30. Kapitel. Geldkapital und wirkliches Kapital I | Inhalt | 32. Kapitel. Geldkapital und wirkliches Kapital III

Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 25, "Das Kapital", Bd. III, Fünfter Abschnitt, S. 511 - 520
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1983

EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
Geldkapital und wirkliches Kapital II
(Fortsetzung)

<511> Wir sind noch immer nicht zu Ende mit der Frage, wieweit die Akkumulation des Kapitals in Form von leihbarem Geldkapital zusammenfällt mit der wirklichen Akkumulation, der Erweiterung des Reproduktionsprozesses.

Die Verwandlung von Geld in leihbares Geldkapital ist eine viel einfachere Geschichte als die Verwandlung von Geld in produktives Kapital. Aber wir haben hier zweierlei zu unterscheiden:

1. die bloße Verwandlung von Geld in Leihkapital;

2. die Verwandlung von Kapital oder Revenue in Geld, das in Leihkapital verwandelt wird.

Es ist bloß der letztere Punkt, der eine, mit der wirklichen Akkumulation des industriellen Kapitals zusammenhängende, positive Akkumulation des Leihkapitals einschließen kann.

1. Verwandlung von Geld in Leihkapital

Wir haben bereits gesehn, daß eine Anhäufung, eine Überreichlichkeit von Leihkapital stattfinden kann, die nur insofern mit der produktiven Akkumulation zusammenhängt, als sie im umgekehrten Verhältnis dazu steht. Dies ist in zwei Phasen des industriellen Zyklus der Fall, nämlich erstens zur Zeit, wo das industrielle Kapital, in den beiden Formen des produktiven und des Warenkapitals, kontrahiert ist, also am Beginn des Zyklus nach der Krise; und zweitens zur Zeit, wo die Besserung beginnt, aber der kommerzielle Kredit den Bankkredit noch wenig in Anspruch nimmt. Im ersten Fall erscheint das Geldkapital, das früher in Produktion und Handel angewandt war, als unbeschäftigtes Leihkapital; im zweiten Fall erscheint es in steigendem Maß angewandt, aber zu sehr niedrigem <512> Zinsfuß, weil jetzt der industrielle und kommerzielle Kapitalist dem Geldkapitalisten die Bedingungen vorschreibt. Der Überfluß an Leihkapital drückt im ersten Fall eine Stagnation des industriellen Kapitals aus und im zweiten relative Unabhängigkeit des kommerziellen Kredits vom Bankkredit, beruhend auf Flüssigkeit des Rückstroms, kurzen Kreditterminen und vorwiegendem Arbeiten mit eignem Kapital. Die Spekulanten, die auf fremdes Kreditkapital rechnen, sind noch nicht ins Feld gerückt; die Leute, die mit eignem Kapital arbeiten, sind noch weit entfernt von annähernd reinen Kreditoperationen. In der ersteren Phase ist der Überfluß an Leihkapital das gerade Gegenteil vom Ausdruck der wirklichen Akkumulation. In der zweiten Phase fällt er zusammen mit erneuter Expansion des Reproduktionsprozesses, begleitet sie, ist aber nicht Ursache davon. Der Überfluß an Leihkapital nimmt schon ab, ist nur noch relativ im Verhältnis zur Nachfrage. In beiden Fällen wird die Ausdehnung des wirklichen Akkumulationsprozesses dadurch gefördert, weil der niedrige Zins, der im ersten Fall mit niedrigen Preisen, im zweiten mit langsam steigenden Preisen zusammenfällt, den Teil des Profits vergrößert, der sich in Unternehmergewinn verwandelt. Noch mehr findet dies statt beim Steigen des Zinses auf seinen Durchschnitt während der Höhe der Prosperitätszeit, wo er zwar gewachsen ist, aber nicht im Verhältnis zum Profit.

Wir haben andrerseits gesehn, daß eine Akkumulation des Leihkapitals stattfinden kann, ohne alle wirkliche Akkumulation, durch bloß technische Mittel, wie Ausdehnung und Konzentration des Bankwesens, Ersparung der Zirkulationsreserve oder auch der Reservefonds von Zahlungsmitteln der Privaten, die dadurch immer für kurze Zeiten in Leihkapital verwandelt werden. Obgleich dies Leihkapital, was daher auch schwebendes Kapital (floating capital) genannt wird, stets nur für kurze Perioden die Form von Leihkapital behält (wie ja auch nur für kurze Perioden diskontiert werden soll), so fließt es beständig zu und ab. Zieht der eine es weg, so bringt der andre es hin. Die Masse des leihbaren Geldkapitals (wir sprechen hier überhaupt nicht von Anleihen auf Jahre, sondern nur von kurzlebigen gegen Wechsel und Depot) wächst so in der Tat ganz unabhängig von der wirklichen Akkumulation.

B.C. 1857, Frage 501. "Was verstehn Sie unter floating capital?" (Herr Weguelin, Gouverneur der Bank von England:) "Es ist Kapital, verwendbar für Geldanleihen auf kurze Zeit ... (502). Noten der Bank von England ... der Provinzialbanken, und der Betrag des im Land vorhandnen Geldes." {Frage:} "Es scheint nicht, nach den dem Ausschuß vorliegenden Ausweisen, daß, wenn Sie unter floating capital die aktive Zirkulation" {nämlich der Noten der Bank von England} "verstehn, in dieser aktiven <513> Zirkulation irgendwelche sehr bedeutende Schwankung vorkommt?" (Es ist aber ein sehr großer Unterschied, durch wen die aktive Zirkulation vorgeschossen ist, ob durch den Geldverleiher oder durch den reproduktiven Kapitalisten selbst. - Antwort Weguelins:) "Ich schließe in das floating capital die Reserven der Bankiers ein, in denen bedeutende Schwankung ist."

D.h. also, bedeutende Schwankung findet statt in dem Teil der Depositen, den die Bankiers nicht wieder verliehen haben, sondern der als ihre Reserve, großenteils aber auch als die Reserve der Bank von England figuriert, bei der sie deponiert sind. Zuletzt sagt derselbe Herr: floating capital sei - bullion, d.h. Barren und Hartgeld. (503.) Es ist überhaupt wundervoll, wie in diesem Kreditkauderwelsch des Geldmarkts alle Kategorien der politischen Ökonomie einen andern Sinn und eine andre Form erhalten. Floating capital ist dort der Ausdruck für circulating capital, was natürlich etwas ganz andres ist, und money ist capital, und bullion ist capital, und Banknoten sind circulation, und Kapital ist a commodity <eine Ware> , und Schulden sind commodities, und fixed capital ist Geld, das in schwer verkäuflichen Papieren angelegt ist!

"Die Aktienbanken von London ... haben ihre Depositen vermehrt von 8.850.774 Pfd.St. in 1847 auf 43.100.724 Pfd.St. in 1857 ... Die dem Ausschuß vorgelegten Nachweise und Aussagen lassen schließen, daß von diesem ungeheuren Betrage ein großer Teil aus Quellen abgeleitet ist, die früher für diesen Zweck nicht benutzbar waren; und daß die Gewohnheit, eine Rechnung beim Bankier zu eröffnen und Geld bei ihm zu deponieren, sich ausgedehnt hat auf zahlreiche Quellen, die früher für diesen Zweck nicht benutzbar waren; und daß die Gewohnheit, Rechnung beim Bankier zu eröffnen und Geld bei ihm zu deponieren. sich ausgebreitet hat auf zahlreiche Klassen, die früher ihr Kapital (!) nicht in dieser Weise anlegten. Herr Rodwell, Präsident der Assoziation der Provinzial-Privatbanken" {im Unterschied von Aktienbanken} "und delegiert von ihr, um vor dem Ausschuß auszusagen, gibt an, daß in der Gegend von Ipswich diese Gewohnheit neuerdings sich ums Vierfache vermehrt hat unter den Pächtern und Kleinhändlern jenes Bezirkes; daß fast alle Pächter, selbst die nur 50 Pfd.St. jährliche Pacht zahlen, jetzt bei Banken Depositen halten. Die Masse dieser Depositen findet natürlich ihren Weg zur Verwendung im Geschäft und gravitiert namentlich nach London, dem Zentrum der kommerziellen Tätigkeit, wo sie zunächst Verwendung findet im Wechseldiskonto und in andren Vorschüssen an die Kunden der Londoner Bankiers. Ein großer Teil jedoch, wofür die Bankiers selbst keine unmittelbare Nachfrage haben, geht in die Hände der bill-brokers, die den Bankiers dagegen Handelswechsel geben, welche sie schon einmal für Leute in London und in den Provinzen diskontiert haben." (B.C. 1858, p. [V, Absatz Nr.] 8.)

<514> Indem der Bankier auf die Wechsel, die der bill-broker bereits einmal diskontiert hat, diesem bill-broker Vorschüsse macht, rediskontiert er sie tatsächlich noch einmal; aber in Wirklichkeit sind sehr viele dieser Wechsel bereits vom bill-broker rediskontiert worden, und mit demselben Geld, womit der Bankier die Wechsel des bill-brokers rediskontiert, rediskontiert dieser neue Wechsel. Wozu dies führt:

"Ausgedehnte fiktive Kredite sind geschaffen worden durch Akkommodationswechsel und Blankokredite, was sehr erleichtert wurde durch das Verfahren der provinziellen Aktienbarken, die solche Wechsel diskontierten und sie dann bei bill-brokers im Londoner Markt rediskontieren ließen, und zwar allein auf den Kredit der Bank hin, ohne Rücksicht auf die sonstige Qualität der Wechsel." (l.c.[p. XXI, Absatz Nr. 54].)

Über dies Rediskontieren und über den Vorschub, die diese bloß technische Vermehrung des leihbaren Geldkapitals bei Kreditschwindeleien leistet, ist folgende Stelle aus dem "Economist" interessant:

"Während vieler Jahre akkumulierte sich das Kapital" (nämlich das leihbare Geldkapital) "in einigen Distrikten des Landes rascher, als es angewandt werden konnte, während in andren die Mittel seiner Anlage rascher wuchsen als das Kapital selbst. Während so die Bankiers in den Ackerbaudistrikten keine Gelegenheit fanden, ihre Depositen profitlich und sicher in ihrer eignen Gegend anzulegen, hatten diejenigen in den Industriebezirken und den Handelsstädten mehr Nachfrage nach Kapital, als sie liefern konnten. Die Wirkung dieser verschiednen Lagen in den verschiednen Distrikten hat in den letzten Jahren zur Entstehung und reißend schnellen Ausdehnung einer neuen, in der Verteilung des Kapitals beschäftigten Klasse von Häusern geführt, die, obgleich gewöhnlich bill-brokers genannt, in Wirklichkeit Bankiers auf dem allergrößten Maßstabe sind. Das Geschäft dieser Häuser ist, für bestimmt abgemachte Perioden und zu bestimmt abgemachten Zinsen das Surpluskapital zu übernehmen von den Banken der Distrikte, wo es nicht verwandt werden konnte, ebenso wie die zeitweis brachliegenden Mittel von Aktiengesellschaften und großen kaufmännischen Häusern, und dies Geld vorzuschießen, zu höherem Zinsfuß, an die Banken der Distrikte, wo Kapital mehr gefragt wird; in der Regel durch Rediskontieren der Wechsel von ihren Kunden... So wurde Lombardstreet das große Zentrum, wo die Übertragung von brachliegendem Kapital erfolgt von einem Teil des Landes, wo es nicht nützlich verwandt werden kann, zu einem andern, wo Nachfrage darnach; und dies sowohl für die verschiednen Landesteile, wie auch für ähnlich gestellte Individuen. Ursprünglich waren diese Geschäfte fast ausschließlich beschränkt auf Borgen und auf Leihen gegen bankmäßiges Unterpfand. Aber im Verhältnis, wie das Kapital des Landes rasch anwuchs und durch Errichtung von Banken immer mehr ökonomisiert wurde, wurden die Fonds zur Verfügung dieser Diskontohäuser so groß, daß sie dazu übergingen, Vorschüsse zu machen, zuerst auf dock warrants (Lagerscheine auf Waren in den Docks) und dann auch auf Ladescheine, die noch gar nicht angekommene Produkte repräsentierten, obgleich <515> manchmal, wenn nicht regelmäßig, schon Wechsel darauf auf den Warenmakler gezogen waren. Diese Praxis änderte bald den ganzen Charakter des englischen Geschäfts. Die so in Lombardstreet gebotnen Erleichterungen gaben den Warenmaklern in Mincing Lane eine sehr verstärkte Stellung; diese gaben ihrerseits wieder den ganzen Vorteil den importierenden Kaufleuten; diese letzteren nahmen so sehr teil daran, daß, wahrend 25 Jahre vorher Kreditnahme auf seine Ladescheine oder selbst seine dock warrants den Kredit eines Kaufmanns ruiniert hätte, in den letzten Jahren diese Praxis so allgemein wurde, daß man sie als die Regel betrachten kann, und nicht mehr, wie vor 25 Jahren, als seltne Ausnahme. Ja, dies System ist so weit ausgedehnt worden, daß große Summen in Lombardstreet aufgenommen worden sind auf Wechsel, gezogen gegen die noch wachsende Ernte entlegner Kolonien. Die Folge solcher Erleichterungen war, daß die Importkaufleute ihre auswärtigen Geschäfte erweiterten und ihr schwebendes (floating) Kapital, womit ihr Geschäft bisher geführt worden, festlegten in der verwerflichsten aller Anlagen, in Kolonialplantagen, worüber sie wenig oder gar keine Kontrolle ausüben konnten. So sehn wir die direkte Verkettung der Kredite. Das Kapital des Landes, das in unsern Ackerbaudistrikten angesammelt, wird in kleinen Beträgen als Depositen in Landbanken niedergelegt und zur Verwendung in Lombardstreet zentralisiert. Aber nutzbar gemacht worden ist es erstens zur Ausdehnung des Geschäfts in unsern Bergwerks- und Industriebezirken vermittelst Rediskontieren von Wechseln an dortige Banken; sodann aber auch zur Gewährung größrer Erleichterungen an Importeure auswärtiger Produkte durch Vorschüsse auf dock warrants und Ladescheine, wodurch das 'legitime' Kaufmannskapital von Häusern im auswärtigen und Kolonialgeschäft freigesetzt und so zu den verwerflichsten Anlagearten in überseeischen Plantagen verwandt werden konnte." ("Economist", 1847, p. 1334.)

Es ist dies die "schöne" Verschlingung der Kredite. Der ländliche Depositor bildet sich ein, nur bei seinem Bankier zu deponieren, und bildet sich ferner ein, daß, wenn der Bankier ausleiht, dies an diesem bekannte Privatpersonen geschieht. Er hat nicht die entfernteste Ahnung, daß dieser Bankier sein Depositum zur Verfügung eines Londoner bill-brokers stellt, über dessen Operationen sie beide nicht die geringste Kontrolle haben.

Wie große öffentliche Unternehmungen, z. B. Eisenbahnbau, momentan das Leihkapital vermehren können, indem die eingezahlten Beträge bis zu ihrer wirklichen Verwendung immer während einer gewissen Zeit in den Händen der Banken disponibel bleiben, haben wir bereits gesehn.

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Die Masse des Leihkapitals ist übrigens durchaus verschieden von der Quantität der Zirkulation. Unter Quantität der Zirkulation verstehn wir hier die Summe aller in einem Lande befindlichen, zirkulierenden Banknoten und alles Hartgeldes, inkl. der Barren von Edelmetallen. Ein Teil dieser Quantität bildet die ihrer Größe nach stets wechselnde Reserve der Banken.

<516> "Am 12. Nov. l857" (dem Datum der Suspension des Bankakts von 1844) "betrug die Gesamtreserve der Bank von England, alle Zweigbanken einbegriffen, nur 580. 751 Pfd.St.; die Summe der Depositen betrug gleichzeitig 22 1/2 Millionen Pfd.St., wovon nahe an 6 1/2 Millionen den Londoner Bankiers gehörten." (B.A. 1858, p. LVII.)

Die Variationen des Zinsfußes (abgesehn von den in längern Perioden erfolgenden oder von dem Unterschied des Zinsfußes in verschiednen Ländern; die erstern sind bedingt durch Variationen in der allgemeinen Profitrate, die zweiten durch Differenzen in den Profitraten und in der Entwicklung des Kredits) hängen ab vom Angebot des Leihkapitals (alle andern Umstände, Stand des Vertrauens etc. gleichgesetzt), d.h. des Kapitals, das in Form von Geld, Hartgeld und Noten, verliehen wird; im Unterschied zum industriellen Kapital, das als solches, in Warenform, vermittelst des kommerziellen Kredits, unter den reproduktiven Agenten selbst verliehen wird.

Aber dennoch ist die Masse dieses leihbaren Geldkapitals verschieden und unabhängig von der Masse des zirkulierenden Geldes.

Wenn 20 Pfd.St. z.B. fünfmal per Tag verliehen würden, so würde ein Geldkapital von 100 Pfd.St. verliehen, und dies würde zugleich einschließen, daß diese 20 Pfd.St. außerdem wenigstens viermal als Kauf- oder Zahlungsmittel fungiert hätten; denn wäre es ohne Vermittlung von Kauf und Zahlung, so daß es nicht wenigstens viermal die verwandelte Form von Kapital (Ware, darunter auch Arbeitskraft eingeschlossen) vorgestellt hätte, würde es nicht ein Kapital von 100 Pfd.St., sondern nur fünf Forderungen auf je 20 Pfd.St. konstituieren.

In Ländern von entwickeltem Kredit können wir annehmen, daß alles zur Verleihung disponible Geldkapital in der Form von Depositen bei Banken und Geldverleihern existiert. Dies gilt wenigstens für das Geschäft im ganzen und großen. Zudem wird in guten Geschäftszeiten, ehe die eigentliche Spekulation losgelassen wird, bei leichtem Kredit und wachsendem Vertrauen der größte Teil der Zirkulationsfunktionen durch einfache Kreditübertragung erledigt, ohne Dazwischenkunft von Metall- oder papiernem Geld.

Die bloße Möglichkeit großer Depositenbeträge, bei relativ geringem Quantum von Zirkulationsmitteln, hängt einzig ab:

1. von der Anzahl der Käufe und Zahlungen, die dasselbe Geldstück verrichtet;

2. der Anzahl seiner Rückwanderungen, worin es als Depositum zu den Banken zurückkehrt, so daß seine wiederholte Funktion als Kauf- und Zahlungsmittel vermittelt ist durch seine erneuerte Verwandlung in Depo- <517> situm. Z.B. ein Kleinhändler deponiere wöchentlich beim Bankier 100 Pfd.St. in Geld; der Bankier zahlt damit einen Teil des Depositums des Fabrikanten aus; dieser zahlt es weg an die Arbeiter; diese zahlen damit beim Kleinhändler, der es aufs neue bei der Bank deponiert. Die vom Kleinhändler deponierten 100 Pfd.St. haben also gedient, erstens ein Depositum des Fabrikanten auszuzahlen, zweitens die Arbeiter zu zahlen, drittens den Kleinhändler selbst zu zahlen, viertens einen ferneren Teil des Geldkapitals desselben Kleinhändlers zu deponieren; denn am Schluß von 20 Wochen, wenn er selbst nicht gegen dies Geld zu ziehn hätte, hätte er so mit denselben 100 Pfd.St. 2.000 Pfd.St. beim Bankier deponiert.

Wie weit dies Geldkapital unbeschäftigt ist, zeigt sich nur im Ab- und Zufluß der Reservefonds der Banken. Daher schließt Herr Weguelin, 1857 Gouverneur der Bank von England, daß das Gold in der Bank von England das "einzige" Reservekapital ist:

1258. "Nach meiner Ansicht wird die Diskontrate tatsächlich bestimmt durch den Belauf des unbeschäftigten Kapitals, das im Land vorhanden ist. Der Betrag des unbeschäftigten Kapitals wird repräsentiert durch die Reserve der Bank von England, die tatsächlich eine Goldreserve ist. Wenn also das Gold abfließt, so vermindert dies den Betrag des unbeschäftigten Kapitals im Lande und steigert deshalb den Wert des noch übrigen Teils." - 1364. [Newmarch:] "Die Goldreserve der Bank von England ist in Wahrheit die Zentralreserve oder der Barschatz, auf Grundlage wovon das ganze Geschäft des Landes bewirkt wird ... Es ist dieser Schatz oder dies Reservoir, worauf die Wirkung der auswärtigen Wechselkurse immer fällt." ("Report on Bank Acts", 1857.)

Für die Akkumulation des wirklichen, d.h. produktiven und Warenkapitals gibt einen Maßstab die Statistik der Ausfuhr und Einfuhr. Und da zeigt sich stets, daß für die in zehnjährigen Zyklen sich bewegende Entwicklungsperiode der englischen Industrie (1815-1870) jedesmal das Maximum der letzten Prosperitätszeit vor der Krise als Minimum der nächstfolgenden Prosperitätszeit wieder erscheint, um dann zu einem weit höheren neuen Maximum zu steigen.

Der wirkliche oder deklarierte Wert der ausgeführten Produkte von Großbritannien und Irland im Prosperitätsjahr 1824 war 40.396.300 Pfd.St. Der Betrag der Ausfuhr fällt dann mit der Krisis von 1825 unter diese Summe und schwankt zwischen 35 und 39 Millionen jährlich. Mit der wiederkehrenden Prosperität 1834 steigt er über das frühere höchste Niveau auf 41.649.191 Pfd.St. und erreicht 1836 das neue Maximum von 53.368.571 Pfd.St. Mit 1837 fällt er wieder auf 42 Millionen, so daß das neue Minimum <518> bereits höher steht als das alte Maximum, und schwankt dann zwischen 50 und 53 Millionen. Die Rückkehr der Prosperität hebt den Ausfuhrbetrag 1844 auf 581/2 Millionen, wo das Maximum von 1836 schon wieder weit übertroffen ist. 1845 erreicht er 60.111.082 Pfd.St.; fällt dann auf über 57 Millionen 1846, 1847 beinahe 59 Millionen, 1848 beinahe 53 Millionen, steigt 1849 auf 631/2 Millionen, 1853 beinahe 99 Millionen, 1854 97 Millionen, 1855 941/2 Millionen, 1856 beinahe 116 Millionen und erreicht das Maximum 1857 mit 122 Millionen. Er fällt 1858 auf 116 Millionen, steigt aber schon 1859 auf 130 Millionen, 1860 beinahe 136 Millionen, 1861 nur 125 Millionen (hier wieder das neue Minimum höher als das frühere Maximum), 1863 1461/2 Millionen.

Dasselbe könnte natürlich auch nachgewiesen werden für die Einfuhr, die die Ausdehnung des Markts zeigt; hier haben wir es nur mit der Stufenleiter der Produktion zu tun. {Dies gilt für England selbstverständlich nur für die Zeit des tatsächlichen industriellen Monopols; es gilt aber überhaupt für die Gesamtheit der Länder mit moderner großer Industrie, solange der Weltmarkt sich noch expandiert. - F. E.}

2. Verwandlung von Kapital oder Revenue in Geld,
das in Leihkapital verwandelt wird

Wir betrachten hier die Akkumulation des Geldkapitals, soweit sie nicht Ausdruck ist entweder einer Stockung im Fluß des kommerziellen Kredits oder aber einer Ökonomisierung, sei es des wirklich umlaufenden Mittels, sei es des Reservekapitals der in der Reproduktion beschäftigten Agenten.

Außer diesen beiden Fällen kann Akkumulation von Geldkapital entstehn durch außergewöhnlichen Goldzufluß, wie 1852 und 1853 infolge der australischen und kalifornischen neuen Goldminen. Solches Gold wurde in der Bank von England deponiert. Die Depositoren nahmen Noten dagegen, die sie nicht wieder direkt bei Bankiers deponierten. Dadurch wurde das zirkulierende Mittel außergewöhnlich vermehrt. (Aussage von Weguelin, B. C. 1857, Nr. 1329.) Die Bank suchte diese Depositen zu verwerten durch Erniedrigung des Diskontos auf 2%. Die in der Bank aufgehäufte Goldmasse stieg während sechs Monaten von 1853 auf 22-23 Mill.

Die Akkumulation aller Geld verleihenden Kapitalisten geschieht selbstredend stets unmittelbar in der Geldform, während wir gesehn haben, daß die wirkliche Akkumulation der industriellen Kapitalisten in der Regel durch Vermehrung der Elemente des reproduktiven Kapitals selbst sich <519> vollzieht. Die Entwicklung des Kreditwesens und die ungeheure Konzentration des Geld verleihenden Geschäfts in den Händen großer Banken muß also an und für sich schon die Akkumulation des leihbaren Kapitals beschleunigen als eine von der wirklichen Akkumulation verschiedne Form. Diese rasche Entwicklung des Leihkapitals ist daher ein Resultat der wirklichen Akkumulation, denn sie ist die Folge der Entwicklung des Reproduktionsprozesses, und der Profit, der die Akkumulationsquelle dieser Geldkapitalisten bildet, ist nur ein Abzug von dem Mehrwert, den die Reproduktiven herausschlagen (zugleich Aneignung eines Teils des Zinses von fremden Ersparungen). Das Leihkapital akkumuliert auf Kosten zugleich der Industriellen und Kommerziellen. Wir haben gesehn, wie in den ungünstigen Phasen des industriellen Zyklus der Zinsfuß so hoch steigen kann, daß er für einzelne, besonders nachteilig gestellte Geschäftszweige den Profit zeitweilig ganz verschlingt. Gleichzeitig fallen die Preise der Staatseffekten und andren Wertpapiere. Dies ist der Moment, wo die Geldkapitalisten diese entwerteten Papiere massenhaft aufkaufen, die in den spätem Phasen bald wieder auf und über ihre normale Höhe steigen. Dann werden sie losgeschlagen und so ein Teil des Geldkapitals des Publikums angeeignet. Der Teil, der nicht losgeschlagen wird, wirft höhere Zinsen ab, weil unter dem Preis gekauft. Allen Profit aber, den die Geldkapitalisten machen und den sie in Kapital rückverwandeln, verwandeln sie zunächst in leihbares Geldkapital. Die Akkumulation des letzteren, als unterschieden von der wirklichen Akkumulation, obgleich deren Sprößling, folgt also schon, wenn wir nur die Geldkapitalisten, Bankiers etc. selbst betrachten, als Akkumulation dieser besonderen Klasse von Kapitalisten. Und sie muß wachsen mit jeder Ausdehnung des Kreditwesens, wie es die wirkliche Erweiterung des Reproduktionsprozesses begleitet.

Steht der Zinsfuß niedrig, so fällt diese Entwertung des Geldkapitals hauptsächlich auf die Depositoren, nicht auf die Banken. Vor der Entwicklung der Aktienbanken lagen in England 3/4 aller Depositen bei den Banken unverzinst. Wo jetzt Zins dafür gezahlt wird, beträgt dieser mindestens 1% weniger als der Tageszinsfuß.

Was die Geldakkumulation der übrigen Klassen von Kapitalisten anbetrifft, so sehn wir ab von dem Teil, der in zinstragenden Papieren angelegt wird und in dieser Form akkumuliert. Wir betrachten bloß den Teil, der als leihbares Geldkapital auf den Markt geworfen wird.

Wir haben hier erstens den Teil des Profits, der nicht als Revenue verausgabt, sondern zur Akkumulation bestimmt wird, wofür aber die industriellen Kapitalisten zunächst keine Verwendung in ihrem eignen Geschäft <520> haben. Unmittelbar existiert dieser Profit im Warenkapital, von dessen Wert er einen Teil ausmacht, und wird mit diesem in Geld realisiert. Wird er nun nicht (wir sehn zunächst vom Kaufmann ab, von dem wir besonders sprechen werden) rückverwandelt in die Produktionselemente des Warenkapitals, so muß es eine Zeitlang in Form des Geldes verharren. Diese Masse steigt mit der Masse des Kapitals selbst, auch bei abnehmender Profitrate. Der Teil, der als Revenue verausgabt werden soll, wird nach und nach verzehrt, bildet aber in der Zwischenzeit als Depositum Leihkapital beim Bankier. Also selbst das Wachsen des als Revenue verausgabten Teils des Profits drückt sich aus in einer allmählichen, sich beständig wiederholenden Akkumulation von Leihkapital. Und ebenso der andre Teil, der zur Akkumulation bestimmt ist. Mit Entwicklung des Kreditwesens und seiner Organisation drückt sich also selbst das Steigen der Revenue, d.h. der Konsumtion der industriellen und kommerziellen Kapitalisten aus als Akkumulation von Leihkapital. Und dies gilt von allen Revenuen, soweit sie nach und nach verzehrt werden, also von Grundrente, Arbeitslohn in seinen höhern Formen, Einnahme der unproduktiven Klassen etc. Sie alle nehmen für eine gewisse Zeit die Form der Geldrevenue an und sind daher verwandelbar in Depositen und damit in Leihkapital. Es gilt von aller Revenue, ob zur Konsumtion oder zur Akkumulation bestimmt, sobald sie in irgendwelcher Geldform existiert, daß sie ein in Geld verwandelter Wertteil des Warenkapitals ist und daher Ausdruck und Resultat der wirklichen Akkumulation, aber nicht das produktive Kapital selbst. Wenn ein Spinner sein Garn ausgetauscht hat gegen Baumwolle, den Teil aber, der Revenue bildet, gegen Geld, so ist das wirkliche Dasein seines industriellen Kapitals das Garn, das in die Hand des Webers oder auch etwa des Privatkonsumenten übergegangen, und zwar ist das Garn das Dasein - sei es für Reproduktion, sei es für Konsumtion - sowohl des Kapitalwerts wie des Mehrwerts, der in ihm steckt. Die Größe des in Geld verwandelten Mehrwerts hängt ab von der Größe des im Garn steckenden Mehrwerts. Sobald es aber in Geld verwandelt, ist dies Geld nur das Wertdasein dieses Mehrwerts. Und als solches wird es Moment des Leibkapitals. Dazu ist nichts nötig, als daß es sich in Depositum verwandelt, wenn nicht schon durch seinen Eigner selbst ausgeliehn. Um in produktives Kapital rückverwandelt zu werden, muß es dagegen schon eine bestimmte Minimalgrenze erreicht haben.