MLWerke Marx/Engels - Werke

Seitenzahlen verweisen auf:    Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 22, 3. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1963, Berlin/DDR. S. 11-48.
Korrektur:    1
Erstellt:    06.04.1999

Friedrich Engels

Die auswärtige Politik des russischen Zarentums

Geschrieben Dezember 1889 bis Februar 1890.
Nach: "Die Neue Zeit", Nr. 5, 8. Jahrgang, Mai 1890.


I

|13| Wir, die westeuropäische Arbeiterpartei {1}, haben ein doppeltes Interesse am Sieg der russischen revolutionären Partei.

Einmal, weil das russische Zarenreich die große Hauptfestung, Reservestellung und Reservearmee zugleich der europäischen Reaktion bildet, weil seine bloße passive Existenz bereits eine Drohung und Gefahr für uns ist.

Zweitens aber - und dieser Punkt ist von unserer Seite noch immer nicht genug hervorgehoben -, weil es durch seine unaufhörliche Einmischung in die Angelegenheiten des Westens unsere normale Entwicklung hemmt und stört, und zwar mit dem Zweck, sich geographische Positionen zu erobern, die ihm die Herrschaft über Europa sichern und damit den Sieg des europäischen Proletariats unmöglich machen würden {2}.

Es ist das Verdienst von Karl Marx, zuerst und wiederholt seit 1848 betont zu haben, daß die westeuropäische Arbeiterpartei aus diesem letzten Grunde genötigt sei, mit dem russischen Zarentum einen Krieg auf Leben und Tod zu führen. Wenn ich in demselben Sinn auftrete, bin ich auch hier nur der Fortsetzer meines verstorbenen Freundes, hole nach, was ihm zu tun nicht vergönnt war.{3}

|14| Auch unter den russischen Revolutionären herrscht manchmal noch eine relativ große Unbekanntschaft mit dieser Seite der russischen Geschichte. Einerseits, weil in Rußland selbst darüber nur die offizielle Legende geduldet wird; anderseits bei manchen, weil man die Zarenregierung zu sehr verachtet, sie unfähig hält, irgend etwas Rationelles zu tun, unfähig teils aus Beschränktheit, teils aus Korruption. Für die innere Politik ist dies ja auch richtig; hier liegt die Impotenz des Zarentums offen zutage. Man muß aber nicht nur die Schwächen, sondern auch die Stärken des Gegners kennen. Und die auswärtige Politik ist unbedingt die Seite, wo das Zarentum stark, sehr stark ist. Die russische Diplomatie bildet gewissermaßen einen modernen Jesuitenorden, mächtig genug, im Notfall selbst zarische Launen zu überwinden und der Korruption in seinem eigenen Innern Herr zu werden, um sie desto reichlicher nach außen auszustreuen; einen Jesuitenorden, rekrutiert ursprünglich und vorzugsweise aus Fremden, Korsen wie Pozzo di Borgo, Deutschen wie Nesselrode, Ostseedeutschen wie Lieven, wie seine Stifterin Katharina II. eine Fremde war.

Der altrussische hohe Adel hatte noch zu viele weltliche Privat- und Familieninteressen, er besaß nicht die unbedingte Zuverlässigkeit, die der |15| Dienst dieses neuen Ordens beanspruchte. Und da man ihm nicht die persönliche Besitzlosigkeit und das Zölibat der katholischen Jesuitenpriester auflegen konnte, begnügte man sich damit, ihm zunächst nur sekundäre und Repräsentationsposten, Gesandtschaften usw. anzuvertrauen und so allmählich eine Schule einheimischer Diplomaten heranzubilden. Bis jetzt hat nur ein Vollblutrusse, Gortschakow, die höchste Stelle in diesem Orden bekleidet, und sein Nachfolger, von Giers, trägt wieder fremden Namen.

Es ist diese ursprünglich aus fremden Abenteurern rekrutierte geheime Gesellschaft, die das Russische Reich auf seine gegenwärtige Machtfülle gehoben hat. Mit eiserner Ausdauer, unverrückt den Blick aufs Ziel geheftet, vor keinem Treubruch, keinem Verrat, keinem Meuchelmord, keiner Kriecherei zurückschreckend, Bestechungsgelder mit vollen Händen austeilend, durch keinen Sieg übermütig, durch keine Niederlage verzagt gemacht, über die Leichen von Millionen Soldaten und wenigstens eines Zaren hinweg, hat diese ebenso gewissenlose wie talentvolle Bande mehr als alle russischen Armeen dazu beigetragen, die Grenzen Rußlands vom Dnepr und der Dwina bis über die Weichsel, bis an den Pruth, die Donau und das Schwarze Meer, vom Don und der Wolga bis über den Kaukasus und zu den Quellgebieten des Oxus und Jaxartes vorzuschieben, Rußland groß, gewaltig, gefürchtet zu machen und ihm den Weg zur Weltherrschaft zu eröffnen. Dadurch aber hat sie auch die Zarenmacht nach innen gestärkt. Für das vulgär-patriotische Publikum wiegt der Siegesruhm, die einander folgenden Eroberungen, die Macht und der Glanz des Zarentums alle seine Sünden, allen Despotismus, alle Ungerechtigkeit und Willkür reichlich auf; die Großprahlerei des Chauvinismus entschädigt reichlich für alle Fußtritte. Und zwar um so mehr, je weniger in Rußland die wirklichen Ursachen und Einzelheiten dieser Erfolge bekannt und durch eine offizielle Legende ersetzt sind, wie wohlwollende Regierungen solche überall (z.B. in Frankreich und Preußen) zum Besten der Untertanen und zur Beförderung des Patriotismus erfinden. Welcher Russe also Chauvinist ist, der wird auch früher oder später auf die Knie fallen vor dem Zarentum, wie wir das erlebt haben bei Tichomirow.

Wie aber konnte eine solche Abenteurerbande dahin kommen, einen so gewaltigen Einfluß auf die europäische Geschichte zu erobern? Sehr einfach. Sie haben nicht etwas Neues aus Nichts geschaffen, sie haben nur eine vorhandene tatsächliche Situation richtig ausgebeutet. Die russische Diplomatie hat für alle ihre Erfolge eine sehr handgreifliche materielle Unterlage.

|16| Sehen wir uns Rußland an in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ein schon damals riesiges Gebiet, bewohnt von einer Rasse von seltener Homogenität. Dünne Bevölkerung, aber sich rasch vermehrend; also sicherer Machtzuwachs vermöge bloßer Zeitdauer. Diese Bevölkerung, geistig stagnierend, ohne alle Initiative, aber innerhalb der Schranken ihrer hergebrachten Daseinsweise unbedingt zu allem zu gebrauchen; zäh, tapfer, gehorsam, allen Strapazen gewachsen, ein unübertreffliches Soldatenmaterial für die Kriege jener Zeit, wo das Gefecht geschlossener Massen entschied. Das Land selbst nur mit einer, der westlichen Seite, Europa zugekehrt, also auch nur dort angreifbar; ohne Zentrum, dessen Eroberung den Frieden aufzwingen könnte; durch Unwegsamkeit, Ausdehnung, Armut an Hilfsquellen vor Eroberung fast absolut geschützt - hier war eine unangreifbare Machtstellung gegeben für jeden, der sie zu benutzen verstand, um von hier aus in Europa sich ungestraft Dinge erlauben zu können, die jeder andern Regierung Krieg über Krieg zugezogen hätten.

Stark bis zur Unangreifbarkeit in der Verteidigung, war Rußland entsprechend schwach im Angriff. Die Zusammenziehung, Organisation, Ausrüstung, Bewegung seiner Armeen im Innern stieß auf die größten Hindernisse, und zu allen materiellen Schwierigkeiten kam dann noch die grenzenlose Korruption der Beamten und Offiziere. Alle Versuche, Rußland auf großem Maßstab angriffsfähig zu machen, sind bis jetzt gescheitert, und wahrscheinlich wird der letzte, gegenwärtige Versuch, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, erst recht scheitern. Man kann hier sagen, daß die Hindernisse fast wachsen wie die Quadrate der zu organisierenden Massen, auch abgesehen von der Unmöglichkeit, bei so geringer städtischer Bevölkerung die jetzt nötige ungeheure Menge von Offizieren zu finden. Diese Schwäche blieb der russischen Diplomatie nie ein Geheimnis; daher hat sie von jeher den Krieg, wo es anging, vermieden, ihn nur als äußerstes Mittel zugelassen und auch dann nur unter den günstigsten Vorbedingungen. Nur solche Kriege können ihr passen, wo die Alliierten Rußlands die Hauptlast zu tragen, ihr Gebiet der Verwüstung des Kriegsschauplatzes preiszugeben, die große Masse der Kämpfer zu stellen haben und wo den russischen Truppen die Rolle der Reserven zufällt, die in den meisten Gefechtsfällen geschont werden, denen aber in allen großen Schlachten die mit relativ geringen Opfern verbundene Ehre der letzten Entscheidung zufällt - wie im Krieg 1813-1815. Ein Krieg unter so vorteilhaften Umständen ist aber nicht immer zu haben, und daher zieht die russische Diplomatie es vor, die widerstreitenden Interessen und Begehrlichkeiten der andern Mächte ihren Zwecken dienstbar zu machen, diese Mächte auf- |17| einander zu hetzen und ihre Feindschaften zu Nutzen der russischen Eroberungspolitik auszubeuten. Nur gegen entschieden Schwächere, wie Schweden, die Türkei, Persien, führt das Zarentum Krieg auf eigene Faust - da braucht es denn auch mit niemandem die Beute zu teilen.

Doch zurück zum Rußland von 1760. Dieses homogene, unangreifbare Land hatte zu Nachbarn lauter Länder, die sich scheinbar oder wirklich im Verfall befanden, sich der Auflösung näherten, also reine matière à conquetes |reines Material für Eroberungen| waren. Im Norden Schweden, dessen Macht und Prestige gerade daran zugrunde gegangen war, daß Karl XII. versucht hatte, in Rußland einzudringen; er hatte damit Schweden ruiniert und die Unangreifbarkeit Rußlands evident gemacht. Im Süden die Türken und die ihnen tributpflichtigen Krim-Tataren, Trümmer vergangener Größe; die Angriffskraft der Türken gebrochen seit 100 Jahren, ihre Verteidigungskraft noch bedeutend, aber ebenfalls abnehmend; als bestes Zeichen dieser wachsenden Schwäche: beginnende rebellische Zuckungen unter den unterworfenen Christen, den Slawen, Rumänen und Griechen, die die Majorität der Bevölkerung der Balkanhalbinsel bildeten. Diese Christen, fast ausschließlich griechischen Ritus', waren so den Russen religionsverwandt und die Slawen unter ihnen, die Serben und Bulgaren, noch dazu ihnen stammverwandt. Rußland brauchte also nur seinen Beruf zum Schutz der unterdrückten griechischen Kirche und des gefesselten Slawentums zu proklamieren, und das Terrain für die Eroberung - unter dem Deckmantel der Befreiung - war hier vorbereitet. Desgleichen befanden sich südlich des Kaukasus kleine christliche Staaten und christliche Armenier unter türkischer Hoheit, zu deren "Befreier" das Zarentum sich aufwerfen konnte. Und dann winkte hier im Süden dem lüsternen Eroberer ein Siegespreis, wie Europa keinen zweiten aufzuweisen hatte: die alte Hauptstadt des orientalischen Römerreichs, die Metropole der ganzen griechisch-katholischen Welt, die Stadt, deren russischer Name schon die Herrschaft über den Osten und das Prestige ausspricht, das ihren Besitzer in den Augen der orientalischen Christenheit umgibt: Konstantinopel-Zaregrad.

Zaregrad als dritte russische Hauptstadt neben Moskau und Petersburg, das hieß aber nicht nur moralische Herrschaft über die orientalische Christenheit, das war auch die entscheidende Etappe zur Herrschaft über Europa. Das war die Alleinherrschaft über das Schwarze Meer, Kleinasien, die Balkanhalbinsel. Das war, sobald der Zar wollte, die Schließung des Schwarzen Meeres für alle Handels- und Kriegsflotten außer der russi- |18| sehen, seine Verwandlung in einen russischen Kriegshafen und ein ausschließliches Manöverfeld der russischen Flotte, die aus dieser sichern Reservestellung durch den befestigten Bosporus ausfallen und zu ihr zurückflüchten konnte, sooft es ihr gefiel. Dann brauchte Rußland nur noch dieselbe Herrschaft, direkt oder indirekt, über den Sund und die Belte zu erringen, und es war unangreifbar auch zur See.

Die Herrschaft über die Balkanhalbinsel würde Rußland bis ans Adriatische Meer bringen. Und diese Grenze im Südwesten wäre unhaltbar, wenn nicht im Westen überhaupt die russische Grenze entsprechend vorgeschoben, seine Machtsphäre bedeutend ausgedehnt würde. Hier aber lagen die Verhältnisse fast noch günstiger.

Zunächst Polen, in völliger Zerrüttung, eine Adelsrepublik, begründet auf Aussaugung und Unterdrückung der Bauern, mit einer Verfassung, die jede nationale Aktion unmöglich und dadurch das Land zur offenen Beute der Nachbarn machte. Seit Anfang des Jahrhunderts lebte es nur, wie die Polen selbst sagten, durch die Unordnung (Polska nierządem stoi); das ganze Land war unaufhörlich von fremden Truppen besetzt und durchzogen, denen es als Wirts- und Speisehaus (karczma zajezdna, sagten die Polen) diente, wo sie aber in der Regel das Bezahlen vergaßen. Peter der Große hatte es schon systematisch ruiniert - hier brauchten seine Nachfolger nur noch zuzugreifen. Und dafür hatten sie außerdem noch einen Vorwand vermöge des "Nationalitätsprinzips". Polen war kein homogenes Land. Um die Zeit, wo Großrußland unter das mongolische Joch kam, fanden Weißrußland und Kleinrußland Schutz gegen die asiatische Invasion, indem sie sich zum sogenannten Litauischen Reich vereinigten. Dies Reich vereinigte sich später aus freien Stücken mit Polen. Seitdem hatte sich, infolge der höheren Zivilisation der Polen, der weiß- und kleinrussische Adel stark polonisiert; auch waren zur Zeit der Jesuitenherrschaft in Polen, im 16. Jahrhundert, die griechisch-katholischen Russen Polens zur Vereinigung mit der römischen Kirche genötigt worden. Dies gab den großrussischen Zaren den willkommnen Vorwand, das ehemals litauische Gebiet als na ional-russisches, aber von Polen unterdrücktes Land zu reklamieren, obwohl wenigstens die Kleinrussen, nach dem größten lebenden Slawisten Miklosich, keinen bloß russischen Dialekt, sondern eine aparte Sprache sprechen, und den ferneren Vorwand, als Schützer des griechischen Bekenntnisses zugunsten der unierten Griechen sich einzumischen, obwohl diese sich längst mit ihrer Stellung zur römischen Kirche versöhnt hatten.

Jenseits Polens lag ein zweites Land, das der Zerrüttung unheilbar ver- |19| fallen schien - Deutschland. Seit dem Dreißigjährigen Krieg war das Römisch-Deutsche Reich nur noch nominell ein Staat. Die Landeshoheit der Reichsfürsten näherte sich immer mehr der vollen Souveränetät; ihre Macht, dem Kaiser zu trotzen, die in Deutschland das polnische liberum veto ersetzte, war im Westfälischen Frieden ausdrücklich unter Frankreichs und Schwedens Garantie gestellt, eine Stärkung der Zentralmacht also abhängig gemacht von der Zustimmung des Auslands, das alles Interesse daran hatte, diese Stärkung zu verhindern. Dazu war Schweden kraft seiner deutschen Eroberungen Mitglied des Deutschen Reichs mit Sitz und Stimme auf den Reichstagen. Bei jedem Krieg fand der Kaiser deutsche Reichsfürsten unter den Verbündeten seiner fremden Feinde, jeder Krieg war also zugleich ein Bürgerkrieg. Fast alle größeren und mittleren Reichsfürsten waren von Ludwig XIV. gekauft und das Land ökonomisch so ruiniert, daß ohne diese jährlichen Zuflüsse französischer Bestechungsgelder keine Möglichkeit gewesen wäre, überhaupt Geld als Umlaufsmittel im Lande zu behalten.(1) Der Kaiser suchte daher längst seine Stärke nicht in seinem Kaisertum, das ihm nur Geld kostete und nichts als Mühe und Sorgen einbrachte, sondern in seinen österreichischen, deutschen und außerdeutschen Erblanden. Und neben der österreichischen Hausmacht begann sich allmählich schon die preußische als Nebenbuhlerin zu entfalten.

So lagen die Dinge in Deutschland zu Peter des Großen Zeit. Dieser wirklich große Mann - ganz anders groß als Friedrich "der Große", der gehorsame Knecht von Peters Nachfolgerin Katharina II. - war der erste, der die für Rußland so wunderbar günstige Lage Europas vollständig erfaßte. Wie er gegenüber Schweden, der Türkei, Persien, Polen die Grundzüge der russischen Politik mit klarem Blicke übersah, feststellte und ihre Ausführung einleitete - viel klarer, als dies in seinem sog. Testament geschieht, das das Werk eines Epigonen scheint -, so auch gegenüber Deutschland. Deutschland beschäftigte ihn mehr als irgendein anderes Land außer Schweden. Schweden mußte er brechen; Polen konnte er haben, sobald er die Hand ausstreckte; die Türkei lag ihm noch zu weit ab; aber in Deutschland festen Fuß zu fassen, die Stellung zu erhalten, die Frankreich so reichlich ausnutzte und die Schweden auszunutzen zu schwach war, das war eine Hauptaufgabe für ihn. Er tat alles, um durch Erwerbung deutschen Gebiets deutscher Reichsfürst zu werden, aber vergebens; er konnte nur das System der Verschwägerung mit deutschen |20| Reichsfürsten und der diplomatischen Ausbeutung der deutschen inneren Zwistigkeiten einleiten.

Seit Peter hatte sich diese Lage noch bedeutend zugunsten Rußlands verschoben durch das Emporkommen Preußens. Dem deutschen Kaiser erwuchs hiermit im Reiche selbst ein fast ebenbürtiger Gegner, der die Spaltung Deutschlands verewigte und auf die Spitze trieb. Und gleichzeitig war dieser Gegner immer noch schwach genug, um auf die Hilfe Frankreichs oder Rußlands angewiesen zu sein - am meisten auf Rußlands Hilfe, so daß, je mehr er sich von der Vasallenschaft gegenüber dem Deutschen Reich emanzipierte, desto sicherer er der Vasallenschaft Rußlands verfiel.

So blieben in Europa nur noch drei Mächte zu berücksichtigen: Österreich, Frankreich, England. Und diese untereinander zu verhetzen oder durch den Köder der Gebietserwerbung zu bestechen, war keine schwere Kunst. England und Frankreich waren immer noch Rivalen zur See; Frankreich war zu haben durch Aussicht auf Landerwerb in Belgien und Deutschland; Österreich köderte man durch vorgespiegelte Vorteile auf Kosten Frankreichs, Preußens, und, seit Joseph II., auch Bayerns. Hier waren also, bei geschickter Ausnutzung der Interessenkonflikte, starke, ja überwiegend starke Bundesgenossen für jede diplomatische Aktion Rußlands zu haben. Und nun, gegenüber diesen zerfallenden Grenzländern, gegenüber diesen durch Tradition, ökonomische Lebensbedingungen, politische oder dynastische Interessen oder Eroberungsgelüste in ewige Zänkereien verwickelten, stets mit gegenseitigen Überlistungsversuchen beschäftigten drei Großmächten, hier das eine, homogene, jugendliche, rasch emporwachsende Rußland, kaum angreifbar und vollständig uneroberbar, dabei ein unbearbeiteter, fast widerstandsloser, bildsamer Rohstoff - welche Gelegenheit für Leute von Talent und Ehrgeiz, für Leute, die nach Macht strebten, einerlei wo und wie, sofern es nur wirkliche Macht, ein wirklicher Tummelplatz für ihr Talent und ihren Ehrgeiz war! Und solche Leute produzierte das "aufgeklärte" achtzehnte Jahrhundert in Menge: Leute, die im Dienst der "Menschheit" ganz Europa durchzogen, die Höfe aller aufgeklärten Fürsten - und welcher Fürst wollte damals nicht aufgeklärt sein - besuchten, die sich niederließen, wo immer sie eine günstige Stelle fanden, eine "vaterlandslose", adlig-bürgerliche Internationale der Aufklärung. Diese Internationale fiel auf die Knie vor der Semiramis des Nordens, der ebenfalls vaterlandslosen Sophie Auguste von Anhalt-Zerbst, genannt Jekaterina II. von Rußland, und diese Internationale war es, aus deren Reihen dieselbe Katharina die Elemente zog zu ihrem Jesuitenorden der russischen Diplomatie.

|21| Karl Kautsky hat in seiner Schrift über Thomas Morus nachgewiesen, wie die erste Form der bürgerlichen Aufklärung, der "Humanismus" des 15. und 16. Jahrhunderts, in weiterer Entwicklung auslief in das katholische Jesuitentum. Ganz so sehn wir hier ihre zweite, vollreife Form im 18. Jahrhundert auslaufen in das moderne Jesuitentum, in die russische Diplomatie. Dieser Umschlag in das Gegenteil, dies schließliche Anlanden bei einem dem Ausgangspunkt polarisch entgegengesetzten Punkt ist das naturnotwendige Schicksal aller geschichtlichen Bewegungen, die über ihre Ursachen und Daseinsbedingungen im unklaren und daher auch auf bloß illusorische Ziele gerichtet sind. Sie werden von der " Ironie der Geschichte" unerbittlich korrigiert.

Sehen wir nun, wie dieser Jesuitenorden arbeitet, wie er die unaufhörlich wechselnden Ziele der konkurrierenden Großmächte als Mittel benutzt zur Erreichung seines einen, nie wechselnden, nie aus den Augen verlernen Ziels: der Weltherrschaft Rußlands.

II

|22| Nie war die Weltlage zarischen Eroberungsplänen günstiger als 1762, da die große Hure Katharina II. nach Ermordung ihres Gemahls den Thron bestieg. Ganz Europa war durch den Siebenjährigen Krieg in zwei Lager gespalten. England hatte die französische Macht zur See, in Amerika, in Indien gebrochen und ließ nun seinen kontinentalen Bundesgenossen Friedrich II. von Preußen im Stich. Dieser stand 1762 am Rand des Untergangs, als Peter III. von Rußland auf den Thron kam und vom Krieg gegen Preußen zurücktrat; von seinem letzten und einzigen Bundesgenossen, England, verlassen, mit Österreich und Frankreich auf die Dauer verfeindet, durch siebenjährigen Kampf um die Existenz erschöpft, blieb ihm keine andere Wahl, als sich der neugekrönten Zarin zu Füßen zu werfen. Dadurch erhielt er nicht nur mächtigen Schutz, sondern Anwartschaft auf das Stück Polen, das Ostpreußen vom Körper seiner Monarchie getrennt hielt und das zu erobern jetzt sein Lebensziel war. Am 31. März (11. April) 1764 schlossen Katharina und Friedrich zu Petersburg ein Bündnis, dessen geheimer Artikel beide verpflichtete, die bestehende polnische Verfassung, dies beste Mittel zum Ruin Polens, mit Waffengewalt gegen jeden Reformversuch aufrechtzuhalten. Damit war die künftige Teilung Polens beschlossen. Ein Stück Polen war der Knochen, den die Zarin Preußen zuwarf, damit es sich für ein Jahrhundert ruhig an die russische Kette legen ließ.

Ich gehe nicht ein auf die Einzelheiten der ersten Teilung Polens. Aber bezeichnend ist, daß sie durchgeführt wurde - gegen den Willen der altmodischen Maria Theresia - wesentlich von den drei großen Säulen der europäischen Aufklärung: Katharina, Friedrich und Joseph. Die beiden letzteren, stolz auf die erleuchtete Staatsweisheit, mit der sie den Aberglauben an ein hergebrachtes Völkerrecht mit Füßen traten, waren dabei |23| dumm genug, nicht zu sehn, wie sie sich durch ihre Teilnahme am polnischen Raub mit Leib und Seele dem russischen Zarentum verschrieben.

Nichts konnte für Katharina günstiger sein als diese aufgeklärten fürstlichen Nachbarn. Aufklärung {4}, das war im achtzehnten Jahrhundert die Parole des Zarismus in Europa, wie Völkerbefreiung im neunzehnten. Kein Länderraub, keine Gewalttat, kerne Unterdrückung von seiten des Zarentums, die nicht vollbracht worden unter dem Vorwand der Aufklärung {5}, des Liberalismus, der Völkerbefreiung. Und die kindischen westeuropäischen Liberalen glaubten es bis herab auf Gladstone {6}, während die ebenso albernen Konservativen ebenso felsenfest glauben an die Phrasen von Schutz der Legitimität, von Erhaltung der Ordnung, der Religion, des europäischen Gleichgewichts und von Heiligkeit der Verträge, die das offizielle Rußland gleichzeitig im Munde führt. Die russische Diplomatie hat es fertiggebracht, beide große bürgerlichen Parteien Europas einzuseifen. Ihr und nur ihr erlaubt man, legitimistisch und revolutionär, konservativ und liberal, orthodox und aufgeklärt in einem Atem zu sein. Man begreift die Verachtung, womit ein solcher russischer Diplomat auf den "gebildeten" Westen herabsieht.

Nach Polen kam Deutschland an die Reihe. Österreich und Preußen gerieten einander in die Haare im Bayrischen Erbfolgekrieg 1778, wiederum zu niemandes Nutzen als Katharinas. Rußland war zu groß geworden, um noch wie Peter {7} auf deutsche Reichsstandschaft zu spekulieren; es strebte jetzt nach der Stellung, die es bereits in Polen hatte und die Frankreich im Deutschen Reich besaß: der eines Garanten der deutschen Unordnung gegen jeden Reformversuch. Und diese Stellung erhielt es. Im Frieden von Teschen 1779 übernahm Rußland, neben Frankreich, die Garantie dieses Friedensvertrags und aller früheren, darin bestätigten Friedensverträge, namentlich des Westfälischen von 1648. Die Ohnmacht Deutschlands war damit besiegelt, Deutschland zum künftigen Teilungsobjekt zwischen Frankreich und Rußland erklärt.

Die Türkei wurde nicht vergessen. Die russischen Kriege gegen die Türken fallen immer in die Zeiten, wo Rußland an der Westgrenze Frieden hat und Europa womöglich anderweitig beschäftigt ist. Katharina führte zwei solche Kriege. Der erste brachte Eroberungen am Asowschen Meer und die Unabhängigkeit der Krim, die vier Jahre nachher in eine russische |24| Provinz verwandelt wurde. Der zweite schob die Grenze Rußlands vom Bug bis an den Dnestr vor. In beiden Kriegen hatten russische Agenten die Griechen zum Aufstand gegen die Türken gehetzt. Natürlich wurden die Aufständischen von der russischen Regierung schließlich im Stich gelassen.

Während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs formulierte Katharina zuerst für sich und ihre Bundesgenossen der {8} "bewaffneten Neutralität" (1780) jene Forderungen zur Beschränkung der von England für seine Kriegsschiffe auf hoher See beanspruchten Rechte, die seitdem ein stetiges Ziel der russischen Politik blieben und der Hauptsache nach im Pariser Frieden 1856 von Europa und England selbst anerkannt wurden. Nur die Vereinigten Staaten von Amerika wollen bis heute nichts davon wissen.

Der Ausbruch der französischen Revolution war ein neuer Glücksfall für Katharina. Weit entfernt, sich vor der Ausbreitung der revolutionären Ideen nach Rußland zu fürchten, sah sie darin nur eine neue Gelegenheit, die europäischen Staaten untereinander zu verfeinden, damit Rußland freie Hand bekomme. Nach dem Tod ihrer beiden aufgeklärten Freunde und Nachbarn hatten Friedrich Wilhelm II. in Preußen, Leopold in Österreich eine unabhängige Politik versucht. Die Revolution bot Katharina die beste Gelegenheit, beide unter dem Vorwand der Bekämpfung des republikanischen Frankreich wieder an Rußland zu ketten und gleichzeitig, während jene an der französischen Grenze beschäftigt, in Polen neue Erwerbungen zu machen. Beide, Österreich und Preußen, gingen in die Falle. Und wenn auch Preußen - das 1787 bis 1791 den Bundesgenossen Polens gegen Katharina gespielt hatte - sich noch rechtzeitig besann und diesmal einen größeren Anteil am polnischen Raub in Anspruch nahm und Österreich ebenfalls mit einem Stück Polen abgefunden werden mußte, so konnte Katharina doch wieder bei weitem den größten Teil der Beute einheimsen; fast ganz Weißrußland und Kleinrußland war nun mit Großrußland vereinigt.

Aber diesmal hat die Medaille eine Kehrseite. Indem der Raub an Polen die Kräfte der Koalition 1792-1794 ebenfalls in Anspruch nahm, schwächte er ihre Angriffskraft gegen Frankreich, bis dieses stark genug war, allein den Sieg zu erfechten. Polen fiel, aber sein Widerstand hatte die französische Revolution gerettet, und mit der französischen Revolution begann eine Bewegung, wogegen auch das Zarentum ohnmächtig ist. Und das werden wir im Westen den Polen nie vergessen. Es ist übrigens, wie wir sehen werden, |25| nicht das einzige Mal, daß die Polen die europäische Revolution gerettet haben.

In Katharinas Politik finden wir bereits alle wesentlichen Züge der heutigen russischen Politik scharf gezeichnet: Einverleibung Polens, wenn man auch zunächst noch den Nachbarn einen Teil der Beute überlassen mußte; Verwandlung Deutschlands in das nächstfolgende Teilungsobjekt; Konstantinopel das große, nie zu vergessende, langsam zu erringende Hauptziel; Eroberung Finnlands zur Deckung von Petersburg und Entschädigung Schwedens durch Norwegen, das Katharina zu Fredenkshamn dem König Gustav III. anbot; Schwächung der britischen Übermacht zur See durch völkerrechtliche Einschränkungen; Erregung von Aufständen der christlichen Raja in der Türkei; endlich die glückliche Vereinigung liberaler und legitimistischer Phrasen, womit je nach Bedarf der an Phrasen glaubende westeuropäische "gebildete" Philister, die sogenannte öffentliche Meinung, zum Narren gehalten wird.

Bei Katharinas Tod besaß Rußland schon mehr, als selbst der übertriebenste nationale Chauvinismus verlangen konnte. Alles, was russischen Namen führte - bis auf die wenigen österreichischen Kleinrussen -, stand unter dem Zepter ihres Nachfolgers, der sich nun mit vollem Recht Selbstherrscher aller Reußen nennen konnte. Nicht nur der Zugang zum Meer war erkämpft; an der Ostsee wie am Schwarzen Meer besaß Rußland ein breites Litoral und zahlreiche Häfen. Nicht nur Finnen, Tataren und Mongolen, auch Litauer, Schweden, Polen und Deutsche standen unter russischer Herrschaft. Was verlangt ihr mehr? Für jede andere Nation war das ein Abschluß. Für die zarische Diplomatie - die Nation wurde nicht gefragt - war das nur eine Grundlegung, um jetzt erst recht anzufangen.

Die französische Revolution hatte sich ausgetobt und sich selbst einen Herrscher, einen Napoleon erzeugt. Sie hatte also scheinbar der überlegnen Weisheit der russischen Diplomatie recht gegeben, die sich nicht durch die riesenhafte Volkserhebung hatte einschüchtern lassen. Jetzt bot das Emporkommen Napoleons ihr Gelegenheit zu neuen Erfolgen: Deutschland reifte dem Geschick Polens entgegen. Aber Katharinas Nachfolger, Paul, war störrisch, launenhaft, unberechenbar; er durchkreuzte die Aktion der Diplomaten jeden Augenblick; er wurde unerträglich, er mußte entfernt werden. Das auszuführen, dazu fanden sich leicht die nötigen Gardeoffiziere; der Thronfolger Alexander war im Komplott und deckte es; Paul wurde erdrosselt, und alsbald begann eine neue Kampagne zum größeren Ruhm des neuen Zaren, der durch die Art seiner Thronbesteigung der diplomatischen Jesuitenbande lebenslänglicher Knecht geworden war.

|26| Diese überließ es Napoleon, das Deutsche Reich vollends zu zertrümmern und die herrschende Zerrüttung auf die Spitze zu treiben. Als es aber zur Abrechnung kam, da trat Rußland wieder hervor. Der Friede von Lunéville (1801) hatte Frankreich das ganze deutsche linke Rheinufer zugesprochen, mit der Bestimmung, daß die hierdurch depossedierten deutschen Fürsten auf dem rechten Rheinufer aus Besitzungen geistlicher Reichsstände, Bischöfe, Äbte etc. entschädigt werden sollten. Jetzt pochte Rußland auf seine in Teschen 1779 erworbene Garantie: bei der Verteilung der Entschädigungen habe es und Frankreich, die beiden Garanten der deutschen Reichszerrüttung, ein gewichtiges Wort mitzusprechen. Und die Uneinigkeit, Habgier und gewohnheitsmäßige Reichsverräterei der deutschen Fürsten sorgten dafür, daß dies Wort Rußlands und Frankreichs das entscheidende wurde. So kam es, daß Rußland und Frankreich einen Plan entwarfen zur Verteilung der geistlichen Territorien unter die Depossedierten und daß dieser vom Ausland im Interesse des Auslands entworfene Plan in allen Hauptstücken zum deutschen Reichsgesetz (Reichsdeputationshauptschluß 1803) erhoben wurde.

Der deutsche Reichsverband war tatsächlich aufgelöst, Österreich und Preußen agierten als selbständige europäische Staaten und betrachteten, ganz wie Rußland und Frankreich, die kleineren Reichsstände als bloßes Eroberungsgebiet. Was sollte nun aus diesen Kleinstaaten werden? Preußen war noch zu klein und zu jung, um die Oberherrschaft über sie zu beanspruchen, und Österreich hatte soeben die letzte Spur dieser Oberherrschaft eingebüßt. Aber Rußland und Frankreich beanspruchten beide die Erbschaft des deutschen Kaisertums. Frankreich hatte das alte Reich mit Waffengewalt gesprengt, es drückte auf die Kleinstaaten mit seiner unmittelbaren Nachbarschaft den ganzen Rhein entlang; der Siegesruhm Napoleons und der französischen Armeen tat den Rest, ihm die kleinen deutschen Fürsten zu Füßen zu werfen. Und Rußland? Jetzt, wo es das Ziel fast mit der Hand erreichen konnte, wonach es seit hundert Jahren gestrebt, jetzt, wo Deutschland in voller Auflösung, auf den Tod ermattet, hilflos und ratlos dalag, gerade jetzt sollte Rußland sich die Beute von dem korsischen Emporkömmling vor der Nase wegreißen lassen?

Die russische Diplomatie eröffnete sofort einen Feldzug zur Erkämpfung der Suprematie über die deutschen Kleinstaaten. Daß dies nicht ohne einen Sieg über Napoleon möglich, war selbstredend. Es galt also die deutschen Fürsten und die sogenannte öffentliche Meinung Deutschlands, soweit damals davon die Rede sein konnte, zu gewinnen. Die Fürsten wurden diplomatisch, das Philisterium wurde literarisch bearbeitet. Während russi- |27| sche Schmeicheleien, Drohungen, Lügen und Bestechungsgelder an den Höfen verschwenderisch ausgeteilt wurden, überschwemmte man das Publikum mit geheimnisvollen Flugschriften, worin Rußland als die einzige Macht angepriesen wurde, die Deutschland retten und unter wirksamen Schutz nehmen könne und die hiezu das Recht und die Pflicht habe kraft des Teschener Vertrags von 1779. Und als der Krieg von 1805 ausbrach, mußte es jedem klar sein, der die Augen einigermaßen offenhielt, daß es sich nur darum handelte, ob die Kleinstaaten einen französischen Rheinbund bilden sollten oder einen russischen.

Das Schicksal schützte Deutschland. Die Russen und Österreicher wurden bei Austerlitz geschlagen, und der neue Rheinbund war immerhin kein Vorposten des Zarentums. Das französische Joch war wenigstens ein modernes, das die deutschen Fürsten zwang, mit den schmählichsten Anachronismen ihrer bisherigen Daseinsweise aufzuräumen.

Nach Austerlitz kam das preußisch-russische Bündnis, Jena, Eylau, Friedland und der Tilsiter Friede 1807. Hier zeigte sich wieder, welch ungeheuren Vorteil Rußland von seiner strategisch sichern Lage hat. In zwei Feldzügen geschlagen, erwarb es neues Gebiet auf Kosten des bisherigen Bundesgenossen und die Allianz mit Napoleon zur Teilung der Welt: für Napoleon den Westen, für Alexander den Osten!

Die erste Frucht dieser Allianz war die Eroberung Finnlands. Ohne irgendwelche Kriegserklärung, aber mit Zustimmung Napoleons, rückten die Russen ein; Unfähigkeit, Uneinigkeit und Käuflichkeit der schwedischen Generale sicherten einen leichten Sieg; die kühne Überschreitung der gefrorenen Ostsee durch russische Abteilungen erzwang einen gewaltsamen Thronwechsel in Stockholm und die Abtretung Finnlands an Rußland. Als aber drei Jahre später der Bruch Alexanders mit Napoleon herannahte, ließ der Zar den zum Kronprinzen von Schweden gewählten Marschall Bernadotte nach Abo kommen und versprach ihm Norwegen, wenn er dem Bündnis Englands und Rußlands gegen Napoleon beitrete. So kam es, daß 1814 der Plan Katharinas: Finnland mir, Norwegen dir, erfüllt wurde.

Finnland war aber nur das Vorspiel. Worum es sich für Alexander handelte, das war, wie immer, Zaregrad. In Tilsit und Erfurt war ihm die Moldau und Walachei von Napoleon fest zugesagt und auf eine Teilung der Türkei Aussicht gemacht worden, wovon jedoch Konstantinopel ausgeschlossen sein sollte. Seit 1806 lag Rußland im Krieg mit der Türkei;

diesmal waren nicht nur die Griechen, sondern auch die Serben aufgestanden. Aber was von den Polen nur ironisch, das galt von den Türken in |28| Wahrheit: die Unordnung erhielt sie. Der unverwüstliche gemeine Soldat, der Sohn des unverwüstlichen türkischen Bauern, fand eben durch diese Unordnung Gelegenheit, das wieder gutzumachen, was die korrumpierten Paschas verdarben. Die Türken konnten geschlagen, aber nicht niedergeworfen werden, und die russische Armee rückte nur langsam vor auf dem Weg nach Zaregrad.

Der Preis aber für diese "freie Hand" im Osten war der Beitritt zu Napoleons Kontinentalsystem, der Abbruch alles Handels mit England. Und das hieß für das damalige Rußland kommerzieller Ruin. Das war die Zeit, wo Eugen Onegin (bei Puschkin) aus Adam Smith lernte, wie ein Staat reich wird und wie er kein Geld braucht, wenn er nur Überfluß an Produkten hat; während auf der ändern Seite sein Vater das nicht begreifen konnte und ein Landgut nach dem andern verhypothekieren mußte.

Rußland konnte Geld nur erhalten durch Seehandel und Ausfuhr seiner Rohprodukte nach dem damaligen Hauptmarkt England, und Rußland war bereits viel zu sehr verwestlicht, um ohne Geld leben zu können. Die Handelssperre wurde unerträglich. Die Ökonomie war mächtiger als die Diplomatie und der Zar zusammen; der Verkehr mit England wurde im stillen wieder aufgenommen; die Abmachungen von Tilsit wurden gebrochen, und der Krieg brach aus 1812.

Napoleon mit den vereinigten Armeen des ganzen Westens überschritt die russische Grenze. Die Polen, die den Fall beurteilen konnten, rieten ihm, an der Dwina und [am] Dnepr haltzumachen, Polen zu reorganisieren und dort den Angriff der Russen zu erwarten. Ein Feldherr vom Schlage Napoleons mußte einsehn, daß dies der richtige Plan war. Aber Napoleon, auf der schwindelnden Höhe und mit der unsichern Basis, worauf er stand, konnte keine langsamen Feldzüge mehr schlagen. Rasche Erfolge, blendende Siege, im Sturm eroberte Friedensschlüsse waren ihm unentbehrlich. Er schlug den polnischen Rat in den Wind, ging nach Moskau und brachte eben dadurch die Russen nach Paris.

Die Vernichtung der großen napoleonischen Armee auf dem Rückzug von Moskau gab das Signal zum allgemeinen Aufstand gegen die französische Oberherrschaft im Westen. In Preußen stand das ganze Volk auf und zwang den feigen Friedrich Wilhelm III. zum Krieg gegen Napoleon. Sobald Österreich mit seinen Rüstungen fertig, schloß es sich den Russen und Preußen an. Nach der Schlacht von Leipzig fiel der Rheinbund von Napoleon ab, und kaum achtzehn Monate nach Napoleons Einzug in Moskau zog Alexander ein in Paris, der Herr und Gebieter Europas.

|29| Die Türkei, von Frankreich verraten, hatte 1812 zu Bukarest Frieden geschlossen und den Russen Bessarabien geopfert. Der Wiener Kongreß brachte Rußland das Königreich Polen, so daß jetzt fast neun Zehntel des ehemals polnischen Gebiets mit Rußland vereinigt waren. Mehr aber als das alles galt die europäische Stellung, die der Zar jetzt einnahm. Auf dem europäischen Kontinent hatte er keinen Nebenbuhler mehr. Österreich und Preußen waren in seinem Schlepptau. Die französische Bourbonendynastie war durch ihn wieder eingesetzt und daher ebenfalls ihm gehorsam. Schweden hatte durch ihn Norwegen erhalten als Pfand einer zarenfreundlichen Politik; selbst die spanische Dynastie verdankte ihre Zurückführung weit mehr den Siegen der Russen, Preußen und Österreicher als denen Wellingtons, die doch nie imstande waren, das französische Kaiserreich zu stürzen.

Nie vorher hatte Rußland eine so gewaltige Stellung eingenommen. Aber es hatte auch einen weitern Schritt getan über seine natürlichen Grenzen hinaus. Wenn der russische Chauvinismus für die Eroberungen Katharinas noch einige - ich will nicht sagen Rechtfertigung - aber Entschuldigungsvorwände hatte, so ist davon bei den Eroberungen Alexanders gar nicht mehr die Rede. Finnland ist finnisch und schwedisch, Bessarabien rumänisch, Kongreßpolen polnisch. Hier ist nicht mehr die Frage von Vereinigung zerstreuter und verwandter Stämme, die alle den Namen Russen führen, hier handelt es sich um die nackte, gewaltsame Eroberung fremder Gebiete, um einfachen Raub.

III

|30| Der Sieg über Napoleon war der Sieg der europäischen Monarchien über die französische Revolution, deren letzte Phase das napoleonische Kaiserreich gewesen; dieser Sieg wurde gefeiert durch die Herstellung der "Legitimität". Aber während Talleyrand glaubte, durch diese von ihm erfundene Phrase den Zar Alexander zu ködern, war es vielmehr die russische Diplomatie, die mit dieser Phrase ganz Europa an der Nase herumführte. Unter dem Vorwand, die Legitimität zu schützen, stiftete sie die "Heilige Allianz", diese Erweiterung des russisch-österreichisch-preußischen Bündnisses zu einer Verschwörung aller europäischen Fürsten gegen ihre Völker unter russischem Präsidium. Die andern Fürsten glaubten daran; was der Zar und seine Diplomatie davon hielten, werden wir gleich sehn.

Für diese handelte es sich nun darum, die errungene Hegemonie über Europa auszunützen zu einem Schritt näher nach Zaregrad. Hierzu konnte sie drei Hebel ansetzen: die Rumänen, die Serben, die Griechen. Die Griechen waren das brauchbarste Element. Sie waren ein Handelsvolk, und die Kaufleute litten am meisten von den Bedrückungen türkischer Paschas. Der christliche Bauer unter türkischer Herrschaft befand sich materiell wohler als irgendwo anders. Er hatte seine vortürkischen Institutionen, seine vollständige Selbstregierung bewahrt; solang er seine Steuern zahlte, kümmerte sich der Türke in der Regel nicht um ihn; nur selten war er Vergewaltigungen ausgesetzt, wie der westeuropäische Bauer sie im Mittelalter vom Adel zu erdulden hatte. Es war eine unwürdige, nur geduldete, aber keine materiell gedrückte Existenz, die dem damaligen Kulturzustand jener Völker nicht unangemessen war, und es dauerte daher lange, bis der slawische Raja entdeckte, daß diese Existenz unerträglich sei. Dagegen war der Handel der Griechen, seitdem die türkische Herrschaft sie von der erdrückenden Konkurrenz der Venetianer und Genuesen befreit, rasch emporgeblüht und bereits so bedeutend geworden, daß er nunmehr auch die |31| türkische Herrschaft nicht mehr vertragen konnte. In der Tat ist die türkische wie alle orientalische Herrschaft unverträglich mit kapitalistischer Gesellschaft; der ergatterte Mehrwert ist nicht sicher vor den Händen raubgieriger Satrapen und Paschas; es fehlt die erste Grundbedingung bürgerlichen Erwerbs {9}: Sicherheit der kaufmännischen Person und ihres Eigentums. Kein Wunder daher, daß die Griechen, nachdem sie seit 1774 schon zwei Aufstandsversuche gemacht, jetzt sich noch einmal erhoben.

Der griechische Aufstand bot also die Handhabe; damit aber die zarische Diplomatie hier kräftig drücken könne, mußte der Westen verhindert werden, sich einzumischen; er mußte also bei sich zu Hause beschäftigt werden. Dafür hatte die Phrase von der Legitimität glänzend vorgearbeitet. Die legitimen Herrscher hatten sich überall gründlich verhaßt gemacht. Die Versuche, die vorrevolutionären Zustände wiederherzustellen, brachten im ganzen Westen das Bürgertum in Aufregung; in Frankreich und Deutschland gärte es, in Spanien und Italien brach offner Aufstand los. Die zarische Diplomatie hatte in allen diesen Verschwörungen und Aufständen ihr Händchen im Spiel; nicht, daß sie sie gemacht oder auch nur wesentlich zu deren momentanen Erfolgen beigetragen hätte. Aber was sie durch ihre offiziösen Agenten tun konnte, um ihren legitimen Alliierten im eigenen Hause Unfrieden zu stiften {10}, das tat sie. Direkt aber protegierte sie die rebellischen Elemente des Westens, sobald diese unter der Maske der Griechenfreundhchkeit auftraten, und wer anders waren die Philhellenen, die Gelder sammelten, Freiwillige und ganze bewaffnete Hilfskorps nach Griechenland schickten - wer anders als eben die Karbonari und andre Liberale des Westens?

Alles das verhinderte den aufgeklärten Zar Alexander nicht, auf den Kongressen von Aachen, Troppau, Laibach, Verona seine legitimen Kollegen zu den energischsten Schritten gegen ihre rebellischen Untertanen aufzufordern und zur Unterwerfung der Revolution die Österreicher 1821 nach Italien und die Franzosen 1823 nach Spanien zu schicken, ja selbst den Aufstand der Griechen anscheinend zu verdammen, während er gleichzeitig denselben Aufstand schürte und die Philhellenen des Westens zu verdoppelter Tätigkeit aufmuntern ließ. Wiederum wurde das dumme Europa in unglaublicher Weise zum Narren gehalten; den Fürsten und Reaktionären |32| predigte das Zarentum Legitimität {11}, dem liberalen Philistertum Völkerbefreiung {12} und Aufklärung, und beide glaubten ihm.

In Verona wurde der französische Minister, der Romantiker Chateaubriand, vom Zaren vollständig eingefangen. Dieser machte den Franzosen Aussicht auf das linke Rheinufer, wenn sie hübsch artig mit Rußland gingen. Mit dieser Hoffnung, die später, unter Karl X., durch bindende Zusagen bekräftigt wurde, gängelte die russische Diplomatie Frankreich und beherrschte, mit wenigen Unterbrechungen, die französische Orientpolitik bis 1830.

Trotz alledem machte die menschenfreundliche Politik des Zaren, die unter dem Vorwand der Befreiung der christlichen Griechen vom muhamedanischen Druck sich selbst an den Platz der Muhamedaner zu setzen strebte, nicht die gewünschten Fortschritte.{13} Denn, wie der russische Gesandte in London, Fürst Lieven, sagt (Depesche vom 18./30. Oktober 1825):

"Ganz Europa schaut mit Entsetzen auf diesen russischen Koloß, dessen Riesenkraft nur auf ein Zeichen wartet, um sich gegen es in Bewegung zu setzen. Sein Interesse ist daher, die türkische Macht, diesen natürlichen Feind unsres Reiches, zu schützen."

Der Krieg in Griechenland dauerte mit wechselndem Erfolg fort, während alle Versuche Rußlands mißlangen, mit hoher europäischer Bewilligung in die Donauprovinzen einzuziehn und dadurch die Türken zur Kapitulation zu bringen. Da kam 1825 den Türken ägyptische Hilfe; die Griechen wurden überall geschlagen, der Aufstand fast erdrückt. Die russische Politik stand vor einer Niederlage oder aber einem kühnen Entschluß.

Der Kanzler Nesselrode zog den Rat seiner Gesandten ein. Pozzo di Borgo in Paris (Depesche vom 4./16. Oktober 1825) und Lieven in London (Depesche vom 18./30. Oktober 1825) sprachen sich unbedingt für kühnes Vorgehn aus: man müsse die Donauprovinzen sofort und ohne Rücksicht auf Europa besetzen, selbst auf die Gefahr eines europäischen Kriegs hin. Das war offenbar die allgemeine Ansicht der russischen Diplomatie. Aber Alexander war schlaff, launig, blasiert, mystisch-romantisch, er hatte vom Grec du Bas Empire {14} (wie Napoleon ihn nannte) nicht nur die Schlauheit und Falschheit, sondern auch den Wankelmut und die Energielosigkeit. Er fing an, die Legitimität ernst zu nehmen, und die griechischen Rebellen bekam er damit satt. Untätig und damals, vor den Eisenbahnen, fast |33| unerreichbar, reiste er im Süden bei Taganrog herum. Plötzlich kam die Nachricht, er sei gestorben. Man munkelte von Gift. Hatte die Diplomatie den Sohn beseitigt, wie einst den Vater? Jedenfalls konnte er zu keiner für sie gelegneren Stunde sterben.

Mit Nikolaus kam ein Zar auf den Thron, wie die Diplomatie sich keinen bessern wünschen konnte, eine mittelmäßige Unterlieutenantsnatur {15}, der der Schein der Herrschaft über alles ging und die daher mit diesem Schein zu allem zu bringen war. Jetzt wurde entschiedner vorgegangen und der Krieg gegen die Türken zustande gebracht, ohne daß Europa sich einmischte. Man hatte England durch liberale Phrasen und Frankreich durch die erwähnten Versprechungen dahin gebracht, daß ihre Flotten, mit der russischen vereinigt, am 20. Oktober 1827 die türkisch-ägyptische Flotte bei Navarino mitten im Frieden angriffen und zerstörten. Und wenn England auch bald einlenkte, so blieb doch das bourbonische Frankreich treu. Während der Zar den Türken den Krieg erklärte und seine Truppen am 6. Mai 1828 den Pruth überschritten, bereiteten sich 15.000 Mann französischer Truppen zur Einschiffung nach Griechenland [vor], wo sie im August und September landeten. Dies war Warnung genug für Österreich, dem russischen Vormarsch auf Konstantinopel nicht in die Flanke zu fallen:

ein Krieg mit Frankreich wäre die Folge gewesen, das russisch-französische Bündnis zur Eroberung Konstantinopels für den einen, des linken Rheinufers für den andern trat dann in Kraft.

Diebitsch {16} drang also bis Adrianopel vor, war aber dort in einer solchen Lage, daß er in aller Eile über den Balkan zurück mußte, wenn die Türken nur noch vierzehn Tage aushielten. Er hatte nur 20.000 Mann, davon ein Viertel pestkrank. Da vermittelte die preußische Gesandtschaft in Konstantinopel durch erlogene Berichte über den drohenden, in Wirklichkeit total unmöglichen russischen Vormarsch den Frieden und rettete den russischen Feldherrn, in Moltkes Worten,

"aus einer Lage, welche vielleicht nur wenige Tage verlängert werden durfte, um ihn von der Höhe des Siegs in den Abgrund des Verderbens zu stürzen" (Moltke, "Der russisch-türkische Feldzug", S.390).

Jedenfalls brachte der Friede dem russischen Reich die Donaumündungen, ein Stück Gebiets in Asien und stets neue Vorwände zur Einmischung in die Angelegenheiten der Donauprovinzen. Diese werden von nun an |34| bis zum Krimkrieg die karczma zajezdna für die russischen Truppen, von denen sie während dieser Periode nur selten frei waren.

Ehe diese Vorteile weiter ausgenutzt werden konnten, brach die Julirevolution aus. Jetzt wurden die liberalen Phrasen der russischen Agenten für einige Zeit in die Tasche gesteckt; es galt nur noch die "Legitimität" zu schützen. Ein Feldzug der Heiligen Allianz gegen Frankreich wurde vorbereitet - da brach der polnische Aufstand los, hielt Rußland für ein Jahr im Schach; und so rettete Polen zum zweitenmal die europäische Revolution durch eigene Aufopferung.

Ich übergehe die russisch-türkischen Verhältnisse der Epoche 1830 bis 1848. Sie waren wichtig dadurch, daß Rußland zum erstenmal als Schützer der Türkei gegen ihren rebellischen Vasallen Mechmed All von Ägypten auftreten, 30 000 Mann zum Schutz von Konstantinopel an den Bosporus schicken und die Türkei durch den Vertrag von Hunkiar-Iskelessi auf eine Reihe von Jahren faktisch unter russische Herrschaft stellen konnte; daß es ihm ferner gelang, 1840 eine drohende europäische Koalition gegen Rußland durch Palmerstons Verrat über Nacht in eine Koalition gegen Frankreich zu verwandeln und dadurch, daß es die Donauprovinzen durch fortgesetzte Okkupation und Ausbeutung der {17} Bauern, wie durch Köderung der Bojaren vermittelst des Règlement organique (s. Marx, "Kapital", Bd. I, Kap. 8){18} zur Annexion vorbereiten konnte. In der Hauptsache aber war diese Periode der Eroberung und Russifizierung des Kaukasus gewidmet, die nach zwanzigjährigen Kämpfen endlich gelang.

Ein schwerer Unfall indes traf die zarische Diplomatie: Als der Großfürst Konstantin am 29. November 1830 aus Warschau vor den polnischen Insurgenten flüchten mußte, fiel diesen sein ganzes diplomatisches Archiv in die Hände, Originaldepeschen des auswärtigen Ministers |Nesselrode| und amtliche Abschriften aller wichtigen Depeschen der Gesandten. Das ganze Getriebe der russischen Diplomatie von 1825-1830 war bloßgelegt.{19} Die polnische Regierung sandte diese Depeschen durch den Grafen Zamoyski nach England und Frankreich, und auf Antrieb Wilhelms IV. von England wurden sie 1835 im "Portfolio" durch David Urquhart veröffentlicht. Dies "Port- |35| folio" ist noch immer eine der Hauptquellen, und jedenfalls die unbestreitbarste, für die Geschichte der Intrigen, wodurch das Zarentum die Nationen des Westens gegeneinander zu verhetzen sucht, um sie infolge dieser Spaltungen alle zu beherrschen.

Die russische Diplomatie hatte nun schon so viel westeuropäische Revolutionen nicht nur ohne Schaden, sondern mit direktem Profit überstanden, daß sie den Ausbruch der Februarrevolution von 1848 als ein überaus günstiges Ereignis zu begrüßen imstande war. Daß die Revolution sich nach Wien ausdehnte und dadurch nicht nur den Hauptgegner Rußlands, Metternich, beseitigte, sondern auch die österreichischen Slawen - diese voraussichtlichen Bundesgenossen des Zarentums - aus ihrem Schlummer aufrüttelte; daß sie Berlin ergriff und dadurch den alles wollenden und nichts könnenden Friedrich Wilhelm IV. von seinen Unabhängigkeitsgelüsten gegenüber Rußland kurierte - was konnte willkommner sein? Rußland war vor aller Ansteckung sicher, und Polen war so stark besetzt, daß es sich nicht rühren konnte. Und als nun gar die Revolution sich bis in die Donauprovinzen ausdehnte, da hatte die russische Diplomatie, was sie wollte: Vorwand zu neuem Einmarsch in die Moldau und Walachei, um die Ordnung wiederherzustellen und die russische Herrschaft hier mehr und mehr zu befestigen.

Damit nicht genug. Österreich, der zäheste, hartnäckigste Gegner Rußlands an den Grenzen der Balkanhalbinsel, war durch den ungarischen und Wiener Aufstand an den Rand des Untergangs gebracht. Der Sieg der Ungarn war aber gleichbedeutend mit dem erneuerten Ausbruch der europäischen Revolution, und die zahlreichen Polen im ungarischen Heer bürgten dafür, daß diese Revolution nicht wieder an der polnischen Grenze haltmachte. Da spielte Nikolaus den Großmütigen. Er ließ seine Armeen in Ungarn einbrechen, erdrückte die ungarischen Heere mit Übermacht und besiegelte damit die Niederlage der europäischen Revolution. Und als Preußen noch immer Versuche machte, die Revolution zu einer Zerreißung des Deutschen Bundes und einer Unterordnung wenigstens der norddeutschen Kleinstaaten unter preußischer Hegemonie auszunutzen, zitierte Nikolaus Preußen und Österreich vor seinen Richterstuhl zu Warschau und entschied zugunsten Österreichs. Preußen wurde zum Dank für seine langjährige Unterwerfung unter Rußland schmählich gedemütigt, weil es einen Augenblick schwache Widerstandsgelüste gezeigt. Die schleswig-holsteinische Frage entschied Nikolaus ebenfalls gegen Deutschland und setzte den Glücksburger Christian, nachdem er sich von seiner Brauchbarkeit für zarische Zwecke überzeugt, zum Thronerben von Dänemark ein. |36| Nicht nur Ungarn, ganz Europa lag zu den Füßen des Zaren, und zwar direkt infolge der Revolution. Hatte die russische Diplomatie nicht recht, wenn sie im stillen für Revolutionen im Westen begeistert war?

Aber die Februarrevolution war dennoch die erste Totenglocke des Zarentums. Die kleine Seele des beschränkten Nikolaus konnte das unverdiente Glück nicht vertragen; er hatte es zu eilig mit dem Vorgehn gegen Konstantinopel; der Krimkrieg brach aus; England und Frankreich kamen der Türkei zu Hilfe, Österreich brannte vor Begierde, d'étonner le monde par la grandeur de son ingratitude |die Welt durch die Größe seiner Undankbarkeit in Erstaunen zu versetzen|. Denn Österreich wußte, daß als Dank für die ungarische Kriegshilfe und für das Warschauer Urteil erwartet werde seine Neutralität oder gar Beihilfe zu russischen Eroberungen an der Donau, die gleichbedeutend waren mit Österreichs Umklammerung durch Rußland von Krakau bis Orsova und Semlin. Und diesmal hatte Österreich, was sonst fast nie vorkam, den Mut seiner Meinung.

Der Krimkrieg war eine einzige kolossale Komödie der Irrungen, wo man sich jeden Augenblick fragt: Wer ist hier der Geprellte? Aber diese Komödie kostete ungezählte Schätze und über eine Million Menschenleben. Kaum waren die ersten alliierten Truppen in Bulgarien gelandet, da rückten die Österreicher in die Donauprovinzen ein, und die Russen zogen sich über den Pruth zurück. Damit hatte sich Österreich an der Donau zwischen die beiden Kriegführenden geschoben; eine weitere Fortführung des Krieges auf diesem Gebiete war nur mit seiner Zustimmung möglich. Aber Österreich war zu haben für einen Krieg an der Westgrenze Rußlands. Österreich wußte, daß Rußland ihm diese seine brutale Undankbarkeit nie verzeihen werde; Österreich war also bereit, sich mit den Alliierten zu verbinden, aber nur für einen ernstlichen Krieg, der Polen wiederherstellte und die russische Westgrenze bedeutend zurückschob. Ein solcher Krieg mußte auch Preußen in die Allianz ziehn, durch dessen Gebiet Rußland alle seine Zufuhren bezog; eine europäische Koalition hätte Rußland zu Land wie zu Wasser blockiert und mit so überlegenen Kräften angegriffen, daß der Sieg unzweifelhaft war.

Das aber war keineswegs die Absicht Englands und Frankreichs. Beide waren im Gegenteil froh, durch Österreichs Vorgehn aller Gefahr eines ernsthaften Krieges ledig zu sein. Was Rußland wünschte - daß die Alliierten nach der Krim gingen und sich dort festbissen -, das schlug Palmerston vor, und Louis-Napoleon griff hocherfreut mit beiden Händen zu. Von der Krim aus ins Innere von Rußland vorzudringen, wäre strategischer Wahnsinn gewesen. So war der Krieg glücklich in einen Scheinkrieg verwandelt und alle Hauptbeteiligten zufriedengestellt. Aber der Zar Nikolaus konnte |37| es auf die Dauer nicht ertragen, daß feindliche Truppen am Saum seines Reiches auf russischem Boden sich festsetzten; für ihn wurde der Scheinkrieg bald wieder ein Ernstkrieg. Was aber für einen Scheinkrieg sein günstigstes, war für einen Ernstkrieg sein gefährlichstes Terrain. Die Stärke Rußlands in der Verteidigung - die ungeheure Ausdehnung seines dünnbevölkerten, unwegsamen, an Hilfsquellen armen Gebiets - kehrte sich gegen Rußland selbst, sobald Nikolaus alle Streitkräfte auf Sewastopol, diesen einen Punkt der Peripherie, konzentrierte. Die südrussischen Steppen, die das Grab des Angreifers hätten werden müssen, wurden das Grab der russischen Armeen, die Nikolaus mit der ihm eignen brutal-dummen Rücksichtslosigkeit eine nach der andern - zuletzt mitten im Winter - nach der Krim trieb. Und als die letzte, eilig zusammengeraffte, kaum notdürftig ausgerüstete, elend verpflegte Heersäule auf dem Marsch an zwei Drittel ihres Bestandes verloren hatte - ganze Bataillone kamen um im Schneesturm - und der Rest nicht imstande war, den Feind auch nur ernsthaft anzugreifen, da brach der aufgeblasene Hohlkopf Nikolaus jämmerlich zusammen, da entfloh er den Folgen seines Cäsarenwahnsinns, indem er Gift nahm.

Der Friede, den sein Nachfolger |Alexander II.| nun eiligst abschloß, fiel sehr glimpflich aus. Aber die Folgen des Krieges im Innern waren um so größer. Um im Innern absolut herrschen zu können, mußte das Zarentum nach außen mehr als unbesiegbar, es mußte ununterbrochen siegreich, mußte imstande sein, den unbedingten Gehorsam zu belohnen durch chauvinistischen Siegesrausch, durch immer neue Eroberungen. Und jetzt war das Zarentum elend zusammengeknickt, und das gerade in seiner äußerlich imposantesten Gestalt; es hatte Rußland bloßgestellt vor der Welt, und damit sich selbst vor Rußland. Es erfolgte eine ungeheure Ernüchterung. Das russische Volk war durch die kolossalen Opfer des Kriegs zu sehr aufgerüttelt, der Zar hatte zu sehr an seine Hingebung appellieren müssen, als daß es ohne weiteres in die Passivität des gedankenlosen Gehorsams zurückzubringen war. Denn allmählich hatte sich auch Rußland ökonomisch und intellektuell weiterentwickelt; neben dem Adel standen jetzt die Anfänge einer zweiten gebildeten Klasse, der Bourgeoisie. Kurz, der neue Zar mußte den Liberalen spielen, aber diesmal nach innen. Damit aber war der Anfang gegeben für eine innere Geschichte Rußlands, für eine Bewegung der Geister in der Nation selbst und für ihren Reflex: eine, wenn auch noch so schwache, aber mehr und mehr sich geltend machende, immer weniger |38| zu mißachtende öffentliche Meinung. Und damit entstand für die zarische Diplomatie der Feind, an dem sie untergehen muß. Denn diese Art Diplomatie ist nur möglich, solange das Volk unbedingt passiv bleibt, keinen Willen hat als den der Regierung, keinen Beruf, als Soldaten und Steuern zu liefern für die Durchführung der Ziele der Diplomaten. Sobald Rußland eine innere Entwicklung und damit innere Parteikämpfe hat, ist die Eroberung einer konstitutionellen Form, in der diese Parteikämpfe sich ohne gewaltsame Erschütterung ausfechten, nur eine Frage der Zeit. Dann aber ist auch die bisherige russische Eroberungspolitik ein Ding der Vergangenheit; die unveränderliche Stetigkeit des diplomatischen Ziels geht verloren im Ringen der Parteien um die Herrschaft; die unbedingte Verfügung über die Kräfte der Nation ist dahin - Rußland bleibt schwer angreifbar und relativ ebenso schwach im Angriff, wird aber sonst ein europäisches Land wie die andren auch, und die eigentümliche Stärke seiner bisherigen Diplomatie ist für immer gebrochen.

La Russie ne boude pas, eile se recueille, sagte der Kanzler Gortschakow nach dem Kriege. Er wußte selbst nicht, wie wahr er sprach. Er sprach bloß vom diplomatischen Rußland. Aber auch das nichtoffizielle Rußland sammelte sich. Und diese Sammlung (recueillement) wurde unterstützt durch die Regierung selbst. Der Krieg hatte bewiesen, daß Rußland Eisenbahnen und großer Industrie bedurfte, schon aus rein militärischen Rücksichten. Somit warf sich die Regierung darauf, eine russische Kapitalistenklasse zu züchten. Eine solche kann aber nicht bestehn ohne ein Proletariat, und um dessen Elemente zu schaffen, mußte die sogenannte Bauernbefreiung erfolgen; die persönliche Freiheit bezahlte der Bauer mit Übertragung des besten Teils seines Grundbesitzes an den Adel. Was ihm davon blieb, war zum Sterben zuviel, zum Leben zuwenig. Während so die russische bäuerliche Obschtschina {20} an der Wurzel angegriffen wurde, wurde gleichzeitig die neue große Bourgeoisie durch Eisenbahnprivilegien, Schutzzölle und andere Begünstigungen treibhausmäßig entwickelt und so in Stadt und Land eine vollständige soziale Revolution eingeleitet, die die einmal in Bewegung gebrachten Geister nicht wieder zur Ruhe kommen ließ. Die junge Bourgeoisie reflektierte sich in einer liberal-konstitutionellen Bewegung, das eben entstehende Proletariat in der Bewegung, die man gewöhnlich Nihilismus nennt. Das waren die wahren Folgen des recueillement Rußlands.

|39| Einstweilen schien die Diplomatie noch nicht zu merken, welcher Gegner ihr im Innern entstanden war. Im Gegenteil, nach außen schien sie Sieg über Sieg zu erfechten. Auf dem Pariser Kongreß 1856 spielte Orlow die vielumworbene Hauptrolle; statt Opfer zu bringen, errang er neue Erfolge; die von England beanspruchten, von Rußland seit Katharina bekämpften Kriegsrechte zur See wurden definitiv beseitigt und eine russisch-französische Allianz gegen Österreich begründet. Diese trat 1859 in Tätigkeit, als Louis-Napoleon sich dazu hergab, Rußland an Österreich zu rächen. Den Folgen der russisch-französischen Abmachungen, die Mazzini damals enthüllte und wonach im Fall des verlängerten Widerstandes ein russischer Großfürst als Thronkandidat eines unabhängigen Ungarns aufgestellt werden sollte - diesen Folgen entging Österreich durch raschen Friedensschluß. Aber seit 1848 verdarben die Völker der Diplomatie das Handwerk. Italien wurde unabhängig und einig gegen den Willen des Zaren und Louis-Napoleons.

Der Krieg 1859 hatte auch Preußen aufgeschreckt. Es hatte seine Armee fast verdoppelt und einen Mann ans Ruder gestellt, der es mit der russischen Diplomatie wenigstens in einem Punkt aufnehmen konnte: in der Rücksichtslosigkeit in betreff der anzuwendenden Mittel. Dieser Mann war Bismarck. Während des polnischen Aufstandes 1863 nahm er gegenüber Österreich, Frankreich und England in theatralischer Weise Partei für Rußland und tat alles, um diesem den Sieg zu verschaffen. Das sicherte ihm den Abfall des Zaren von seiner gewohnten Politik in der schleswig-holsteinschen Frage; die Herzogtümer wurden 1864 mit zarischer Erlaubnis von Dänemark losgerissen. Dann kam der Preußisch-Österreichische Krieg 1866; hier freute sich der Zar wieder über die erneute Züchtigung Österreichs und die wachsende Macht Preußens, des allein treuen - selbst nach den Fußtritten von 1849/1850 noch treuen - Vasallen. Der Krieg von 1866 zog den Deutsch-Französischen Krieg 1870 nach sich, und wieder trat der Zar auf die Seite seines preußischen "Djadja Molodez"; er hielt Österreich direkt im Schach und beraubte so Frankreich des einzigen Bundesgenossen, der es vor vollständiger Niederlage retten konnte. Aber wie Louis Bonaparte 1866, so wurde Alexander 1870 geprellt durch die raschen Erfolge der deutschen Waffen. Statt eines langwierigen, beide Kämpfer auf den Tod erschöpfenden Kriegs, erfolgten die raschen Schläge, die in fünf Wochen das bonapartistische Kaiserreich stürzten und seine Armeen nach Deutschland gefangenführten.

Damals gab es nur einen Ort in Europa, wo die Lage richtig begriffen wurde, und das war im Generalrat der Internationalen Arbeiter-Assoziation.

|40| Am 9. September 1870 erließ dieser ein Manifest, worin die Parallele zwischen 1866 und 1870 gezogen wurde.{21} Der Krieg 1866 sei mit Bewilligung Louis-Napoleons geführt worden; aber die Siege und die preußische Machterweiterung hätten genügt, um Frankreich sofort in eine feindliche Stellung gegen Preußen hineinzutreiben. Ebenso würden die neuen Erfolge von 1870 und die damit verknüpfte neue Steigerung der preußisch-deutschen Macht den russischen Zaren, trotzdem er Deutschland während des Kriegs diplomatisch unterstützt, in die Feindschaft gegen Deutschland hineinzwingen. Rußlands vorwiegender Einnuß in Europa habe zur notwendigen Voraussetzung seine traditionelle Macht über Deutschland, die nun gebrochen sei. Im Augenblick, wo in Rußland selbst die revolutionäre Bewegung anfängt, drohend zu werden, könne der Zar diesen Verlust an Prestige im Ausland nicht ertragen. Und wenn nun noch Deutschland durch Annexion von Elsaß-Lothringen Frankreich in die Arme Rußlands treibe, müsse es sich entweder zum offenkundigen Werkzeug russischer Eroberungspläne hergeben oder aber, nach kurzer Rastzeit, sich vorbereiten auf einen Krieg gegen Rußland und Frankreich zugleich, einen Krieg, der leicht in einen Rassenkrieg gegen das verbündete Slawentum und Romanentum ausarten könne.

Das neue Deutsche Reich tat Rußland den Gefallen, Elsaß-Lothringen von Frankreich loszureißen und damit in der Tat Frankreich in die Arme Rußlands zu jagen. Die zarische Diplomatie war nun in der beneidenswerten Lage, die beiden durch diese Losreißung auf den Tod verfeindeten Länder, Frankreich wie Deutschland, von Rußland abhängig zu wissen. Diese günstige Lage wurde wiederum ausgenutzt zu einem Vorstoß gegen Zaregrad, zum Türkenkrieg von 1877. Nach langen Kämpfen kamen die russischen Truppen im Januar 1878 bis vor die Tore der türkischen Hauptstadt; da erschienen vier englische Panzerschiffe im Bosporus und zwangen die Russen, angesichts der Türme der Sophienkirche haltzumachen und ihren Friedensplan von San Stefano einem europäischen Kongreß zur Revision vorzulegen.

Dennoch war - scheinbar - ein ungeheurer Erfolg errungen. Rumänien, Serbien, Montenegro vergrößert und unabhängig gemacht durch Rußland, |41| und daher in seiner Schuld; das Festungsviereck zwischen Donau und Balkan, dies starke Bollwerk der Türkei, vorläufig vernichtet; der letzte Schutzwall Konstantinopels, der Balkan, den Türken entrissen und entwaffnet; Bulgarien und Ostrumelien scheinbar türkische, in Wirklichkeit russische Vasallenstaaten; der Gebietsverlust von 1856 in Bessarabien wieder gutgemacht; in Armenien neue wichtige Stellungen erobert; Österreich durch die Besetzung von Bosnien zum Mitschuldigen an der Teilung der Türkei und zum notwendigen Gegner aller serbischen Unabhängigkeits- und Einigungsbestrebungen gemacht; endlich die Türkei durch Gebietsverlust, Erschöpfung und eine unerschwingliche Kriegsentschädigung in vollständige Abhängigkeit von Rußland gebracht, in eine Stellung, wo sie nach russischer, ganz richtiger Auffassung den Bosporus und die Dardanellen nur noch einstweilen für Rußland in Verwahrung hielt. So, schien es, brauchte Rußland nur noch den Moment zu wählen, wo es ihm beliebte, von seinem großen Endziel, von Konstantinopel, "la clef de notre maison", Besitz zu ergreifen.

In Wirklichkeit aber sah es doch ganz anders aus. Hatte Elsaß-Lothringen Frankreich in Rußlands Arme getrieben, so trieb der Vorstoß auf Konstantinopel und der Berliner Friede Österreich in die Arme Bismarcks. Und damit änderte sich wieder die ganze Lage. Die großen Militärmächte des Kontinents spalteten sich in zwei große, einander bedrohende Feldlager: Rußland und Frankreich hier, Deutschland und Österreich dort. Um diese beiden haben die kleineren Staaten sich zu gruppieren. Das aber bedeutet, daß das russische Zarentum den letzten großen Schritt nicht tun, von Konstantinopel nicht wirklich Besitz ergreifen kann ohne einen Weltkrieg mit ziemlich gleich verteilten Chancen, dessen letzte Entscheidung wahrscheinlich nicht von den beiden, den Kampf eröffnenden Parteien abhängen wird, sondern von England. Denn ein Krieg, wo Österreich und Deutschland gegen Rußland und Frankreich kämpfen, schneidet den ganzen Westen von der russischen Kornzufuhr zu Lande ab. Alle Länder des Westens aber leben nur durch Kornzufuhr vom Ausland. Diese könnte also nur zur See erfolgen, und Englands Überlegenheit zur See erlaubt ihm, sowohl Frankreich wie Deutschland auch diese Zufuhr abzuschneiden, also jenes wie dieses auszuhungern, je nachdem es sich auf diese oder jene Seite schlägt.{22} Um Konstantinopel aber zu kämpfen in einem Weltkrieg, worin |42| England den Ausschlag gibt - das ist genau die Lage, die zu vermeiden die russische Diplomatie seit hundertfünfzig Jahren gearbeitet hat. Also eine Niederlage.{23}

In der Tat ist auch die Allianz mit einem republikanischen Frankreich, dessen regierende Personen stetem Wechsel ausgesetzt sind, keineswegs sicher für das Zarentum und noch weniger seinen Herzenswünschen entsprechend. Nur eine restaurierte französische Monarchie könnte genügende Garantien bieten als Bundesgenossin in einem so furchtbaren Krieg, wie er jetzt allein möglich ist. Daher hat das Zarentum auch seit fünf Jahren die |43| Orléans unter seinen ganz besondern Schutz genommen; sie haben sich mit ihm verschwägern müssen, indem sie in die dänische Königsfamilie, diesen russischen Vorposten am Sund, hineinheirateten. Und um die Restauration der so ebenfalls zum russischen Vorposten avancierten Orléans in Frankreich vorzubereiten, wurde der General Boulanger benutzt, dessen eigene Anhänger in Frankreich sich rühmen, daß die geheimnisvolle Quelle der von ihnen so verschwenderisch ausgeteilten Gelder niemand anders sei als die russische Regierung, die ihnen für ihre Kampagne fünfzehn Millionen Franken zur Verfügung gestellt. So mischt sich Rußland wiederum in die inneren Angelegenheiten der westlichen Länder, diesmal unverhüllt als Stütze der Reaktion, und spielt den ungeduldigen Chauvinismus der französischen Bourgeois aus gegen den revolutionären Geist der französischen Arbeiter.

Überhaupt zeigt sich seit 1878 erst recht, wie sehr die Position der russischen Diplomatie sich verschlechtert hat, seitdem die Völker sich mehr und mehr erlauben mitzusprechen, und das mit Erfolg. Sogar auf der Balkanhalbinsel, dem Gebiet, wo Rußland ex professo |berufsmäßig| völkerbefreiend auftritt, will nichts mehr gelingen. Die Rumänen haben zum Dank dafür, daß sie den Russen vor Plewna den Sieg erst ermöglicht, ihr Stück Bessarabien wieder abtreten müssen und werden sich schwerlich durch Zukunftsversprechungen auf Siebenbürgen und das Banat ködern lassen. Die Bulgaren haben die zarische Art der Befreiung infolge der ihnen ins Land gesandten zarischen Agenten herzlich satt bekommen; nur die Serben und allenfalls die Griechen - beide weil sie außerhalb der direkten Schußlinie auf Konstantinopel liegen - sind noch nicht kopfscheu gemacht. Die österreichischen Slawen, die der Zar von der deutschen Unterdrückung zu befreien sich berufen fühlte, haben seitdem wenigstens im zisleithanischen Reichsteil die Herrschaft selbst ausgeübt. Die Phrase von der Völkerbefreiung {24} durch den allmächtigen Zar hat ausgespielt, sie kann höchstens noch auf Kreta und Armenien angewandt werden, und damit macht man in Europa selbst bei englischen christlich-frommen Liberalen keinen Effekt mehr; wegen Kretas und Armeniens riskiert sogar der Zarenbewunderer Gladstone keinen europäischen Krieg mehr, seitdem der Amerikaner Kennan die Niederträchtigkeiten vor aller Welt enthüllt hat, womit das Zarentum jede Regung des Widerstands im eignen Reich unterdrückt {25}.

Und hier kommen wir auf den Kernpunkt. Die innere Entwicklung |44| Rußlands seit 1856, unterstützt von der Politik der Regierung, hat gewirkt; die soziale Revolution hat riesige Fortschritte gemacht; Rußland verwestlicht sich täglich mehr; die große Industrie, die Eisenbahnen, die Verwandlung aller Naturalleistungen in Geldzahlungen und damit die Auflösung der alten Grundlagen der Gesellschaft entwickeln sich mit steigender Geschwindigkeit. In demselben Verhältnis aber entwickelt sich auch die Unverträglichkeit des absoluten Zarentums mit der in der Bildung begriffnen neuen Gesellschaft. Es bilden sich Oppositionsparteien, konstitutionelle und revolutionäre, deren die Regierung nur durch gesteigerte Brutalität Herr werden kann. Und die russische Diplomatie sieht mit Entsetzen den Tag heranrücken, wo das russische Volk ein Wort mitsprechen und wo die Erledigung seiner eigenen inneren Angelegenheiten ihm die Zeit und die Lust benehmen wird, sich mit solchen Kindereien zu beschäftigen, wie die Eroberung Konstantinopels, Indiens und der Weltherrschaft. Die Revolution, die 1848 an der polnischen Grenze haltmachte, pocht jetzt an die Türe Rußlands, und drinnen hat sie schon Bundesgenossen genug, die nur auf die Gelegenheit warten, ihr die Tür aufzumachen.

Allerdings, wenn man die russischen Zeitungen liest, sollte man meinen, ganz Rußland schwärme für die zarische Eroberungspolitik; da ist alles Chauvinismus, Panslawismus, Christenbefreiung vom türkischen, Slawenbefreiung vom deutsch-magyarischen Joch. Aber erstens weiß jedermann, in welchen Fesseln die russische Presse gebunden liegt; zweitens hat die Regierung diesen Chauvinismus und Panslawismus seit Jahren in allen Schulen gezüchtet; und drittens drückt diese Presse, soweit sie überhaupt eine unabhängige Meinung ausdrückt, nur die Stimmung der städtischen Bevölkerung, d.h. der neugebildeten Bourgeoisie aus, die natürlich an neuen Eroberungen als an Ausdehnungen des russischen Markts interessiert ist. Diese städtische Bevölkerung bildet aber im ganzen Land eine verschwindende Minorität. Sobald eine Nationalversammlung der ungeheuren Majorität des russischen Volks, der Landbevölkerung, Gelegenheit gibt, ihre Stimme zu erheben, wird man ganz andere Dinge vernehmen. Die Erfahrungen, die die Regierung mit den Semstwos {26} gemacht hat und die sie zwangen, die Semstwos wieder zu nullifizieren, bürgen dafür, daß eine russische Nationalversammlung, um nur die dringendsten inneren Schwierigkeiten zu überwinden, sehr bald allem Drängen nach neuen Eroberungen einen entschiedenen Riegel vorschieben muß.

|45| Die heutige europäische Lage wird beherrscht von drei Tatsachen: 1. der Annexion von Elsaß-Lothringen an Deutschland, 2. dem Drang des zarischen Rußlands nach Konstantinopel, 3. dem in allen Ländern immer heißer entbrennenden Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, dessen Thermometer die überall im Aufschwung begriffene sozialistische Bewegung ist.

Die ersten beiden bedingen die heutige Gruppierung Europas in zwei große Heerlager. Die deutsche Annexion macht Frankreich zum Bundesgenossen von Rußland gegen Deutschland, die zarische Bedrohung Konstantinopels macht Österreich, selbst Italien zu Bundesgenossen Deutschlands. Beide Lager rüsten für einen Entscheidungskampf, für einen Krieg, wie die Welt noch keinen gesehn, wo zehn bis fünfzehn Millionen Kämpfer einander in Waffen gegenüberstehen werden. Nur zwei Umstände haben bis heute den Ausbruch dieses furchtbaren Kriegs verhindert: erstens der unerhört rasche Fortschritt der Waffentechnik, der jedes neuerfundene Gewehrmodell durch neue Erfindungen überflügelt, ehe es nur bei einer Armee eingeführt werden kann, und zweitens die absolute Unberechenbarkeit der Chancen, die totale Ungewißheit, wer aus diesem Riesenkampf schließlich als Sieger hervorgehen wird.

Diese ganze Gefahr eines Weltkriegs verschwindet an dem Tag, wo eine Wendung der Dinge in Rußland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen und sich mit seinen eignen, aufs äußerste gefährdeten innern Lebensinteressen zu beschäftigen, statt mit Weltherrschaftsphantasien.

An diesem Tage verliert Bismarck {27} alle die Bundesgenossen gegen Frankreich, die die russische Bedrohung ihm in die Arme getrieben hat. Weder Österreich noch Italien haben dann noch das geringste Interesse, Bismarcks {28} Kastanien aus dem Feuer eines europäischen Riesenkampfes zu holen. Das Deutsche Reich fällt zurück in die isolierte Stellung, wo, wie Moltke sagt, jedermann es fürchtet und niemand es liebt, wie das das unvermeidliche Resultat seiner Politik ist. Dann wird auch die gegenseitige Annäherung des um seine Freiheit ringenden Rußlands und des republikanischen Frankreichs der Lage beider Länder ebenso entsprechend wie der europäischen Gesamtlage ungefährlich sein, und dann wird auch Bismarck, oder wer ihm nachfolgt, sich dreimal besinnen, ehe er einen Krieg mit Frankreich vom Zaun bricht, wo weder Rußland gegen Österreich, noch Österreich gegen Rußland ihm die Flanke deckt, wo beide sich über |46| jede ihm zugefügte Niederlage freuen würden und wo es sehr fraglich ist, ob er mit den Franzosen allein fertig wird. Dann wären alle Sympathien auf seiten Frankreichs und dieses im schlimmsten Fall vor fernerem Gebietsverlust sicher. Statt also auf Krieg loszusteuern, würde das Deutsche Reich wahrscheinlich die Isolierung bald so unerträglich finden, daß es einen aufrichtigen Ausgleich mit Frankreich suchte, und dann wäre all die furchtbare Kriegsgefahr beseitigt, Europa konnte abrüsten, und Deutschland hätte von allen am meisten gewonnen.

Österreich verliert an demselben Tage seine einzige historische Existenzberechtigung, die einer Barriere gegen den russischen Vormarsch auf Konstantinopel. Wird der Bosporus nicht mehr von Rußland her bedroht, so verliert Europa jedes Interesse am Bestand dieses bunt zusammengewürfelten Völkerkomplexes. Ebenso gleichgültig wird dann die ganze sogenannte orientalische Frage, der Fortbestand der türkischen Herrschaft in slawischen, griechischen und albanesischen Gegenden, und der Streit um den Besitz des Eingangs zum Schwarzen Meer, den dann niemand mehr gegen Europa monopolisieren kann. Magyaren, Rumänen, Serben, Bulgaren, Arnauten, Griechen {29} und Türken werden dann endlich in die Lage kommen, ohne Einmischung fremder Gewalt ihre gegenseitigen Streitpunkte zu erledigen, ihre einzelnen nationalen Gebiete untereinander abzugrenzen, ihre inneren Angelegenheiten nach eignem Ermessen zu ordnen. Es zeigt sich mit einem Schlag, daß das große Hindernis der Autonomie und freien Gruppierung der Völker und Völkertrümmer zwischen den Karpaten und dem Ägäischen Meer niemand anders war als dasselbe Zarentum, das die vorgebliche Befreiung dieser Völker zum Deckmantel seiner Weltherrschaftspläne gebraucht.

Frankreich wird befreit aus der unnatürlichen Zwangsstellung, worin die Allianz mit dem Zaren es eingeklemmt hat. Widerstrebt dem Zaren die Allianz mit der Republik, so widerstrebt dem französischen revolutionären Volk noch weit mehr der Bund mit dem Despoten, dem Knebler Polens und Rußlands. In einem Krieg an der Seite des Zaren wäre es Frankreich verboten, im Fall einer Niederlage sein großes, einzig wirksames Rettungsmittel anzuwenden, das Heilmittel von 1793, die Revolution, die Aufbietung aller Volkskräfte durch den Schrecken und die revolutionäre Propaganda in Feindesland; in diesem Fall würde der Zar sofort mit den Feinden Frankreichs sich vereinigen, da die Zeiten seit 1848 sich bedeutend geändert haben und der Zar seitdem auch in Rußland den Terror aus eigner An- |47| schauung kennengelernt hat. Die Allianz mit dem Zaren ist also keine Stärkung Frankreichs, im Gegenteil: Im Moment der höchsten Gefahr hält sie sein Schwert in der Scheide fest. Steht aber in Rußland an der Stelle des mächtigen Zaren eine russische Nationalversammlung, dann ist die Allianz des neubefreiten Rußlands mit der Französischen Republik eine selbstverständliche und naturgemäße, dann fördert sie die revolutionäre Bewegung in Frankreich, statt sie zu hemmen, dann ist sie ein Gewinn für das um seine Emanzipation kämpfende europäische Proletariat. Also auch Frankreich gewinnt durch den Sturz der zarischen Allgewalt.

Damit schwinden alle Vorwände für die wahnsinnigen Rüstungen, die ganz Europa in ein Heerlager verwandeln und den Krieg fast als eine Erlösung erscheinen lassen. Sogar der Deutsche Reichstag müßte dann bald den unaufhörlich wachsenden Geldforderungen für Kriegszwecke einen Damm entgegensetzen.

Und damit käme der Westen in die Lage, sich ungestört durch fremde Ablenkung und Einmischung mit seiner gegenwärtigen historischen Aufgabe beschäftigen zu können: mit dem Konflikt zwischen Proletariat und Bourgeoisie und der Überführung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische {30}.

Der Sturz der zarischen Selbstherrschaft in Rußland würde diesen Prozeß aber auch direkt beschleunigen. An dem Tage, wo die Zarenherrschaft fällt, diese letzte starke Festung der gesamteuropäischen Reaktion - an dem Tage weht ein total anderer Wind in ganz Europa. Denn das wissen die reaktionären Regierungen Europas {31} sehr genau: Trotz aller Zänkereien mit dem Zaren wegen Konstantinopel etc. können Augenblicke kommen, wo sie ihm Konstantinopel, Bosporus, Dardanellen und alles, was er sonst noch verlangt, in den Schoß werfen, wenn er sie nur gegen die Revolution schützt. An dem Tage daher, wo diese Hauptfestung selbst in die Hände der Revolution übergeht, ist es aus mit dem letzten Funken von Selbstvertrauen und Sicherheit bei den reaktionären Regierungen Europas;

sie sind dann allein auf sich selbst angewiesen und werden bald erfahren, welchen Unterschied das macht. Vielleicht wären sie imstande, ihre Armeen einmarschieren zu lassen, um die Autorität des Zaren herzustellen - welche Ironie der Weltgeschichte!{32}

|48| Das sind die Punkte, kraft deren der Westen Europas überhaupt, und namentlich die westeuropäische Arbeiterpartei, interessiert, sehr tief interessiert ist am Sieg der russischen revolutionären Partei und am Sturz des zarischen Absolutismus. Europa gleitet wie auf einer schiefen Ebene mit wachsender Geschwindigkeit abwärts, dem Abgrund eines Weltkriegs von bisher unerhörter Ausdehnung und Heftigkeit entgegen. Nur eins kann hier Halt gebieten: ein Systemwechsel in Rußland. Daß er binnen wenig Jahren kommen muß, daran kann kein Zweifel sein. Möge er noch rechtzeitig kommen, ehe das sonst Unvermeidliche geschieht.

London, Ende Februar 1890


Fußnoten von Friedrich Engels

(1) Siehe Gülich, "Geschichtliche Darstellung des Handels etc." Jena 1830, 2. Band, S.201-206. <=


Textvarianten

{1} In der "Time": Nicht nur die Sozialisten, sondern jedwede fortschrittliche Partei in jedem Lande Westeuropas <=

{2} In der "Time" lautet der letzte Teil des Satzes: und damit jede Möglichkeit des Fortschritts unter der eisernen Ferse des Zaren zermalmen würden <=

{3} In der "Time" ist an Stelle dieses Absatzes folgender Abschnitt eingefügt: Man kann in England nicht über russische Außenpolitik schreiben, ohne sofort den Namen David Urquhart zu erwähnen. Fünfzig Jahre lang hat er sich unentwegt bemüht, seine Landsleute mit den Zielen und Methoden der russischen Diplomatie vertraut zu machen, einem Gegenstand, den er vollendet beherrschte; doch all sein Mühen brachte ihm nur Spott und den Ruf, ein erzlangweiliger, lästiger Schwätzer zu sein. Nun zählt der gewöhnliche Philister zu dieser Sorte allerdings jeden, der beharrlich über unangenehme Dinge spricht, so wichtig sie auch sein mögen. Nichtsdestoweniger mußte Urquhart, der den Philister haßte, aber weder seine Natur noch die geschichtliche Unvermeidlichkeit seiner Existenz in unserer Zeit verstand, scheitern. Selbst ein Tory alter Schule, der sah, daß in England bisher allein die Tories Rußland wirksamen Widerstand geleistet hatten und daß das Tun und Handeln englischer und ausländischer Liberaler, einschließlich der gesamten revolutionären Bewegung auf dem Kontinent, gewöhnlich dieser Macht zum Vorteil gereichte, glaubte Urquhart, daß man, um russischen Übergriffen wirklichen Widerstand entgegenzusetzen, ein Tory (oder aber ein Türke) sein müsse und daß jeder Liberale und Revolutionär, bewußt oder unbewußt, ein Werkzeug Rußlands sei. Seine ständige Beschäftigung mit der russischen Diplomatie brachte Urquhart zu der Überzeugung, daß sie etwas Allmächtiges, daß sie der wirklich einzige aktive Faktor in der modernen Geschichte sei, in dessen Händen alle anderen Regierungen nur passive Werkzeuge seien; so daß man nicht verstehen kann - wenn man nicht seine ebenso übertriebene Bewertung der Stärke der Türkei kennt -, warum diese allmächtige russische Diplomatie sich nicht schon längst Konstantinopels bemächtigt hat. Um so alle neuere Geschichte seit der französischen Revolution auf ein diplomatisches Schachspiel zwischen Rußland und der Türkei zurückzuführen, in dem die anderen europäischen Staaten nur Schachfiguren Rußlands sind, mußte sich Urquhart selbst als eine Art orientalischer Prophet aufspielen, der statt einfacher historischer Tatsachen eine geheime esoterische Doktrin in einer geheimnisvollen, hyperdiplomatischen Sprache verkündete - eine Doktrin, die voller Anspielungen auf wenig bekannte und kaum jemals klar bewiesene Tatsachen war - und der als unfehlbare Allheilmittel gegen die Suprematie der russischen über die englische Diplomatie vorschlug, die gerichtliche Verantwortlichkeit der Minister wieder einzuführen und das Kabinett durch den Geheimen Rat zu ersetzen. Urquhart war ein Mann mit großen Verdiensten und obendrein ein wirklicher englischer Gentleman alter Schule; aber russische Diplomaten könnten gut und gern sagen: "Si M. Urquhart n'existait pas, il faudrait l'inventer." ("Wenn es Herrn Urquhart nicht gäbe, müßte man ihn erfinden."] <=

{4} In der "Time": "Fortschritt" und "Aufklärung" <=

{5} In der "Time": des "Fortschritts", der "Aufklärung" <=

{6} In der "Time": Und die kindischen westeuropäischen Liberalen - bis herab auf Gladstone - glauben es bis auf den heutigen Tag <=

{7} In der "Time" eingefügt: durch Erwerbung irgendeines kleinen deutschen Fürstentums <=

{8} In der "Time" eingefügt: sogenannten nordischen <=

{9} In der "Time": gewinnbringenden Handels <=

{10} In der "Time" lautet dieser Teil des Satzes: um unter den Untertanen ihrer legitimen Alliierten Unfrieden und Zwietracht zu säen <=

{11} In der "Time" eingefügt: und die Aufrechterhaltung des Status quo <=

{12} In der "Time": Befreiung der unterdrückten Völker <=

{13} In der "Time" lauten Anfang und Ende dieses Satzes: Trotz alledem blickte die Welt auf die menschenfreundliche Politik des Zaren ... mit Mißtrauen oder bestenfalls Gleichgültigkeit. <=

{14} Griechen des byzantinischen Reiches <=

{15} In der "Time" eingefügt: ein Mann, der Brutalität für Energie und launenhaften Eigensinn für Willensstärke hielt, eine Natur <=

{16} In der "Time" eingefügt: der Befehlshaber der russischen Armee <=

{17} In der "Time": Einquartierung seiner Soldaten bei den (statt: Ausbeutung der) <=

{18} In der "Time" ist an Stelle der in Klammern gesetzten Worte folgende Fußnote angebracht: Ein Kodex für die Landbevölkerung, der den Bojaren - der Grundaristokratie des Landes - den größeren Teil der Arbeitszeit des Bauern zur Verfügung stellte, und das ohne jede Entlohnung. Näheres hierüber siehe Karl Marx, "Kapital", Kap. X, S. 218-222 der englischen Ausgabe. <=

{19} In der "Time": Das ganze Getriebe der russischen Diplomatie und all die in den Jahren 1825-1830 gesponnenen Intrigen waren bloßgelegt. <=

{20} In der "Time" ist an dieser Stelle folgende Fußnote angebracht: Die sich selbstverwaltende russische Bauerngemeinde. <=

{21} In der "Time" wird an Stelle der hier folgenden Zusammenfassung die entsprechende Stelle aus der "Zweiten Adresse des Generalrats über den Deutsch-Französischen Krieg" zitiert; diese Stelle beginnt mit den Worten: "Ganz wie 1865 zwischen Louis Bonaparte und Bismarck Versprechungen ausgewechselt worden" und endet: "zu einem Racenkrieg gegen die verbündeten Racen der Slawen und Romanen". <=

{22} In der "Time" ist an dieser Stelle folgende Fußnote angebracht: England könnte ohne die Seerechte, die es so lange für sich beanspruchte und schließlich durch die Pariser Deklaration 1856 aufgab, in einem herkömmlichen Krieg mit ein oder zwei Kontinentalmächten auskommen. Letztere würden in unserem Zeitalter der Eisenbahn, selbst im Falle einer Seeblockade, stets mit jeder gewünschten Zufuhr zu Lande von neutralen Nachbarn beliefert werden; gerade darin bestand Preußens Hauptdienst, den es Rußland während des Krimkriegs leistete. Aber in einem europäischen Kriege, wie er uns jetzt droht, wäre der ganze Kontinent in feindliche Gruppen geteilt. Wahrung der Neutralität würde auf die Dauer unmöglich werden; der Handel zwischen den Ländern auf dem Landwege würde fast völlig, wenn nicht überhaupt ganz unterbrochen. Unter solchen Umständen könnte es England bedauern, seine Seerechte aufgegeben zu haben. Andererseits aber würde ein solcher Krieg auch die ganze Stärke und Wirkung von Englands Überlegenheit zur See offenbaren, und mehr wäre wohl überhaupt nicht erforderlich. <=

{23} In der "Time" ist hier folgender Absatz eingefügt: Die Diplomaten in St. Petersburg haben nicht übersehen, wie wichtig es ist, einen eventuellen Widerstand Englands gegen die endgültige Festsetzung Rußlands auf dem Bosporus zu durchkreuzen. Nach dem Krimkrieg und besonders nach dem indischen Aufstand 1857 wurde die schon 1840 versuchte Eroberung Turkestans zur dringenden Aufgabe. Mit der Eroberung Taschkents 1865 schuf sich Rußland einen Stützpunkt am Jaxartes; 1868 wurden Samarkand, 1875 Kokand annektiert und die Khanate Buchara und Chiwa der Vasallenschaft Rußlands unterworfen. Dann begann von der südöstlichen Ecke des Kaspischen Meeres aus das beschwerliche Vordringen auf Merw; 1881 wurde Geok-Tepe, der erste wichtige Vorposten in der Wüste, genommen, 1884 kapitulierte Merw, und jetzt schließt die Transkaspische Eisenbahn die Lücke in der russischen Kommunikationslinie zwischen Michailowsk am Kaspischen Meer und Tschardshou am Oxus. Die jetzige Position der Russen in Turkestan ist jedoch noch längst keine sichere und ausreichende Basis für einen Angriff auf Indien. Sie beschwört aber auf alle Fälle die große Gefahr einer künftigen Invasion herauf und ist eine Ursache ständiger Erregung unter der einheimischen Bevölkerung. Solange die englische Herrschaft in Indien auf keinen eventuellen Nebenbuhler traf, konnten selbst der Aufstand von 1857 und seine abschreckende Unterdrückung als Ereignisse betrachtet werden, die in letzter Instanz die Herrschaft Englands festigen. Aber wenn sich eine erstrangige europäische Militärmacht in Turkestan festsetzt, die Persien und Afghanistan durch Zwang oder Überredung zu ihren Vasallen macht und langsam, aber sicher in Richtung des Hindukusch und des Suleimangebirges vordringt, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Die englische Herrschaft hört auf, für Indien ein unabänderliches Schicksal zu sein; vor den Eingeborenen eröffnet sich eine zweite Alternative; was Gewalt geschaffen hat, kann Gewalt auch zerstören; und wann immer England jetzt versucht, Rußland den Weg auf dem Schwarzen Meer zu versperren, wird Rußland England in Indien Unannehmlichkeiten zu bereiten suchen. Trotz alledem aber - England hat eine solche Seemacht, daß es in einem allgemeinen Kriege, wie er jetzt bevorzustehen scheint, Rußland noch immer bei weitem mehr Schaden zufügen kann als Rußland England. <=

{24} In der "Time": Befreiung der unterdrückten christlichen Völker <=

{25} In der "Time" eingefügt: seitdem das Zutodepeitschen Madame Sihidas und andere russische "Greueltaten" bekannt sind <=

{26} In der "Time" eingefügt: (Grafschaftsräte) <=

{27} In der "Time": das Deutsche Reich <=

{28} In der "Time": des deutschen Kaisers <=

{29} In der "Time" eingefügt: Armenier <=

{30} In der "Time": Lösung der damit zusammenhängenden ökonomischen Probleme (statt: Überführung der kapitalistischen Gesellschaft in die sozialistische) <=

{31} In der "Time": Herren in Berlin und Wien (statt: reaktionären Regierungen Europas) <=

{32} In der "Time" sind an Stelle dieses Satzes folgende Abschnitte eingefügt: Vielleicht ließe sich der deutsche Kaiser dazu verleiten, eine Armee zu entsenden, um die Autorität des Zaren wiederherzustellen - es könnte keinen besseren Weg geben für ihn zur Zerstörung seiner eigenen Autorität.

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sich Deutschland jetzt - ganz unabhängig von irgendwelchen möglichen Handlungen Rußlands oder Frankreichs - mit raschen Schritten einer Revolution nähert. Die letzten Reichstagswahlen zeigten, daß sich die Kräfte der deutschen Sozialisten aller drei Jahre verdoppeln; daß die deutschen Sozialisten heute die stärkste Partei im Kaiserreich sind, die Partei, die 1.427.000 Stimmen von insgesamt sieben Millionen auf sich vereinigt, und daß alle Straf- und Ausnahmegesetze völlig außerstande waren ihren Vormarsch aufzuhalten. Die deutschen Sozialisten, die bereit sind, eventuelle ökonomische Zugeständnisse des jungen Kaisers an die Arbeiterklasse als ihr geschuldete Abschlagszahlung zu akzeptieren, sind aber gleichzeitig fest entschlossen - und diese Entschlossenheit ist nach zehn Jahren währenden Verfolgungen unerschütterlicher denn je -, sich die 1848 auf den Berliner Barrikaden eroberte, aber zu einem großen Teil unter Manteuffel und Bismarck wieder verlorene politische Freiheit zurückzuerobern. Sie wissen, daß nur diese politische Freiheit ihnen die Mittel zur Erlangung der ökonomischen Befreiung der Arbeiterklasse geben wird. Trotz gewisser scheinbar gegenteiliger Anzeichen stehen wir am Vorabend eines Kampfes zwischen den deutschen Sozialisten und dem Kaiser, dem Vertreter des persönlichen und väterlichen Regiments. In diesem Kampfe muß der Kaiser letztlich geschlagen werden. Die Wahlberichte zeigen, daß die Sozialisten selbst in den ländlichen Bezirken rasche Fortschritte erzielen, während ihnen die großen Städte so gut wie gehören; und in einem Lande, in dem jeder gesunde junge Mann Soldat ist, bedeutet das den allmählichen Übertritt der Armee zum Sozialismus. Es braucht nur ein plötzlicher Systemwechsel in Rußland stattzufinden, und die Wirkung auf Deutschland wäre kolossal; er muß die Krisis beschleunigen und die Chancen der Sozialisten verdoppeln. <=


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