Das Prinzip des preußischen Militärsystems | Inhalt | Über den Krieg - XXIII

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 17, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 129-132.

Erstellt am 13.12.1998.
1. Korrektur.

Friedrich Engels

Über den Krieg - XXII


["The Pall Mall Gazette" Nr. 1766 vom 11. Oktober 1870)

|129| In einem unserer früheren Artikel haben wir auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß sogar jetzt, nach dem Fall von Straßburg, beinahe die ganze riesige deutsche Armee in Frankreich voll eingesetzt ist, obgleich die Eindringlinge weniger als ein Sechstel des französischen Territoriums besetzt halten. Diese Tatsache ist so bedeutsam, daß wir es für richtig halten, darauf zurückzukommen.

Metz mit Bazaines innerhalb der Befestigungslinie eingeschlossener Armee erfordert acht Armeekorps (das I., II., III., VII., VIII., IX., X., die hessische Division und General Kummers Landwehrdivision), zusammen 16 Infanteriedivisionen. Paris bindet 17 Infanteriedivisionen (die Garde, das IV., V., VI., XI., XII. norddeutsche, das I. und II. bayrische Armeekorps und die württembergische Division). Die neuformierten Korps, das XIII. und XIV., zumeist Landwehr, und einige Detachements der bereits genannten Korps, halten das eroberte Gebiet besetzt und beobachten, blockieren oder belagern die Festungen, die innerhalb desselben noch in den Händen der Franzosen sind. Allein das XV. Korps (die badische Division und wenigstens eine Division Landwehr), das durch die Kapitulation von Straßburg frei geworden ist, ist für aktive Operationen verfügbar. Frische Landwehrtruppen sollen ihm angegliedert werden, und dann soll es in einer mehr südlichen Richtung Operationen unternehmen, deren Charakter noch sehr unbestimmt ist.

Diese Kräfte umfassen augenblicklich fast alle organisierten Truppen, über die Deutschland verfügt, freilich mit der sehr bedeutenden Ausnahme der vierten Linienbataillone. Im Gegensatz zum Österreichisch-Preußischen |130| Krieg, wo sie gegen den Feind gesandt wurden, sind diese 114 Bataillone diesmal zu Hause gehalten worden; gemäß ihrem ursprünglichen Zweck dienen sie als Kader für die Ausbildung und Organisierung der Mannschaften, die jene Lücken ausfüllen sollen, die Schlachten und Krankheiten in den Reihen der entsprechenden Regimenter verursacht haben. Sobald die tausend Mann, die das Bataillon bilden, genügend in den Felddienst eingeführt sind, werden sie an die Front geschickt und den drei Feldbataillonen zugeteilt; dies geschah in großem Umfang Mitte September nach den heftigen Kämpfen vor Metz. Die Offiziere und Unteroffiziere des Bataillons bleiben jedoch zurück, um einen frischen Schub von tausend Mann, der aus der Ersatzreserve oder aus den regulär eingezogenen Rekruten genommen wird, aufzunehmen und für das Feld vorzubereiten. Diese Maßnahme war in einem so blutigen Kriege, wie es der gegenwärtige ist, absolut notwendig, zumal sein Ausgang noch nicht mit Sicherheit vorauszusehen ist; aber sie entzieht den Deutschen zur Zeit 114 Bataillone und die entsprechende Anzahl Kavallerie und Artillerie dem aktiven Dienst, alles in allem also 200.000 Mann. Darüber hinaus beschäftigt die Besetzung eines knappen Sechstels von Frankreich und die Einschließung von zwei großen Festungen in diesem Gebiet - Metz und Paris - alle Kräfte der Deutschen so sehr, daß sie höchstens 60.000 Mann für weitere Operationen außerhalb des bereits eroberten Territoriums übrig haben. Und das zu einem Zeitpunkt, da die Franzosen keine einzige Armee außerhalb der Festungen haben, um ernsten Widerstand zu leisten.

Wenn überhaupt ein Beweis dafür notwendig war, welche ungeheure Bedeutung in der modernen Kriegführung große befestigte Lager mit einer Festung als Kern haben, so ist er hier erbracht. Die erwähnten beiden befestigten Lager sind durchaus nicht auf das beste ausgenutzt worden, wie wir bei einer anderen Gelegenheit zeigen werden. Metz hat, was seine Größe und Bedeutung anbelangt, als Garnison zu viele Truppen, und Paris hat fast gar keine richtigen Truppen, die für das Feld geeignet wären. Ersteres hält gegenwärtig wenigstens 240.000 Mann, letzteres 250.000 Mann des Gegners in Schach; und wenn Frankreich nur 200.000 wirkliche Soldaten hinter der Loire hätte, wäre die Belagerung von Paris unmöglich. Zum Unglück für Frankreich hat es diese 200.000 Mann nicht, und es besteht keine Wahrscheinlichkeit, daß es sie zur rechten Zeit organisieren und disziplinieren kann. So ist die Einnahme dieser beiden großen Verteidigungszentren bloß eine Frage von wenigen Wochen. Die Armee in Metz hat sich ihre Disziplin und ihre Kampfqualitäten bisher ausgezeichnet erhalten, aber da ihre Angriffe dauernd zurückgeschlagen werden, so wird sie schließ- |131| lich jede Hoffnung auf Entkommen aufgeben müssen. Die französischen Soldaten sind vortreffliche Verteidiger von Festungen und können eine Niederlage während einer Belagerung weit besser aushalten als im Felde; aber wenn unter ihnen erst einmal die Demoralisation beginnt, so breitet sie sich schnell und unwiderstehlich aus. Was Paris anbetrifft, so wollen wir Herrn Gambettas 400.000 Mann Nationalgarde, 100.000 Mann Mobilgarde und 60.000 Mann Linientruppen nicht zu wörtlich nehmen, ebensowenig die zahllosen Kanonen und Mitrailleusen, die jetzt in Paris fabriziert werden sollen, oder die große Stärke der Barrikaden. Es ist jedoch nicht daran zu zweifeln, daß in Paris die Elemente zu einer wirklich ernsthaften Verteidigung hinreichend vorhanden sind, obgleich dieser Verteidigung, die wegen des Charakters der Garnison notwendigerweise passiv bleiben muß, das stärkste Element fehlt: machtvolle Angriffe auf die Belagerer.

Jedenfalls ist es klar, wenn eine echte nationale Begeisterung unter den Franzosen lebendig wäre, könnte noch alles gewonnen werden. Während die Kräfte der Eindringlinge, bis auf 60.000 Mann, und die Kavallerie, die den Gegner zwar überfallen, aber nicht unterwerfen kann, an das eroberte Territorium gebunden sind, könnten die übrigen fünf Sechstel Frankreichs genügend bewaffnete Scharen aufbringen, um die Deutschen an allen Punkten zu beunruhigen, ihre Verbindungen abzuschneiden, Brücken und Eisenbahnen, Proviant- und Munitionslager in ihrem Hinterland zu zerstören und sie so zu zwingen, von ihren beiden großen Armeen so viele Truppen abzuzweigen, daß Bazaine Mittel und Wege finden könnte, aus Metz auszubrechen, und daß die Belagerung von Paris illusorisch würde. Bereits jetzt ist die Bewegung bewaffneter Scharen zur Quelle großer Beunruhigung, wenn auch noch nicht zur Gefahr für die Deutschen geworden; aber diese Beunruhigung wird größer werden, je mehr die Umgebung von Paris ihrer Lebensmittel und anderen Vorräte beraubt wird und die Deutschen infolgedessen in entfernteren Landstrichen requirieren müssen. Die neue deutsche Armee, die sich gegenwärtig im Elsaß formiert, wird vermutlich bald von jeder Expedition nach dem Süden Abstand nehmen, weil sie die deutschen Verbindungen sichern und ein größeres Gebiet im Umkreis von Paris niederhalten muß. Aber welchem Schicksal wären die Deutschen überantwortet, wenn sich das französische Volk mit demselben Fanatismus nationaler Begeisterung erhöbe wie die Spanier im Jahre 1808 - wenn sich jede Stadt und fast jedes Dorf in eine Festung, jeder Bauer und Bürger in einen Kämpfer verwandelte? Selbst die 200.000 Mann der vierten Bataillone würden nicht ausreichen, solch ein Volk nieder- |132| zuhalten. Aber ein derartiger Fanatismus nationaler Begeisterung ist heutzutage bei zivilisierten Nationen nicht üblich. Er mag bei Mexikanern und Türken zu finden sein; im geldmachenden Westeuropa sind seine Quellen versiegt, und die zwanzig Jahre, in denen das Zweite Kaiserreich wie ein Alpdruck auf Frankreich lastete, haben den nationalen Charakter ganz und gar nicht gestählt. So sehen wir sehr viel Geschwätz und wenig Taten, viel Schein und eine fast gänzliche Vernachlässigung der Organisation, sehr geringen wirklichen Widerstand und ein gut Teil Unterwürfigkeit vor dem Feind, sehr wenige wirkliche Soldaten und eine Riesenzahl von Franktireurs.