11. Kapitel. Theorien über fixes und zirkulierendes Kapital | Inhalt | 13. Kapitel. Die Produktionszeit

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 24, "Das Kapital", Bd. II, 2. Abschnitt, S. 231 - 240
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1963

ZWÖLFTES KAPITEL
Die Arbeitsperiode

<231> Nehmen wir zwei Geschäftszweige, worin gleich großer Arbeitstag, sage zehnstündiger Arbeitsprozeß, z.B. Baumwollspinnerei und Fabrikation von Lokomotiven. In dem einen Zweig wird täglich, wöchentlich ein bestimmtes Quantum fertiges Produkt geliefert, Baumwollengarn; in dem andren muß der Arbeitsprozeß vielleicht während drei Monaten wiederholt werden, um ein fertiges Produkt, eine Lokomotive, herzustellen. In dem einen Fall ist das Produkt diskreter Natur, und täglich oder wöchentlich beginnt dieselbe Arbeit von neuem. In dem andern Fall ist der Arbeitsprozeß kontinuierlich, erstreckt sich über eine längere Anzahl täglicher Arbeitsprozesse, die in ihrer Verbindung, in der Kontinuität ihrer Operation erst nach längrer Frist ein fertiges Produkt liefern. Obgleich die Dauer des täglichen Arbeitsprozesses hier dieselbe ist, findet ein sehr bedeutender Unterschied statt in der Dauer des Produktionsakts, d.h. in der Dauer der wiederholten Arbeitsprozesse, die erheischt sind, um das Produkt fertig zu liefern, es als Ware auf den Markt zu schicken, also es aus produktivem Kapital in Warenkapital zu verwandeln. Der Unterschied zwischen fixem und zirkulierendem Kapital hat hiermit nichts zu tun. Der angegebne Unterschied würde bestehn, selbst wenn in beiden Geschäftszweigen genau dieselben Proportionen von fixem und zirkulierendem Kapital angewandt würden.

Diese Unterschiede in der Dauer des Produktionsakts finden statt, nicht nur zwischen verschiednen Produktionssphären, sondern auch innerhalb derselben Produktionssphäre, je nach dem Umfang des zu liefernden Produkts. Ein gewöhnliches Wohnhaus wird in kürzrer Zeit gebaut als eine größre Fabrik und erfordert daher eine geringre Zahl kontinuierlicher Arbeitsprozesse. Wenn der Bau einer Lokomotive drei Monate, kostet der eines Panzerschiffes ein oder mehrere Jahre. Die Getreideproduktion nimmt beinahe ein Jahr in Anspruch, die Produktion von Hornvieh mehrere Jahre, die Holzzucht kann von 12 bis 100 Jahre umfassen; ein Landweg vielleicht <232> in einigen Monaten gebaut werden, wo eine Eisenbahn Jahre erfordert; ein gewöhnlicher Teppich vielleicht eine Woche, Gobelins Jahre etc. Die Unterschiede in der Dauer des Produktionsakts sind also unendlich mannigfaltig.

Der Unterschied in der Dauer des Produktionsakts muß offenbar einen Unterschied in der Geschwindigkeit des Umschlags bei gleichgroßer Kapitalauslage erzeugen, also in den Zeiträumen, für welche ein gegebnes Kapital vorgeschossen ist. Gesetzt, die Maschinenspinnerei und die Lokomotivenfabrik wendeten gleichgroßes Kapital an, die Teilung zwischen konstantem und variablem Kapital sei dieselbe, auch die zwischen den fixen und flüssigen Bestandteilen des Kapitals, endlich sei der Arbeitstag gleich groß und seine Teilung zwischen notwendiger Arbeit und Mehrarbeit dieselbe. Um ferner alle aus dem Zirkulationsprozeß entspringenden und diesem Fall äußerlichen Umstände zu beseitigen, wollen wir annehmen, daß beide, Garn und Lokomotive, auf Bestellung fabriziert und bei Lieferung des fertigen Produkts bezahlt werden. Nach Ende der Woche, bei Ablieferung des fertigen Garns, erhält der Spinnfabrikant (wir sehn hier vom Mehrwert ab) das ausgelegte zirkulierende Kapital zurück und ebenso den Verschleiß des fixen Kapitals, der im Garnwert steckt. Er kann also mit demselben Kapital denselben Kreislauf von neuem wiederholen. Es hat seinen Umschlag vollbracht. Der Lokomotivfabrikant dagegen muß während der drei Monate Woche für Woche immer neues Kapital in Arbeitslohn und Rohmaterial auslegen, und erst nach drei Monaten, nach Ablieferung der Lokomotive, befindet sich das während dieser Zeit in einem und demselben Produktionsakt, zur Herstellung einer und derselben Ware, nach und nach ausgelegte zirkulierende Kapital wieder in einer Form, worin es seinen Kreislauf von neuem beginnen kann; ebenso wird ihm der Verschleiß der Maschinerie während dieser drei Monate erst jetzt ersetzt. Die Auslage des einen ist die für eine Woche, die des andren ist die Wochenauslage multipliziert mit 12. Alle andren Umstände gleich vorausgesetzt, muß der eine zwölfmal mehr zirkulierendes Kapital zur Verfügung haben als der andre.

Daß die wöchentlich vorgeschoßnen Kapitale gleich sind, ist hier jedoch ein gleichgültiger Umstand. Welches immer die Größe des vorgeschoßnen Kapitals, in dem einen Fall ist es nur für eine Woche, in dem andren für zwölf Wochen vorgeschossen, bevor von neuem damit operiert, dieselbe Operation damit wiederholt oder eine andersartige damit begonnen werden kann.

Der Unterschied in der Geschwindigkeit des Umschlags oder der Zeitlänge, für welche das einzelne Kapital vorgeschossen werden muß, bevor <233> derselbe Kapitalwert wieder zu einem neuen Arbeits- oder Verwertungsprozeß dienen kann, entspringt hier daraus:

Nehmen wir an, der Bau der Lokomotive oder irgendeiner Maschine koste 100 Arbeitstage. Mit Bezug auf die in Spinnerei und Maschinenbau beschäftigten Arbeiter bilden die 100 Arbeitstage gleichmäßig eine diskontinuierliche (diskrete) Größe, nach der Unterstellung aus 100 aufeinanderfolgenden, separaten zehnstündigen Arbeitsprozessen bestehend. Aber mit Bezug auf das Produkt - die Maschine - bilden die 100 Arbeitstage eine kontinuierliche Größe, einen Arbeitstag von 1000 Arbeitsstunden, einen einzigen zusammenhängenden Produktionsakt. Einen solchen Arbeitstag, der durch die Aufeinanderfolge mehr oder minder zahlreicher zusammenhängender Arbeitstage gebildet ist, nenne ich eine Arbeitsperiode. Sprechen wir vom Arbeitstag, so meinen wir die Länge der Arbeitszeit, während deren der Arbeiter seine Arbeitskraft täglich verausgaben, täglich arbeiten muß. Sprechen wir dagegen von der Arbeitsperiode, so bedeutet das die Zahl zusammenhängender Arbeitstage, die in einem bestimmten Geschäftszweig erheischt ist, um ein fertiges Produkt zu liefern. Das Produkt jedes Arbeitstags ist hier nur ein Teilprodukt, welches Tag für Tag weiter ausgeführt wird und erst am Schluß der längern oder kürzern Periode der Arbeitszeit seine fertige Gestalt erhält, ein fertiger Gebrauchswert ist.

Unterbrechungen, Störungen des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, z.B. infolge von Krisen, wirken daher sehr verschieden auf Arbeitsprodukte, die diskreter Natur sind, und auf solche, die zu ihrer Produktion eine längere, zusammenhängende Periode erheischen. Auf die heutige Produktion einer bestimmten Masse von Garn, Kohle usw. folgt in dem einen Fall morgen keine neue Produktion von Garn, Kohle usw. Anders aber mit Schiffen, Gebäuden, Eisenbahnen usw. Nicht nur die Arbeit wird unterbrochen, ein zusammenhängender Produktionsakt wird unterbrochen. Wird das Werk nicht weitergeführt, so sind die bereits in seiner Produktion verzehrten Produktionsmittel und Arbeit nutzlos verausgabt. Selbst wenn es wieder aufgenommen wird, hat in der Zwischenzeit stets Deterioration stattgefunden.

Während der ganzen Dauer der Arbeitsperiode häuft sich schichtweis der Wertteil, den das fixe Kapital täglich an das Produkt bis zu dessen Reife abgibt. Und hier zeigt sich zugleich der Unterschied von fixem und zirkulierendem Kapital in seiner praktischen Wichtigkeit. Das fixe Kapital ist für längre Zeitdauer dem Produktionsprozeß vorgeschossen, es braucht nicht vor Ablauf dieser vielleicht mehrjährigen Frist erneuert zu werden. <234> Der Umstand, ob die Dampfmaschine ihren Wert stückweis täglich auf Garn, das Produkt eines diskreten Arbeitsprozesses, oder während drei Monaten auf eine Lokomotive, das Produkt eines kontinuierlichen Produktionsakts, abgibt, ändert durchaus nichts an der Auslage des für den Ankauf der Dampfmaschine nötigen Kapitals. In dem einen Fall strömt ihr Wert in kleinen Dosen zurück, z.B. wöchentlich, im andern in größren Massen, z.B. dreimonatlich. Aber in beiden Fällen findet die Erneuerung der Dampfmaschine vielleicht erst nach 20 Jahren statt. Solange jede einzelne Periode, innerhalb deren ihr Wert durch Verkauf des Produkts stückweis zurückfließt, kürzer ist als ihre eigne Existenzperiode, fährt dieselbe Dampfmaschine fort, während mehrerer Arbeitsperioden im Produktionsprozeß zu fungieren.

Anders verhält es sich dagegen mit den zirkulierenden Bestandteilen des vorgeschoßnen Kapitals. Die für diese Woche gekaufte Arbeitskraft ist verausgabt während dieser Woche und hat sich im Produkt vergegenständlicht. Sie muß Ende dieser Woche bezahlt werden. Und diese Kapitalauslage in Arbeitskraft wiederholt sich wöchentlich während der drei Monate, ohne daß die Verausgabung dieses Kapitalteils in der einen Woche den Kapitalisten befähige, den Ankauf der Arbeit in der nächsten Woche zu bestreiten. Es muß wöchentlich neues zuschüssiges Kapital in Zahlung von Arbeitskraft verausgabt werden und, wenn wir von allen Kreditverhältnissen absehn, muß der Kapitalist fähig sein, für die Zeit von drei Monaten Arbeitslohn auszulegen, obgleich er ihn nur in wöchentlichen Dosen zahlt. Ebenso mit dem andern Teil des zirkulierenden Kapitals, den Roh- und Hilfsstoffen. Eine Schicht von Arbeit nach der andern lagert sich auf dem Produkt ab. Nicht nur der Wert der verausgabten Arbeitskraft, sondern auch Mehrwert wird beständig während des Arbeitsprozesses auf das Produkt übertragen, aber auf unfertiges Produkt, das noch nicht die Gestalt der fertigen Ware hat, also noch nicht zirkulationsfähig ist. Dasselbe gilt von dem in Roh- und Hilfsstoffen schichtweis auf das Produkt übertragnen Kapitalwert.

Je nach der längern oder kürzern Dauer der Arbeitsperiode, welche die spezifische Natur des Produkts oder des zu erreichenden Nutzeffekts zu ihrer Herstellung beansprucht, ist eine beständige, zuschüssige Ausgabe von zirkulierendem Kapital (Arbeitslohn, Roh- und Hilfsstoffen) erfordert, wovon kein Teil sich in einer zirkulationsfähigen Form befindet und daher zur Erneuerung derselben Operation dienen könnte; jeder Teil vielmehr sukzessive als Bestandteil des werdenden Produkts innerhalb der Produktionssphäre festgelegt, in Form von produktivem Kapital gebunden ist. Die Um- <235> schlagszeit ist aber gleich der Summe der Produktionszeit und der Zirkulationszeit des Kapitals. Eine Verlängerung der Produktionszeit vermindert also ebensosehr die Umschlagsgeschwindigkeit wie eine Verlängerung der Zirkulationszeit. In dem vorliegenden Fall ist aber Doppeltes zu bemerken:

Erstens: der verlängerte Aufenthalt in der Produktionssphäre. Das z.B. in der ersten Woche in Arbeit, Rohmaterial etc. vorgeschoßne Kapital, ebenso wie die vom fixen Kapital an das Produkt abgegebnen Wertteile, bleiben für den ganzen Termin von drei Monaten in die Produktionssphäre gebannt und können, als einem erst werdenden, noch unfertigen Produkt einverleibt, nicht als Ware in die Zirkulation treten.

Zweitens: Da die für den Produktionsakt nötige Arbeitsperiode drei Monate dauert, in der Tat nur einen zusammenhängenden Arbeitsprozeß bildet, so muß beständig wöchentlich eine neue Dose von zirkulierendem Kapital den vorhergehenden zugefügt werden. Die Masse des nacheinander vorgeschoßnen, zusätzlichen Kapitals wächst also mit der Länge der Arbeitsperiode.

Wir haben unterstellt, daß in der Spinnerei und Maschinenfabrikation gleichgroße Kapitale angelegt sind, daß diese Kapitale in gleichgroßen Proportionen in konstantes und variables Kapital, ditto in fixes und zirkulierendes geteilt sind, daß die Arbeitstage gleich lang sind, kurz, daß alle Umstände dieselben sind, außer der Dauer der Arbeitsperiode. In der ersten Woche ist die Auslage für beide gleichgroß, aber das Produkt des Spinners kann verkauft und mit dem Erlös neue Arbeitskraft und neue Rohstoffe etc. gekauft, kurz, die Produktion auf derselben Stufenleiter fortgeführt werden. Der Maschinenfabrikant dagegen kann das in der ersten Woche verausgabte zirkulierende Kapital erst nach drei Monaten, nach Fertigstellung seines Produkts, in Geld rückverwandeln und damit von neuem operieren. Es ist also erstens Differenz im Rückfluß desselben ausgelegten Kapitalquantums. Zweitens aber: Während der drei Monate ist gleichgroßes produktives Kapital in der Spinnerei und dem Maschinenbau angewandt, aber die Größe der Kapitalauslage ist für den Spinner und den Maschinenbauer durchaus verschieden, weil in dem einen Fall dasselbe Kapital sich rasch erneuert und dieselbe Operation daher von neuem wiederholen kann; in dem andern sich relativ nur langsam erneuert und daher bis zum Termin seiner Erneuerung beständig neue Kapitalquanta den alten hinzugefügt werden müssen. Es ist also sowohl die Zeitlänge verschieden, worin sich bestimmte Portionen des Kapitals erneuern, oder die Länge der Vorschußzeit, wie auch die Masse des Kapitals (obgleich das täglich oder wöchentlich angewandte Kapital dasselbe ist), die je nach der Länge des <236> Arbeitsprozesses vorgeschossen werden muß. Der Umstand ist deswegen zu merken, weil die Länge des Vorschusses wachsen kann, wie in den im folgenden Kapitel zu betrachtenden Fällen, ohne daß deswegen die Masse des vorzuschießenden Kapitals im Verhältnis zu dieser Zeitlänge wächst. Das Kapital muß länger vorgeschossen werden, und eine größre Menge Kapital ist in der Form von produktivem Kapital gebunden.

Auf den unentwickelteren Stufen der kapitalistischen Produktion werden Unternehmungen, die eine lange Arbeitsperiode, also große Kapitalauslage für längre Zeit bedingen, namentlich wenn nur auf großer Stufenleiter ausführbar, entweder gar nicht kapitalistisch betrieben, wie z.B. Straßen, Kanäle etc. auf Gemeinde- oder Staatskosten (in ältren Zeiten meist durch Zwangsarbeit, soweit die Arbeitskraft in Betracht kommt). Oder solche Produkte, deren Herstellung eine längre Arbeitsperiode bedingt, werden nur zum geringsten Teil durch das Vermögen des Kapitalisten selbst fabriziert. Z.B. beim Hausbau zahlt die Privatperson, für welche das Haus gebaut wird, portionsweis Vorschüsse an den Bauunternehmer. Sie zahlt daher in der Tat das Haus stückweis, im Maß, wie sein Produktionsprozeß vorangeht. In der entwickelten kapitalistischen Ära dagegen, wo einerseits massenhafte Kapitale in den Händen einzelner konzentriert sind, andrerseits neben den Einzelkapitalisten der assoziierte Kapitalist (Aktiengesellschaften) tritt und gleichzeitig das Kreditwesen entwickelt ist, baut ein kapitalistischer Bauunternehmer nur noch ausnahmsweis auf Bestellung für einzelne Privatpersonen. Er macht ein Geschäft daraus, Häuserreihen und Stadtviertel für den Markt zu bauen, wie einzelne Kapitalisten ein Geschäft daraus machen, Eisenbahnen als Kontraktoren zu bauen.

Wie die kapitalistische Produktion den Häuserbau in London umgewälzt hat, darüber geben uns die Aussagen eines Bauunternehmers vor dem Bankkomitee von 1857 Auskunft. In seiner Jugend, sagte er, wurden Häuser meistens auf Bestellung gebaut und der Betrag während des Baues ratenweise an den Unternehmer bezahlt bei Vollendung gewisser Stadien des Baues. Auf Spekulation wurde nur wenig gebaut; die Unternehmer ließen sich hierauf hauptsächlich nur ein, um ihre Arbeiter regelmäßig beschäftigt und damit zusammenzuhalten. Seit den letzten 40 Jahren hat sich das alles geändert. Auf Bestellung wird nur noch sehr wenig gebaut. Wer ein neues Haus braucht, sucht sich eins aus von den auf Spekulation gebauten oder noch im Bau begriffnen. Der Unternehmer arbeitet nicht mehr für den Kunden, sondern für den Markt; ganz wie jeder andre Industrielle ist er gezwungen, fertige Ware im Markt zu haben. Während früher ein Unternehmer vielleicht drei oder vier Häuser gleichzeitig auf Spekulation im <237> Bau hatte, muß er jetzt ein ausgedehntes Grundstück kaufen (d.h. in kontinentaler Ausdrucksweise auf meist 99 Jahre mieten), bis zu 100 oder 200 Häuser darauf errichten und sich so auf eine Unternehmung einlassen, die sein Vermögen um das zwanzig bis fünfzigfache übersteigt. Die Fonds werden beschafft durch Aufnahme von Hypotheken, und das Geld dem Unternehmer zur Verfügung gestellt im Maß, wie der Bau der einzelnen Häuser fortschreitet. Kommt dann eine Krisis, die die Einzahlung der Vorschußraten zum Stocken bringt, so scheitert gewöhnlich die ganze Unternehmung; im besten Fall bleiben die Häuser unvollendet bis auf beßre Zeiten, im schlimmsten kommen sie unter den Hammer und werden zum halben Preis losgeschlagen. Ohne Spekulationsbau, und das auf großer Stufenleiter, kann heute kein Unternehmer mehr vorankommen. Der Profit aus dem Bauen selbst ist äußerst gering; sein Hauptgewinn besteht in Steigerung der Grundrente, in geschickter Auswahl und Ausnutzung des Bauterrains. Auf diesem Wege der die Nachfrage nach Häusern antizipierenden Spekulation sind fast ganz Belgravia und Tyburnia und die zahllosen Tausende von Villen um London gebaut worden. (Abgekürzt aus "Report from the Select Committee on Bank Acts", Part I, 1857, Evidence, Fragen 5413 - 5418, 5435 - 5436.)

Die Ausführung von Werken von bedeutend langer Arbeitsperiode und großer Stufenleiter fällt erst vollständig der kapitalistischen Produktion anheim, wenn die Konzentration des Kapitals bereits sehr bedeutend ist, andrerseits die Entwicklung des Kreditsystems dem Kapitalisten das bequeme Auskunftsmittel bietet, fremdes statt sein eignes Kapital vorzuschießen und daher auch zu riskieren. Es versteht sich jedoch von selbst, daß der Umstand, ob das der Produktion vorgeschoßne Kapital seinem Anwender gehört oder nicht gehört, auf Umschlagsgeschwindigkeit und Umschlagszeit keinen Einfluß hat.

Die Umstände, welche das Produkt des einzelnen Arbeitstags vergrößern, wie Kooperation, Teilung der Arbeit, Anwendung der Maschinerie, verkürzen zugleich die Arbeitsperiode bei zusammenhängenden Produktionsakten. So verkürzt Maschinerie die Bauzeit von Häusern, Brücken etc.; die Mäh- und Dreschmaschine etc. verkürzen die Arbeitsperiode, erheischt, um das gereifte Korn in fertige Ware zu verwandeln. Verbesserter Schiffsbau verkürzt mit vermehrter Geschwindigkeit die Umschlagszeit des in der Schiffahrt ausgelegten Kapitals. Diese Verbesserungen, welche die Arbeitsperiode und daher die Zeit verkürzen, für welche zirkulierendes Kapital vorgeschossen werden muß, sind jedoch meist verbunden mit vermehrter Auslage von fixem Kapital. Andrerseits kann die Arbeitsperiode in bestimmten <238> Zweigen verkürzt werden durch bloße Ausdehnung der Kooperation; die Fertigstellung einer Eisenbahn wird dadurch verkürzt, daß große Arbeiterarmeen auf die Beine gestellt werden und das Werk daher vielseitig im Raum angegriffen wird. Die Umschlagszeit wird hier verkürzt durch Wachstum des vorgeschoßnen Kapitals. Mehr Produktionsmittel und mehr Arbeitskraft müssen unter dem Kommando des Kapitalisten vereint sein.

Wenn die Verkürzung der Arbeitsperiode daher meist mit Vergrößerung des für die kürzre Zeit vorgeschoßnen Kapitals verbunden ist, so daß, im Maß wie die Vorschußzeit sich verkürzt, die Masse, worin das Kapital vorgeschossen wird, sich vergrößert - so ist hier zu erinnern, daß, abgesehn von der vorhandnen Masse des gesellschaftlichen Kapitals, es darauf ankommt, in welchem Grade die Produktions- und Lebensmittel, resp. die Verfügung darüber, zersplittert oder in den Händen individueller Kapitalisten vereinigt sind, also welchen Umfang die Konzentration der Kapitale bereits erreicht hat. Insofern der Kredit die Konzentration von Kapital in einer Hand vermittelt, beschleunigt und steigert, trägt er dazu bei, die Arbeitsperiode, und damit die Umschlagszeit, abzukürzen.

In Produktionszweigen, wo die Arbeitsperiode, sei sie nun kontinuierlich oder unterbrochen, durch bestimmte Naturbedingungen vorgeschrieben ist, kann keine Verkürzung durch die oben angegebnen Mittel stattfinden.

"Der Ausdruck: rascherer Umschlag, kann nicht auf Kornernten angewandt werden, da nur ein Umschlag im Jahr möglich ist. Was den Viehstand angeht, wollen wir einfach fragen: Wie ist der Umschlag zwei- und dreijähriger Schafe und vier- und fünfjähriger Ochsen zu beschleunigen?" (W. Walter Good: "Political, Agricultural, and Commercial Fallacies", London 1866, p. 325.)

Die Notwendigkeit, früher Geld flüssig zu haben (z.B. um fixe Leistungen wie Steuern, Grundrente etc. zu zahlen), löst diese Frage dadurch, daß Vieh z.B. verkauft und geschlachtet wird, bevor es das ökonomische Normalalter erreicht hat, zum großen Schaden der Agrikultur; es bewirkt dies auch schließlich ein Steigen der Fleischpreise.

"Die Leute, welche früher hauptsächlich Vieh züchteten, um die Weidegründe der Midland counties <Grafschaften im Inneren des Landes> im Sommer und die Ställe der östlichen Grafschaften im Winter damit zu versorgen ... sind durch die Schwankungen und Senkungen der Kornpreise so heruntergebracht worden, daß sie froh sind, aus den hohen Preisen von Butter und Käse Vorteil ziehn zu können; die erstre bringen sie wöchentlich auf den Markt, um laufende Ausgaben zu decken; gegen den letztren nehmen sie Vorschüsse von einem Faktor, der den Käse abholt, sobald er transportfähig ist, und <239> der natürlich seinen eignen Preis macht. Aus diesem Grund, und da die Landwirtschaft durch die Grundsätze der politischen Ökonomie regiert wird, werden die Kälber, die früher von den milchwirtschaftenden Gegenden zur Aufzucht nach Süden kamen, jetzt massenweise geopfert, oft, wenn sie erst acht bis zehn Tage alt sind, in den Schlachthäusern von Birmingham, Manchester, Liverpool und andern benachbarten Großstädten. Wäre dagegen das Malz unbesteuert, so hatten nicht nur die Pächter mehr Profit gemacht, und so ihr Jungvieh behalten können, bis es älter und schwerer wurde, sondern das Malz hätte auch statt Milch zur Aufzucht von Kälbern gedient bei Leuten, die keine Kühe halten; und der jetzige erschreckende Mangel an Jungvieh wäre großenteils vermieden worden. Empfiehlt man diesen kleinen Leuten jetzt, die Kälber aufzuziehn, so sagen sie: Wir wissen sehr wohl, daß die Aufzucht mit Milch sich lohnen würde, aber erstens müßten wir Geld auslegen, und das können wir nicht, und zweitens müßten wir lange warten, bis wir unser Geld wiederbekommen, während wir es in der Milchwirtschaft sogleich zurückerhalten." (Ibid., p. 11, 12.)

Wenn die Verlängrung des Umschlags solche Folgen schon bei kleinern englischen Pächtern hat, so ist leicht zu begreifen, welche Störungen sie bei den Kleinbauern des Kontinents hervorrufen muß.

Entsprechend der Dauer der Arbeitsperiode, also auch der Zeitperiode bis zur Fertigstellung der zirkulationsfähigen Ware, häuft sich der Wertteil, den das fixe Kapital schichtweis an das Produkt abgibt, und verzögert sich der Rückfluß dieses Wertteils. Aber diese Verzögrung verursacht nicht erneuerte Auslage in fixem Kapital. Die Maschine fährt fort, im Produktionsprozeß zu wirken, ob der Ersatz ihres Verschleißes langsamer oder rascher in Geldform zurückströmt. Anders verhält es sich mit dem zirkulierenden Kapital. Nicht nur muß im Verhältnis zur Dauer der Arbeitsperiode Kapital auf längre Zeit festgelegt, es muß auch beständig neues Kapital in Arbeitslohn, Roh- und Hilfsstoffen vorgeschossen werden. Verzögerter Rückfluß wirkt daher verschieden auf beide. Der Rückfluß mag langsamer oder rascher sein, das fixe Kapital fährt fort zu wirken. Das zirkulierende Kapital dagegen wird funktionsunfähig bei verzögertem Rückfluß, wenn es in der Form von unverkauftem oder unfertigem, noch nicht verkäuflichem Produkt festliegt und kein Zuschußkapital vorhanden ist. um es in natura zu erneuern. -

"Während der Bauer verhungert, gedeiht sein Vieh. Es hatte ziemlich geregnet, und das Grasfutter stand üppig. Der indische Bauer wird verhungern neben einem fetten Ochsen. Die Vorschriften des Aberglaubens erscheinen grausam gegenüber dem Einzelnen, aber sie sind erhaltend für die Gesellschaft; die Erhaltung des Arbeitsviehs sichert den Fortgang des Ackerbaus, und damit die Quellen künftigen Lebensunterhalts und Reichtums. Es mag hart und traurig lauten, aber es ist so: In Indien ist ein Mensch <240> leichter zu ersetzen als ein Ochse." ("Return, East India. Madras and Orissa Famine", Nr. 4, p. 44.)

Man vergleiche hiermit den Satz des "Manava-Dharma-Sastra", Cap. X, 62:

"Hingebung des Lebens ohne Belohnung, um einen Priester oder eine Kuh zu erhalten ... kann die Seligkeit dieser niedrig gebornen Stämme sichern."

Es ist natürlich unmöglich, ein fünfjähriges Tier vor dem Ende von fünf Jahren zu liefern. Was aber innerhalb gewisser Grenzen möglich, das ist, durch veränderte Behandlungsweise Tiere in kürzrer Zeit für ihre Bestimmung fertigzumachen. Dies wurde namentlich geleistet durch Bakewell. Früher waren englische Schafe, wie die französischen noch 1855, vor dem vierten oder fünften Jahre nicht schlachtfertig. Nach Bakewells System kann schon ein einjähriges Schaf gemästet werden, und in jedem Fall ist es vor Ablauf des zweiten Jahres vollständig ausgewachsen. Durch sorgfältige Zuchtwahl reduzierte Bakewell, Pächter von Dishley Grange, das Knochenskelett der Schafe auf das zu ihrer Existenz notwendige Minimum. Seine Schafe hießen die New Leicesters.

"Der Züchter kann jetzt drei Schafe auf den Markt liefern in derselben Zeit, in der er früher eins fertigstellte, und das in breiterer, runderer, größerer Entwicklung der am meisten Fleisch gebenden Teile. Fast ihr ganzes Gewicht ist pures Fleisch." (Lavergne, "The Rural Economy of England etc.", 1855, p. 20.)

Die Methoden, welche die Arbeitsperiode abkürzen, sind in verschiednen Industriezweigen nur in sehr verschiednem Grad anwendbar und gleichen nicht die Unterschiede in der Zeitlänge der verschiednen Arbeitsperioden aus. Um bei unsrem Beispiel zu bleiben, so mag durch Anwendung neuer Werkzeugmaschinen die zur Herstellung einer Lokomotive nötige Arbeitsperiode absolut verkürzt werden. Wird aber durch verbesserte Prozesse in der Spinnerei das täglich oder wöchentlich gelieferte fertige Produkt ungleich rascher vermehrt, so hat die Länge der Arbeitsperiode in der Maschinenfabrikation dennoch relativ zugenommen, im Vergleich mit der Spinnerei.