Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 3, S. 541 - 543
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1969

Friedrich Engels

Feuerbach

Nach der Veröffentlichung des Marx-Engels-Lenin-Instituts, Moskau, 1932.

<541> a) Feuerbachs ganze Philosophie läuft heraus auf 1. Naturphilosophie - passives Anbeten" verzücktes Niederknien vor der Herrlichkeit und Allgewalt der Natur - 2. Anthropologie, und zwar a ) Physiologie, worin nichts Neues gesagt wird als das, was die Materialisten über die Einheit von Körper und Seele gesagt haben, nur nicht so mechanisch, dafür etwas überschwenglicher. b ) Psychologie, läuft hinaus auf verhimmelnde Dithyramben auf die Liebe, analog dem Naturkultus, sonst nichts Neues. 3. Moral, Forderung, dem Begriff "des Menschen" zu entsprechen, impuissance mise en action <in Aktion gesetzte Machtlosigkeit>. Vergleiche 54, pag. 81: "das sittliche und vernünftige Verhältnis des Menschen zum Magen besteht darin, denselben nicht als ein viehisches, sondern menschliches Wesen zu behandeln.-" 61: "Der Mensch ... als moralisches Wesen" und das viele Sittlichkeitsgerede im "Wesen des Christenthums".

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b) Daß auf der jetzigen Entwicklungsstufe die Menschen ihre Bedürfnisse nur innerhalb der Gesellschaft befriedigen können, daß überhaupt gleich von vornherein, sowie sie existierten, die Menschen einander nötig hatten und nur dadurch ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten pp. entwickeln konnten, daß sie in Verkehr traten, wird bei Feuerbach so ausgedrückt, daß

"der einzelne Mensch für sich das Wesen des Menschen nicht in sich hat", daß "das Wesen des Menschen nur in der Gemeinschaft, in der Einheit des Menschen mit dem Menschen enthalten ist, eine Einheit, die sich aber nur auf die Realität des Unterschieds von Ich und Du stützt - Der Mensch für sich ist Mensch (im gewöhnlichen Sinn), der Mensch mit Mensch - die Einheit von Ich und Du ist Gott"

(d.h. Mensch im übergewöhnlichem Sinn). 61, 62, pag. 83. -

Soweit kommt die Philosophie, daß sie die triviale Tatsache über die Unentbehrlichkeit des Verkehrs zwischen den Menschen, ohne deren Erkenntnis die zweite Menschengeneration, die überhaupt existierte, nie erzeugt <542> worden wäre, die überhaupt schon im Geschlechtsunterschied liegt, als das größte Resultat am Ende ihrer ganzen Karriere hinstellt. Und noch dazu in der mysteriösen Form der "Einheit von Ich und Du". Diese Phrase wäre gar nicht möglich, wenn Feuerbach nicht an den Geschlechtsakt, den Gattungsakt, die Gemeinschaft von Ich und Du c a t e x o c h n <schlechthin> gedacht hätte (1). Und soweit seine Gemeinschaft praktisch wird, beschränkt sie sich auch auf den Geschlechtsakt und die Verständigung über philosophische Gedanken und Probleme, die "wahre Dialektik", 64, den Dialog, auf "die Erzeugung des Menschen, des geistigen so gut wie des physischen", p. 67. Was dieser "erzeugte" Mensch nachher tut, außer daß er wieder "geistig" und "physisch" "Menschen erzeugt", davon ist keine Rede. Feuerbach kennt auch nur den Verkehr zwischen Zweien,

"die Wahrheit, daß kein Wesen für sich allein ein wahres, ein vollkommenes, ein absolutes Wesen, daß die Wahrheit und Vollkommenheit nur ist die Verbindung, die Einheit von Zwei sich wesensgleichen Wesen". p. 83, 84.

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c) Der Anfang der "Philosophie der Zukunft" beweist gleich die Differenz zwischen uns und ihm:

1: "Die Aufgabe der neueren Zeit war die Verwirklichung und Vermenschlichung Gottes, die Verwandlung und Auflösung der Theologie in die Anthropologie". Vgl. "Die Negation der Theologie ist das Wesen der neueren Zeit". Philosophie der Zukunft", p. 23.

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d) Der Unterschied, den Feuerbach zwischen Katholizismus und Protestantismus, 2, macht, Katholizismus: "Theologie" "kümmert sich um das, was Gott an sich selber ist", hat "spekulative und kontemplative Tendenz", der Protestantismus bloß Christologie, überläßt den Gott an sich selber, die Spekulation und Kontemplation der Philosophie - weiter nichts als eine aus einem der unentwickelteren Wissenschaft entsprechenden Bedürfnis hervorgegangene Teilung der Arbeit. Aus diesem bloßen Bedürfnis innerhalb der Theologie erklärt Feuerbach den Protestantismus, woran sich dann ungezwungen eine selbständige Geschichte der Philosophie anschließt.

e) "Das Sein ist kein allgemeiner, von den Dingen abtrennbarer Begriff. Es ist Eins mit dem, was ist ... Das Sein ist die Position des Wesens. Was mein Wesen, ist mein Sein. Der Fisch ist im Wasser, aber von diesem Sein kannst du nicht sein Wesen abtrennen Schon die Sprache identifiziert Sein und Wesen. Nur im menschlichen Leben sondert sich, aber auch nur in abnormen, unglücklichen Fällen Sein vom Wesen - ereignet es sich, daß man nicht da, wo man sein Sein, auch sein Wesen hat, aber eben wegen dieser Scheidung auch nicht wahrhaft, nicht mit der Seele da ist, wo man wirklich mit dem Leibe ist. Nur wo Dein Herz ist, da bist Du. Aber alle Dinge sind - naturwidrige Fälle ausgenornenen - gerne da wo, und gerne das, was sie sind." p. 47.

Eine schöne Lobreele auf das Bestehende. Naturwidrige Fälle, wenige, abnorme Fälle ausgenommen, bist Du gerne mit dem siebenten Jahre Türschließer in einer Kohlengrube, vierzehn Stunden allein im Dunkeln, und weil Dein Sein, so ist es auch Dein Wesen. Desgleichen piecer an einem selfactor. Es ist Dein "Wesen" unter einen Arbeitszweig subsumiert zu sein. <Hier ist der Gedanke zu Ede geführt, dessen Entwicklung auf Seite 42 der "deutschen Ideologie" durch die Lücke im Manuskript unterbrochen wurde> Vgl. "Wesen des Glaubens", p. 11, "unbefriedigter Hunger", diese a [...]

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f) 48, p. 73. "Das Mittel, entgegengesetzte oder widersprechende Bestimmungen ohne Widerspruch in einem und demselben Wesen zu vereinigen, ist nur die Zeit. So ist es wenigstens im lebendigen Wesen. So nur kommt hier z.B. im Menschen der Widerspruch zum Vorschein, daß jetzt diese Bestimmung, dieser Vorsatz, jetzt eine ganz andere, eine geradezu entgegengesetzte Bestimmung mich beherrscht und erfüllt".

Dies nennt Feuerbach 1. einen Widerspruch, 2. eine Vereinigung von Widersprüchen, und 3. soll die Zeit das tun. Allerdings die "erfüllte" Zeit, aber immer die Zeit, nicht das, was in ihr passiert. Der Satz = dem, daß nur in der Zeit eine Veränderung möglich.


(1) Nämlich da der Mensch = Kopf + Herz ist und zwei dazu nötig sind, um den Menschen darzustellen, so tritt Einer als Kopf, der andre als Herz auf in ihrem Verkehr - Mann und Weib. Sonst nicht abzusehen, weshalb Zwei menschlicher sind als Einer. Das saint-simonistische Individuum.