Föderation” nicht notwendig, dann hat es überhaupt keinen Zweck, die Lösung einer Frage zu versuchen, welche die eine „Seite” im Grunde gar nicht lösen will, dann überläßt man es besser den Lehren der lebendigen Erfahrung und der wirklichen Bewegung, die von der Selbstherrschaft unterdrückten Proletarier aller Nationalitäten zu überzeugen, daß der Zentralismus notwendig ist zum erfolgreichen Kampf gegen diese Selbstherrschaft und gegen die sich immer enger zusammenschließende internationale Bourgeoisie.


Fußnoten

1  Siehe Das Manifest der armenischen Sozialdemokraten in diesem Archiv

2 Die Morgenröte

3  lateinisch für „Polen am Ende?” oder „Das Ende Polens?” Siehe Karl Kautsky: „Finis Poloniae?” in diesem Archiv

4 Hervorgehoben von uns. [Anm. von Lenin]

5 „Die Neue Zeit” 14. Jahrgang 1895/96, 2. Halbband, S. 520

6  Lenin bezieht sich im folgenden auf die Artikelserie, mit der die „Neue Rheinische Zeitung” (N.Rh.Ztg.) die dreitägige Debatte in der Frankfurter Nationalversammlung über die Annektion des größten Teils des preußisch besetzten Teil Polens an den Deutschen Bund eingehend kritisierte. Die Serie erschien in neuen Artikeln zwischen dem 9. August und dem 7. September 1848, und erschienen später zusammen unter dem gemeinsamen Titel Die Polendebatte in Frankfurt. Die Artikel waren, wie die meisten Artikel in der N.Rh.Ztg., nicht namentlich gezeichnet. Lenin nimmt Karl Marx als den Verfasser an, aber spätere Untersuchungen haben Friedrich Engels als Verfasser ausgemacht.

7  Mit dem Redebeitrag von Arnold Ruge (1802-1888) befaßt sich die N.Rh.Ztg. in den beiden letzten Artikeln vom 3. September 1848 und vom 7. September 1848 Zu Südfrankreich siehe MEW-Seite 354 in diesem Archiv

8 Siehe MEW-Seite 355/56 von "Die Polendebatte in Frankfurt" in diesem Archiv

9 Siehe MEW-Seite 333 von "Die Polendebatte in Frankfurt" in diesem Archiv

10 Dombrowski, in korrekter polnischer Orthografie Jarosław Dąbrowski (1836-1871), Führer der "Roten" im polnischen Aufstand von 1863 und Oberbefehlshaber der Pariser Kommune 1871 in Frankreich. Walery Antoni Wróblewski (1836-1908), einer der Führer des polnischen Aufstands von 1863, Kommandant in der Pariser Kommune, Mitglied im Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA), der sog. 1. Internationale

11 „Die Neue Zeit” 14. Jahrgang 1895/96, 2. Halbband, S. 489 in diesem Archiv

12  Franz Mehring: Die polnische Frage in diesem Archiv. Geschrieben 1901 als Einleitung zum 3. Band der "Gesammelten Schriften von Karl Marx und Friedrich Engels, 1841 - 1850". Stuttgart, Verlag von J.H.W. Dietz Nachf., 1902

13  Siehe den Schluß von Mehrings "Die polnische Frage" in diesem Archiv.

Nach dem Text der „Iskra”.