Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 12, Berlin/DDR 1961. S. 250-253.

Karl Marx

Der Stand der indischen Insurrektion

Aus dem Englischen.


["New-York Daily Tribune" Nr. 5094 vom 18. August 1857]

<250> London, 4. August 1857

Als in London mit der letzten Post aus Indien die ausführlichen Berichte eintrafen, die der elektrische Telegraph bereits in knappen Umrissen vorweggenommen hatte, verbreitete sich sehr schnell das Gerücht über die Einnahme Delhis und hielt sich so hartnäckig, daß es die Transaktionen der Börse beeinflußte. Es war eine Neuauflage der Zeitungsente von der Einnahme Sewastopols, in verkleinertem Maßstabe. Schon eine oberflächliche Überprüfung der Daten und des Inhalts der Zeitungen aus Madras, denen, so hieß es, die angenehme Nachricht entnommen wurde, hatte genügt, diesen Irrtum aufzuklären. Die Meldung aus Madras erklärte, daß sie sich auf Privatbriefe vom 17. Juni aus Agra stütze, aber eine amtliche Verlautbarung vom 17. Juni aus Lahor meldet, daß noch am 16. bis 4 Uhr nachmittags vor Delhi alles ruhig war, während die "Bombay Times" vom 1. Juli berichtet, daß "General Barnard am Morgen des 17. auf Verstärkungen wartete, nachdem er mehrere Ausfälle abgewehrt hatte". Soviel zum Datum der Meldung aus Madras. Was ihren Inhalt betrifft, so ist er offenbar aus General Barnards Bulletin vom 8. Juni über die Erstürmung der Höhen von Delhi und aus einigen privaten Berichten über die Ausfälle der Belagerten am 12. und 14. Juni zusammengestellt.

Schließlich hat Hauptmann Lawrence aus den nicht veröffentlichten Plänen der Ostindischen Kompanie einen militärischen Lageplan von Delhi und seinen Kantonnements zusammengestoppelt. Darauf erkennen wir, daß Delhi nicht ganz so schwach befestigt ist, wie zuerst versichert wurde, doch auch nicht ganz so stark, wie jetzt behauptet wird. Es besitzt eine Zitadelle, die mit Sturmleitern oder regulären Laufgräben zu nehmen ist. Die Wälle, die sich über mehr als sieben Meilen erstrecken, sind aus festem Mauerwerk, <251> jedoch nicht sehr hoch. Der Graben ist schmal und nicht sehr tief, und die Flankenbefestigungen bestreichen eigentlich nicht den Zwischenwall. In gewissen Abständen stehen Martello-Türme. Sie sind halbkreisförmig und mit Schießscharten für Handfeuerwaffen versehen. In den Türmen führen Wendeltreppen von der Krone der Wälle zu Kammern hinunter, die auf gleicher Höhe mit dem Graben liegen; diese Kammern haben Schießscharten für Infanteriefeuer, was für eine Sturmtruppe, die den Graben überquert, sehr unangenehm werden kann. Die Bastionen, welche die Zwischenwälle schützen, sind auch mit Banketten für Schützen versehen, doch können diese durch Granatbeschuß niedergehalten werden. Als der Aufstand ausbrach, enthielt das Arsenal im Innern der Stadt 900.000 Patronen, zwei vollständige Belagerungstrains, eine große Anzahl Feldgeschütze und 10.000 Musketen. Das Pulvermagazin, das auf Wunsch der Einwohner seit langem aus der Stadt nach den Kantonnements außerhalb Delhis verlegt worden war, enthielt nicht weniger als 10.000 Pulverfässer. Die beherrschenden Höhen, die General Barnard am 8. Juni besetzte, liegen in nordöstlicher Richtung von Delhi, wo auch die Kantonnements außerhalb der Wälle errichtet wurden.

Aus dieser Beschreibung, die sich auf authentische Pläne stützt, kann man entnehmen, daß das Bollwerk des Aufstandes einem einzigen coup de main <Handstreich> erlegen wäre, wenn die britische Streitmacht, die jetzt vor Delhi steht, schon am 26. Mai dort gewesen wäre, und sie hätte dort sein können, wenn sie genügend Fahrzeuge gehabt hätte. Eine Analyse der in der "Bombay Times" veröffentlichten und in den Londoner Zeitungen nachgedruckten Liste der Regimenter, die bis Ende Juni revoltiert hatten, und der Daten, an denen sie revoltierten, beweist überzeugend, daß Delhi noch am 26. Mai von nur 4.000 oder 5.000 Aufständischen besetzt war, also von einer Streitmacht, die keinen Augenblick daran hätte denken können, einen Wall von sieben Meilen Länge zu verteidigen. Mirat, das nur vierzig Meilen von Delhi entfernt liegt und seit Anfang 1853 stets als Hauptquartier der bengalischen Artillerie gedient hat, verfügte über das Hauptlaboratorium für militärwissenschaftliche Zwecke und bot das schönste Gelände für Übungen an Feld- und Belagerungsgeschützen; um so weniger ist zu verstehen, warum dem britischen Kommandeur die notwendigen Mittel fehlten, um einen jener coups de main durchzuführen, womit die britischen Truppen in Indien stets ihre Überlegenheit über die Eingeborenen zu sichern wissen. Zuerst wurde uns mitgeteilt, daß man auf den Belagerungspark warte, dann, daß Verstärkungen fehlten, und jetzt erzählt uns "The Press", eines der bestinformierten Londoner Blätter:

<252> "Unserer Regierung ist sicher die Tatsache bekannt, daß General Barnard Mangel an Proviant und Munition leidet und daß die Munition auf 24 Schuß pro Mann beschränkt ist."

Aus dem vom 8. Juni datierten eigenen Bulletin General Barnards über die Besetzung der Höhen vor Delhi sehen wir, daß er ursprünglich beabsichtigte, Delhi am nächsten Tag zu stürmen. Er konnte jedoch diesen Plan nicht ausführen, sondern mußte sich wegen dieser oder jener Umstände darauf beschränken, gegen die Belagerten in die Verteidigung zu gehen.

Augenblicklich ist es äußerst schwierig, die Kräfte beider Seiten abzuschätzen. Die Berichte der indischen Presse sind äußerst widerspruchsvoll; doch man kann unserer Meinung nach einer indischen Korrespondenz der bonapartistischen "Pays", die anscheinend von dem französischen Konsul in Kalkutta stammt, gewissen Glauben schenken. Laut dieser Meldung bestand die Armee des Generals Barnard am 1. Juni aus etwa 5.700 Mann, die durch die am 20. desselben Monats erwarteten Verstärkungen verdoppelt (?) werden sollte. Sein Train bestand aus 30 schweren Belagerungsgeschützen, während die Kräfte der Aufständischen auf 40.000 Mann geschätzt wurden, die schlecht organisiert, doch mit allen Angriffs- und Verteidigungsmitteln reichlich versehen waren.

En passant bemerken wir, daß die vor dem Adschmir-Tor, wahrscheinlich in den Gräbern des Ghazi-Chan, verschanzten 3.000 Aufständischen nicht, wie einige Londoner Zeitungen annehmen, der englischen Streitmacht gegenüberstehen, sondern im Gegenteil von ihr durch die ganze Breite von Delhi getrennt sind; denn das Adschmir-Tor liegt am äußersten Ende vom Südwestteil des neuen Delhi nördlich der Ruinen des alten Delhi. Auf jener Seite der Stadt kann nichts die Aufständischen daran hindern, noch einige solcher Lager anzulegen. An der nordöstlichen oder Flußseite der Stadt beherrschen sie die Schiffsbrücke und sind in ständiger Verbindung mit ihren Landsleuten, von denen sie ungehindert Nachschub an Menschen und Vorräten erhalten. In kleinerem Maßstab bietet Delhi das Bild einer Festung, die (wie Sewastopol) ihre Verbindungslinien mit dem Inneren des eigenen Landes offenhält.

Die Verzögerung in den britischen Operationen hat den Belagerten nicht nur gestattet, große Truppenmassen für die Verteidigung zu konzentrieren, sondern auch der Kampfgeist der Sepoys ist gestärkt worden sowohl durch das Bewußtsein, daß sie viele Wochen hindurch Delhi gehalten und die europäischen Streitkräfte durch wiederholte Ausfälle erschöpft haben, als auch dadurch, daß täglich Nachrichten von neuen Aufständen in der ganzen Armee eintrafen. Die Engländer können mit ihren geringen Kräften natürlich nicht daran denken, die Stadt einzuschließen, sondern müssen sie Stürmen. <253> Wenn jedoch die nächste reguläre Post nicht die Nachricht von der Einnahme Delhis bringt, können wir fast sicher sein, daß für die nächsten Monate alle bedeutenderen Operationen der Briten aufgeschoben werden müssen. Die Regenzeit wird in vollem Ausmaß eingesetzt haben und die nordöstliche Seite der Stadt dadurch schützen, daß sie den Graben mit "dem tiefen und reißenden Wasser der Dschamna" füllt, während eine Temperatur von 75 bis 102 Grad <Fahrenheit (24 bis 31 Celsius)>, verbunden mit einer durchschnittlichen Niederschlagsmenge von neun Zoll, die Europäer mit der echten asiatischen Cholera geißeln würde. Dann würden sich die Worte Lord Ellenboroughs bewahrheiten:

"Ich hin der Meinung, Sir H. Barnard kann nicht bleiben, wo er ist - das Klima läßt es nicht zu. Wenn die schweren Regenfälle einsetzen, wird er von Mirat, von Ambala und vom Pandschab abgeschnitten sein; er wird auf einem sehr schmalen Landstreifen gefangen sein, und sich in einer Situation befinden - ich will nicht von einer gefahrvollen Situation sprechen -, aber in einer Situation, die nur mit Ruin und Vernichtung enden kann. Ich hoffe, daß er sich rechtzeitig zurückziehen wird."

Somit hängt alles, was Delhi betrifft, davon ab, ob General Barnard hinlänglich mit Soldaten und Munition versehen ist, um den Sturm auf Delhi während der letzten Juniwochen zu unternehmen. Andererseits würde ein Rückzug seinerseits die Moral der Aufständischen gewaltig stärken und vielleicht die Armeen von Bombay und Madras bewegen, sich ihnen offen anzuschließen.