MLWerke Marx/Engels - Werke Artikel und Korrespondenzen 1887

Seitenzahlen verweisen auf:    Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 21, 5. Auflage 1975, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 346-351.
Korrektur:    1
Erstellt:    20.03.1999

Friedrich Engels

Einleitung [zu Sigismund Borkheims Broschüre "Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten. 1806-1807"]

Nach: Sigismund Borkheim, "Zur Erinnerung für die deutschen Mordspatrioten. 1806-1807", Hottingen-Zürich 1888.


|346| Der Verfasser der nachfolgenden Broschüre, Sigismund Borkheim, war geboren am 29. März 1825 in Glogau. Nachdem er in Berlin 1844 das Gymnasium absolviert, studierte er nacheinander in Breslau, Greifswald und Berlin. Um seiner Militärpflicht zu genügen, mußte er, zu arm, die Kosten des einjährigen Dienstes zu tragen, 1847 als dreijähriger Freiwilliger bei der Artillerie in Glogau eintreten. Nach der Revolution 1848 nahm er teil an demokratischen Versammlungen und geriet deshalb in kriegsgerichtliche Untersuchung, der er sich durch die Flucht nach Berlin entzog. Hier blieb er, zunächst unverfolgt, in der Bewegung tätig und nahm hervorragenden Anteil am Zeughaussturm. Der ihm infolgedessen drohenden Verhaftung entging er durch neue Flucht nach der Schweiz. Als hier Struve im September 1848 seinen Freischarenzug in den badischen Schwarzwald organisierte, schloß Borkheim sich an, wurde gefangengenommen und blieb eingesperrt, bis die badische Revolution vom Mai 1849 die Gefangenen befreite.

Borkheim ging nach Karlsruhe, um der Revolution seine Dienste als Soldat zur Verfügung zu stellen. Als Johann Philipp Becker zum Oberstkommandierenden der gesamten Volkswehr ernannt worden, übertrug er Borkheim die Bildung einer Batterie, wozu die Regierung zunächst aber nur die unbespannten Geschütze stellte. Die Bespannungen waren noch nicht beschafft, als die Bewegung des 6. Juni ausbrach, wodurch die entschiedneren Elemente die schlaffe, teilweise aus direkten Verrätern bestehende provisorische Regierung zu größerer Energie anspornen wollten. Mit Becker hatte auch Borkheim sich an der Demonstration beteiligt, die indes nur den unmittelbaren Erfolg hatte, daß Becker mit allen seinen Freischaren und Volkswehren von Karlsruhe entfernt und auf den Kriegsschauplatz am Neckar geschickt wurde. Borkheim konnte mit seiner Batterie nicht folgen, bis ihm Pferde für seine Kanonen gestellt. Als er diese endlich erhalten - denn |347| Herr Brentano, der Leiter der Regierung, hatte jetzt alles Interesse daran, sich die revolutionäre Batterie vom Halse zu schaffen -, hatten die Preußen inzwischen die Pfalz erobert, und der erste Akt der Batterie Borkheim bestand darin, an der Knielinger Brücke Aufstellung zu nehmen, zur Deckung des Übertritts der Pfälzer Armee auf badisches Gebiet.

Mit den Pfälzern und den noch im Bereich von Karlsruhe befindlichen badischen Truppen rückte die Batterie Borkheim nunmehr in nördlicher Richtung vor. Sie kam am 21 .Juni bei Blankenloch ins Gefecht und nahm ehrenvollen Anteil am Treffen bei Ubstadt (25. Juni). Bei der Neuorganisation der Armee zur Aufstellung an der Murg wurde Borkheim mit seinen Geschützen der Division Oborski zugeteilt und zeichnete sich in den Kämpfen um Kuppenheim aus.

Nach dem Rückzug der Revolutionsarmee auf Schweizer Gebiet ging Borkheim nach Genf. Hier fand er seinen alten Vorgesetzten und Freund J. Ph. Becker sowie einige jüngere Kriegskameraden, die sich in der Misere des Flüchtlingslebens zu einer möglichst heitern Gesellschaft zusammentaten. Ich verlebte im Herbst 1849 auf der Durchreise einige lustige Tage unter ihnen. Es ist dies dieselbe Gesellschaft, die unter dem Namen "Schwefelbande" durch die kolossalen Lügen des Herrn Karl Vogt eine höchst unverdiente postume Berühmtheit erlangt hat.

Das Vergnügen sollte indes nicht lange dauern. Im Sommer 1850 erreichte der Arm des gestrengen Bundesrates auch die harmlose "Schwefelbande", und die meisten der fidelen jungen Herren mußten die Schweiz verlassen, da sie zu den auszuweisenden Kategorien der Flüchtlinge gehörten. Borkheim ging nach Paris, später nach Straßburg. Aber auch hier war seines Bleibens nicht. Im Februar 1851 wurde er verhaftet und auf dem Schub nach Calais zur Einschiffung nach England gebracht. Drei Monate lang wurde er so von Ort zu Ort, meist in Ketten, durch 25 verschiedene Gefängnisse geschleppt. Aber überall, wohin er kam, waren die Republikaner im voraus benachrichtigt, gingen dem Schubgefangenen entgegen, sorgten für reichliche Verpflegung, traktierten und bestachen die Gendarmen und Beamten und verschafften Fahrgelegenheit, wo es ging. So kam er endlich nach England.

In London fand er freilich eine weit akutere Flüchtlingsmisere vor als in Genf oder selbst in Frankreich, aber auch hier verließ ihn seine Elastizität nicht. Er suchte Beschäftigung, gleichviel welche, und fand sie zunächst in einem Liverpooler Auswanderungsgeschäft, das deutsche Kommis als Dolmetscher brauchte für die zahlreichen, dem glücklich wieder zur Ruhe gebrachten alten Vaterland Lebewohl sagenden deutschen Auswandrer. |348| Nebenbei sah er sich aber nach andern Geschäftsverbindungen um, und zwar mit solchem Erfolg, daß es ihm nach Ausbruch des Krimkriegs gelang, ein Dampfschiff mit allerlei Waren nach Balaklawa zu befrachten und die Ladung dort teils an die Armeeverwaltung, teils an die englischen Offiziere zu unerhörten Preisen abzusetzen. Als er zurückkam, war er im Besitz eines Reingewinns von 15.000 Pfd.St. (300.000 Mark). Aber dieser Erfolg stachelte ihn nur zu weiteren Spekulationen an. Er ließ sich auf eine neue Submissionslieferung mit der englischen Regierung ein. Da indes schon Friedensverhandlungen im Gang waren, setzte die Regierung die Bedingung in den Vertrag, daß sie die Abnahme der Waren verweigern könne, falls bei Ankunft die Friedenspräliminarien abgeschlossen. Borkheim ging darauf ein. Als er mit seinem Dampfschiff im Bosporus ankam, war der Friede da. Der Kapitän des nur für die Hinreise gemieteten Schiffs, der nunmehr lohnende Rückfracht in Menge erhalten konnte, verlangte sofortige Ausladung, und da Borkheim nirgendwo im vollgepfropften Hafen Unterkunft für die ihm zur Verfügung gelassene Ladung finden konnte, lud der Kapitän alles an der ersten besten Stelle des Strandes aus. Da saß nun Borkheim mit seinen nutzlosen Kisten, Ballen und Fässern, und mußte hilflos zusehen, wie das damals aus allen Enden der Türkei und ganz Europas am Bosporus zusammengelaufene Gesindel seine Waren plünderte. Als er nach England zurückkam, war er wieder der alte arme Teufel - die fünfzehntausend Pfund waren alle dahin. Nicht aber seine unverwüstliche Elastizität. Er hatte sein Geld verspekuliert, aber Geschäftskenntnisse gewonnen und Bekanntschaften in der Geschäftswelt. Er entdeckte nun auch, daß er eine äußerst feine Weinzunge hatte und wurde erfolgreicher Vertreter verschiedener Exporthäuser von Bordeaux.

Daneben aber blieb er soviel er konnte in der politischen Bewegung. Liebknecht kannte er von Karlsruhe und Genf her. Mit Marx kam er durch den Vogtskandal in Verbindung, und dadurch fand ich mich auch wieder mit ihm zusammen. Ohne sich an ein bestimmtes Programm zu binden, hielt Borkheim es stets mit der Partei der extremsten Revolution. Seine vorwiegende politische Beschäftigung war die Bekämpfung des großen Rückhalts der europäischen Reaktion, des russischen Absolutismus. Um die russischen Intrigen zur Unterjochung der Balkanländer und zur indirekten Beherrschung von Westeuropa besser verfolgen zu können, lernte er Russisch und studierte jahrelang die russische Tagespresse und Emigrationsliteratur. Unter anderm übersetzte er die Broschüre Serno-Solowjewitschs: "Unsere Russischen Angelegenheiten", worin die durch Herzen aufgebrachte (und später durch Bakunin fortgeführte) Heuchelei gegeißelt |349| wurde, derzufolge die russischen Flüchtlinge in Westeuropa über Rußland nicht die ihnen bekannte Wahrheit, sondern eine konventionelle, in ihren nationalen und panslawistischen Kram passende Legende verbreiteten. Ebenso schrieb er viele Aufsätze über Rußland in die Berliner "Zukunft", den "Volksstaat" usw.

Im Sommer 1876, auf einer Reise in Deutschland, traf ihn in Badenweiler ein Schlagfluß, der ihn für den ganzen Rest seines Lebens auf der ganzen linken Körperhälfte lahmte. Er mußte sein Geschäft aufgeben. Einige Jahre darauf starb seine Frau. Da er brustleidend war, mußte er nach Hastings übersiedeln, in die milde Seeluft der englischen Südküste. Weder Lähmung noch Krankheit, noch knappe, keineswegs immer gesicherte Existenzmittel konnten seine unverwüstliche geistige Spannkraft brechen. Seine Briefe waren immer von fast übermütiger Heiterkeit, und wenn man ihn besuchte, mußte man ihm lachen helfen. Seine Lieblingslektüre war der Zürcher "Sozialdemokrat". Von einer Lungenentzündung ergriffen, starb er am 16. Dezember 1885.

Die "Mordspatrioten" erschienen gleich nach dem französischen Krieg im "Volksstaat" und bald darauf im Separatabdruck. Sie bewiesen sich als ein höchst wirksames Gegengift gegen den überpatriotischen Siegesrausch, worin das offizielle und bürgerliche Deutschland schwelgte und noch schwelgt. In der Tat gab es kein besseres Ernüchterungsmittel als die Rückerinnerung an die Zeit, wo das jetzt in den Himmel erhobene Preußen vor dem Angriff derselben Franzosen, die man jetzt als Besiegte verachtet, schimpflich und schmählich zusammenbrach. Und dies Mittel mußte um so kräftiger wirken, wenn die Erzählung der fatalen Tatsachen einem Buche entnommen werden konnte, worin ein preußischer General |Eduard von Höpfner|, obendrein Direktor der allgemeinen Kriegsschule, die Zeit der Schmach nach offiziellen preußischen Aktenstücken - und man muß es anerkennen, unparteiisch und ungeschminkt - geschildert hatte. Eine große Armee, wie jede andre große gesellschaftliche Organisation, ist nie besser, als wenn sie nach einer großen Niederlage in sich geht und Buße tut für ihre vergangenen Sünden. So ging es den Preußen nach Jena, so nochmals nach 1850, wo sie zwar keine große Niederlage erlitten, wo aber doch ihr gänzlicher militärischer Verfall ihnen selbst und der Welt in einer Reihe kleinerer Feldzüge - in Dänemark und in Süddeutschland - und bei der ersten großen Mobilmachung von |350| 1850 handgreiflich klar gemacht, und wo sie selbst einer wirklichen Niederlage nur entgangen waren durch die politische Schmach von Warschau und Olmütz. Sie waren gezwungen, ihre eigene Vergangenheit einer schonungslosen Kritik zu unterwerfen, um das Bessermachen zu lernen. Ihre militärische Literatur, die in Clausewitz einen Stern erster Größe hervorgebracht, seitdem aber unendlich tief gesunken war, hob sich wieder unter dieser Unumgänglichkeit der Selbstprüfung. Und eine der Früchte dieser Selbstprüfung war das Höpfnersche Buch, aus dem Borkheim das Material zu seiner Broschüre nahm.

Auch jetzt noch wird es nötig sein, immer wieder an jene Zeit der Überhebung und der Niederlagen, der königlichen Unfähigkeit, der diplomatischen, in ihrer eigenen Doppelzüngigkeit gefangenen preußischen Dummschlauheit, der sich in feigstem Verrat bewährenden Großmäuligkeit des Offiziersadels, des allgemeinen Zusammenbruchs eines dem Volk entfremdeten, auf Lug und Trug begründeten Staatswesens zu erinnern. Der deutsche Spießbürger (wozu auch Adel und Fürsten gehören) ist womöglich noch aufgeblasener und chauvinistischer als damals; die diplomatische Aktion ist bedeutend frecher geworden, aber sie hat noch die alte Doppelzüngigkeit; der Offiziersadel hat sich auf natürlichem wie künstlichem Weg hinreichend vermehrt, um so ziemlich wieder die alte Herrschaft in der Armee auszuüben, und der Staat entfremdet sich mehr und mehr den Interessen der großen Volksmassen, um sich in ein Konsortium von Agrariern, Börsenleuten und Großindustriellen zu verwandeln, zur Ausbeutung des Volks. Allerdings, sollte es wieder zum Kriege kommen, so wird die preußisch-deutsche Armee, schon weil sie allen andern Organisationsvorbild war, bedeutende Vorteile haben vor ihren Gegnern wie vor ihren Verbündeten. Aber nie wieder solche, wie in den letzten zwei Kriegen. Die Einheit des Oberbefehls z.B., wie sie damals, dank besonderen Glücksumständen, bestand, und der entsprechende unbedingte Gehorsam der Unterfeldherrn werden schwerlich so wieder zu haben sein. Die geschäftliche Gevatterschaft, die jetzt zwischen dem agrarischen und militärischen Adel - bis in die kaiserliche Adjutantur hinein - und den Börsenjobbern herrscht, kann der Verpflegung der Armee im Felde leicht verhängnisvoll werden. Deutschland wird Verbündete haben, aber Deutschland wird seine Verbündeten und diese werden Deutschland bei erster Gelegenheit im Stich lassen. Und endlich ist kein andrer Krieg für Preußen-Deutschland mehr möglich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, |351| wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehn, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird; nur ein Resultat absolut sicher: die allgemeine Erschöpfung und die Herstellung der Bedingungen des schließlichen Siegs der Arbeiterklasse. - Das ist die Aussicht, wenn das auf die Spitze getriebene System der gegenseitigen Überbietung in Kriegsrüstungen endlich seine unvermeidlichen Früchte trägt. Das ist es, meine Herren Fürsten und Staatsmänner, wohin Sie in Ihrer Weisheit das alte Europa gebracht haben. Und wenn Ihnen nichts andres mehr übrigbleibt, als den letzten großen Kriegstanz zu beginnen -, uns kann es recht sein. Der Krieg mag uns vielleicht momentan in den Hintergrund drängen, mag uns manche schon eroberte Position entreißen. Aber wenn Sie die Mächte entfesselt haben, die Sie dann nicht wieder werden bändigen können, so mag es gehn wie es will: am Schluß der Tragödie sind Sie ruiniert und ist der Sieg des Proletariats entweder schon errungen oder doch unvermeidlich.

London, 15. Dezember 1887

Friedrich Engels


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