Inhaltsverzeichnis Artikel und Korrespondenzen 1860

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 15, 4. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1961, Berlin/DDR. S. 18-22.

1. Korrektur
Erstellt am 18.09.1998

Friedrich Engels

Heeresreform in Deutschland

Geschrieben Ende Januar/Anfang Februar 1860.
Aus dem Englischen.


["New-York Daily Tribune" Nr. 5873 vom 20. Februar 1860, Leitartikel]

<18> Mehr noch als der Krimkrieg bestätigte der italienische Krieg von 1859 die Tatsache, daß die französische Militärorganisation die beste in Europa ist. Unter allen europäischen Armeen, die französische ausgenommen, hatte die österreichische Armee sicherlich den höchsten Stand, und doch konnte die Armee als Ganzes in dem kurzen Feldzug von 1859 nicht eine einzige Schlacht gewinnen, obwohl sich ihre Soldaten Ruhm erwarben. Bei aller Berücksichtigung der schlechten Führung, des Mangels an einheitlichem Kommando und der unfähigen Einmischung des Kaisers machten doch die österreichischen Regimentsoffiziere und die Soldaten insgesamt den Eindruck, daß der fehlende Erfolg zum Teil der Organisation zuzuschreiben war, die weniger den Erfordernissen eines wirklichen Krieges angepaßt war als die ihrer Gegner. Und wenn die österreichische Armee - erst vor ein paar Jahren völlig reorganisiert sich als unzureichend erwiesen hat, was sollte man von anderen Armeen erwarten, deren Organisation sogar noch älteren Datums war?

Über die Tatsache, daß die Franzosen in dieser Beziehung überlegen waren, braucht man sich nicht zu wundern. Keine Nation, gleich welcher militärischer Fähigkeiten, kann 25 Jahre Kleinkrieg in so gewaltigem Ausmaß durchführen wie in Algerien, ohne dabei die Leistungsfähigkeit der Truppen in hohem Maße zu entwickeln. Während England und Rußland ihre Kriege in Indien und im Kaukasus hauptsächlich mit dafür bestimmten Truppen führten, war der größte Teil der französischen Armee durch die algerische Schule gegangen. Frankreich nutzte diese Schule gründlich aus, die zwar teuer an Menschen und Geld, aber sehr wirkungsvoll und reich an wertvollen militärischen Erfahrungen war. Danach folgte der Krimkrieg, eine weitere Schule größeren Maßstabes, die dazu beitrug, das Selbst- <19> bewußtsein des Soldaten zu steigern. Es erwies sich, daß die Erfahrungen, die er in den Feldzügen gegen Nomadenstämme und irreguläre Truppen gemacht hatte, in einem Kampf gegen reguläre Truppen ebenso nützlich und anwendbar waren.

Daß unter solchen Umständen eine Nation, die mit besonderem Talent für den Soldatenberuf ausgestattet ist, ihre militärische Organisation zu einer Vollendung gebracht hat, die alles übertrifft, was ihre Nachbarn erreicht haben eine Tatsache, die zweifellos bei Magenta und Solferino bewiesen wurde , rief nichtsdestoweniger Verwunderung hervor, besonders in Deutschland. Die militärischen Pedanten dieses Landes waren sich ihrer eingebildeten Überlegenheit über die flatterhaften, unbeständigen, undisziplinierten und unmoralischen Franzosen so sicher, daß sie dieser Schlag bestürzte. Andererseits begannen sofort die jüngeren und intelligenteren Kreise der österreichischen und anderer deutscher Armeen aufzutreten, die immer Gegner des Martinetismus gewesen waren. Die österreichischen Offiziere, die Magenta gerade hinter sich hatten, waren die ersten, die die volle Wahrheit sagten, daß nämlich die Franzosen in der Schlacht keinen Tornister tragen, daß sie keine Halsbinden, keine steifen Kragen, keine engen Röcke oder Hosen haben; sie sind in weite Hosen gekleidet und in einen weiten Überrock, dessen Kragen nach unten geschlagen ist und Hals und Brust ganz frei läßt; den Kopf bedeckt ein leichtes Käppi, und die Patronen tragen sie in den Hosentaschen, Wo die Österreicher erschöpft und atemlos ankommen, erscheinen die Franzosen frisch, singend und zu jeder physischen Leistung bereit. So berichteten die Briefe der österreichischen Offiziere, die gerade vom Schlachtfeld kamen, und preußische, bayrische und andere Offiziere stimmten bei. Etwas Entsetzliches war geschehen: Soldaten hatten es tatsächlich gewagt, dem Feind ohne die ganze lästige Ausstaffierung entgegenzutreten, die beinahe den ganzen glorreichen Pomp und Staat des Krieges ausmacht und insgesamt einer Zwangsjacke gleichkommt; aber trotz des Fehlens dieser Zwangsjacke waren sie auf jedem Schlachtfeld siegreich gewesen. Dieses Faktum war von solcher Bedeutung, daß selbst die deutschen Regierungen ihre Augen nicht davor verschließen konnten.

So wurde zum Schrecken der alten Gamaschenknöpfe die Heeresreform zur Tageslosung in Deutschland. Sehr revolutionäre Theorien in militärischen Angelegenheiten wurden nicht nur ungestraft vorgelegt, sondern sogar von den Regierungen in Erwägung gezogen. Der erste Punkt war natürlich die Ausrüstung des Soldaten, die den sichtbarsten Unterschied zwischen den beiden Armeen auf dem Schlachtfeld gebildet hatte. Die <20> Diskussion über dieses Projekt war so endlos, wie der Geschmack verschieden war. Sehr viel Geist wurde auf die militärische Kleidung verschwendet. Mützen, Helme, Tschakos, Hüte, Röcke, Blusen, Mäntel, Kragen, Manschetten, Hosen, Gamaschen und Stiefel wurden mit einer Lebhaftigkeit und Schwatzhaftigkeit diskutiert, als ob das Schicksal des Tages von Solferino nur von solchen Dingen abhängig gewesen wäre. Die Österreicher waren die Extravagantesten in ihren militärischen Moden. Von einer beinahe genauen Kopie des französischen Modells (abgesehen von der Farbe) passierten sie alle Zwischenstadien bis zur Bluse und zum Schlapphut. Man stelle sich den steifen, konservativen, nüchternen kaiserlich-königlichen österreichischen Soldaten in der koketten Kleidung der französischen Jäger vor oder, noch schlimmer, in der Bluse und dem Filzhut der revolutionären deutschen Freikorps von 1848. Wäre eines dieser Extreme ernsthaft in Betracht gezogen worden, es hätte keine größere Satire auf das österreichische Militärsystem geben können. Wie gewöhnlich wurde die Angelegenheit mehr zerredet, als erfolgreich zu Ende geführt; der alte militärische Gamaschengeist errang wieder einen Teil des verlorenen Bodens, und höchstens in Österreich wird man einige geringfügige Uniformänderungen durchführen, während in den anderen deutschen Armeen kaum irgendeine Neuerung wahrscheinlich ist, außer daß der preußische Helm, diese gehätschelte Erfindung des romantischen Friedrich Wilhelms IV., verurteilt scheint, eher ins Grab zu steigen als ihr Erfinder.

Danach kam die große Tornisterfrage. Daß die Franzosen ohne ihren Tornister in den Kampf gingen, war eine Unvorsichtigkeit, die durch nichts als durch ihr Glück und durch die Wärme der Jahreszeit gerechtfertigt werden kann. Aber wenn es für sie eine Sache der Gewohnheit werden sollte, würde sie der erste Umschlag in kaltes oder regnerisches Wetter schwer dafür bestrafen. Tatsächlich bedeutet die allgemeine Übernahme dieser Methode nichts Geringeres, als daß in jeder Schlacht die geschlagene Armee nicht nur ihre Artillerie, Fahnen und Proviant verlöre, sondern auch das ganze individuelle Gepäck ihrer Infanterie. Demzufolge würden einige verregnete Biwaks die Infanterie völlig aufreiben, da sie nur auf die Kleidung angewiesen wäre, die jeder einzelne Soldat gerade trägt. Die richtige Fragestellung scheint jedoch zu sein, wie das individuelle Gepäck des Soldaten auf ein Minimum zu reduzieren ist ein wichtiger Punkt, der leicht zufriedenstellend gelöst werden kann, würden die Stücke, aus denen es besteht, nur vom Gesichtspunkt ihres wirklichen Nutzens in einer Schlacht betrachtet werden. Die Diskussion in Deutschland hat diese Frage jedoch nicht gelöst.

<21> Neben der Kleider- und Tornisterfrage ist auch die Organisation der verschiedenen Untergliederungen der Armeen eine viel besprochene Angelegenheit: Aus wie vielen Männern eine Kompanie bestehen sollte, wie viele Kompanien ein Bataillon ergeben sollten, wie viele Bataillone ein Regiment, wie viele Regimenter eine Brigade, wie viele Brigaden eine Division und so fort. Das ist ein anderer Punkt, über den mit dem ernstesten und wichtigsten Gesicht der Welt eine Menge Unsinn hervorgebracht werden kann. In jeder Armee beschränkt das System der Elementartaktik die Stärke und die Anzahl der Kompanien und Bataillone auf gewisse Grenzen. Die Stärke der Brigaden und Divisionen hängt in Minimum und Maximum von der Stärke ab, die in den benachbarten Armeen üblich ist, um die Ungleichmäßigkeit unter den größeren taktischen Einheiten im Falle eines Konfliktes möglichst zu vermeiden. Der Versuch, solche Probleme nicht ausgehend von den tatsächlichen Verhältnissen zu lösen, die durch die Umstände selbst gegeben werden, sondern durch eine gewagte Zuflucht zu letzten Ursachen ist reiner Unsinn, der vielleicht deutschen Philosophen ähnlich sähe, aber für praktische Menschen nicht in Frage kommt. Die Vermehrung der Zahl der österreichischen Regimenter der Linieninfanterie von 63 auf 80, mit einer herabgesetzten Anzahl von Bataillonen, wird ihnen ebensowenig Sicherheit geben, "nächstes Mal mehr Glück" zu haben, als das Erweitern der Hosen und das Herabschlagen der Kragen.

Aber während Militärmoden und abstruse Spekulationen über die Normalstärke und Zusammensetzung einer Brigade die Aufmerksamkeit auf sich lenken, bleiben die großen Fehler und Schwächen des deutschen Militärsystems unbeachtet. In der Tat, was sollen wir von Offizieren halten, die höchst erregt den Schnitt von einem Paar Hosen oder von einem Kragen diskutieren und die sich ruhig damit abfinden, daß es in der Armee des Deutschen Bundes mehr als 20 verschiedene Kaliber bei der Feldartillerie gibt und beinahe unzählbare Unterschiede in den Kalibern der Handfeuerwaffen? Die Gelegenheit, mit der Einführung von gezogenen Gewehren die Kaliber in ganz Deutschland einander anzugleichen, wurde nicht nur sträflich außer acht gelassen, sondern die Situation wurde dabei nur noch verschlimmert. Es lohnt sich, für einen Moment die Konfusion hinsichtlich der Kaliber näher zu betrachten. Österreich, Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt haben ein Kaliber von 0,53 Zoll. Mit dem praktischen Menschenverstand, den die Süddeutschen bei vielen Gelegenheiten unter Beweis stellten, haben sie durch eine bedeutsame Reform ein einheitliches Kaliber für 5 Korps der Bundesarmee hergestellt. Preußen <22> hat zwei Kaliber, ein sogenanntes Zündnadelgewehr <Zündnadelgewehr: in der "N.-Y. D. T." deutsch und englisch> von ca. 0,60 Zoll und die alte, glattläufige Muskete, die kürzlich nach Miniés Prinzip gezogen wurde, von ungefähr 0,68. Die letztere jedoch wird von dem ersteren sehr bald verdrängt werden. Das neunte Armeekorps hat drei unterschiedliche gezogene und zwei oder drei verschiedene glattläufige Kaliber, das zehnte hat wenigstens zehn, und die Reservedivision hat fast so viele Kaliber wie Bataillone. Nun stelle man sich eine solche buntscheckige Armee in Aktion während einer Schlacht vor. Wie soll es möglich sein, daß die Munition, die zu jedem Kontingent gehört, immer zur Hand ist, wenn sie gebraucht wird? Und wenn das nicht der Fall ist, wird dieses Kontingent hilflos und wertlos. Abgesehen von Österreich, den Süddeutschen und den Preußen, kann allein aus diesem Umstand kein Kontingent von wirklichem Nutzen in einem längeren Kampf sein. Dasselbe gilt für die Artillerie. Anstatt sofort ein einheitliches Kaliber festzulegen, das wenigstens dem alten Sechspfünder entspräche und im Laufe der Zeit das Universalkaliber für gezogene Feldkanonen werden könnte, gießen die Preußen, die Österreicher, die Bayern jetzt gezogene Geschütze ganz unabhängig voneinander, was nur dazu führen wird, die Unterschiede der Kaliber, die bereits existieren, zu vergrößern. Eine Armee, in der solche fundamentalen Mängel bestehen, sollte ihre Zeit besser nutzen, als über Kragen und Hosen und über die normale Stärke der Brigaden und Bataillone zu streiten.

Es kann keinen militärischen Fortschritt in Deutschland geben, solange an höherer Stelle der Idee gehuldigt wird, daß die Armeen für Paraden und nicht für die Schlacht da sind. Diese Pedanterie eine Weile durch Austerlitz, Wagram und Jena und durch den Enthusiasmus der Massen von 1813 bis 1815 unterdrückt erhob sehr bald wieder ihr Haupt und herrschte unumschränkt bis 1848; und zumindest in Preußen scheint sie den Höhepunkt während der letzten 10 Jahre erreicht zu haben. Wäre Preußen in den italienischen Krieg verwickelt worden, hätte Pélissier es sicher erreicht, ein neues Jena über die preußische Armee zu bringen, und nur die Festungen am Rhein hätten sie retten können. Das ist der Stand, auf den die Armee gebracht wurde, die hinsichtlich ihrer Soldaten keiner Armee in der Welt nachsteht. In einem künftigen Konflikt zwischen den Franzosen und den Deutschen können wir billigerweise erwarten, die Umrisse von Magenta und Solferino reproduziert zu sehen.