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Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 18, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 171-176.

1. Korrektur.
Erstellt am 04.03.1999

Friedrich Engels

Die imperativen Mandate auf dem Haager Kongreß

Geschrieben Anfang Oktober 1872.
Aus dem Spanischen.


["La Emancipacion" Nr. 69 vom 13. Oktober 1872]

|171| Der Verrat, den viele Parlamentsabgeordnete kürzlich gegenüber ihren Wählern begangen haben, hat erneut die alten imperativen Mandate des Mittelalters, die durch die Revolution von 1789 abgeschafft worden waren, in Mode gebracht. Wir werden uns hier in keine Prinzipiendiskussionen über diese Mandate einlassen. Wir werden einzig und allein darauf aufmerksam machen, daß, wenn alle Wahlkörperschaften ihren Delegierten zu allen auf die Tagesordnung gesetzten Punkten imperative Mandate gäben, die Versammlung der Delegierten und ihre Debatten überflüssig wären. Es würde genügen, die Mandate an irgendein zentrales Büro zu schicken, das den Wahlgang vornehmen und das Ergebnis der Abstimmung proklamieren würde. Das würde viel billiger sein.

Was uns wichtig erscheint, ist die Darlegung der außergewöhnlichen Rolle, die die imperativen Mandate auf dem Haager Kongreß ihren Trägern auferlegt haben, eine Rolle, die den absoluten Bewunderern dieser Mandate sehr gut als Lehre dienen könnte. Die Delegierten der Spanischen Föderation, die, wir wissen alle wie, dank des Einflusses des Föderalrats ernannt worden waren, brachten ein imperatives Mandat mit, das ihnen befahl, zu verlangen,

"daß die Auszählung der Stimmen nach der Anzahl jener Mitglieder erfolgen soll, die von Delegierten mit einem imperativen Mandat vertreten werden; die Stimmen jener Mitglieder aber, die von Delegierten ohne imperatives Mandat vertreten werden, nicht gerechnet werden sollen, bis die Sektionen oder Föderationen, die sie vertreten, die auf dem Kongreß debattierten Fragen beraten und darüber abgestimmt haben ... Gesetzt den Fall, daß der Kongreß auf dem traditionellen Abstimmungssystem |172| bestehen sollte, werden sich unsere Delegierten an den Diskussionen beteiligen, aber sich der Stimme enthalten."(1)

Dieses Mandat fordert also, daß der Kongreß, bevor er sich mit irgendeiner anderen Sache beschäftigt, folgende drei Beschlüsse faßt:

1. Die Artikel der Verwaltungsverordnungen zu ändern, die den Wahlmodus betreffen.

2. Zu beschließen, daß die Delegierten ohne imperatives Mandat kein Stimmrecht haben.

3. Zu erklären, daß diese Abänderungen sofort auf den gegenwärtigen Kongreß anzuwenden seien.

Die Delegierten der Spanischen Föderation wurden sodann darauf hingewiesen, daß selbst wenn der Kongreß ihre Forderungen Nr. 1 und 2 annähme, die Forderung Nr. 3 unannehmbar sein würde. Der Haager Kongreß war auf der Grundlage bestimmter Organisationsgesetze der Assoziation einberufen worden. Er hatte sicher das Recht, sie zu ändern; aber wenn er sie änderte, würde er gleichzeitig die Grundlage seiner eigenen Existenz zerstören und sich der absoluten Notwendigkeit gegenübersehen, sich sofort nach der Einberufung eines neuen Kongresses, dessen Delegierte auf der Grundlage der neuen Organisationsgesetze gewählt sein würden, aufzulösen. Diese neuen Gesetze auf den bestehenden Kongreß anzuwenden, hieße diesen Gesetzen eine rückwirkende Kraft zu verleihen und jegliches Gerechtigkeitsprinzip zu verletzen. So konnte also der Kongreß, würde er die Vorschläge Nr. 1 und 2 angenommen haben oder nicht, niemals den Vorschlag Nr. 3 annehmen; und wenn die spanischen Delegierten ein Mandat erhalten und angenommen hatten, das in flagrantem Widerspruch mit sich selbst stand, ein Mandat, das es ihnen unmöglich machte, während aller Sitzungen des Kongresses zu wählen, wessen Schuld ist das? Der Fall war so klar, daß weder die Minderheit, noch die Delegierten unseres Landes auch nur ein einziges Wort einer Erwiderung fanden. Folglich blieben sie auf dem Kongreß, ohne zu wählen, was schließlich die Holländer derart aufbrachte, daß einer von ihnen sie fragte:

|173| "Warum seid ihr nicht zu Hause geblieben, wenn ihr ein Mandat habt, das euch verbietet zu wählen und das die Minderheit bei jeder Abstimmung um vier Stimmen bringt?"

Aber nichts gleicht einem wahrhaften Allianzmandat und der allianzistischen Art, sich seiner zu bedienen, mehr, als das Mandat der Jurassischen Föderation.

Hier das Mandat ihrer Delegierten:

"Die Delegierten der Jura-Föderation erhalten das imperative Mandat, dem Haager Kongreß als Grundlage für die Organisation der Internationale folgende Prinzipien vorzulegen:

Vollberechtigte Sektion der Internationale ist jede Gruppe von Arbeitern, die das Programm der Internationale anerkennt, so wie es in der Präambel der auf dem Genfer Kongreß angenommenen Allgemeinen Statuten bestimmt worden ist, und die sich verpflichtet, gegenüber allen Arbeitern und Arbeitergruppen im Kampf gegen das monopolisierte Kapital ökonomische Solidarität zu üben."

Hier sind die Allgemeinen Statuten und Verwaltungsverordnungen bereits abgeschafft. Wenn man die Erwägungsgründe bestehen läßt, so deshalb, weil sie keinen Sinn haben, wenn sie auf nichts hinauslaufen.

"Da das föderative Prinzip", heißt es weiter, "die Grundlage für die Organisation der Internationale ist, föderieren sich die Sektionen frei unter sich und auch die Föderationen föderieren sich im Vollbesitz ihrer Autonomie frei unter sich und gründen gemäß ihren Bedürfnissen alle Korrespondenzorgane, statistischen Büros etc., die sie für angebracht erachten.

Ausgehend von den oben angeführten Prinzipien stimmt die Jura-Föderation für die Beseitigung des Generalrats und für die Beseitigung jeglicher Autorität in der Internationale."

Der Generalrat, die Föderalräte, die lokalen Räte und jede Art von Statuten und Reglements, die "Autorität" haben, werden also abgeschafft. Jeder wird so wirken, wie es ihm "im Vollbesitz seiner Autonomie" am besten gefällt.

"Die Delegierten des Jura müssen mit den spanischen, italienischen, französischen Delegierten und mit all denen, die freimütig gegen das autoritäre Prinzip protestieren, in voller Solidarität zusammenwirken. Infolgedessen wird die Weigerung, einen Delegierten dieser Föderationen zuzulassen, den sofortigen Rückzug der Delegierten des Jura hervorrufen müssen. Gleicherweise müssen sich die Delegierten gemeinsam mit den Delegierten der antiautoritären Föderationen zurückziehen, wenn der Kongreß die oben dargelegten Grundlagen für die Organisation der Internationale nicht annimmt."

Man sieht jetzt, was die Delegierten des Jura aus diesem imperativen Mandat machten. Zunächst gab es auf dem Kongreß keine antiautoritären |174| französischen Delegierten außer einem einzigen, einem Verrückten, der sich gewiß viele Male mit Lärm "zurückzog", immer wieder zurückkam, ohne bei seinem Rückzug auch nur einen einzigen anderen antiautoritären Delegierten mitzureißen. Das Mandat von Sauva von der (antiautoritären) Sektion Nr. 2 von New York wurde annulliert und die Jurassier blieben auf dem Kongreß. Das der Sektion der revolutionären sozialistischen Propaganda und Aktion in Genf, einer Sektion, die unmittelbar der Jura-Föderation angehört, blieb bis zum Abschluß des Kongresses suspendiert, und die Jurassier blieben, als wäre nichts geschehen. Das Mandat der Sektion Nr. 12 von New York, einer Sektion, die sie selbst in ihrem Widerstande gegen den Generalrat ermutigten, wurde annulliert, und die Jurassier blieben seelenruhig. Was das Mandat des anwesenden italienischen Delegierten |Carlo Cafiero| anbetrifft, erkühnten sie sich nicht einmal, es vorzulegen.

Und die Organisationsgrundlagen, oder besser gesagt die Desorganisationsgrundlagen, die von den Jurassiern vorgeschlagen wurden, nahm sie der Kongreß an? In keiner Weise; eher im Gegenteil, der Kongreß beschloß, die Organisation zu verstärken, das heißt, ihrer Meinung nach, die Autorität. Zogen sie sich daraufhin zurück? Nichts dergleichen, sie erklärten einzig und allein, daß sie sich von nun an der Stimme enthalten würden.

Das ist also die wirkliche Art, ein imperatives Mandat zu handhaben. Der Delegierte gehorcht, wenn es ihm paßt, und wenn nicht, führt er unvorhergesehene Umstände an und tut am Ende das, wozu er die Lust verspürt. Ist es auch schließlich für die Antiautoritarier nicht eine Pflicht, sich über die Autorität der imperativen Mandate wie über jede andere Autorität lustig zu machen? Der durch und durch allianzistische Geist, der sich so gut in dem imperativen Mandat der Jurassier entfaltet, wurde durch die wahrhaft anarchische Art, wie ihre Delegierten jenes Mandat mit Füßen traten, ergänzt. Werden wir hieraus schließen müssen, daß diese Delegierten in der Allianz einen höheren Grad der Einweihung hatten als ihre spanischen Kollegen?

Das Mandat der Jurassier gibt auch noch zu noch anderen Überlegungen Anlaß. Dieses Mandat deckt die Gesamtheit der Lage auf, die in der Allianz herrscht, wo es allen Phrasen über die Anarchie, die Autonomie, die freie Föderation etc. zum Trotz in Wirklichkeit nur zweierlei gibt: die Autorität und den Gehorsam. Einige Wochen vor dem Zeitpunkt, an dem Schwitzguébel und Guillaume sich ihr eigenes Mandat verfaßten, das die Allgemeinen |175| Statuten mit Ausnahme der Erwägungsgründe abschaffte, verfaßten ihre Freunde, die nicht-internationalen Delegierten der Konferenz von Rimini die Statuten der sogenannten italienischen Föderation, deren Statuten sich aus den Erwägungsgründen der Allgemeinen Statuten und einem Föderalreglement zusammensetzen. Die Allgemeinen Statuten wurden also in der auf der Konferenz von Rimini beschlossenen Organisation abgeschafft. Wie man sieht, wirken die Männer der Allianz immer, indem sie geheimen und gleichlautenden Befehlen gehorchen. Diesen gleichen geheimen Befehlen gehorchte zweifelsohne "La Federacion" von Barcelona, als sie plötzlich die Desorganisation der Internationale predigte, denn die starke Organisation unserer Assoziation in Spanien begann für die geheimen Führer der Allianz zu einer Gefahr zu werden. Diese Organisation gibt der Arbeiterklasse zu viel Kraft und schafft deswegen der geheimen Regierung der Herren Allianzisten, die sehr genau wissen, daß in einem trüben Flusse gut zu fischen ist, Schwierigkeiten.

Zerstört die Organisation und ihr habt den Fluß so getrübt, wie ihr es wünscht. Zerstört vor allem die Gewerksgenossenschaften, erklärt den Streiks den Krieg, reduziert die Arbeitersolidarität auf eine leere Phrase und ihr werdet freies Feld für eure pompösen, hohlen und doktrinären Phrasen haben. Das heißt, wenn die Arbeiter unseres Landes es euch erlauben werden, das Werk zu zerstören, das sie vier Jahre Mühe gekostet hat, die Organisation, die ohne Zweifel die beste der ganzen Internationale ist.

Kommen wir auf die imperativen Mandate zurück, so bleibt uns noch eine Frage zu lösen: Warum bestehen die Allianzisten, diese eingefleischten Feinde jeden Autoritätsprinzips, mit solcher Hartnäckigkeit auf der Autorität der imperativen Mandate? Weil es für eine Geheimgesellschaft wie die ihrige, die im Schoße einer öffentlichen Gesellschaft wie der Internationale besteht, nichts Bequemeres gibt wie das imperative Mandat. Die Mandate der Verbündeten werden alle identisch sein; die der Sektionen, die dem Einfluß der Allianz nicht unterworfen sind oder gegen sie rebellieren, werden einander widersprechen, so daß der Geheimgesellschaft oftmals die absolute Mehrheit und stets die relative Mehrheit gehören wird; währenddessen auf einem Kongreß ohne imperative Mandate der gesunde Verstand der unabhängigen Delegierten diese bald zu einer gemeinsamen Partei gegen die Partei der Geheimgesellschaft vereinen wird. Das imperative Mandat ist ein äußerst wirksames Mittel der Beherrschung, und eben aus diesem Grunde unterstützt die Allianz ungeachtet ihres ganzen Anarchismus dessen Autorität.

|176| Bevor wir zum Abschluß kommen, wollen wir darauf aufmerksam machen, daß die vom Spanischen Föderalrat, der sich aus Allianzisten zusammensetzt, ausgeklügelte Art, ein kollektives imperatives Mandat auszustellen, zwangsläufig nur zu einem Ergebnis führen mußte: zu einem imperativen Mandat des Föderalrats, oder, was dasselbe ist, zu einem Allianzmandat. Alle Föderationen unseres Landes, die den vorschriftswidrigen Vorschlag des Rats angenommen hatten, schickten nach Valencia die Sonderbeiträge zur Finanzierung der Reise der Delegierten und mit den Beiträgen das Ergebnis der Abstimmung in der lokalen Föderation; und mit dem Ergebnis der Abstimmung das imperative Mandat der gleichen lokalen Föderation, um "sie alle zu vereinen und ein kollektives imperatives Mandat zu schaffen". Wir geben gern zu, daß der Regionalrat |Föderalrat| mit Treu- und gutem Glauben die Auszählung der Stimmen aller lokalen Föderationen vorgenommen haben könnte; aber um die verschiedenen Meinungen aller Föderationen zu einer einzigen zu vereinen, mußte der Regionalrat entweder eine unglaubliche Intelligenz oder einen ausgezeichneten Schmelztiegel besitzen, in den er wahrscheinlich die verschiedenen imperativen Mandate hineingeworfen hatte. Und was kam aus diesem neuartigen Tiegel heraus? Nur was herauskommen mußte - die Meinung des Regionalrats. Wir fordern alle Allianzisten heraus, mögen sie uns ein chemisches Wahlrezept nennen, das zu einem anderen Ergebnis führen kann.

Der Spanische Föderalrat, so antiautoritär, so anarchisch etc., hat also in seinen Händen die Beiträge zentralisiert, um die Delegierten nach Den Haag zu schicken; er selbst hat die Wahlen dieser Delegierten so geschickt gedrechselt, daß nur Allianzisten nominiert wurden; und er hat schließlich das kollektive imperative Mandat verfaßt, das seiner Meinung nach den Willen der spanischen Internationalen zum Ausdruck brachte.

Besser kann man die Autonomie nicht respektieren.


Fußnoten von Friedrich Engels

(1) Das "Bulletin" des Jura, bekanntlich das Organ der Führer der Allianz, veröffentlicht in seiner letzten Nummer einen kurzen Bericht über die Sitzungen des Haager Kongresses, dessen Wahrhaftigkeit man an Hand folgender Worte, die wir wörtlich übersetzen, beurteilen kann: "Die Spanier, unterstützt von den Belgiern und den Jurassiern, verlangten, daß die Abstimmungen nicht individuell, sondern nach Föderation erfolgen sollen." War es das, was in dem Mandat der Spanischen Föderation verlangt wurde? <=


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