Inhaltsverzeichnis Artikel und Korrespondenzen 1860

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 15, 4. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1961, Berlin/DDR. S. 55-59.

1. Korrektur
Erstellt am 18.09.1998

Karl Marx

[Garibaldi in Sizilien ]
Preußische Angelegenheiten

Aus dem Englischen.


["New-York Daily Tribune" Nr. 5972 vom 14. Juni 1860]

<55> Berlin, 28. Mai 1860

Hier wie überall in ganz Europa sind natürlich Garibaldis Heldentaten in Sizilien das vorherrschende Gesprächsthema. Nun, Sie wissen, daß der Telegraph bisher noch nie auf so unverschämte Weise in Tätigkeit gesetzt worden ist wie im gegenwärtigen Fall durch Neapel wie auch durch Genua oder Turin. Heuschrecken fielen niemals in solcher Menge über Europa her wie jetzt die elektrischen canards <Falschmeldungen>. Es scheint daher der Mühe wert, in wenigen Worten die Ansichten wiederzugeben, die man hier in den kompetentesten militärischen Kreisen über die sizilianischen Angelegenheiten hat. Zunächst dauerte die Insurrektion, wie allgemein bekannt, einen vollen Monat bis zum Erscheinen Garibaldis; aber so außerordentlich bedeutsam diese Tatsache auch ist, kann sie doch überschätzt werden, wie der Pariser "Constitutionnel" gezeigt hat. Die militärischen Kräfte, über die Neapel in Sizilien verfügte, ehe General Lanza mit frischen Truppen hinübergeschickt wurde, betrugen wohl kaum 20.000 Mann, von denen der weitaus größere Teil in den Festungen von Palermo und Messina konzentriert werden mußte, so daß das fliegende Korps, das für die Verfolgung der Insurgenten verfügbar blieb, sich zwar mehrerer erfolgreicher Zusammenstöße rühmen, den Gegner an bestimmten Stellen zerstreuen und ihn in verschiedenen Richtungen beunruhigen konnte, sich aber als völlig unzureichend erweisen mußte, den Aufstand gänzlich zu unterdrücken. Im gegenwärtigen Augenblick scheinen etwa 30.000 Mann neapolitanischer Truppen in Palermo versammelt zu sein, von denen zwei Drittel die Festung besetzen, während ein Drittel außerhalb ihres Bereichs Lager bezogen hat. 15.000 Neapolitaner sollen Messina besetzt haben. Nun war Garibaldi den letzten Nachrichten zufolge nicht über Monreale hinaus vorgedrungen. Zwar liegt dieser Ort auf Bergen, die Palermo von der Landseite her <56> beherrschen, aber um die durch diese Position gebotenen Möglichkeiten auszunutzen, fehlt Garibaldi bisher die wichtigste Voraussetzung, nämlich Belagerungsartillerie. Die unmittelbaren Chancen Garibaldis, dessen Armee etwa 12.000 Mann zählt, werden demzufolge von zwei wichtigen Umständen abhängen: von der raschen Ausdehnung der Insurrektion über die ganze Insel und vom Verhalten der neapolitanischen Soldaten in Palermo. Wenn die letzteren schwanken und mit den unter ihnen befindlichen ausländischen Söldnern in Streit geraten, können Lanzas Verteidigungsmittel in seinen eigenen Händen auseinanderfallen. Wenn die Insurrektion viel Lebenskraft entwickelt, wird Garibaldis Armee zu bedrohlichen Dimensionen anwachsen. Wenn Garibaldi nach Palermo hineingelangensollte, wird er alles, was vor ihm liegt, einnehmen, mit Ausnahme von Messina, wo die schwierige Aufgabe von neuem beginnt. Sie werden sich erinnern, daß die Neapolitaner 1848/49 alles verloren hatten außer Messina, welches als tête-de-pont <Brückenkopf> zwischen Sizilien und Neapel diente; damals reichte Messina aus, um die ganze Insel wiederzugewinnen. Der Fall von Palermo und die militärische Behauptung der ganzen Insel außer Messina durch die Patrioten hätte jedoch diesmal wegen der veränderten politischen Umstände entscheidendere Bedeutung als 1848/49. Wenn Garibaldi Palermo bezwingt, wird er offiziell vom "König von Italien" unterstützt werden. Wenn er scheitert, wird sein Einfall als privates Abenteuer verworfen werden. Es liegt etwas wie ironisches Pathos in den an Viktor Emanuel gerichteten Worten Garibaldis, der dem König mitteilt, er werde eine neue Provinz für ihn erobern, und er hoffe, der König werde sie nicht wieder verkaufen wie Nizza, Garibaldis Geburtsort.

Die erste Stelle unter den Themen über die preußische Politik nimmt in der öffentlichen Meinung naturgemäß der Privatbrief des Prinzen von Preußen an den Prinzgemahl von England ein. Der Fürst de La Tour d'Auvergne, Louis Bonapartes Botschafter am Berliner Hof, hatte nicht nur die Frechheit, Herrn von Schleinitz, dem preußischen Außenminister, eine Abschrift dieses Briefes zu übergeben, sondern er ging so weit, Erklärungen über einige Stellen darin zu verlangen, die sich auf den Charakter und die Pläne des großen Pariser saltimbanque <Gauklers> bezogen. Dieses Ereignis erinnert an einen ähnlichen Vorfall, der kurz vor der Ratifizierung des Vertrages von Hunkiar-Iskelessi 1833 geschah. Der Großwesir, der zu dieser Zeit eine Abschrift des vom Grafen Orlow entworfenen Geheimvertrages an die britische Botschaft in Konstantinopel übermittelt hatte, <57> war sehr bestürzt, als ihm Graf Orlow einen Tag darauf zu seiner nicht sehr angenehmen Überraschung eben diese Abschrift mit dem boshaften Rat zurückgab, in Zukunft bessere Vertraute zu finden. In Berlin ist jeder davon überzeugt, daß man sich im englischen Postdienst mit dem Brief des Prinzregenten, der mit der Post über Ostende und nicht über Calais geschickt worden war, beschäftigt hatte, wo ein zahlreiches Personal offenkundig dazu gebraucht wird, in verdächtigen Briefen herumzuschnüffeln eine Praxis, die soweit geführt wird, daß zur Zeit des Koalitionskabinetts der Earl of Aberdeen eingestand, er wage es nicht, seine eigenen Briefe an seine Londoner Freunde der Post anzuvertrauen. Von Lord Palmerston, der somit eine Abschrift des Briefes des Prinzregenten in Händen hat, vermutet man, er hätte aus Bosheit gegen Prinz Albert und im Interesse des englisch-französisch-russischen Bündnisses eine Abschrift dieses Briefes dem französischen Botschafter in London in die Hände gespielt. Auf alle Fälle verläuft der Weg der beabsichtigten und vielbesprochenen englisch-preußischen Allianz alles andere als glatt.

Einige Monate zuvor, als Lord John Russell eines schönen Morgens entdeckte, daß England sich auf die Suche nach neuen Bündnissen begeben müsse, und als diese Nachricht mit viel kindischer Begeisterung in den offiziellen Kreisen Berlins aufgenommen wurde, erschien ganz plötzlich in Form einer englischen Parlamentsschrift eine Depesche von Lord Bloomfield an das Außenministerium in der Downing Street, in der eine private Unterhaltung wiedergegeben war, die er während des letzten italienischen Krieges mit Herrn von Schleinitz geführt hatte, und welche die Redlichkeit der preußischen Außenpolitik in trauriger Weise kompromittierte. Lord John gab seinerzeit zu, eine unerhörte Indiskretion begangen zu haben, aber der erste Schlag gegen das neue Bündnis war geführt. Der zweite Schlag ist die Fehlleitung des Briefes des Prinzregenten.

Sie werden bemerkt haben, daß der Prinz in seiner Thronrede sehr emphatisch von der Wahrung der Vertragsrechte spricht und von der vereinten Front, die Deutschland gegen jede Verletzung der Unabhängigkeit und Geschlossenheit des gemeinsamen Vaterlandes zu zeigen bereit sei. Der unangenehme Eindruck, den die offenbare Drohung an der Pariser Börse hinterlassen hatte, ist durch die russische Zeitschrift "Le Nord" gemildert worden, die in einem Ton ironisch herablassender bonhomie <Gutmütigkeit> die Rede des Prinzen jeder ernsthaften Bedeutung entkleidet, an ähnliche Phrasen erinnert, die er während des italienischen Krieges äußerte, und <58> schließlich den ganzen Abschnitt als bloßes Eingehen auf die Stimmung des Volkes charakterisiert. Was den Rest der Rede des Prinzen betrifft, so ist sie tatsächlich nur eine Aufzählung legislativer Fehlschläge. Die einzigen bedeutenden Projekte, die von den Kammern debattiert wurden, das geplante Ehegesetz und die Gesetze über die Gemeindeverwaltung und die Reform der Bodensteuer, von welcher der Adel im größeren Teil des Königreiches noch immer ausgenommen ist, sind sämtlich gescheitert. Außerdem beklagt sich der Prinz darüber, daß seine Lieblingsmaßnahmen in bezug auf die Heeresreform noch nicht die legislative Sanktionierung erhalten haben.

Obwohl sich die Regierung selbst mit der jetzigen Abgeordnetenkammer, deren große Mehrheit aus Anhängern der Regierungspartei besteht, als unfähig erwiesen hat, ihre vorgeschlagene Heeresreform durchzubringen, hat sie schließlich eine Sonderbewilligung von neuneinhalb Millionen Taler für Militärausgaben erhalten, während gleichzeitig wie ich durch Briefe aus den Provinzen unterrichtet bin - die beabsichtigten Veränderungen in der Heeresorganisation stillschweigend in der Praxis eingeführt werden, so daß den Kammern, wenn sie wieder zusammentreten, keine andere Alternative bleibt als die Sanktionierung dessen, was dann ein fait accompli geworden ist. Der Kern der beabsichtigten Heeresreform wird in der "Baltischen Monatsschrift", einem russisch-deutschen Journal, erläutert, das in Riga erscheint und mit Genehmigung des russischen Generalgouverneurs von Livland, Estland und Kurland gedruckt wird.

"Die preußische Heeresreform", so schreibt dieses Blatt, "welche unmittelbar nach dem Frieden von Villafranca eingeleitet wurde, kann schwerlich einem anderen Zwecke dienen, als die Regierung von der direkten Appellation an die Gesamtbevölkerung zu emanzipieren, einem Appell, der bei dem bisherigen Militärsystem immer dann unvermeidlich wurde, wenn die Regierung es für notwendig erachtete, ihre Politik durch kriegerische Demonstrationen zu bekräftigen. Bei den gegenwärtigen politischen Gruppierungen Europas kann ein Staat wie Preußen, welcher noch immer um seine volle Anerkennung als Großmacht zu ringen hat, weder in jedem Falle, wo er die Anwendung seiner Heeresmacht für nötig erachtet, sein ganzes Friedensleben suspendieren, noch in jedem Falle der zu den Waffen gerufenen Nation ein wirkliches Losschlagen garantieren. Es liegt im Landwehrsystem <Landwehrsystem: in der "N.-Y. D. T." deutsch> ein gewisser demokratischer Widerspruch gegen das monarchische Prinzip. Die binnen verhältnismäßig kurzer Zeit zweimalige Mobilisierung von 1850 und 1859, welcher nie eine kriegerische Aktion, sondern bloß die Demobilisierung folgte, schien selbst die Autorität der äußeren Staatspolitik bei einem großen Teil der preußischen Bevölkerung zu beeinträchtigen. Gerade von <59> den Umständen, die beide Mobilmachungen begleiteten, scheint die Volksmeinung die Schlußfolgerung gezogen zu haben, daß die Regierung bei jeder Anwendung der Militärmacht an die Übereinstimmung des Publikums gebunden sei. Sogar die offiziellen Erläuterungen über Preußens Verhalten zu den italienischen Verwicklungen bringen das Geständnis, daß die Mobilmachung der Landwehr <Landwehr: in der "N.-Y. D. T." deutsch> auf unerwartete Hindernisse gestoßen sei."

Daraus schließt das russisch-deutsche Blatt, Preußen sollte sich des Landwehrsystems in seiner gegenwärtigen Form entledigen, doch zugleich deutet es mit einem ironischen Lächeln an, daß "eine solche Veränderung einer der volkstümlichsten Institutionen gerade im jetzigen Moment, wo Preußen sich den Anschein gibt, auf dem Boden des Liberalismus zu stehen", eine sehr delikate Operation ist. Ich darf hier bemerken, daß diese "Baltische Monatsschrift", die unter zaristischer Bevormundung in Riga erscheint, in gewissem Grade das Gegenstück zum "Straßburger Correspondenten" bildet, der unter bonapartistischem Einfluß in Straßburg veröffentlicht wird. Beide plänkeln an den deutschen Grenzen, die eine von Osten, die andere von Westen. Die Korrespondenten der einen können als literarische Kosaken, die Korrespondenten der anderen als literarische Zuaven angesehen werden. Beide heucheln große Besorgtheit um Deutschland und fließen über vor weisen Ratschlägen für das Land, dessen Muttersprache sie sich immerhin zu benutzen herablassen. Beide bemühen sich, das Vaterland auf künftige große Veränderungen vorzubereiten, und beide riechen nach entente cordiale <herzlichem Einvernehmen>, das gerade jetzt den Cäsarismus von Paris mit dem Zarismus von Petersburg verbindet. Aber hier hört die Gleichheit auf. Wenn das Straßburger Blatt auch jenen bestimmten Duft falscher melodramatischer Würde ausströmt, der für die Bohème-Literatur des Zweiten Französischen Kaiserreichs charakteristisch ist, ist es doch in dem behaglichen Stil geschrieben, der zu Süddeutschland gehört. Er spricht den gesunden Menschenverstand an und erhebt gewiß keinen Anspruch auf literarischen Rang. Im Gegensatz dazu stolziert die Rigaer Monatsschrift mit einer didaktischen Gemessenheit und metaphysischen Tiefgründigkeit einher, die nach den Traditionen der Königsberger Universität riechen. Trotzdem halte ich die Ausbrüche vaterländischen Zorns, mit dem die deutsche Presse sowohl die "Monatsschrift" als auch den "Correspondenten", vor allem aber den letzteren, angreift, für törichte Bekundungen kindischer Unfähigkeit.