Inhaltsverzeichnis Artikel und Korrespondenzen 1860

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 15, 4. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1961, Berlin/DDR. S. 3-7.

1. Korrektur
Erstellt am 18.09.1998

Karl Marx

Französische Angelegenheiten

Aus dem Englischen.


["New-York Daily Tribune" Nr. 5862 vom 7. Februar 1860]

<3> Paris, 17. Januar 1860

Louis-Napoleon wurde zum Freihandel bekehrt und ist dabei, eine neue Friedensära zu eröffnen. Es wird ihm kaum mißlingen, in die Gesellschaft der Freunde aufgenommen zu werden, und das Jahr 1860 wird in die Annalen Europas als das erste Jahr des Millenniums eingehen. Diese ungewöhnliche Nachricht, die in der Londoner Presse die Runde macht, stammt aus einem Brief Louis Bonapartes an Staatsminister Fould, der im "Moniteur" vom 15. Januar 1860 veröffentlicht wurde. Die erste Wirkung des Briefes war ein Sinken der Staatspapiere in Paris und ein Steigen derselben in London.

Jetzt scheint es vor allem notwendig, das corpus delicti, das heißt den kaiserlichen Brief, worauf das ganze Gebäude der neuen Ära errichtet werden soll, etwas näher zu untersuchen. Louis Bonaparte teilt Herrn Fould mit, daß "der Augenblick gekommen ist, auf Mittel für eine weitere Entwicklung der verschiedenen Zweige des nationalen Wohlstandes zu sinnen". Eine fast gleichlautende Ankündigung war im "Moniteur" vom Januar 1852 erschienen, als der coup d'état die Ära des Crédit mobilier, des Crédit foncier und anderer Crédits ambulants einleitete. Und das ist noch nicht alles. Seit dieser ereignisreichen Epoche hat jedes jährliche Finanzbulletin, das unter der Schirmherrschaft des französischen Autokraten herauskam, den Umstand besonders unterstrichen und durch eine riesige Reihe offizieller Zahlen belegt, daß das Kaiserreich sein Wort gehalten habe und sich alle Zweige der nationalen Industrie unter seiner fürsorglichen Leitung wirklich mächtig entwickelt hätten.

So sieht man sich in der Klemme. Entweder kam die Proklamation des coup d'état zu früh, und die nach dem coup d'état herausgegebenen Finanz- <4> bulletins waren falsch, oder die gegenwärtige Erklärung ist ein bloßer Betrug.

Auf jeden Fall scheint es unbestreitbar, wie das neue kaiserliche Manifest selbst beweist, daß die ökonomischen Vorteile, die die französische Gesellschaft durch die Auferstehung des Bonapartismus erlangen sollte, sich nicht auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft beziehen. Betrachten wir nun, durch welche neue Erfindung die glückliche ökonomische Veränderung herbeigeführt werden soll.

Zuerst macht Bonaparte Herrn Fould, der von der bedeutenden Entdeckung seines Herrn etwas überrascht gewesen sein muß, die Mitteilung, daß "unser Außenhandel durch den Austausch von Produkten entwickelt werden muß" in der Tat, eine erstaunliche Binsenwahrheit. Da der Außenhandel im Austausch von nationalen Produkten gegen ausländische Produkte besteht, kann nicht geleugnet werden, daß zur Entwicklung des französischen Außenhandels der Austausch französischer Produkte entwickelt werden muß. Das Hauptresultat, welches Louis Bonaparte durch die von ihm beabsichtigte neue Entwicklung des französischen Außenhandels erwartet, ist "Wohlstand unter den arbeitenden Klassen zu verbreiten", deren Lage sich in den letzten zehn Jahren merklich verschlechtert hat, wie der Mann des coup d'état damit stillschweigend zugab und wie es moderne französische Schriftsteller zeigten (es sei zum Beispiel an die Werke des verstorbenen Herrn Colins erinnert). Unglücklicherweise befremdet auch den oberflächlichsten Beobachter eine bedeutende Tatsache. Der französische Außenhandel hat schon von 1848 bis 1860 riesige Fortschritte gemacht. Nachdem er 1848 ungefähr 875 Millionen Francs betragen hatte, war er 1859 auf mehr als das Doppelte dieser Summe angestiegen. Eine Zunahme des Handels um mehr als 100 Prozent in der kurzen Spanne von zehn Jahren ist fast beispiellos. Die Ursachen für diese Zunahme findet man in Kalifornien, Australien, den Vereinigten Staaten usw., aber sicher nicht in den Archiven der Tuilerien. Man sieht aber, daß sich trotz der ungeheuren Zunahme des französischen Außenhandels in den vergangenen zehn Jahren einer Zunahme, die auf grundlegende Umwälzungen auf dem Weltmarkt zurückzuführen ist, welche völlig außerhalb der kleinlichen Kontrolle der französischen Polizei liegen die Lage der Masse des französischen Volkes nicht gebessert hat. Demzufolge müssen irgendwelche Kräfte gewirkt haben, die die natürlichen Resultate der Zunahme des Handels vereitelten. Wenn die Entwicklung des französischen Außenhandels offensichtlich begründet, wie leicht und bequem das Zweite Kaiserreich seinen teuren Launen frönen konnte, so verrät die Verarmung <5> der Nation trotz des verdoppelten Exports, auf wessen Kosten dieses leichte und bequeme kaiserliche Leben erkauft wurde. Wenn das Kaiserreich ohne die Entwicklung des französischen Außenhandels nicht bestehen konnte, dann konnte dieser Aufschwung im Handel eben wegen des Kaiserreichs nicht die zu erwartenden Früchte tragen.

Der österreichische Kaiser hatte das Defizit seiner Länder durch einen Ukas beseitigt; warum sollte Louis Bonaparte nicht ebenfalls durch einen Ukas das Ansteigen des französischen Außenhandels befehlen? Er befürchtet jedoch ein Hindernis auf seinem Weg.

"Wir müssen vor allem", sagt er, "unsere Landwirtschaft verbessern und unsere Industrie von allen inneren Hemmnissen befreien, durch welche sie auf einer niederen Stufe gehalten wird."

Die dringende Notwendigkeit, die französische Landwirtschaft zu verbessern, ist das ständige Thema der französischen Ökonomen. Aber wie soll Louis Bonaparte das Problem lösen? Zunächst wird er der Landwirtschaft Darlehen zu mäßigen "Zinsen" gewähren. Die französische Landwirtschaft ist bekanntlich die Sache von mehr als zwei Dritteln der französischen Nation. Wird Louis Bonaparte dem restlichen Drittel Steuern auferlegen, um der Mehrheit der Nation Darlehen "zu einem mäßigen Zinssatz" zu gewähren? Der Gedanke ist in der Tat zu unsinnig, um ihm Gewicht beizumessen. Dabei war es das erklärte Ziel seiner Crédits fonciers, der Landwirtschaft Leihkapital zuzuführen. Das einzige, worin sie sich bewährt haben, ist nicht die Verbesserung der Landwirtschaft, sondern die Ruinierung kleiner Bauern und die Beschleunigung der Konzentration des Landbesitzes. Im Grunde genommen haben wir hier wieder das alte ausgediente Universalmittel Kreditinstitutionen. Niemand wird bestreiten, daß das Zweite Kaiserreich epochemachend in der Entwicklung des französischen Kreditwesens ist, aber auch, daß es übers Ziel hinausschoß und mit seinem eigenen Kredit auch sein kreditfördernder Einfluß zum Teufel ging. Das einzig Neue scheint nun, nachdem die halbamtliche Kreditmaschinerie bis zum äußersten angespannt und beansprucht wurde, der Traum Louis Bonapartes zu sein, die Regierung selbst in ein direktes Darlehensbüro zu verwandeln. Da jeglicher Versuch dieser Art sehr gefährlich ist, würde er ebenso notwendig scheitern wie der Versuch mit den Getreidespeichern, welche die Kornpreise in die Höhe treiben sollten. Die Bewässerung und das Entwässern sowie die Säuberung des Bodens sind auf ihre Art sehr gute Maßnahmen, aber ihr einzig mögliches Ergebnis ist die Vermehrung der Agrarprodukte. Sie können nicht und sollen auch nicht die <6> Preise dieser Produkte erhöhen. Selbst wenn Louis Bonaparte durch irgendwelche Wundermethoden Mittel und Wege fände, diese Verbesserungen im nationalen Maßstab durchzuführen, wie sollen diese Maßnahmen also die Wertminderung der Agrarerzeugnisse beseitigen, unter der der französische Bauer in diesen fünf Jahren zu leiden hatte? Weiterhin will Louis-Napoleon eine schrittweise Verbesserung der Verkehrsmittel erreichen. Die Kaltblütigkeit, mit der dieser Vorschlag gemacht wird, übersteigt sogar bonapartistische Frechheit. Man betrachte nur die Entwicklung der französischen Eisenbahn seit 1850. Die jährlichen Ausgaben für diese "Verkehrsmittel" betrugen von 1845 bis 1847 ungefähr 175.000.000 Francs; von 1848 bis 1851 ungefähr 125.000.000 Francs; von 1852 bis 1854 fast 250.000.000 (das Doppelte der Ausgaben von 1848 bis 1851); von 1854 bis 1856 fast 550.000.000, von 1857 bis 1859 ungefähr 500.000.000. Als 1857 die generelle Krise über die Handelswelt hereinbrach, war die französische Regierung entsetzt über die ungeheuren Summen, welche noch für die im Bau befindlichen und für die bereits bewilligten Eisenbahnen erforderlich waren. Sie verbot den Eisenbahngesellschaften, jährlich mehr als 212.500.000 Francs durch Ausgabe von Aktien, Obligationen etc. aufzubringen, untersagte die Gründung neuer Gesellschaften und setzte dem Ausmaß der jährlichen Arbeiten feste Grenzen. Und trotz alledem redet Louis Bonaparte so, als ob Eisenbahnen, Kanäle usw. jetzt erst erfunden werden müßten! Eine erzwungene Herabsetzung der Kanalgebühren, die er andeutet, ist selbstverständlich ein Unternehmen, welches den Bruch staatlicher Verträge einschließt, abschreckend für das in diesem Unternehmen steckende Kapital und gewiß nicht dazu angetan, neues Kapital auf den gleichen Weg zu leiten. Schließlich muß, um einen Markt für die Agrarprodukte zu finden, die Fabrikindustrie stimuliert werden. Nun hat die Fabrikindustrie jedoch, wie wir bereits feststellten, unter dem Zweiten Kaiserreich riesige Fortschritte gemacht, aber trotz alledem, trotz des bisher unerreichten Anwachsens des Exports, trotz der kolossalen Entwicklung der Eisenbahn und anderer Verkehrsmittel, trotz der äußersten Anspannung eines bisher in Frankreich unbekannten Kreditsystems liegt die Landwirtschaft danieder, und die französischen Bauern gehen zugrunde. Wie sollen wir das merkwürdige Phänomen erklären? Die Tatsache, daß 255.000.000 Francs jährlich zur konsolidierten Schuld hinzukommen, von dem Blutzoll für Armee und Marine ganz zu schweigen, gibt genügend Antwort auf diese Frage. Das Kaiserreich selbst ist der große Alpdruck, dessen Last schneller wächst als die Produktivkräfte der französischen Nation.

Louis Bonapartes Rezept für die französische Industrie, wenn wir <7> all das abziehen, was bloße Phrase ist oder was noch in ferner Zukunft liegt, ist einfach folgendes: Abschaffung der Zölle für Wolle und Baumwolle und allmähliche Senkung der Zölle für Zucker und Kaffee. Das ist alles ganz gut, aber es bedarf der ganzen Leichtgläubigkeit englischer Freihändler, um solche Maßnahmen Freihandel zu nennen. Wer mit der politischen Ökonomie vertraut ist, weiß sehr wohl, daß die Abschaffung der Zölle für landwirtschaftliche Rohstoffe einen Hauptpunkt im Merkantilsystem des achtzehnten Jahrhunderts bildete. Diese "inneren Hemmnisse", die auf der französischen Produktion lasten, sind nichts, verglichen mit den octrois <städtischen Akzisen auf Verbrauchsartikel>, die Frankreich in ebenso viele selbständige Kreise teilen, wie es Städte gibt, wobei sie den inneren Austausch der Produkte lähmen und die Schaffung des Wohlstands dadurch hindern, daß sie ihren Verbrauch beschneiden. Diese octrois sind jedoch unter dem kaiserlichen Regime gestiegen und werden weiter steigen. Die Verringerung der Zölle für Wolle und Baumwolle soll durch die Abschaffung des Tilgungsfonds wettgemacht werden, so daß damit die letzte Einschränkung für das Wachstum der Staatsschulden, wenn auch nur nominell, aufgehoben ist.

Andererseits müssen Wälder abgeholzt, Bodenerhebungen geebnet und Sümpfe trockengelegt werden und das alles mit den 160.000.000 Francs, die, so sagt man, den verfügbaren Rest der letzten Kriegsanleihen darstellen, und zwar in drei Jahresraten, was im Jahresdurchschnitt weniger als 54.000.000 Francs ausmacht. Aber allein die Eindeichung der Loire, die vom kaiserlichen Cagliostro vor ungefähr fünf Jahren so hochtrabend angekündigt und deren dann nie wieder gedacht wurde, würde die ganze Summe in weniger als drei Monaten schlucken! Was bleibt also von dem Manifest übrig? "Der Anbruch einer Ära des Friedens", als ob diese Ära nicht schon längst in Bordeaux proklamiert worden wäre. "L'Empire c'est la paix."