Inhaltsverzeichnis Aufsätze für "The New American Cyclopædia"

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 14, 4. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1961, Berlin/DDR. S. 217-231.

1. Korrektur.
Erstellt am 22.08.1998.

Karl Marx

Bolivar y Ponte

Geschrieben um den 8. Januar 1858.
Aus dem Englischen.


["The New American Cyclopædia", Band III]

<217> Bolivar y Ponte, Simon, der "Befreier" Kolumbiens, geboren am 24. Juli 1783 in Caracas, gestorben in San Pedro, nahe Santa Marta, am 17. Dezember 1830. Er war der Sohn einer der Familien Mantuanas, die zur Zeit der spanischen Oberhoheit den kreolischen Adel in Venezuela bildeten. Entsprechend dem Brauch wohlhabender Amerikaner jener Zeit wurde er im frühen Alter von 14 Jahren nach Europa geschickt. Von Spanien ging er nach Frankreich und hielt sich einige Jahre in Paris auf. 1802 vermählte er sich in Madrid und kehrte dann nach Venezuela zurück, wo seine Frau plötzlich am gelben Fieber starb. Danach ging er ein zweites Mal nach Europa und wohnte 1804 der Krönung Napoleons zum Kaiser bei und war auch zugegen, als dieser 1805 die Eiserne Krone der Lombardei entgegennahm. 1809 kehrte er nach Hause zurück, und trotz des Drängens seines Vetters José Félix Ribas lehnte er es ab, sich der Revolution anzuschließen, die am 19. April 1810 in Caracas ausbrach; aber nach diesem Ereignis nahm er einen Auftrag an, nach London zu gehen, um Waffen zu kaufen und die Protektion der britischen Regierung zu erbitten. Nach außen hin gut empfangen von dem Marquis von Wellesley, dem damaligen Minister des Auswärtigen, erreichte er nichts anderes als die Erlaubnis, Waffen gegen bares Geld und bei Zahlung hohen Zolls auszuführen. Nach seiner Rückkehr von London zog er sich wieder ins Privatleben zurück, bis er im September 1811 von General Miranda, damals Oberbefehlshaber der aufständischen Land- und Seestreitkräfte, veranlaßt wurde, den Rang eines Oberstleutnants im Stab und das Kommando über Puerto Cabello, die stärkste Festung von Venezuela, anzunehmen.

Als es den spanischen Kriegsgefangenen, die Miranda regelmäßig nach Puerto Cabello zu senden pflegte, um sie in der Zitadelle unter Bewachung festzuhalten, gelungen war, ihre Wachen zu überrumpeln und zu überwältigen und sich der Zitadelle zu bemächtigen, obwohl sie unbewaffnet <218> waren, während Bolivar über eine starke Garnison und große Waffenmagazine verfügte, schiffte er sich nachts überstürzt mit acht seiner Offiziere ein, ohne seine eigenen Truppen zu benachrichtigen, kam bei Tagesanbruch in La Guayra an und zog sich auf sein Gut in San Mateo zurück. Als die Garnison von der Flucht ihres Kommandanten Kenntnis erhielt, zog sie sich geordnet aus der Festung zurück, die sofort von den Spaniern unter Monteverde besetzt wurde. Dieses Ereignis gab den Ausschlag zugunsten Spaniens und zwang Miranda, im Auftrag des Kongresses an 26. Juli 1812 den Vertrag von Vittoria zu unterschreiben, der Venezuela wieder der spanischen Herrschaft unterwarf. Am 30. Juli kam Miranda in La Guayra an, wo er sich an Bord eines englischen Schiffes begeben wollte. Als er den Kommandanten des Ortes, Oberst Manuel Maria Casas, besuchte, traf er eine zahlreiche Gesellschaft an, unter ihnen Don Miguel Peña und Simon Bolivar, die ihn überredeten, wenigstens eine Nacht in Casas Haus zu bleiben. Um 2 Uhr morgens, als Miranda fest schlief, betraten Casas, Peña und Bolivar mit vier bewaffneten Soldaten sein Zimmer, nahmen vorsorglich seinen Degen und seine Pistole an sich, weckten ihn dann und hießen ihn grob aufstehen und sich anziehen, fesselten ihn und lieferten ihn schließlich an Monteverde aus, der ihn nach Cadiz schickte, wo er nach einigen Jahren der Gefangenschaft in Ketten starb. Diese Tat, zu der man als Vorwand benutzte, Miranda habe durch die Kapitulation von Vittoria sein Land verraten, verschaffte Bolivar die besondere Gunst Monteverdes, so daß dieser, als Bolivar seinen Paß von ihm verlangte, er klärte: "Oberst Bolivars Bitte sollte erfüllt werden als Belohnung für den durch die Auslieferung Mirandas dem König von Spanien geleisteten Dienst."

So wurde also Bolivar gestattet, nach Curaçao zu segeln, wo er sechs Wochen verbrachte und von wo er sich dann in Begleitung seines Vetters Ribas in die kleine Republik Cartagena begab. Noch vor ihrer Ankunft war eine große Anzahl Soldaten, die unter General Miranda gedient hatten, nach Cartagena geflüchtet. Ribas schlug ihnen vor, eine Expedition gegen die Spanier in Venezuela zu unternehmen und Bolivar als ihren Oberbefehlshaber anzuerkennen. Den ersten Vorschlag griffen sie eifrig auf; gegen den letzteren sträubten sie sich, willigten aber schließlich unter der Bedingung ein, daß Ribas Stellvertreter des Befehlshabers werde. Manuel Rodríguez Torrices, der Präsident der Republik Cartagena, fügte den so für Bolivar geworbenen 300 Soldaten noch 500 Mann unter dem Kommando seines Vetters Manuel Castillo hinzu. Die Expedition brach Anfang Januar 1813 auf. Da es wegen des Oberbefehls zwischen Bolivar und Castillo zu Differenzen <219> kam, zog letzterer plötzlich mit seinen Granadern ab. Bolivar schlug seinerseits vor, Castillos Beispiel zu folgen und nach Cartagena zurückzukehren, aber Ribas überredete ihn schließlich, seinen Weg wenigstens bis Bogota fortzusetzen, zu jener Zeit Sitz des Kongresses von Neu-Granada. Sie wurden gut empfangen, in jeder Weise unterstützt und vom Kongreß beide zu Generalen befördert, und, nachdem sie ihre kleine Armee in zwei Kolonnen aufgeteilt hatten, marschierten sie auf verschiedenen Wegen nach Caracas. Je weiter sie vorrückten, desto mehr strömten ihnen Verstärkungen zu; die grausamen Ausschreitungen der Spanier wirkten überall als Rekrutierungssergeanten für die Armee der Unabhängigen. Die Widerstandskraft der Spanier war gebrochen, teils weil sich drei Viertel ihrer Armee aus Einheimischen zusammensetzte, die bei jedem Treffen zum Gegner überliefen, teils durch die Feigheit solcher Generale wie Tiscar, Cajigal und Fierro, die bei jeder Gelegenheit ihre eigenen Truppen verließen. So geschah es, daß Santiago Mariño, ein einfacher Jugendlicher, es fertigbrachte, die Spanier aus den Provinzen Cumana und Barcelona genau zur gleichen Zeit zu vertreiben, als Bolivar durch die westlichen Provinzen vorrückte. Den einzigen ernsthaften Widerstand setzten die Spanier der Kolonne von Ribas entgegen, der jedoch General Monteverde bei Los Taguanes in die Flucht schlug und ihn zwang, sich in Puerto Cabello mit dem Rest seiner Truppen zu verschanzen.

Als der Gouverneur von Caracas, General Fierro, von dem Herannahen Bolivars hörte, sandte er Parlamentäre aus, um die Kapitulation anzubieten, die in Vittoria unterzeichnet wurde; aber Fierro, von plötzlicher Panik gepackt, machte sich, ohne die Rückkehr seiner eigenen Emissäre abzuwarten, nachts heimlich davon und überließ mehr als 1.500 Spanier auf Gnade und Ungnade dem Feinde. Bolivar wurde nun durch einen öffentlichen Triumphzug geehrt. In einem Triumphwagen stehend, barhaupt, in voller Uniform, einen kleinen Stab in seiner Hand schwingend, wurde Bolivar von 12 weißgekleideten, mit den Nationalfarben geschmückten jungen Damen, die alle aus den ersten Familien von Caracas ausgewählt worden waren, in etwa einer halben Stunde von den Stadttoren bis zu seiner Residenz gezogen. Er ernannte sich selbst zum "Diktator und Befreier der westlichen Provinzen Venezuelas" - Mariño hatte den Titel "Diktator der östlichen Provinzen" angenommen - schuf den "Orden des Befreiers", bildete ein auserlesenes Truppenkorps, nannte es seine Leibgarde und umgab sich mit dem Glanze eines Hofes. Aber wie die meisten seiner Landsleute war er jeder länger währenden Anstrengung abgeneigt, und seine Diktatur artete bald in eine Militäranarchie aus, in der die wichtigsten Angelegenheiten den <220> Händen von Favoriten überlassen blieben, die die Finanzen des Landes verschleuderten und dann zu widerwärtigen Mitteln griffen, um sie wieder in Ordnung zu bringen. So verwandelte sich der neue Enthusiasmus des Volkes bald in Unzufriedenheit, und die verstreuten Kräfte des Feindes hatten Zeit, sich zu erholen. Während Anfang August 1813 Monteverde in der Festung Puerto Cabello eingeschlossen und der spanischen Armee nur ein schmaler Landstreifen im nordwestlichen Teil Venezuelas verbliebe war, hatte bereits drei Monate später der Befreier sein Prestige verloren, und Caracas war durch das plötzliche Auftauchen der siegreichen Spanier unter Boves in seiner Nachbarschaft bedroht. Um seine wankende Macht zu festigen, versammelte Bolivar am 1. Januar 1814 eine Junta der einflußreichsten Einwohner von Caracas und erklärte, er sei nicht gewillt, länger die Last der Diktatur zu tragen. Hurtado Mendoza bewies seinerseits in einer langen Rede

"die Notwendigkeit, die Oberhoheit in den Händen von General Bolivar zu belassen, bis der Kongreß von Neu-Granada zusammentreten und Venezuela unter einer Regierung vereinigt werden könnte".

Dieser Vorschlag wurde angenommen, und die Diktatur wurde auf diese Weise gesetzlich sanktioniert.

Der Krieg gegen die Spanier wurde eine Zeitlang in einer Reihe von kleinen Gefechten ohne einen entscheidenden Vorteil für eine der kämpfenden Parteien fortgesetzt. Im Juni 1814 marschierte Boves mit seinen vereinigten Streitkräften von Calabozo nach La Puerta, wo sich die Truppen der beiden Diktatoren, Bolivar und Mariño, vereint hatten; hier traf Boves auf sie und befahl seinen Truppen, sofort anzugreifen. Nach kurzem Widerstand floh Bolivar in Richtung Caracas, während Mariño in Richtung Cumana verschwand. Puerto Cabello und Valencia fielen in die Hände von Boves, der dann zwei Kolonnen (eine unter dem Kommando von Oberst Gonzalez) auf verschiedenen Wegen nach Caracas schickte. Ribas versuchte vergebens, den Vormarsch von Gonzalez aufzuhalten. Nach der Übergabe von Caracas an Gonzalez, am 17. Juli 1814, evakuierte Bolivar La Guayra, befahl den im Hafen liegenden Schiffen nach Cumana zu segeln, und zog sich mit dem Rest seiner Truppen nach Barcelona zurück. Nach der Niederlage, die Boves den Aufständischen am 8. August 1814 bei Arguita zufügtem, verließ Bolivar in derselben Nacht heimlich seine Truppen, um auf Nebenwegen nach Cumana zu eilen, wo er sich trotz der zornigen Proteste von Ribas sofort an Bord der "Bianchi" einschiffte, zusammen mit Mariño und einigen anderen Offizieren. Wenn Ribas, Páez und andere Generale den <221> Diktatoren auf ihrer Flucht gefolgt wären, wäre alles verloren gewesen. Von General Arismendi bei ihrer Ankunft in Juan Griego auf der Insel Margarita als Deserteure behandelt und aufgefordert, abzureisen, segelten sie nach Carupano, von wo aus sie sich, da sie von Oberst Bermúdez ähnlich empfangen wurden, nach Cartagena begaben. Dort veröffentlichten sie, um ihre Flucht zu bemänteln, zu ihrer Rechtfertigung ein Memorandum in hochtönenden Phrasen.

Da Bolivar sich einer Verschwörung zum Sturz der Regierung von Cartagena angeschlossen hatte, mußte er diese kleine Republik verlassen und ging nach Tunja, wo der Kongreß der Föderativen Republik Neu-Granada seinen Sitz hatte. Zu dieser Zeit stand die Provinz Cundinamarca an der Spitze der unabhängigen Provinzen, die sich weigerten, den granadischen Föderativvertrag anzunehmen, während Quito, Pasto, Santa Marta und andere Provinzen noch in der Macht der Spanier blieben. Bolivar, der am 22. November 1814 in Tunja ankam, wurde vom Kongreß zum Oberbefehlshaber der föderativen Streitkräfte ernannt und erhielt den doppelten Auftrag, den Präsidenten der Provinz Cundinamarca zu zwingen, die Autorität des Kongresses anzuerkennen, und dann gegen Santa Marta zu marschieren, den einzigen befestigten Seehafen Neu-Granadas, der noch in den Händen der Spanier war. Der erste Auftrag wurde ohne Schwierigkeiten erledigt, da Bogota, die Hauptstadt der unzufriedenen Provinz, eine unbefestigte Stadt war. Obwohl die Stadt kapituliert hatte, erlaubte Bolivar seinen Soldaten, sie 48 Stunden lang zu plündern. In Santa Marta hatte der spanische General Montalvo, der eine schwache Garnison von weniger als 200 Mann und eine Festung in miserablem Verteidigungszustand hatte, schon ein französisches Schiff bestellt, um seine eigene Flucht zu sichern, während die Einwohner der Stadt Botschaft an Bolivar sandten, daß sie bei seinem Erscheinen die Tore öffnen und die Garnison hinaustreiben würden. Aber statt gegen die Spanier von Santa Marta zu marschieren, wie ihm vom Kongreß befohlen worden war, gab er seinem Haß gegenüber Castillo, dem Kommandanten von Cartagena, nach und führte nach eigenem Ermessen seine Truppen gegen die letztgenannte Stadt, die ein integraler Bestandteil der Föderativen Republik war. Zurückgeschlagen, schlug er bei La Papa, einem großen Hügel, ungefähr einen Kanonenschuß von Cartagena entfernt, sein Lager auf und richtete eine einzige kleine Kanone als Batterie gegen eine mit etwa 80 Kanonen versehene Festung. Dann ging er von der Belagerung zur Blockade über, die bis Anfang Mai dauerte und kein anderes Ergebnis hatte als die Dezimierung seiner Armee von 2.400 auf etwa 700 Mann durch Desertion und Krankheit. Inzwischen war am 25. März 1815 <222> eine große spanische Expedition von Cadiz unter General Morillo auf der Insel Margarita eingetroffen, die sofort mächtige Verstärkungen nach Santa Marta geworfen und bald darauf Cartagena selbst eingenommen hatte. Vorher jedoch, am 10. Mai 1815 hatte sich Bolivar mit etwa einem Dutzend seiner Offiziere auf einer bewaffneten englischen Brigg nach Jamaika eingeschifft. An diesem Zufluchtsort angekommen, veröffentlichte er erneut eine Proklamation, in der er sich als das Opfer eines geheimen Feindes oder einer Partei hinstellte und seine Flucht vor den herannahenden Spaniern als einen Rücktritt vom Kommando aus Rücksicht auf den öffentlichen Frieden verteidigte.

Während seines achtmonatigen Aufenthalts in Kingston leisteten die von ihm in Venezuela zurückgelassenen Generale und General Arismendi auf der Insel Margarita den spanischen Waffen hartnäckigen Widerstand. Aber nachdem Ribas, dem Bolivar seinen Ruhm verdankte, nach der Einnahme von Maturin von den Spaniern erschossen worden war, erschien dort an seiner Stelle ein anderer Mann mit noch größeren Fähigkeiten auf der Bühne, der als Ausländer keine selbständige Rolle in der südamerikanischen Revolution spielen konnte, und sich daher entschloß, in Bolivar Dienste zu treten. Das war Luis Brion. Um den Revolutionären Hilfe zu bringen, war er mit einer mit 24 Kanonen bestückten Korvette, die er zum großen Teil auf eigene Kosten ausgestattet hatte, mit 14.000 Gewehren und einer großen Menge Kriegsmaterial von London nach Cartagena abgesegelt. Da er zu spät eintraf und den Aufständischen schon nicht mehr nützlich sein konnte, schiffte er sich nach Cayes auf Haiti ein, wohin sich viel patriotische Emigranten nach der Übergabe von Cartagena geflüchtet hatten. Bolivar hatte sich inzwischen ebenfalls von Kingston nach Port au Prince begeben, wo Pétion, der Präsident von Haiti, ihm auf sein Versprechen hin, die Sklaven zu befreien, umfangreiche materielle Unterstützung für eine neue Expedition gegen die Spanier in Venezuela anbot. In Cayes traf er Brion und die anderen Emigranten und schlug sich selbst in einer allgemeinen Zusammenkunft zum Chef der neuen Expedition vor, unter der Bedingung, daß bis zur Einberufung eines allgemeinen Kongresses die zivile und militärische Gewalt in seiner Hand vereint werde. Da die Mehrheit diese Bedingung annahm, segelte die Expedition am 16. April 1816 mit Bolivar als Kommandeur und Brion als Admiral ab. Auf Margarita gelang es Bolivar, Arismendi zu gewinnen, den Kommandanten der Insel, dem es gelungen war, die Spanier so weit zurückzudrängen, da ihnen nur noch ein einziger Ort, Pampatar, verblieben war. Auf Bolivar offizielles Versprechen, einen Nationalkongreß in Venezuela einzuberufen, <223> sobald er Herr des Landes sein würde, rief Arismendi in der Kathedrale von La Villa del Norte eine Junta zusammen und proklamierte Bolivar öffentlich zum Oberbefehlshaber der Republiken Venezuela und Neu-Granada. Am 31. Mai 1816 landete Bolivar in Carupano, wagte es aber nicht, Mariño und Piar daran zu hindern, sich von ihm zu trennen und auf eigene Faust gegen Cumana Krieg zu führen. Durch diese Trennung geschwächt, setzte er auf Brions Rat Segel nach Ocumare, wo er am 3. Juli 1816 mit 13 Schiffen eintraf, von denen nur 7 bewaffnet waren. Seine Armee bestand aus nur 650 Mann, die durch die Anwerbung von Negern, deren Befreiung er verkündet hatte, auf etwa 800 Mann anwuchs. In Ocumare gab er wiederum eine Proklamation heraus, in der er versprach, "die Tyrannen auszurotten" und "das Volk zusammenzurufen, damit es seine Abgeordneten in den Kongreß benenne". Bei seinem Vorrücken in Richtung auf Valencia stieß er unweit von Ocumare auf den spanischen General Morales an der Spitze von etwa 200 Soldaten und 100 Mann Miliz. Als Morales Schützen Bolivars Avantgarde zerstreut hatten, verlor dieser, wie ein Augenzeuge berichtet,

"alle Geistesgegenwart, sprach kein Wort, wandte rasch sein Pferd und floh mit verhängten Zügeln gegen Ocumare zu, durchritt in vollem Galopp das Dorf, erreichte die benachbarte Bucht, sprang vom Pferd, setzte sich in ein Boot und gelangte so an Bord der 'Diana', gab Befehl, daß das ganze Geschwader ihm auf die kleine Insel Buen Ayre folgen sollte, und ließ alle seine Gefährten ohne irgendwelche Hilfsmittel zurück."

Auf Brions Vorwürfe und Ermahnungen hin schloß er sich wieder den anderen Kommandeuren an der Küste von Cumana an, da er jedoch von ihnen unfreundlich empfangen wurde und Piar ihm drohte, ihn vor ein Kriegsgericht als Deserteur und Feigling zu bringen, wandte er sich sofort wieder nach Cayes. Nach monatelangen Anstrengungen gelang es Brion schließlich, die Mehrheit der militärischen Führer Venezuelas, die fühlten, daß es wenigstens ein nominelles Zentrum geben müßte, davon zu überzeugen, Bolivar als ihren Oberbefehlshaber zurückzurufen, unter der ausdrücklichen Bedingung, daß er den Kongreß einberufen und sich nicht in die Zivilverwaltung einmengen sollte. Am 31. Dezember 1816 traf er mit den Waffen, der Munition und den von Pétion gelieferten Vorräten in Barcelona ein. Als sich ihm am 2. Januar 1817 Arismendi anschloß, verkündete er am 4. Januar das Kriegsrecht und die Vereinigung der gesamten Macht in seiner Hand; aber 5 Tage später, als Arismendi in einen von den Spaniern gelegten Hinterhalt geraten war, floh der Diktator nach Barcelona. Die Truppen sammelten sich erneut in Barcelona, wohin Brion <224> Bolivar sowohl Kanonen als auch neue Verstärkungen schickte, so daß er bald ein neues Korps von 1.100 Mann aufstellen konnte. Am 5. April nahmen die Spanier die Stadt Barcelona ein, und die Truppen der Patrioten zogen sich auf das Armenhaus zurück, ein Gebäude außerhalb Barcelonas, das auf Befehl Bolivars verschanzt wurde, aber ungeeignet war, eine Garnison 1.000 Mann gegen einen ernsthaften Angriff zu schützen. Er verließ den Posten in der Nacht zum 5. April und benachrichtigte Oberst Freites, dem er das Kommando übertrug, daß er neue Truppen suchen ginge und bald zurückkehren würde. Freites, der diesem Versprechen vertraute, lehnte das Anerbieten einer Kapitulation ab und wurde nach der Erstürmung zusammen mit der ganzen Garnison von den Spaniern niedergemetzelt.

Piar, ein Farbiger und Eingeborener von Curaçao, plante und vollzog die Eroberung Guayanas, wobei Admiral Brion dieses Unternehmen mit seinen Kanonenbooten unterstützte. Am 20. Juli, als das ganze Territorium von den Spaniern befreit war, beriefen Piar, Brion, Zea, Mariño, Arismendi und andere einen Provinzialkongreß in Angostura ein und setzten an die Spitze der Exekutive ein Triumvirat; Brion, der Piar haßte und an Bolivar sehr interessiert war, da er auf dessen Erfolg sein großes Privatvermögen gesetzt hatte, erreichte, daß letzterer ungeachtet seiner Abwesenheit zum Mitglied des Triumvirats ernannt wurde. Auf diese Nachricht hin verließ Bolivar seinen Zufluchtsort und erschien in Angostura, wo er, von Brion ermutigt, den Kongreß und das Triumvirat auflöste, um sie durch einen "Obersten Rat der Nation" zu ersetzen, an dessen Spitze er selbst stand, während Brion und Francisco Antonio Zea Präsidenten, ersterer der militärischen, letzterer der politischen Sektion wurden. Piar, der Eroberer von Guayana, der einst damit gedroht hatte, Bolivar als Deserteur vor ein Kriegsgericht zu bringen, sparte jedoch nicht mit Sarkasmen gegen den "Napoleon des Rückzugs", und Bolivar stimmte daher einem Plan zu, ihn zu beseitigen. Unter der falschen Anschuldigung, er habe gegen die Weißen konspiriert, Bolivar nach dem Leben getrachtet und die höchste Gewalt angestrebt, wurde Piar vor ein Kriegsgericht unter dem Vorsitz von Brion gestellt, überführt, zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1817 erschossen. Sein Tod erfüllte Mariño mit Schrecken. Seiner eigenen Bedeutungslosigkeit sich voll bewußt, nachdem er nun Piars beraubt war, verleumdete er in einem höchst niederträchtigen Brief öffentlich seinen ermordeten Freund, bereute seine eigene Rivalität gegen den Befreier und appellierte an Bolivars unerschöpfliche Großmut.

Die Eroberung Guayanas durch Piar hatte die Lage vollständig zugunsten der Patrioten verändert; diese eine Provinz bot ihnen mehr Ressourcen <225> alle anderen sieben Provinzen Venezuelas zusammen. Von einem neuen Feldzug, den Bolivar durch eine neue Proklamation ankündigte, erwartete man daher allgemein, daß er zur endgültigen Vertreibung der Spanier führen würde. Dieses erste Bulletin, das einige kleine, sich von Calabozo zurückziehende spanische Fourageabteilungen als "Armeen, die vor unseren siegreichen Truppen fliehen", bezeichnete, war nicht darauf berechnet, diese Hoffnungen zu dämpfen. Gegenüber etwa 4.000 Spaniern, die Morillo noch nicht hatte sammeln können, verfügte Bolivar über mehr als 9.000 Mann, die gut bewaffnet und ausgerüstet sowie mit allem, was im Kriege notwendig ist, ausgiebig versehen waren. Nichtsdestoweniger hatte er bis Ende Mai 1818 etwa ein Dutzend Schlachten und alle Provinzen nördlich des Orinoco verloren. Da er seine zahlenmäßig überlegenen Streitkräfte zerstreute, wurden sie immer einzeln geschlagen. Er überließ die Kriegsführung Páez und seinen anderen Untergebenen und zog sich nach Angostura zurück. Ein Abfall folgte dem anderen, und alles schien zur völligen Katastrophe zu treiben. In diesem höchst kritischen Moment veränderte ein Zusammentreffen von glücklichen Umständen wieder einmal die Lage der Dinge. In Angostura traf Bolivar mit Santander zusammen, der aus Neu-Granada stammte und ihn bat, ihm die Mittel zu einem militärischen Einfall in dieses Gebiet zu geben, da die dortige Bevölkerung zu einem allgemeinen Aufstand gegen die Spanier bereit sei. Bolivar kam in gewisser Hinsicht dieser Bitte nach. Inzwischen traf aus England eine starke Hilfe in Form von Menschen, Schiffen und Munition ein, und englische, französische, deutsche und polnische Offiziere strömten von allen Seiten nach Angostura. Schließlich erschien Dr. Germán Rosci auf der Bildfläche, der, bestürzt über das abnehmende Glück der südamerikanischen Revolution, Einfluß auf Bolivar gewann und ihn veranlaßte, am 15. Februar 1819 einen Nationalkongreß einzuberufen, dessen bloße Erwähnung sich als mächtig genug erwies, um eine neue Armee von etwa 14.000 Mann aufzustellen, so daß Bolivar wieder die Offensive ergreifen konnte.

Die ausländischen Offiziere rieten ihm, er solle vortäuschen, daß er die Absicht habe, Caracas anzugreifen und Venezuela vom spanischen Joch zu befreien, um auf diese Weise Morillo zu veranlassen, seine Streitkräfte von Neu-Granada abzuziehen und zur Verteidigung Venezuelas zu konzentrieren, während er (Bolivar) sich plötzlich nach Westen wenden, sich mit Santanders Guerillas vereinen und auf Bogota marschieren solle. Um diesen Plan auszuführen, verließ Bolivar am 24. Februar 1819 Angostura, nachdem er Zea zum Präsidenten des Kongresses und Vizepräsidenten der Republik während seiner Abwesenheit ernannt hatte. Durch die Manöver von Páez <226> wurden Morillo und la Torre bei Achaguas in die Flucht geschlagen und wären völlig vernichtet worden, wenn Bolivar eine Vereinigung seiner eigenen Truppen mit denen von Páez und Mariño zustande gebracht hätte. Auf alle Fälle führten die Siege von Páez zur Besetzung der Provinz Barima, wodurch für Bolivar der Weg nach Neu-Granada frei wurde. Da hier alles von Santander vorbereitet war, entschieden die ausländischen Truppen, die hauptsächlich aus Engländern bestanden, das Schicksal Neu-Granadas durch eine Reihe von Siegen, die am 1. Juli und 23. Juli sowie am 7. August in der Provinz Tunja errungen wurden. Am 12. August zog Bolivar im Triumph in Bogota ein, während die Spanier, gegen die sich alle Provinzen Neu-Granadas erhoben hatten, sich in der befestigten Stadt Mompox verschanzten.

Nachdem er den granadischen Kongreß in Bogota eingesetzt und General Santander zum Oberbefehlshaber ernannt hatte, marschierte Bolivar nach Pamplona, wo er etwa zwei Monate mit Festen und Bällen verbrachte. Am 3. November kam er in Montecal in Venezuela an, wohin er die patriotisch gesinnten Führer dieses Landes mit ihren Truppen befohlen hatte. Mit einem Schatz von etwa 2.000.000 Dollar, die durch erzwungene Kontributionen von den Einwohnern Neu-Granadas erhoben worden waren, und mit einer verfügbaren Streitkraft von etwa 9.000 Mann, von der ein Drittel aus gut disziplinierten Engländern, Iren, Hannoveranern und anderen Ausländern bestand, konnte er nun einem Feinde entgegentreten, der aller Hilfsquellen beraubt, dessen nominelle Streitkräfte auf etwa 4.500 Mann reduziert und von denen zwei Drittel Einheimische waren, auf die sich die Spanier also nicht verlassen konnten. Da Morillo sich von San Fernando de Apure nach San Carlos zurückzog, verfolgte Bolivar ihn bis Calabozo, so daß die feindlichen Hauptquartiere nur zwei Tagesmärsche voneinander entfernt waren. Wäre Bolivar kühn vorgestoßen, so hätten seine europäischen Truppen allein genügt, die Spanier zu vernichten; aber er zog es vor, den Krieg noch 5 Jahre hinzuziehen.

Im Oktober 1819 hatte der Kongreß von Angostura den von ihm ernannten Zea gezwungen, zurückzutreten und an seiner Stelle Arismendi gewählt. Als Bolivar diese Nachricht erhielt, marschierte er plötzlich mit seiner Ausländer-Legion nach Angostura, überraschte Arismendi, der nur über 600 Einheimische verfügte, verbannte ihn nach der Insel Margarita und setzte Zea wieder in seine Würden ein. Dr. Rosci, der Bolivar mit der Perspektive einer Zentralmacht begeisterte, brachte ihn dazu, Neu-Granada und Venezuela als "Republik Kolumbien" zu proklamieren, ein Grundgesetz für den neuen Staat zu veröffentlichen, das von Rosci entworfen <227> worden war, und in die Einsetzung eines für beide Länder gemeinsamen Kongresses einzuwilligen. Am 20. Januar 1820 war Bolivar wieder nach San Fernando de Apure zurückgekehrt. Das plötzliche Zurückziehen seiner Ausländer-Legion, die die Spanier mehr fürchteten als die zehnfache Anzahl Kolumbianer, hatte Morillo wiederum Gelegenheit gegeben, Verstärkungen zu sammeln, während die Nachricht, daß eine mächtige Expedition unter O'Donnell von Spanien aufbreche, den sinkenden Mut der spanischen Partei neu belebte. Trotz seiner weit überlegenen Streitkräfte brachte es Bolivar fertig, während der Kampagne von 1820 nichts zu erreichen. Inzwischen kamen Nachrichten aus Europa, daß die Revolution auf der Insel Leon der beabsichtigten Expedition O'Donnells gewaltsam ein Ende gemacht hatte. In Neu-Granada hatten sich von 22 Provinzen 15 der Regierung Kolumbiens angeschlossen, und den Spaniern waren nur die Festung Cartagena und die Landenge von Panama verblieben. In Venezuela ordneten sich 6 Provinzen von 8 den Gesetzen Kolumbiens unter. Das war der Stand der Dinge, als Bolivar sich von Morillo zu Verhandlungen verleiten ließ, die am 25. November 1820 zu dem Abkommen von Truxillo über einen sechsmonatigen Waffenstillstand führten. In dem Waffenstillstandsabkommen war die Republik Kolumbien nicht einmal erwähnt, obgleich der Kongreß ausdrücklich verboten hatte, irgendeinen Vertrag mit dem spanischen Befehlshaber abzuschließen, ohne daß dieser vorher die Unabhängigkeit der Republik anerkenne.

Am 17. Dezember schiffte sich Morillo, eifrig bestrebt, in Spanien eine Rolle zu spielen, nach Puerto Cabello ein und überließ Miguel de la Torre den Oberbefehl; am 10. März 1821 schrieb Bolivar an la Torre, daß die Feindseligkeiten nach Ablauf von 30 Tagen wieder aufgenommen würden. Die Spanier hatten bei Carabobo, einem Dorfe etwa auf dem halben Wege zwischen San Carlos und Valencia, eine starke Position bezogen; aber anstatt dort alle seine Streitkräfte zu vereinigen, hatte la Torre nur seine 1. Division, 2.500 Mann Infanterie und etwa 1.500 Mann Kavallerie, konzentriert, während Bolivar etwa 6.000 Mann Infanterie hatte, darunter die britische Legion mit 1.100 Mann und 3.000 Llaneros zu Pferde unter Páez. Die feindliche Stellung erschien Bolivar so gefahrdrohend, daß er seinem Kriegsrat vorschlug, einen neuen Waffenstillstand abzuschließen, was jedoch von seinen Subalternen zurückgewiesen wurde. An der Spitze der hauptsächlich aus der britischen Legion bestehenden Kolonne umging Páez den rechten Flügel des Gegners auf einem Fußpfade, und nach der erfolgreichen Ausführung dieses Manövers war la Torre der erste von den Spaniern, der davonlief und nicht eher anhielt, bis er Puerto Cabello <228> erreicht hatte, wo er sich mit dem Rest seiner Truppen verschanzte. Puerto Cabello hätte sich bei einem raschen Vorrücken der siegreichen Armee unweigerlich ergeben müssen, aber Bolivar verlor seine Zeit, indem er sich in Valencia und Caracas feiern ließ. Am 21 .September 1821 kapitulierte die starke Festung Cartagena vor Santander. Die letzten Waffentaten in Venezuela - die Seeschlacht bei Maracaibo im August 1823 und die erzwungene Übergabe von Puerto Cabello im Juli 1824 - waren beide das Werk Padillas. Die Revolution auf der Insel Leon, die O'Donnells Expedition an der Abfahrt hinderte, sowie der Beistand der britischen Legion hatten offensichtlich den Ausgang der Dinge zugunsten der Kolumbianer entschieden.

Der kolumbianische Kongreß eröffnete seine Sitzungen im Januar 1821 in Cucuta; am 30. August veröffentlichte er die neue Verfassung und verlängerte, nachdem Bolivar wieder gedroht hatte abzutreten, dessen Vollmachten. Nachdem er die neue Verfassung unterzeichnet hatte, erhielt Bolivar die Erlaubnis, die Kampagne von Quito (1822) zu unternehmen, wohin sich die Spanier, nachdem sie durch eine allgemeine Volkserhebung von der Landenge von Panama vertrieben worden waren, sich zurückgezogen hatten. Diese Kampagne, die mit der Einverleibung von Quito, Pasto und Guayaquil in Kolumbien endete, führten dem Namen nach Bolivar und General Sucre, aber die wenigen Erfolge des Korps waren ganz und gar den britischen Offizieren, besonders Oberst Sands, zu danken. Während der Kampagnen gegen die Spanier in Ober- und Unterperu von 1823/1824 hielt Bolivar es nicht länger für nötig, den Feldherrn zu spielen, sondern überließ die ganze militärische Führung General Sucre und beschränkte sich selbst auf triumphale Einzüge, Manifeste und die Proklamation von Verfassungen. Durch seine kolumbianische Leibgarde beeinflußte er die Entscheidungen des Kongresses von Lima, der ihm am 10. Februar 1823 die Diktatur übertrug, während er sich durch ein neues Abdankungsmanöver die Wiederwahl zum Präsidenten von Kolumbien sicherte. Inzwischen hatte sich seine Position gefestigt, teils durch die offizielle Anerkennung des neuen Staates durch England, teils durch Sucres Eroberung der Provinzen von Oberperu, die letzterer zu der unabhängigen Republik Bolivien vereinte. Hier, wo Sucres Bajonette den Vorrang hatten, ließ Bolivar seinen Neigungen zum Despotismus freien Lauf und führte den Code Boliviano ein, eine Nachahmung des Code Napoléon. Er beabsichtigte, diesen Code von Bolivien auf Peru zu übertragen und von Peru auf Kolumbien, um die ersten beiden Staaten durch kolumbianische Trup- <229> pen und letzteren durch die Ausländer-Legion und peruanische Soldaten in Schach zu halten. Mit Gewalt, aber auch durch Intrige gelang es ihm tatsächlich, wenn auch nur für einige Wochen, seinen Code in Peru durchzusetzen. Als Präsident und Befreier Kolumbiens, als Protektor und Diktator von Peru und als Taufpate von Bolivien hatte er nun den Höhepunkt seines Ruhms erreicht. Aber in Kolumbien war es zu ernsthaften Differenzen zwischen den Zentralisten oder Bolivar-Anhängern und den Föderalisten gekommen; unter letzterem Namen hatten sich die Feinde der militärischen Anarchie mit den militärischen Rivalen Bolivars zusammengeschlossen. Als der kolumbianische Kongreß auf Betreiben Bolivars Anklage gegen Páez, den Vizepräsidenten von Venezuela, erhob, antwortete letzterer mit offener Revolte, die heimlich von Bolivar selbst unterstützt und genährt wurde, da er Aufstände brauchte, um einen Vorwand zur Beseitigung der Verfassung zu haben und sich wieder der Diktatur zu bedienen. Als Bolivar aus Peru zurückkehrte, hatte er außer seiner Leibgarde 800 Peruaner bei sich, um sie angeblich gegen die föderalistischen Rebellen zu führen. In Puerto Cabello jedoch, wo er mit Páez zusammentraf, bestätigte er ihn nicht nur als Befehlshaber in Venezuela und verkündete nicht nur eine Amnestie für alle Rebellen, sondern ergriff offiziell für sie Partei und tadelte die Anhänger der Verfassung; durch das am 23. November 1826 in Bogota erlassene Dekret erhielt er diktatorische Vollmachten.

Im Jahre 1826, als seine Macht zu schwinden begann, gelang es ihm, einen Kongreß in Panama zusammenzurufen mit dem offiziellen Ziel, einen neuen, demokratischen, internationalen Code einzuführen. Bevollmächtigte kamen aus Kolumbien, Brasilien, La Plata, Bolivien, Mexiko, Guatemala etc. Was Bolivar wirklich beabsichtigte, war die Vereinigung ganz Südamerikas zu einer föderativen Republik, deren Diktator er selbst sein wollte. Während er so seinen Träumen, eine halbe Welt an seinen Namen zu heften, vollen Spielraum gab, entglitt die reale Macht rasch seinen Händen. Die kolumbianischen Truppen in Peru, die von seinen Vorbereitungen zur Einführung des Code Boliviano erfahren hatten. schürten einen gewaltsamen Aufstand. Die Peruaner wählten General La Mar zum Präsidenten ihrer Republik, halfen den Bolivianern, die kolumbianischen Truppen aus dem Lande zu jagen und unternahmen sogar einen siegreichen Krieg gegen Kolumbien, der mit einem Vertrag endete, wonach letzteres auf seine ursprünglichen Grenzen reduziert, die Gleichheit der beiden Länder festgelegt und ihre Staatsschulden getrennt wurden. Der Kongreß von Ocaña, der von Bolivar einberufen wurde, um die Verfassung zugunsten seiner unumschränkten Macht zu ändern, wurde am 2. März 1828 mit <230> der Verlesung einer sorgfältig ausgearbeiteten Botschaft eröffnet, in der auf die Notwendigkeit neuer Privilegien für die Exekutive bestanden wurde. Als jedoch offenbar wurde, daß der Entwurf für die Verfassungsänderung ein ganz andrer sein würde als ursprünglich vorgesehen war, verließen Bolivars Freunde den Kongreß, wodurch die Körperschaft nicht mehr beschlußfähig war und ihre Tätigkeit damit ein Ende hatte. Bolivar, der sich auf einen einige Meilen von Ocaña entfernten Landsitz zurückgezogen hatte, veröffentlichte ein neues Manifest, in dem er vorgab, über die von seinen Freunden unternommenen Schritte erbittert zu sein, gleichzeitig aber den Kongreß angriff und an die Provinzen appellierte, außerordentliche Maßnahmen zu ergreifen, und erklärte, daß er bereit sei, jede Bürde der Macht auf sich zu nehmen, die man ihm übertragen würde. Unter dem Druck seiner Bajonette verschafften ihm Volksversammlungen in Caracas, Cartagena und Bogota, wohin er sich begeben hatte, aufs neue diktatorische Macht. Ein Versuch, ihn in seinem Schlafzimmer in Bogota zu ermorden, dem er nur entging, weil er vom Balkon ins Dunkle sprang und unter einer Brücke verborgen lag, gestattete ihm, einige Zeit eine Art Militärterror auszuüben. Bolivar legte jedoch nicht Hand an Santander, obwohl dieser an der Verschwörung teilgenommen hatte, während er General Padilla, dessen Schuld keineswegs bewiesen war, der als Farbiger jedoch keinen Widerstand leisten konnte, töten ließ.

Als 1829 ein heftiger Kampf der Parteien die Republik erschütterte, forderte Bolivar in einem neuen Appell die Bürger auf, ihre Wünsche bezüglich der in der Verfassung vorzunehmenden Abänderungen freiheraus zu sagen. Als Antwort darauf beschuldigte eine Versammlung von Notabeln in Caracas ihn öffentlich des Ehrgeizes, deckte die Schwächen seiner Regierung auf, verkündete die Loslösung Venezuelas von Kolumbien und stellte Páez an die Spitze dieser Republik. Der Senat von Kolumbien stand zu Bolivar, aber neue Aufstände brachen an verschiedenen Orten aus. Nachdem er zum fünften Male abgedankt hatte, nahm Bolivar im Januar 1830 erneut die Präsidentschaft an und verließ Bogota, um im Namen des kolumbianischen Kongresses gegen Páez Krieg zu führen. Gegen Ende März 1830 rückte er an der Spitze von 8.000 Mann vor, nahm Caracuta, das revoltiert hatte, und wandte sich dann gegen die Provinz Maracaibo, wo Páez ihn mit 12.000 Mann in einer starken Position erwartete. Sobald Bolivar klar wurde, daß Páez ernsthaft zu kämpfen beabsichtigte, verließ ihn der Mut. Einen Augenblick dachte er sogar daran, sich Páez zu unterwerfen und sich gegen den Kongreß zu erklären; aber der Einfluß seiner Anhänger im Kongreß schwand, und er war gezwungen, seine Abdankung anzubieten, da man <231> ihm zu verstehen gab, daß er diesmal zu seinem Wort stehen müsse und daß ihm unter der Bedingung seiner Abreise ins Ausland eine Jahrespension gewährt werden würde. Er übersandte daher am 27. April 1830 dem Kongreß sein Rücktrittsgesuch. Da er jedoch hoffte, durch den Einfluß seiner Parteigänger wieder zur Macht zu kommen und da eine Reaktion gegen Joaquin Mosquera, den neuen Präsidenten von Kolumbien einsetzte, zögerte er seine Abreise aus Bogota hinaus und verstand es, unter verschiedenen Vorwänden seinen Aufenthalt in San Pedro bis Ende 1830 auszudehnen, als er plötzlich starb.

Folgendes Porträt gibt Ducoudray Holstein von ihm:

"Simon Bolivar ist 5 Fuß 4 Zoll groß, sein Gesicht ist schmal, seine Wangen eingefallen, seine Gesichtsfarbe bläulich-braun; er hat mittelgroße und tiefliegende Augen, sowie schütteres Haar. Sein Schnurrbart gibt ihm ein düsteres und wildes Aussehen, besonders, wenn er erregt ist. Er ist am ganzen Körper dünn und mager. Sein Aussehen ist das eines Mannes von 65 Jahren. Beim Gehen schlenkert er mit den Armen. Er kann nicht lange gehen und ermüdet schnell. Er liebt es, in der Hängematte zu sitzen oder sich auszustrecken. Er hat oft plötzliche Wutausbrüche und wird dann wie toll, wirft sich in seine Hängematte und bricht in Flüche und Verwünschungen gegen alle um sich her aus. Er ergeht sich gern in Sarkasmen gegen Abwesende, liest nur leichte französische Literatur, ist ein kühner Reiter und tanzt leidenschaftlich gern Walzer. Er hört sich gerne reden und liebt es, Toaste auszubringen. Im Unglück und wenn er der Hilfe von außen bedarf, ist er vollkommen frei von Leidenschaft und Wutausbrüchen. Dann wird er milde, geduldig, sanft und sogar unterwürfig. Er versteht es ausgezeichnet, seine Fehler hinter der Höflichkeit eines wohlerzogenen Mannes der sogenannten beau monde <vornehmen Gesellschaft> zu verbergen, besitzt ein fast asiatisches Verstellungstalent und hat bessere Menschenkenntnis als die meisten seiner Landsleute."

Durch Dekret des Kongresses von Neu-Granada wurden 1842 seine sterblichen Überreste nach Caracas überführt, und ihm dort ein Denkmal errichtet.

Siehe: "Histoire de Bolivar, par Gén[éral] Ducoudray Holstein, continuée jusqu'à sa mort par Alphonse Viollet" (Paris 1831); "Memoirs of Gen[eral] John Miller (in the service of the Republik of Peru)"; Col[onel] Hippisleys "Account of his Journey to the Orinoco" (London 1819).