Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke, (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 14, 4. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1961, Berlin/DDR. S. 490-540.

1. Korrektur
Erstellt am 31.08.1998.

VII. Die Augsburger Kampagne | Inhalt | IX. Agentur

VIII. Dâ-Dâ Vogt und seine Studien


"Sine studio"

<490> Ungefähr einen Monat vor Ausbruch des italienischen Krieges erschienen Vogts s.g. "Studien zur gegenwärtigen Lage Europas", Genf 1859. Cui bono? <Wem zum Nutzen?>

Vogt wußte, daß

"England bei dem bevorstehenden Kriege neutral bleiben wird." ("Studien", p. 4.)

Er wußte, daß Rußland

"in Übereinstimmung mit Frankreich alle Mittel aufbieten wird, welche diesseits der offenen Feindseligkeit liegen, um Östreich zu schaden". ("Studien", p. 13.)

Er wußte, daß Preußen - doch lassen wir ihn selbst sagen, was er von Preußen weiß.

"Dem Kurzsichtigsten muß es nun klargeworden sein, daß ein Einverständnis zwischen Preußens Regierung und der kaiserlichen Regierung Frankreichs besteht; daß Preußen nicht zur Verteidigung der außerdeutschen Provinzen Östreichs zum Schwerte greifen wird, daß es zu allen Maßregeln, welche die Verteidigung des Bundesgebiets betreffen, seine Zustimmung geben, sonst aber jede Teilnahme des Bundes oder einzelner Bundesmitglieder für Östreich verhindern wird, um dann, bei den spätern Friedensverhandlungen, seinen Lohn für diese Anstrengungen in norddeutschen Flachlanden zu erhalten." (l.c. p. 19.)

Also Fazit: Im bevorstehenden Kreuzzug Bonapartes gegen Östreich wird England neutral bleiben, Rußland feindselig gegen Östreich wirken, Preußen die etwa rauflustigen Bundesglieder still halten und Europa den Krieg lokalisieren. Wie früher den russischen Krieg, wird Louis Bonaparte jetzt den italienischen Krieg mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis, gewissermaßen als Geheimgeneral einer europäischen Koalition führen. Wozu also Vogts Pamphlet? Da Vogt weiß, daß England, Rußland und Preußen gegen Östreich handeln, was zwingt ihn, für Bonaparte zu schreiben? Aber es <491> scheint, daß außer der alten Franzosenfresserei mit "dem kindisch gewordnen Vater Arndt und dem Schemen des Dreckpeters Jahn an der Spitze" (p. 121, l.c.) eine Art nationaler Bewegung "das deutsche Volk" aufschüttelte und in allerhand "Kammern und Zeitungen" ihr Echo fand, "während die Regierungen nur zögernd und mit Widerstreben in die herrschende Strömung eingehn". (p. 114 l.c.) Es scheint, daß der Glauben an eine drohende Gefahr" einen "Ruf nach gemeinsamen Maßregeln" (l.c.) aus dem deutschen "Volke" erschallen ließ. Der französische "Moniteur" (s. u.a. Nummer vom 15. März 1859) sah diese deutsche Bewegung mit "Kummer und Staunen".

"Eine Art Kreuzzug gegen Frankreich", ruft er aus, "wird in den Kammern und der Presse einiger Staaten des deutschen Bundes gepredigt. Man klagt es an, ehrsüchtige Pläne zu hegen, die es abgeleugnet hat, Eroberungen vorzubereiten, deren es nicht bedarf" usw.

Diesen "Verleumdungen" gegenüber zeigt der "Moniteur", daß "des Kaisers" Auftreten in der italienischen Frage "umgekehrt dem deutschen Geist die größte Sicherheit inspirieren" muß, daß deutsche Einheit und Nationalität gewissermaßen die Steckenpferde des dezembristischen Frankreichs sind usw. Der "Moniteur" gesteht indes (siehe 10. April 1859), gewisse deutsche Befürchtungen möchten durch gewisse Pariser Pamphlets "provoziert" scheinen - Pamphlets, worin Louis Bonaparte sich selbst dringend ersucht, seinem Volk die "langersehnte Gelegenheit" zu geben, "pour s'étendre majestueusement des Alpes au Rhin" (sich majestätisch von den Alpen zum Rhein zu erstrecken). "Aber", sagt der "Moniteur",

"Deutschland vergißt, daß Frankreich unter der Ägide einer Gesetzgebung steht, die keine Präventivkontrolle auf Seite der Regierung gestattet."

Diese und ähnliche "Moniteur"-Erklärungen riefen, wie dem Grafen Malmesbury gemeldet ward (s. das Blue Book "On the affairs of Italy. January to May 1859"), das grade Gegenteil der beabsichtigten Wirkung hervor. Was der "Moniteur" nicht vermochte, das vermochte vielleicht Karl Vogt. Seine "Studien" sind nichts als verdeutschte Kompilation aus "Moniteur"-Artikeln, Dentu-Pamphlets und dezembristischen Zukunftskarten.

Vogts Kannegießerei über England hat nur ein Interesse - die Manier seiner "Studien" anschaulich zu machen. Seinen französischen Original- <492> quellen gemäß verwandelt er den englischen Admiral Sir Charles Napier in einen "Lord" Napier ("Studien", p. 4). Die an das Dezembertum attachierten literarischen Zuaven wissen vom Theater der Porte St. Martin her, daß jeder vornehme Engländer wenigstens ein Lord ist.

"Mit Östreich", erzählt Vogt, "hat England niemals längere Zeit harmonieren können. Wenn augenblickliche Gemeinschaft der Interessen sie für einige Zeit zusammenführte, stets trennte sie unmittelbar wieder die politische Notwendigkeit. Mit Preußen dagegen trat England stets wieder in nähere Verbindung" etc. (p. 2, l.c.)

In der Tat! Der gemeinschaftliche Kampf Englands und Östreichs gegen Ludwig XIV. währt mit geringen Unterbrechungen von 1689 bis 1713, also beinahe ein Vierteljahrhundert. Im östreichischen Sukzessionskriege kämpft England während ungefähr 6 Jahren mit Östreich gegen Preußen und Frankreich. Erst im Siebenjährigen Kriege alliiert sich England mit Preußen gegen Östreich und Frankreich, aber schon 1762 läßt Lord Bute Friedrich den Großen im Stich, um abwechselnd dem russischen Minister Golizyn und dem östreichischen Minister Kaunitz Vorschläge zur "Teilung Preußens" zu machen. Im Jahre 1790 schließt England gegen Rußland und Östreich einen Vertrag mit Preußen, der jedoch in demselben Jahre wieder zerrinnt. Während des Antijakobinerkriegs entzieht sich Preußen, trotz Pitts Subsidien, durch den Vertrag von Basel der europäischen Koalition. Östreich dagegen, von England gehetzt, kämpft mit geringen Unterbrechungen fort von 1793 bis 1809. Kaum ist Napoleon beseitigt, noch während des Wiener Kongresses, als England sofort mit Östreich und Frankreich einen geheimen Vertrag (vom 3. Januar 1815) gegen Rußland und Preußen schließt. Im Jahre 1821 verabreden Metternich und Castlereagh zu Hannover eine neue Übereinkunft gegen Rußland. Während daher die Briten selbst, Geschichtsschreiber und Parlamentsredner, von Östreich vorzugsweise als dem "ancient ally" (alten Alliierten) Englands sprechen, entdeckt Vogt in seinen bei Dentu erschienenen französischen Originalpamphlets, daß Östreich und England, "augenblickliche Gemeinschaft" abgerechnet, sich stets schieden, England und Preußen dagegen sich stets verbanden, weshalb wohl auch Lord Lyndhurst, während des russischen Kriegs, dem Hause der Lords mit Bezug auf Preußen zurief: "Quem tu, Romane, caveto!" <"Hüte dich vor ihm, Römer!"> Das protestantische England hat Antipathien gegen das katholische Östreich, das liberale England Antipathien gegen das konservative Östreich, das freihändlerische England Anti- <493> pathien gegen das schutzzöllnerische Östreich, das zahlungsfähige England Antipathien gegen das bankerotte Östreich. Aber das pathetische Element blieb der englischen Geschichte stets fremd. Lord Palmerston, während seiner 30jährigen Regierung Englands, beschönigt allerdings gelegentlich sein Vasallentum unter Rußland mit seiner Antipathie gegen Östreich. Aus "Antipathie" gegen Östreich verweigerte er z.B. die 1848 von Östreich angebotene, von Piemont und Frankreich gutgeheißne Vermittlung Englands in Italien, wonach Östreich sich bis an die Etschlinie und Verona zurückzog, die Lombardei, wenn es ihr gutdünkte, sich Piemont einverleibte, Parma und Modena an die Lombardei fielen, Venedig aber unter einem östreichischen Erzherzog einen unabhängigen italienischen Staat bildete und sich selbst seine Verfassung gab. (Siehe "Blue Book on the affairs of Italy", Part II, July 1849, No. 377, 478.) Diese Bedingungen waren jedenfalls günstiger als die des Friedens von Villafranca. Nachdem Radetzky die Italiener auf allen Punkten geschlagen, schlug Palmerston die von ihm selbst verworfenen Bedingungen vor. Sobald die Interessen Rußlands ein umgekehrtes Verfahren erheischten, während des ungarischen Unabhängigkeitskrieges, wies er dagegen, trotz seiner "Antipathie" gegen Östreich die Hülfe ab, wozu ihn die Ungarn, gestützt auf den Vertrag von 1711, einluden, und verweigerte selbst jeden Protest gegen die russische Intervention, weil

"die politische Unabhängigkeit und Freiheiten Europas an die Erhaltung und Integrität Östreichs als einer europäischen Großmacht geknüpft seien". (Sitzung des Hauses der Gemeinen, 21. Juli 1849.)

Vogt erzählt weiter:

"Die Interessen des Vereinigten Königreichs ... stehen ihnen" (den Interessen Östreichs) "überall feindlich gegenüber." (p. 2, l.c.)

Dies "überall" verwandelt sich sofort ins Mittelmeer.

"England will um jeden Preis seinen Einfluß im Mittelmeer und dessen Küstenländern behaupten. Neapel und Sizilien, Malta und die Ionischen Inseln, Syrien und Ägypten sind Ruhepunkte seiner nach Ostindien gerichteten Politik; überall auf diesen Punkten hat ihm Östreich die lebhaftesten Hindernisse bereitet." (l.c.)

Was der Vogt nicht alles den von Dentu zu Paris verlegten dezembristischen Originalpamphlets glaubt! Die Engländer bildeten sich bisher ein, sie hätten abwechselnd mit Russen und Franzosen um Malta und die Ionischen Inseln gekämpft, nie aber mit Östreich. Frankreich, nicht Östreich, habe früher eine Expedition nach Ägypten gesandt und setze sich in diesem Augenblick an der Landenge von Suez fest; Frankreich, nicht Östreich, <494> habe Eroberungen an der Nordküste von Afrika gemacht und, mit Spanien vereint, den Briten Gibraltar zu entreißen gesucht; England habe den auf Ägypten und Syrien bezüglichen Julivertrag von 1840 gegen Frankreich geschlossen, aber mit Östreich; in "der auf Ostindien gerichteten Politik" stoße England überall auf die "lebhaftesten Hindernisse" von Seite Rußlands, nicht Östreichs; in der einzig ernsthaften Streitfrage zwischen England und Neapel - der Schwefelfrage von 1840 - sei es eine französische, nicht eine östreichische Gesellschaft gewesen, deren Monopol des sizilianischen Schwefelhandels zum Vorwand der Reibung gedient habe; endlich sei jenseits des Kanals wohl gelegentlich die Rede von der Verwandlung des Mittelmeers in einen "lac français" <"französischen Binnensee">, nie aber von seiner Verwandlung in einen "lac autrichien" <"österreichischen Binnensee">. Jedoch ist hier ein wichtiger Umstand zu erwägen.

Im Laufe des Jahres 1858 erschien nämlich zu London eine Karte von Europa, betitelt "L'Europe en 1860" (Europa im Jahre 1860). Diese Karte, die von der französischen Gesandtschaft herausgegeben ward und manche für 1858 prophetische Andeutung enthält - Lombardei-Venedig z.B. an Piemont und Marokko an Spanien annexiert -, zeichnet die politische Geographie von ganz Europa um mit einziger Ausnahme Frankreichs, das scheinbar innerhalb seiner alten Grenzen verharrt. Die ihm zugedachten Territorien werden mit verstohlner Ironie an unmögliche Besitzhalter verschenkt. So fällt Ägypten an Östreich, und die der Karte aufgedruckte Randglosse besagt: "François Joseph I, l'Empereur d'Autriche et d'Egypte" (Franz Joseph I., Kaiser von Östreich und Ägypten.)

Vogt hatte die Karte "L'Europe en 1860" als dezembristischen Kompaß vor sich liegen. Daher sein Konflikt Englands mit Östreich von wegen Ägypten und Syrien. Vogt prophezeit, dieser Konflikt würde "in der Vernichtung einer der streitbaren Mächte sein Ende finden", wenn, wie er sich rechtzeitig besinnt, "wenn Östreich eine Seemacht besäße". (p. 2, l.c.) Den Höhepunkt der ihnen eigentümlichen historischen Gelehrsamkeit erreichen die "Studien" jedoch in folgender Stelle:

"Als Napoleon I. einst die englische Bank zu sprengen suchte, half sich diese, während eines Tages, dadurch, daß sie die Summen zählte und nicht wägte, wie man bisher zu tun gewohnt war; die östreichische Staatskasse befindet sich 365 Tage im Jahre in gleicher, ja noch weit schlimmerer Lage." (l.c. p. 43.)

Die Barzahlungen der Bank von England ("die englische Bank" ist auch ein Vogtsches Phantom) blieben bekanntlich suspendiert vom Februar 1797 <495> bis zum Jahre 1821, während welcher 24 Jahre die englischen Banknoten überhaupt nicht einwechselbar waren in Metall, gewägtem oder gezähltem. Als die Suspension eintrat, existierte noch kein Napoleon I. in Frankreich (wohl aber führte damals ein General Bonaparte seinen ersten italienischen Feldzug), und als die Barzahlungen in Threadneedle Street wieder anfingen, hatte Napoleon I. aufgehört in Europa zu existieren. Solche "Studien" schlagen denn doch selbst La Guéronnières Eroberung von Tirol durch den "Kaiser" von Östreich.

Frau von Krüdener, die Mutter der Heiligen Allianz, unterschied zwischen dem guten Prinzip, dem "weißen Engel des Nordens" (Alexander I.), und dem bösen Prinzip, dem "schwarzen Engel des Südens" (Napoleon I.). Vogt, der Adoptivvater der neuen heiligen Allianz, verwandelt beide, Zar und Cäsar, Alexander II. und Napoleon III., in "weiße Engel". Beide sind die prädestinierten Befreier Europas.

Piemont, sagt Vogt, "es hat sogar die Achtung Rußlands erworben". (p. 71, l.c.)

Was mehr von einem Staat sagen, als daß er sogar die Achtung Rußlands erworben hat. Namentlich nachdem Piemont den Kriegshafen von Villafranca an Rußland abgetreten hat, und wie derselbe Vogt in bezug auf den Ankauf des Jadebusens durch Preußen mahnt:

"Ein Kriegshafen auf fremdem Gebiet ohne organische Rückverbindung mit dem Lande, zu dem er gehört, ist ein solch lächerlicher Unsinn, daß seine Existenz nur dann Bedeutung gewinnen kann, wenn man ihn gewissermaßen als Zielpunkt künftiger Bestrebungen, als das aufgesteckte Fähnlein ansieht, nach welchem die Richtungslinien visiert werden." ("Studien", p. 15.)

Katharina II. hatte bekanntlich schon Kriegshäfen für Rußland im Mittelmeer zu gewinnen gesucht.

Zarte Rücksichtnahme gegen den "weißen Engel" des Nordens verleitet Vogt, "die Bescheidenheit der Natur", soweit sie selbst noch von seinen Dentuschen Originalquellen gewahrt wird, plump übertreibend zu verletzen. In "La vraie question. France-Italie-Autriche", Paris 1859 (bei Dentu) las er p. 20:

"Mit welchem Recht übrigens würde die östreichische Regierung die Unverletzbarkeit der Verträge von 1815 anrufen, sie, welche dieselben verletzt hat durch die Konfiskation von Krakau, dessen Unabhängigkeit die Verträge garantierten?"(1)

<496> Dies sein französisches Original verdeutscht er wie folgt:

"Es ist sonderbar, eine solche Sprache in dem Munde der einzigen Regierung zu vernehmen, die bis jetzt in frecher Weise die Vertrage gebrochen [...], indem es mitten im Frieden, ohne Ursache, seine frevelnde Hand gegen die durch Verträge garantierte Republik Krakau ausstreckte und dieselbe dem Kaiserstaate ohne weiteres einverleibte." (p. 58, l.c.)

Nikolaus natürlich vernichtete Konstitution und Selbständigkeit des Königreichs Polen, durch die Verträge von 1815 garantiert, aus "Achtung" vor den Verträgen von 1815. Rußland achtete nicht minder die Integrität Krakaus, als es die freie Stadt im Jahre 1831 mit moskowitischen Truppen besetzte. Im Jahre 1836 wurde Krakau wieder besetzt von Russen, Östreichern und Preußen, wurde völlig als erobertes Land behandelt und appellierte noch im Jahre 1840, unter Berufung auf die Verträge von 1815, vergebens an England und Frankreich. Endlich am 22. Februar 1846 besetzten Russen, Östreicher und Preußen abermals Krakau, um es Östreich einzuverleiben. Der Vertragsbruch geschah durch die drei nordischen Mächte, und die östreichische Konfiskation von 1846 war nur das letzte Wort des russischen Einmarsches von 1831. Aus Delikatesse gegen den "weißen Engel des Nordens" vergißt Vogt die Konfiskation Polens und verfälscht er die Geschichte der Konfiskation von Krakau. (2)

Der Umstand, daß Rußland "durchweg feindselig gegen Östreich und sympathetisch zu Frankreich", läßt dem Vogt keinen Zweifel über die völkerbefreienden Tendenzen Louis Bonapartes, ganz wie der Umstand, daß "seine" (Louis Bonapartes) "Politik heute mit derjenigen Rußlands auf das engste verbunden geht" (p. 30), ihm keinen Zweifel über die völkerbefreienden Tendenzen Alexanders II. gestattet.

Das heilige Rußland muß daher im Osten ganz ebenso als "Freund der freiheitlichen Bestrebungen" und der "volkstümlichen und nationalen Entwicklung" betrachtet werden wie das dezembristische Frankreich im Westen. Diese Parole war ausgeteilt unter alle Agenten des 2. Dezember. "Rußland", las Vogt in der bei Dentu verlegten Schrift "La foi des traités, les puissances signataires et l'empereur Napoleon III", Paris 1859 -

<497> "Rußland gehört zur Familie der Slawen, einer auserwählten Race ... Man hat sich gewundert über die ritterliche Übereinstimmung, die plötzlich zwischen Frankreich und Rußland aufgesprungen ist. Nichts natürlicher: Zusammenstimmung der Prinzipien, Übereinstimmung über den Zweck, Unterwerfung unter das Gesetz der heiligen Allianz der Regierungen und der Völker, nicht um Fallen zu legen und zu zwingen, sondern um die göttlichen Bewegungen der Nationen zu lenken und zu unterstützen. Aus dieser ganz vollkommenen Herzlichkeit" (zwischen Louis-Philippe und England herrschte nur entente cordiale, aber zwischen Louis Bonaparte und Rußland herrscht la cordialité la plus parfaite <die vollkommenste Herzlichkeit>) "sind die glücklichsten Wirkungen hervorgegangen: Eisenbahnen, Befreiung der Leibeignen, Handelsstationen im Mittelmeer usw."(3)

Vogt fängt sofort die "Befreiung der Leibeignen" auf und deutet an, daß

"der jetzt gegebene Anstoß ... aus Rußland eher einen Genossen der freiheitlichen Bestrebungen statt eines Feindes derselben machen dürfte". (l.c. p. 10.)

Er, wie sein Dentusches Original, leitet den Anstoß der sogenannten russischen Leibeignenemanzipation auf Louis Bonaparte zurück und verwandelt zu diesem Zweck den Anstoß gebenden englisch-türkisch-französisch-russischen Krieg in einen "französischen Krieg". (p,. 9, l.c.)

Bekanntlich erscholl der Ruf nach Emanzipation der Leibeignen zuerst laut und nachhaltig unter Alexander I. Der Zar Nikolaus beschäftigte sich während seines ganzen Lebens mit der Leibeignenemanzipation, schuf 1838 zu diesem Behuf ein eignes Ministerium der Domänen, ließ dies Ministerium 1843 vorbereitende Schritte tun und erließ 1847 sogar über die Veräußerung adliger Ländereien bauernfreundliche Gesetze, zu deren Rücknahme ihn 1848 nur die Furcht vor der Revolution trieb. Wenn die Frage der Leibeignenemanzipation daher unter dem "wohlwollenden Zar", wie Vogt Alexander II. gemütlich bezeichnet, gewaltigere Dimensionen angenommen hat, scheint dies einer Entwicklung ökonomischer Zustände geschuldet, die selbst ein Zar nicht niederherrschen kann. Übrigens würde <498> die Leibeignenemanzipation im Sinne der russischen Regierung die Aggressivkraft Rußlands ums Hundertfache steigern. Sie bezweckt einfach die Vollendung der Autokratie, durch Niederreißung der Schranken, die der große Autokrat bisher an den vielen auf die Leibeigenschaft gestützten kleinen Autokraten des russischen Adels fand, sowie an den sich selbst verwaltenden bäuerlichen Gemeinwesen, deren materielle Grundlage, das Gemeineigentum, durch die sogenannte Emanzipation vernichtet werden soll.

Zufällig verstehn die russischen Leibeignen die Emanzipation in einem andern Sinn als die Regierung, und der russische Adel versteht sie wieder in anderm Sinn. Der "wohlwollende Zar" entdeckte daher, daß eine wirkliche Leibeignenemanzipation unvereinbar mit seiner Autokratie, ganz wie der wohlwollende Papst Pius IX. zur Zeit entdeckt hat, daß die italienische Emanzipation unvereinbar mit den Existenzbedingungen des Papsttums ist. Der "wohlwollende Zar" erblickt daher im Eroberungskrieg und in der Ausführung der traditionellen auswärtigen Politik Rußlands, die, wie der russische Geschichtsschreiber Karamsin bemerkt, "unveränderlich" ist, das einzige Mittel, die Revolution im Innern zu vertagen. Fürst Dolgorukow, in seinem Werke "La vérité sur la Russie", 1860, hat die von bezahlten russischen Federn durch ganz Europa seit 1856 emsig verbreiteten, von den Dezembristen 1859 laut proklamierten und von Vogt in seinen "Studien" nachgebeteten Lügenmärchen über das unter Alexander II. eingebrochene Millennium kritisch vernichtet.

Schon vor Ausbruch des italienischen Kriegs hatte sich nach Vogt die eigens zur Befreiung der Nationalitäten gestiftete Allianz zwischen dem "weißen Zar" und dem "Mann vom Dezember" bewährt in den Donaufürstentümern, wo die Einheit und Unabhängigkeit rumänischer Nationalität durch die Wahl des Obersten Cuza zum Fürsten der Moldau und Walachei besiegelt worden.

"Östreich protestiert mit Händen und Füßen, Frankreich und Rußland applaudieren." (p. 65, l.c.).

In einem Memorandum (abgedruckt "Preußisches Wochenblatt", 1855), vom russischen Kabinett 1837 für den damaligen Zar entworfen, liest man:

"Rußland liebt es nicht, sofort Staaten mit fremdartigen Elementen einzuverleiben ... Jedenfalls scheint es passender, die Länder, deren Erwerb beschlossen ist, einige Zeit unter besondern, aber ganz abhängigen Oberhäuptern existieren zu lassen, wie wir es getan haben in der Moldau und Walachei usw."

Bevor Rußland die Krim einverleibte, proklamierte es ihre Unabhängigkeit.

<499> In einer russischen Proklamation vom 11. Dezember 1814 heißt es u.a.:

"Der Kaiser Alexander, euer Schutzherr, appelliert an euch Polen. Bewaffnet euch selbst für die Verteidigung eures Vaterlandes und die Erhaltung eurer politischen Unabhängigkeit."

Und nun gar die Donaufürstentümer! Seit dem Einmarsch Peters des Großen in die Donaufürstentümer hat Rußland für ihre "Unabhängigkeit" gearbeitet. Auf dem Kongreß zu Niemirow (1737) verlangte die Kaiserin Anna vom Sultan die Unabhängigkeit der Donaufürstentümer unter russischem Protektorat. Katharina II., auf dem Kongreß zu Fokshani (1772), bestand auf der Unabhängigkeit der Fürstentümer unter europäischem Protektorat. Alexander I. setzte diese Bestrebungen fort und besiegelte sie durch Verwandlung Bessarabiens in eine russische Provinz (Frieden von Bukarest 1812). Nikolaus beglückte die Rumänen sogar durch Kisselew mit dem noch gültigen Réglement organique, welches die infamste Leibeigenschaft organisierte unter dem Zujauchzen von ganz Europa über diesem Code der Freiheit. Alexander II. hat die anderthalbhundertjährige Politik seiner Vorfahren durch die Quasi-Vereinigung der Donaufürstentümer unter Cuza nur einen Schritt weiter geführt. Vogt entdeckt, daß infolge dieser Einigung unter einem russischen Vasallen "die Fürstentümer ein Damm sein würden gegen das Vordringen Rußlands nach Süden". (p. 64, l.c.)

Da Rußland die Wahl Cuzas applaudiert (p. 65, l.c.), wird es sonnenklar, daß der wohlwollende Zar sich selbst aus Leibeskräften "den Weg nach Süden" versperrt, obgleich "Konstantinopel ein ewiger Zielpunkt russischer Politik bleibt". (l.c. p. 9.)

Die Wendung, Rußland als Schutzherrn des Liberalismus und nationaler Bestrebungen zu verschreien, ist nicht neu. Katharina II. wurde von einer ganzen Schar französischer und deutscher Aufklärer als Fahnenträgerin des Fortschritts gefeiert. Der "edle" Alexander I., (Le Grec du Bas Empire <Der Grieche des byzanzinischen Reiches, hier: Bauernfäger>, wie Napoleon ihn unedel nennt) spielte seinerzeit den Helden des Liberalismus in ganz Europa. Beglückte er Finnland nicht mit den Segnungen der russischen Zivilisation? Gab er Frankreich in seiner Großmut nebst einer Konstitution nicht auch noch einen russischen Premierminister, den Herzog von Richelieu? War er nicht der geheime Chef der "Hetärie", während er gleichzeitig auf dem Kongreß von Verona durch den erkauften Chateaubriand Ludwig XVIII. zum Feldzug gegen die spanischen Rebellen <500> trieb? Hetzte er nicht Ferdinand VII. durch dessen Beichtvater zur Expedition gegen die empörten spanisch-amerikanischen Kolonien, während er gleichzeitig dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika seine Unterstützung gegen jede Intervention europäischer Mächte auf dem amerikanischen Kontinent zusagte? Hatte er nicht Ypsilanti als "Führer der heiligen Hellenenschar" nach der Walachei entsandt und durch denselben Ypsilanti die Schar verraten und Wladimiresco, den walachischen Rebellenführer, meuchelmorden lassen? Auch Nikolaus wurde vor 1830 als Nationalitäten befreiender Held in allen Sprachen, gereimt und ungereimt, begrüßt. Als er 1828/29 den Krieg gegen Machmud II. zur Befreiung der Griechen unternahm, nachdem Machmud nämlich verweigert hatte, eine russische Armee zur Unterdrückung der griechischen Rebellion einrücken zu lassen, erklärte Palmerston dem englischen Parlament, die Feinde des befreienden Rußlands seien notwendig die "Freunde" der größten Weltungetüme, Dom Miguels, Östreichs und des Sultans. Gab Nikolaus in väterlicher Fürsorge den Griechen nicht einen russischen General, den Grafen Kapodistrias, zum Präsidenten? Nur waren die Griechen keine Franzosen und mordeten den edlen Kapodistrias. Obgleich nun Nikolaus seit dem Ausbruch der Julirevolution von 1830 hauptsächlich als Schirmherr der Legitimität seine Rolle spielte, unterließ er jedoch keinen Augenblick, für die "Befreiung der Nationalitäten" zu wirken. Wenige Beispiele genügen. Die konstitutionelle Revolution Griechenlands im September 1843 war geleitet von Katakasi, dem russischen Minister zu Athen, früher verantwortlicher Oberaufseher über Admiral Heyden während der Katastrophe von Navarino. Das Zentrum der bulgarischen Rebellion von 1842 war das russische Konsulat zu Bukarest. Dort empfing der russische General Duhamel, im Frühling 1842, eine bulgarische Deputation, der er den Plan zu einer allgemeinen Insurrektion vorlegte. Serbien sollte als Reserve der Insurrektion dienen und das Hospodariat der Walachei auf den russischen General Kisselew übertragen werden. Während der serbischen Insurrektion (1843) trieb Rußland durch die Gesandtschaft in Konstantinopel die Türkei zu Gewaltmaßregeln gegen die Serben, um dann auf diesen Vorwand hin gegen die Türken an die Sympathie und den Fanatismus Europas zu appellieren. Auch Italien war keineswegs ausgeschlossen von den Befreiungsplänen des Zar Nikolaus: "La jeune Italie", eine Zeitlang das Pariser Organ der Mazzinischen Partei, erzählt in einer Nummer von November 1843:

"Die neulichen Unruhen in der Romagna und die Bewegungen in Griechenland standen mehr oder minder in Verbindung ... Die italienische Bewegung scheiterte, <501> weil die wirklich demokratische Partei ihren Anschluß an dieselbe verweigert hat. Die Republikaner wollten eine von Rußland ins Werk gesetzte Bewegung nicht unterstützen. Alles war für eine allgemeine Insurrektion in Italien vorbereitet. Die Bewegung sollte in Neapel beginnen, wo man erwartete, ein Teil der Armee werde sich an die Spitze stellen oder unmittelbar gemeinsame Sache mit den Patrioten machen. Nach Ausbruch dieser Revolution sollten die Lombardei, Piemont und die Romagna sich erheben und ein italienisches Reich gegründet werden unter dem Herzog von Leuchtenberg, Sohn von Eugène Beauharnais und Schwiegersohn des Zaren. Das 'Junge Italien' vereitelte den Plan."

Die "Times" vom 20. November 1843 bemerkt über diese Mitteilung der "Jeune Italie":

"Wenn dieser große Zweck - Stiftung eines italienischen Reichs mit einem russischen Prinzen an der Spitze - erreicht werden konnte, desto besser; aber ein andrer mehr unmittelbarer, wenn auch nicht so gewichtiger Vorteil war durch jedweden Ausbruch in Italien zu erreichen - Östreich Alarm zu verursachen und seine Aufmerksamkeit von den fürchterlichen (fearful) Plänen Rußlands an der Donau abzulenken."

Nachdem Nikolaus sich 1843 erfolglos an das "Junge Italien" gewandt hatte, sandte er im März 1844 Herrn von Butenew nach Rom. Butenew eröffnete dem Papst <Gregor XIV.> im Namen des Zaren, Russisch-Polen solle an Östreich abgetreten werden im Austausch für die Lombardei, die ein norditalienisches Königreich unter Leuchtenberg bilden solle. Das "Tablet" vom April 1844, damals das englische Organ der römischen Kurie, bemerkt zu diesem Vorschlag:

"Der Köder für den römischen Hof in diesem schönen Plan lag darin, daß Polen in katholische Hände geriet, während die Lombardei nach wie vor unter einer katholischen Dynastie verblieb. Aber die diplomatischen Veteranen von Rom sahen ein, daß, während Östreich kaum seine eignen Besitzungen halten kann und aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach früher oder später seine slawischen Provinzen wieder von sich geben muß, eine Übermachung Polens an Östreich, selbst wenn dieser Teil des Vorschlags ernstlich gemeint war, nur ein später wieder rückzahlbares Anlehn wäre; wahrend Norditalien mit dem Herzog von Leuchtenberg in der Tat unter russische Protektion und bevor lange unfehlbar unter den russischen Zepter fallen würde. Folglich wurde der warm anempfohlene Plan für jetzt beiseite gelegt."

Soweit das "Tablet" von 1844.

Der einzige Umstand, der die staatliche Existenz Östreichs, seit Mitte des 18. Jahrhunderts, rechtfertigte, sein Widerstand gegen die Fortschritte Rußlands im Osten Europas - ein Widerstand, hülflos, inkonsequent, feig, <502> aber zäh -, veranlaßt Vogt zur Entdeckung, daß "Östreich der Hort jeden Zwiespalts im Osten ist". (l.c. p. 56.) Mit "einer gewissen Kindlichkeit", die seinem fetten Wesen so wohl ansteht, erklärt er die Verbindung Rußlands mit Frankreich gegen Östreich, beseits der befreienden Tendenzen des "wohlwollenden Zar", aus dem Undank Östreichs für die während der ungarischen Revolution vom Nikolaus empfangenen Dienste.

"In dem Krimkriege selbst ging Östreich bis zur letzten Grenze der bewaffneten, feindseligen Neutralität fort. Es versteht sich von selbst, daß dieses Gebaren, das zudem den Stempel der Falschheit und Hinterlist trug, die russische Regierung in gewaltigem Maße gegen Östreich erbittern und damit auch zu Frankreich hindrängen mußte." (l.c. p. 10, 11.)

Rußland verfolgt nach Vogt eine sentimentale Politik. Der Dank, den Östreich dem Zaren auf Kosten Deutschlands während des Warschauer Kongresses von 1850 und durch den Zug nach Schleswig-Holstein abstattete, befriedigt den dankbaren Vogt noch nicht.

Der russische Diplomat Pozzo di Borgo, in seiner berühmten Depesche d.d. Paris, Oktober 1825, sagt, nach vorheriger Aufzählung der Umtriebe Östreichs gegen Rußlands Interventionspläne im Osten:

"Unsre Politik gebietet uns daher, uns diesem Staat" (Östreich) "in einer fürchterlichen Gestalt zu zeigen und ihn durch unsre Vorbereitungen zu überzeugen, daß, wenn er eine Bewegung gegen uns wagt, der wildeste Sturm, den er je erlebt hat, über seinem Haupt losplatzen wird."

Nachdem Pozzo mit Krieg von außen und Revolution von innen gedroht, als mögliche friedliche Lösung Östreichs Zugreifen auf die ihm "zusagenden Provinzen" der Türkei bezeichnet, Preußen aber einfach als einen untergeordneten Alliierten Rußlands geschildert hat, fährt er fort:

"Hätte der Wiener Hof unsern guten Zwecken und Absichten nachgegeben, so würde der Plan des kaiserlichen Kabinetts lange erfüllt sein - ein Plan, der sich nicht nur auf die Besitzergreifung der Donaufürstentümer und Konstantinopels, sondern selbst auf die Vertreibung der Türken aus Europa erstreckt."

Im Jahre 1830 wurde bekanntlich ein geheimer Vertrag zwischen Nikolaus und Karl X. abgeschlossen. Es war darin stipuliert: Frankreich erlaubt Rußland die Besitzergreifung Konstantinopels und erhält zum Ersatz die Rheinprovinzen und Belgien; Preußen wird entschädigt durch Hannover und Sachsen; Östreich erhält einen Teil der türkischen Provinzen an der Donau. Derselbe Plan ward unter Louis-Philippe, auf Rußlands Antrieb, von Molé dem Petersburger Kabinett wieder vorgelegt. Bald darauf wan- <503> derte Brunnow mit dem Aktenstück nach London, wo es als Beweis für Frankreichs Verrat der englischen Regierung mitgeteilt und zur Bildung der antifranzösischen Koalition von 1840 benutzt ward.

Sehn wir nun, wie Rußland im Einverständnis mit Frankreich den italienischen Krieg ausbeuten sollte in der Idee des von seinen Pariser Originalquellen inspirierten Vogt. Die "nationale" Zusammensetzung Rußlands und im besondern die "polnische Nationalität" könnten einem Manne, dessen "Polarstern das Prinzip der Nationalität" ist, einige Schwierigkeiten zu bereiten scheinen, aber:

"Das Prinzip der Nationalität steht uns hoch, das Prinzip der freien Selbstbestimmung noch höher." (p. 121, l.c.)

Als Rußland durch die Verträge von 1815 den bei weitem größten Teil des eigentlichen Polens annexierte, erhielt es eine nach Westen hin so vorgeschobene Stellung, drängte es sich so keilartig nicht nur zwischen Östreich und Preußen, sondern zwischen Ostpreußen und Schlesien, daß schon damals preußische Offiziere (Gneisenau z.B.) auf die Unerträglichkeit solcher Grenzverhältnisse gegen einen übermächtigen Nachbar aufmerksam machten. Als aber die Niederwerfung Polens 1831 dies Gebiet den Russen auf Gnade und Ungnade unterwarf, entwickelte sich auch erst der wahre Sinn des Keils. Den Befestigungen, im größten Stil angelegt, bei Warschau, Modlin, Iwangorod, diente die Niederhaltung Polens nur als Vorwand. Ihr wirklicher Zweck war vollständige strategische Beherrschung des Weichselgebiets, Herstellung einer Basis für den Angriff nach Norden, Süden und Westen. Selbst Haxthausen, der für den rechtgläubigen Zar und alles Russische schwärmt, sieht hier eine ganz entschiedne Gefahr und Drohung für Deutschland. Die befestigte Stellung der Russen an der Weichsel bedroht Deutschland mehr als alle französischen Festungen zusammengenommen, namentlich von dem Augenblick, wo Polens nationaler Widerstand aufhören und Rußland über Polens kriegerische Kraft als seine eigne Aggressivkraft verfügen würde. Vogt beruhigt daher Deutschland darüber, daß Polen aus freier Selbstbestimmung russisch ist.

"Zweifellos", sagt er, "zweifellos hat sich infolge der angestrengten Bemühungen der russischen Volkspartei die Kluft, welche zwischen Polen und Rußland gähnte, bedeutend verringert und bedarf es vielleicht nur eines geringen Anstoßes, um sie gänzlich auszufüllen." (l.c. p. 12.)

Diesen geringen Anstoß sollte der italienische Krieg bieten. (Alexander II. überzeugte sich jedoch während dieses Krieges, daß Polen noch nicht auf der Höhe Vogts stand.) Das in Rußland durch "freie Selbst- <504> bestimmung" aufgegangne Polen würde als Zentralkörper die unter der Fremdherrschaft schmachtenden und abgelösten Glieder des weiland polnischen Reichs vermittelst des Gesetzes der Schwere anziehn. Damit dieser Attraktionsprozeß um so leichter vor sich gehe, rät Vogt Preußen, den Moment zu ergreifen, um das "slawische Anhängsel" loszuwerden (p. 17, l.c.), nämlich Posen (p. 97, l.c.) und wahrscheinlich auch Westpreußen, da nur Ostpreußen als "wahrhaft deutsches Land" anerkannt wird. Die von Preußen losgelösten Glieder würden natürlich sofort an den in Rußland absorbierten Zentralkörper zurückfallen und das "wahrhaft deutsche Land" Ostpreußen in ein russisches Enklave verwandelt werden. Andrerseits, was Galizien betrifft, das auch in der Karte "L'Europe en 1860" in Rußland einverleibt ist, so lag dessen Loslösung von Östreich ja direkt im Zwecke des Kriegs, Deutschland von den ungermanischen Besitzungen Östreichs zu befreien. Vogt erinnert sich, daß man

"vor 1848 in [...] Galizien häufiger das Bild des russischen Zaren als das des östreichischen Kaisers fand" (p. 12, l.c.), und "bei der ungemeinen Geschicklichkeit, welche Rußland in Anfädelung solcher Umtriebe besitzt, würde hier ein bedeutender Grund zur Befürchtung von Seite Östreichs vorliegen". (l.c.)

Es versteht sich aber ganz von selbst, daß, um den "innern Feind" loszuwerden, Deutschland ruhig den Russen erlauben muß, "Truppen an die Grenze zu schieben" (p. 13), welche diese Umtriebe unterstützen. Während Preußen selbst seine polnischen Provinzen von sich absondert, sollte Rußland mit Benutzung des italienischen Kriegs Galizien von Östreich loslösen, wie Alexander I. ja schon 1809 seine nur theatralische Unterstützung Napoleons I. mit einem Stücke Galiziens bezahlt erhielt. Es ist bekannt, daß Rußland teils von Napoleon I., teils vom Wiener Kongreß einen Teil der ursprünglich an Östreich und Preußen gefallnen Polenstücke mit Erfolg wieder herausforderte. Im Jahre 1859 war, nach Vogt, der Moment gekommen, ganz Polen mit Rußland zu vereinigen. Statt der Emanzipation der polnischen Nationalität von Russen, Östreichern und Preußen verlangt Vogt das Aufgehn und Untergehn des ganzen ehemaligen polnischen Reichs in Rußland. Finis Poloniae! <Das Ende Polens!> Diese "russische" Idee von der "Wiederherstellung Polens", die sogleich nach dem Tode des Zaren Nikolaus <Nikolaus I.> ganz Europa durchlief, findet man bereits März 1855 in dem Pamphlet "The new hope of Poland" (Die neue Hoffnung Polens) von David Urquhart denunziert.

Aber Vogt hat noch nicht genug für Rußland getan.

<505> "Die außerordentliche Zuvorkommenheit", sagt dieser liebenswürdige Gesellschafter, "ja fast die Brüderlichkeit, womit die Russen die ungarischen Revolutionäre behandelten, stach zu sehr gegen das Verfahren der Östreicher ab, als daß es nicht seine volle Wirkung hätte äußern müssen. Indem es die Partei" (Notabene: Rußland warf nach Vogt nicht Ungarn, sondern die Partei nieder) "zwar niederwarf, aber sie mit Schonung und Courtoisie behandelte, legte Rußland den Grund zu einer Anschauungsweise, die sich etwa damit ausdrücken, daß man unter zwei Übeln das kleinere wählen müsse und daß im gegebenen Falle Rußland nicht das größere sei." (p. 12, 13, l.c.)

Mit welcher "außerordentlichen Zuvorkommenheit, Schonung, Courtoisie", ja fast "Brüderlichkeit", geleitet Plon-Plons Falstaff die Russen nach Ungarn und macht er sich zum "Kanal" der Illusion, woran die ungarische Revolution von 1849 gescheitert ist. Es war Görgeys Partei, die damals den Glauben an einen russischen Prinzen als künftigen König von Ungarn verbreitet und durch diesen Glauben die Widerstandskraft der ungarischen Revolution gebrochen hat.(4)

Ohne besondern Halt an irgendeiner Race stützten die Habsburger vor 1848 ihre Herrschaft über Ungarn natürlich auf die herrschende Nationalität - die Magyaren. Überhaupt, im Vorbeigehn sei es gesagt, war Metternich der größte Erhalter der Nationalitäten. Er mißbrauchte sie gegeneinander, aber er brauchte sie, um sie zu mißbrauchen. Er erhielt sie daher. Man vergleiche Posen und Galizien. Nach der Revolution von 1848/49 suchte die habsburgische Dynastie, die Deutsche und Magyaren durch die Slawen geschlagen hatte, Joseph II. nachahmend, das deutsche Element gewaltsam in Ungarn zur Herrschaft zu bringen. Aus Furcht vor Rußland wagten die Habsburger nicht, ihren Rettern, den Slawen, in die Arme zu sinken. Ihre Gesamtstaatsreaktion in Ungarn war mehr noch gerichtet gegen ihre Retter, die Slawen, als gegen ihre Besiegten, die Magyaren. Im Kampfe mit ihren eignen Rettern trieb die östreichische Reaktion daher, wie Szemere in seinem Pamphlet "Hungary, 1848-1860", London 1860, gezeigt hat, die Slawen zurück unter das Banner des Magyarentums. Östreichische Herrschaft über Ungarn und Herrschaft der Magyaren in Ungarn <506> fielen daher zusammen vor und nach 1848. Ganz anders mit Rußland, ob es direkt oder indirekt in Ungarn herrsche. Die stammverwandten und die religionsverwandten Elemente zusammengerechnet, verfügt Rußland sofort über die nicht magyarische Majorität der Bevölkerung. Die magyarische Race erliegt sofort den stammverwandten Slawen und religionsverwandten Walachen. Russische Herrschaft in Ungarn ist daher gleichbedeutend mit Untergang der ungarischen Nationalität, d.h. des an die Herrschaft der Magyaren historisch gebundenen Ungarns.(5)

Vogt, der die Polen durch "freie Selbstbestimmung" in Rußland aufgehn, läßt die Ungarn durch russische Herrschaft im Slawentum untergehn.(6)

<507> Aber Vogt hat immer noch nicht genug für Rußland getan.

Unter den "außerdeutschen Provinzen" Östreichs, für die der deutsche Bund nicht "zum Schwert greifen" sollte gegen Frankreich und Rußland, das "gänzlich auf Seite Frankreichs steht", befanden sich nicht nur Galizien, Ungarn, Italien, sondern namentlich auch Böhmen und Mähren.

"Rußland", sagt Vogt, .bietet den festen Punkt dar, um welchen sich die slawischen Nationalitäten mehr und mehr zu gruppieren streben." (l.c. p. 9/10.)

Böhmen und Mähren gehören zu den "slawischen Nationalitäten". Wie Moskowien sich zu Rußland, so muß Rußland sich zu Panslawonien entfalten. "Mit den Tschechen ... an der Seite werden wir jedem Feinde unterliegen." (p. 134, l.c.) Wir, d.h. Deutschland muß sich der Tschechen, d.h. Böhmens und Mährens, zu entledigen suchen. "Keine Garantie für außerdeutsche Besitzungen der Herrscher." (p. 133, l.c.) "Keine außerdeutschen Provinzen mehr im Bunde" (l.c.), sondern nur deutsche Provinzen in Frankreich! Man muß daher nicht nur "das jetzige französische Kaisertum gewähren lassen, [...] solange es das deutsche Bundesgebiet nicht verletzt" (p. 9, Vorrede), sondern muß auch Rußland "gewähren lassen", solange es nur "außerdeutsche Provinzen im Bunde" verletzt. Rußland wird Deutschland zur Entwicklung seiner "Einheit" und "Nationalität" verhelfen, indem es Truppen vorschiebt an die seinen "Umtrieben" ausgesetzten "slawischen Anhängsel" Östreichs. Während Östreich in Italien von Louis Bonaparte beschäftigt wird und Preußen das deutsche Bundesschwert in die Scheide zwingt, wird der "wohlwollende Zar" Revolutionen in Böhmen und Mähren "heimlicherweise mit Geld, Waffen und Munition zu unterstützen wissen". (p. 13, l.c.)

Und "mit den Tschechen an der Seite müssen wir jedem Feinde unterliegen "!

Wie großmütig denn von dem "wohlwollenden Zar", uns von Böhmen und Mähren und ihren Tschechen zu befreien, die sich naturgemäß als "slawische Nationalitäten um Rußland gruppieren müssen". Sehn wir, wie unser Reichs-Vogt durch seine Einverleibung Böhmens und Mährens in Rußland die deutsche Ostgrenze schützt. Böhmen russisch! Aber Böhmen liegt mitten in Deutschland, durch Schlesien von <508> Russisch-Polen, durch das von Vogt russifizierte Mähren von dem durch Vogt russifizierten Galizien und Ungarn getrennt. So erhält Rußland ein Stück deutsches Bundesgebiet von 50 deutschen Meilen Länge und 25 bis 35 Meilen Breite. Es schiebt seine Westgrenze um volle 65 deutsche Meilen nach Westen vor. Da nun von Eger bis Lauterburg im Elsaß, in grader Linie, nur 45 deutsche Meilen sind, so wäre Norddeutschland durch den französischen Keil einerseits und noch weit mehr den russischen andrerseits von Süddeutschland vollständig getrennt, und die Teilung Deutschlands wäre fertig. Der direkte Weg von Wien nach Berlin ginge durch Rußland, ja selbst der direkte Weg von München nach Berlin. Dresden, Nürnberg, Regensburg, Linz wären unsere Grenzstädte gegen Rußland; unsre Stellung gegenüber den Slawen wäre im Süden wenigstens dieselbe wie vor Karl dem Großen (während Vogt im Westen uns nicht erlaubt, bis zu Louis XV. zurückzugehn), und wir könnten tausend Jahre aus unsrer Geschichte ausstreichen.

Wozu Polen gedient hat, dazu kann Böhmen noch besser dienen. Prag in ein verschanztes Lager verwandelt und Nebenfestungen am Einfluß der Moldau und Eger in die Elbe - und die russische Armee in Böhmen kann die schon von vornherein geteilt ankommende deutsche Armee aus Bayern, aus Östreich, aus Brandenburg ruhig abwarten, die stärkern an den Festungen anlaufen lassen und die schwächern im Detail schlagen.

Man sehe sich die Sprachkarte von Zentraleuropa an - nehmen wir z.B. eine slawische Autorität, den "slovansky zemevid" von Safarík. Hier zieht sich die Grenze slawischer Sprache von der pommerschen Küste bei Stolp über Zastrow südlich Chodziehen an der Netze und geht dann westlich bis Meseritz. Von hier aus aber biegt sie sich plötzlich nach Südosten. Hier dringt der massive deutsche Keil von Schlesien tief ein zwischen Polen und Böhmen. In Mähren und Böhmen springt dann wieder slawische Sprache weit nach Westen vor - freilich angefressen an allen Seiten von vordringendem deutschem Element und durchsetzt von deutschen Städten und Sprachinseln, wie denn auch im Norden die ganze Unterweichsel und der beste Teil Ost- und Westpreußens deutsch sind und sich unbequem gegen Polen vorschieben. Zwischen dem westlichsten Punkt polnischer und dem nördlichsten böhmischer Sprache liegt die lausitzisch-wendische Sprachinsel mitten im deutschen Sprachgebiet, aber so, daß sie Schlesien fast abschneidet.

Für den russischen Panslawisten Vogt, der Böhmen zu seiner Verfügung hat, kann da keine Frage sein, wo die natürliche Grenze des slawischen Reichs ist. Sie geht von Meseritz direkt auf Lieberose und Lübben, von da <509> südlich von dem Durchbruch der Elbe durch die böhmischen Grenzberge und folgt weiter der West- und Südgrenze Böhmens und Mährens. Was weiter östlich ist, ist slawisch; die paar deutschen Enklaven und sonstige Eindringlinge auf slawisches Gebiet können der Entwicklung des großen slawischen Ganzen nicht länger im Wege stehn; ohnehin haben sie kein Recht da, wo sie sind. Dieser "panslawistische Zustand" einmal hergestellt, so findet sich von selbst, daß im Süden eine ähnliche Rektifikation der Grenzen nötig ist. Hier hat sich ebenfalls ein deutscher Keil unberufen zwischen Nord- und Südslawen eingedrängt, das Donautal und die steirischen Alpen besetzt. Vogt kann diesen Keil nicht dulden, und so annexiert er konsequenterweise Östreich, Salzburg, Steiermark und die deutschen Teile von Kärnten an Rußland. Daß bei dieser Herstellung des slawisch-russischen Reichs nach den erprobtesten Grundsätzen des "Nationalitätsprinzips" auch die paar Magyaren und Rumänen nebst verschiedenen Türken an Rußland fallen (der "wohlwollende Zar" arbeitet durch die Unterjochung Zirkassiens und die Ausrottung der Krimtartaren ja auch am "Nationalitätsprinzip"!) zur Strafe dafür, daß sie sich zwischen die Nord- und die Südslawen drängen, hat Vogt bereits Östreich zum Trotz entwickelt.

Wir Deutsche verlieren bei dieser Operation weiter, nichts als Ost- und Westpreußen, Schlesien, Teile von Brandenburg und Sachsen, ganz Böhmen, Mähren und das übrige Östreich außer Tirol (wovon ein Teil dem italienischen "Nationalitätsprinzip" zufällt) - und unsere nationale Existenz in den Kauf!

Bleiben wir aber nur beim nächsten, wonach Galizien, Böhmen und Mähren russisch!

Unter solchen Umständen könnten Deutsch-Östreich, Südwestdeutschland und Norddeutschland niemals zusammen handeln, es sei denn - und dahin würde es notwendig kommen - unter russischer Führung.

Vogt läßt uns Deutsche singen, was seine Pariser 1815 sangen:

"Vive Alexandre,
Vive le roi des rois,
Sans rien prétendre,
Il nous donne des lois."
<"Alexander, hoch in Ehren!
Er, der andre Fürsten lenkt,
Läßt uns anstandslos gewähren,
Gnädig uns Gesetze schenkt.">

<510> Das Vogtsche "Nationalitätsprinzip", das er 1859 durch den Bund zwischen dem "weißen Engel des Nordens" und "dem weißen Engel des Südens" verwirklichen wollte, sollte sich also in seiner eignen Anschauung zunächst bewähren durch Aufgehn der polnischen Nationalität, Untergehn der magyarischen Nationalität, Vergehn der deutschen Nationalität im - Russentum.

Ich habe seine Dentuschen Originalpamphlets diesmal nicht erwähnt, weil ich mir ein einziges schlagendes Zitat vorbehielt, zum Beweis, daß in allem, was er hier halb andeutet, halb herausplaudert, einer von den Tuilerien erteilten Parole gehorcht wird. In der Nummer des "Pensiero ed Azione" vom 2. bis 16. Mai 1859, worin Mazzini später eingetroffene Ereignisse wahrsagt, bemerkt er unter anderm, daß in der zwischen Alexander II. und Louis Bonaparte verabredeten Allianz die erste Bedingung lautete: "abbandono assoluto della Polonia" (absolutes Aufgeben Polens von seiten Frankreichs, was Vogt übersetzt in "gänzliche Ausfüllung der zwischen Polen und Rußland gähnenden Kluft").

"Che la guerra si prolunghi e assuma ... proporzioni europee, l'insurrezione delle provincie oggi turche preparata di lunga mano e quelle dell' Ungheria, daranno campo all' Allianza di rivelarsi ... Principi russi governerebbo le provincie che surgerebbo sulle rovine dell' Impero Turco e dell' Austria ... Constantino di Russia è già proposto ai malcontenti ungheresi." (Siehe "Pensiero ed Azione" vom 2. bis 16. Mai 1859.) ("Sollte der Krieg sich aber verlängern und europäische Proportionen annehmen, so wird die seit lange vorbereitete Insurrektion der heute türkischen Provinzen und Ungarns der Allianz Gelegenheit geben, sich zu enthüllen ... Russische Prinzen werden die Staaten regieren, die sich über den Ruinen der Türkei und Östreichs erheben werden... Konstantin von Rußland ist bereits den ungarischen Mißvergnügten vorgeschlagen.")

Vogts Russentum ist indessen nur sekundär. Er folgt darin nur einer von den Tuilerien ausgeteilten Parole, sucht Deutschland nur vorzubereiten auf Manöver, die für gewisse Eventualitäten des Kriegs gegen Östreich zwischen Louis Bonaparte und Alexander II. vereinbart waren, und hallt in der Tat nur sklavisch die panslawistische Phrase seiner Pariser Originalpamphlets wider. Sein eigentliches Geschäft ist, das Ludwigslied" zu singen:

"Einan kùning wèiz ih, hèizit hêr Hlùdowig
ther gêrno Gôde (i.e. den Nationalitäten) dionôt."
<"Einen König weiß ich, heißet Herr Ludewig,
der gerne Gott (d. h. den Nationalitäten) dienet."

<511> Wir hörten vorhin, wie Vogt Sardinien durch die Angabe hochpreist, daß "es sogar die Achtung Rullands erworben hat".

Jetzt die Parallele.

"Von Östreich", sagt er, "ist in den Erklärungen" (Preußens) "nicht die Rede ... im Falle eines bevorstehenden Kriegs zwischen Nordamerika und Cochinchina würde die Sprache nicht anders lauten. Der deutsche Beruf Preußens aber, die deutschen Verpflichtungen, das alte Preußen, das wird mit Vorliebe betont. Frankreich" (nach seiner p. 27 gegebenen Erklärung von Frankreich: .Frankreich resümiert sich [...] jetzt einzig in der Person seines Herrschers") "erteilt infolgedessen Lobsprüche durch den 'Moniteur' und die übrige Presse. - Östreich wütet." ("Studien", p. 18.)

"Daß Preußen seinen 'deutschen Beruf' richtig auffaßt, folgt aus den ihm durch Louis Bonaparte im 'Moniteur' und der übrigen Dezemberpresse erteilten Lobsprüchen." Welch kühle Impertinenz! Man erinnert sich, wie Vogt aus Zärtlichkeit gegen den "weißen Engel des Nordens" Östreich allein die Verträge von 1815 brechen und allein Krakau konfiszieren ließ. Gleichen Liebesdienst erweist er nun dem "weißen Engel des Südens".

"Dieser Kirchenstaat, an dessen Republik" (Republik des Kirchenstaats!) "Cavaignac, der Vertreter der doktrinären republikanischen Partei [...] und das militärische Gegenbild Gagerns" (auch eine Parallele!), den schändlichen Völkermord beging" (einen Völkermord an der Republik eines Staats begehn!), "der ihm doch nicht zum Präsidentenstuhl verhalf." (l.c. p. 69.)

Also Cavaignac war es und nicht Louis Bonaparte, der "den schändlichen Völkermord" an der Römischen Republik beging! Cavaignac sandte in der Tat im Nov. 1848 eine Kriegsflotte nach Civita Vecchia zum persönlichen Schutz des Papstes. Aber erst im folgenden Jahre, erst nachdem Cavaignac monatelang vom Präsidentenstuhl entfernt war, erst am 9. Februar 1849 ward die weltliche Herrschaft des Papstes abgeschafft und die Republik in Rom proklamiert, und so konnte Cavaignac eine zur Zeit seiner Herrschaft noch gar nicht existierende Republik nicht morden. Louis Bonaparte sandte am 22. April 1849 den General Oudinot mit 14.000 Mann nach Civita Vecchia, nachdem er die zur Expedition gegen Rom erheischten Geldmittel von der Nationalversammlung durch die feierlich wiederholte Erklärung erschlichen, er bezwecke nur Widerstand gegen einen von Östreich bezweckten Einfall in die römischen Staaten. Die Pariser Katastrophe vom 13. Juni 1849 entsprang bekanntlich aus dem Beschluß Ledru-Rollins und der Montagne - den "schändlichen Völkermord an der Römischen Republik", der zugleich "ein schändlicher Bruch der französischen Konstitution" und eine "schändliche Verletzung des Beschlusses der Nationalversammlung" sei, an dem Urheber aller dieser Schändlichkeiten, an Louis Bonaparte, durch seine Versetzung in Anklagezustand zu rächen. Man sieht, <512> wie "schändlich" der schnöde Sykophant des Staatsstreichs, wie frech Karl Vogt die Geschichte verfälscht, um den Beruf des Herrn "Hlùdowîg" zur Befreiung der Nationalitäten im allgemeinen und Italiens im besondren über allen Zweifel zu erheben.

Vogt erinnert sich aus der "Neuen Rheinischen Zeitung", daß die Klasse der Parzellenbauern in Frankreich neben der Klasse des Lumpenproletariats die einzig gesellschaftliche Basis des bas empire bildet. Er macht dies nun zurecht wie folgt:

"Das jetzige Kaisertum hat keine Partei unter den Gebildeten, keine Partei [...] in der französischen Bourgeoisie - ihm gehören nur zwei Massen, die Armee und das Landproletariat, das nicht lesen und schreiben kann. Aber das macht 9/10 der Bevölkerung aus und begreift in sich das gewaltig organisierte Instrument, mit welchem der Widerstand zerschmettert werden kann, und die Herde der Heloten der Hypothek, die nichts besitzen als eine Stimme in die Urne." (p. 25.)

Die nicht städtische Bevölkerung Frankreichs, die Armee eingerechnet, beträgt kaum 2/3 der Gesamtbevölkerung. Vogt verwandelt weniger als 2/3 in 9/10. Die ganze französische außerstädtische Bevölkerung, von der 1/5 etwa aus wohlhabenden Landeigentümern besteht, ein andres 1/5 wieder aus Land- und Besitzlosen, verwandelt er samt und sonders in Parzellenbauern, "Heloten der Hypothek". Endlich schafft er alles Lesen und Schreiben in Frankreich außerhalb der Städte ab. Wie früher die Geschichte, so verfälscht er hier die Statistik, um das Piedestal seines Helden auszuweiten. Auf dies Piedestal wird nun der Held selbst hingestellt.

"Frankreich resümiert sich also in der Tat jetzt einzig und allein in der Person seines Herrschers, von welchem Masson" (auch eine Autorität) "sagte, 'er besitze große Eigenschaften als Staatsmann und Souverän, einen unerschütterlichen Willen, einen sichern Takt, kräftigen Entschluß, starkes Herz, hohen, kühnen Geist und vollkommene Rücksichtslosigkeit'." (p. 27, l.c.)

"wie saelecliche stât im an
allez daz, daz êr begât!
wie gâr sîn lip ze wunsche stât!
wie gênt îm so gelîche inein
die fînen keiserlîchen bein."
<"Wie fügt der Schaft sich seiner Hand!
Wie kleidet ihn sein stolz Gewand!
Wie hold ist er von Haupt und Haaren!
Wie süß ist aller sein Gebaren!
Wie selig ist sein ganzer Leib!">
(Tristan)

<513> Vogt entreißt seinem Masson den Weihrauchkessel, um ihn selbst zu schwenken. Zu Massons Tugendkatalog fügt er hinzu: "kalte Berechnung", gewaltige Kombination", "Schlangenklugheit", "zähe Geduld" (p. 28) und stammelt dann als Tacitus der Antichambre: "Der Ursprung dieser Herrschaft ist ein Grauen"; was jedenfalls - ein Unsinn ist. Er muß die groteske Figur seines Helden vor allem zum großen Mann melodramatisieren, und so wird aus "Napoleon le Petit" dieser "Schicksalsmensch". (p. 36, l.c.)

"Mögen die jetzigen Zustände dazu führen", ruft Vogt aus, "dieses" (des Schicksalsmenschen) "Regierung zu ändern" (welch bescheidner Ausdruck, zu andern!), "an unserm warmen Glückwunsche dazu soll es gewiß nicht fehlen, wenn wir auch vorderhand keine Aussicht dazu erfassen mögen!" (p. 29, l.c.)

Wie ernst es diesem warmen Bruder mit seinem in petto gehaltenen Glückwunsch gemeint war, ersieht man aus folgendem:

"Die Zustände im Innern werden aber bei fortdauerndem Frieden deshalb von Tag zu Tag unhaltbarer, weil die französische Armee mit den Parteien der Gebildeten in weit innigerem Zusammenhange steht als z.B. in den deutschen Staaten, in Preußen und Östreich; - weil diese Parteien unter den Offizieren namentlich ihr Echo finden und so eines schönen Tags die einzig aktive Stütze der Macht, die der Kaiser in Händen hat, ihm entschlüpfen könnte." (l.c. p. 26/27.)

Also die "Zustände im Innern" wurden "täglich unhaltbarer" bei "fortdauerndem Frieden". Darum mußte Vogt dem Louis Bonaparte den Friedensbruch zu erleichtern suchen. Die Armee, die "einzig aktive Stütze" seiner "Macht", drohte ihm zu "entschlüpfen". Darum bewies Vogt Europas Aufgabe, durch einen in Italien "lokalisierten" Krieg die französische "Armee" wieder an Louis Bonaparte festzubinden. Die Rolle Badinguets, wie der Pariser den "Neffen seines Onkels" unehrerbietig nennt, schien in der Tat Ende 1858 ein Ende mit Schrecken nehmen zu wollen. Die allgemeine Handelskrise, 1857/58, hatte die franz[ösische] Industrie gelähmt.(7) Die Regierungsmanöver, um den akuten Ausbruch der Krise zu verhindern, machten das Übel chronisch, so daß sich die Stockung des französischen Handels bis zum Ausbruch des italienischen Kriegs fortschleppte. Andrerseits fielen die Getreidepreise von 1857 bis 1859 so tief, daß auf verschiede- <514> nen congrès agricoles <landwirtschaftlichen Kongressen> laut die Klage erscholl, der franz[ösische] Ackerbau werde mit den niedrigen Preisen und den hohen auf ihm ruhenden Lasten unmöglich. Louis Bonapartes lächerlicher Versuch, die Getreidepreise künstlich zu heben durch eine Ukase, die den Bäckern in ganz Frankreich die Anlage von Getreidespeichern aufherrschen sollte, verriet nur die hilf lose Verlegenheit seiner Regierung.

Die auswärtige Politik des Staatsstreichs zeigte nur ein Reihe verunglückter Versuche, den Napoleon zu spielen - lauter Anläufe, stets gekrönt von offiziellem Rückzug. So seine Intrige gegen die Ver[einigten] Staaten von Amerika, die Manöver zur Erneuerung des Sklavenhandels, die melodramatischen Drohungen gegen England. Die Frechheiten, die Louis Bonaparte sich damals gegen die Schweiz, Sardinien, Portugal und Belgien erlaubte - obgleich er in Belgien die Befestigung Antwerpens nicht einmal hintertreiben konnte -, stellten sein Fiasko den Großstaaten gegenüber nur in grelleres Relief. Im englischen Parlament war "Napoleon le Petit" stehendes Stichwort geworden, und die "Times", in den Schlußartikeln des Jahres 1858, persiflierte den "Mann von Eisen" als "einen Mann von Guttapercha". Unterdes hatten die Handgranaten Orsinis über die innere Lage Frankreichs gewetterleuchtet. Es zeigte sich, daß Louis Bonapartes Regime noch immer so haltlos war wie in den ersten Tagen des Staatsstreichs. Die Lois de sûreté publique verrieten seine gänzliche Isolierung. Er hatte abzudanken vor seinen eignen Generalen. Frankreich, ein unerhörtes Ereignis, wurde nach spanischer Sitte in 5 Generalcapitanate verteilt. Durch die Errichtung der Regentschaft wurde Pélissier in der Tat als höchste Behörde Frankreichs anerkannt. Zudem flößte die erneuerte terreur <Schreckenszeit> keinen Schrecken ein. Statt fürchterlich, erschien der holländische Neffe der Schlacht von Austerlitz nur grotesk. Montalembert konnte zu Paris den Hampden spielen, Berryer und Dufaure in ihren Plädoyers die Hoffnungen der Bourgeoisie verraten und Proudhon zu Brüssel Louis-Philippismus mit einem acte additionel proklamieren, während Louis Bonaparte selbst an ganz Europa die um sich greifende Macht der Marianne verriet. Der Aufstand zu Chalon, währenddessen die Offiziere auf die Nachricht von der Proklamation der Republik zu Paris, statt auf die Insurgenten einzuhauen, erst vorsichtig bei der Präfektur anfrugen, ob die Republik denn wirklich zu Paris proklamiert sei, bewies schlagend, daß selbst die Armee das restaurierte empire als eine Pantomime betrachtete, deren Schlußszene herannahe. Skandalöse Duelle der <515> übermütigen Offiziere zu Paris, gleichzeitig mit skandalösen Börsencoups, worin die höchsten Spitzen der Bande vom 10. Dezember kompromittiert waren! Der Sturz des Palmerston-Ministeriums in England wegen seiner Allianz mit Louis Bonaparte! Endlich ein Staatsschatz, der nur auf außerordentliche Vorwände hin wieder gefüllt werden konnte! Solches war die Lage des bas empire Ende 1858. Das Brummagem-Kaisertum fiel, oder die lächerliche Farce eines napoleonischen Kaiserreichs innerhalb der Grenzen der Verträge von 1815 mußte ein Ende nehmen. Dazu bedurfte es jedoch eines lokalisierten Kriegs. Die bloße Aussicht auf einen Krieg mit Europa hätte damals hingereicht, die Explosion in Frankreich herbeizuführen. Jedes Kind begriff, was Horsman im englischen Parlament sagte:

"Wir wissen, daß Frankreich den Kaiser unterstützen wird, solange unser Schwanken seiner auswärtigen Politik erlaubt erfolgreich zu sein, aber wir haben Grund zu glauben, daß es ihn verlassen wird, sobald wir ihm entschiedne Opposition machen."

Alles hing davon ab, den Krieg zu lokalisieren, d.h. ihn mit der hohen obrigkeitlichen Erlaubnis Europas zu führen. Frankreich selbst mußte erst durch eine Reihe heuchlerischer Friedensverhandlungen und ihr wiederholtes Scheitern nach und nach für den Krieg vorbereitet werden. Louis Bonaparte hatte sich sogar hier festgerannt. Lord Cowley, der englische Gesandte zu Paris, war mit Vorschlägen, die Louis Bonaparte entworfen und das Londoner Kabinett (Derby) gebilligt hatte, nach Wien gereist. Dort (siehe das oben zitierte Blue Book), unter dem Druck Englands, wurden die Vorschläge unerwartet angenommen. Cowley war eben mit der Nachricht der "friedlichen Lösung" nach London zurückgekehrt, als plötzlich daselbst die Kunde eintraf, daß L. Bonaparte seine eignen Vorschläge aufgegeben und einem von Rußland vorgeschlagenen Kongreß zur Maßregelung Östreichs beigetreten sei. Nur durch die Intervention Rußlands wurde der Krieg möglich. Hätte Rußland den Louis Bonaparte nicht weiter bedurft zur Ausführung seiner Pläne - entweder um sie mit Frankreich durchzusetzen, oder um Östreich und Preußen durch französische Schläge in seine willenlosen Instrumente zu verwandeln -, so wäre Louis Bonaparte damals gestürzt. Aber trotz Rußlands geheimer Unterstützung, trotz der Versprechen Palmerstons, der zu Compiègne die Verschwörung von Plombières gutgeheißen, hing dennoch alles vom Verhalten Deutschlands ab, da einerseits das Tory-Kabinett in England noch am Ruder saß, andrerseits die damalige stumme Rebellion Frankreichs gegen das bonapartistische Regime durch Aussicht auf einen europäischen Krieg zum Ausbruch getrieben worden wäre.

<516> Daß Vogt weder aus reger Teilnahme für Italien noch aus Furcht vor dem ängstlichen, konservativen, ebenso unbeholfenen wie brutalen Despotismus Östreichs sein "Ludwigslied" sang, plaudert er selbst aus. Er glaubte vielmehr, daß, wenn Östreich, das wohlgemerkt zur Eröffnung des Kriegs gezwungen ward, selbst zunächst in Italien siegte,

"die Revolution in Frankreich jedenfalls entfesselt, das Kaiserreich gestürzt und eine andere Zukunft herangeführt würden". (l.c. p. 131.) Er glaubte, daß "die östreichischen Armeen vor der entfesselten Volkskraft Frankreichs zuletzt nicht standhalten würden" (l.c.), daß "die siegreichen östreichischen Waffen sich selbst in der Revolution Frankreichs, Italiens, Ungarns den Gegner schaffen würden, der sie erdrücken müßte."

Aber ihm galt es nicht, Italien von Östreich zu befreien, sondern Frankreich unter Louis Bonaparte zu knechten.

Verlangt man nun weitern Beweis, daß Vogt bloß eins der unzähligen Mundstücke war, durch die der groteske Bauchredner der Tuilerien sich selbst in fremden Zungen vernehmen ließ? Man wird sich erinnern, daß zur Zeit, wo L. Bonaparte zuerst seinen Beruf zur Befreiung der Nationalitäten im allgemeinen und Italiens im besondren entdeckte, Frankreich ein in seiner Geschichte unerhörtes Schauspiel bot. Ganz Europa staunte über die zähe Hartnäckigkeit, womit es die "idées napoléoniennes" zurückwies. Der Enthusiasmus, womit sogar die "chiens savants" des Corps legislatif <"dressierten Hunde" der gesetzgebenden Körperschaft> Mornys Friedensversicherungen zujauchzten; die verdrießlichen Noten, worin der "Moniteur" die Nation schulmeisterte bald über ihr Versenken in materielle Interessen, bald für ihren Mangel an patriotischer Spannkraft und ihre Zweifel in Badinguets Feldherrntalent und politische Weisheit; die beruhigenden offiziellen messages <Botschaften> an alle Handelskammern von Frankreich; die kaiserliche Versicherung, daß "étudier une question n'est pas la créer" <"Eine Fage studieren nicht sie aufwerfen heißt"> - sind noch in allgemeinem Gedächtnis. Damals strotzte die englische Presse, erstaunt über das außerordentliche Schauspiel, mit wohlmeinendem Kohl über die friedfertige Verwandlung, die in der Natur der Franzosen vorgegangen, die Börse behandelte "Krieg" oder "Nichtkrieg" als ein "Duell" zwischen Louis Bonaparte, der den Krieg wollte, und der Nation, die ihn nicht wollte, und Wetten wurden gemacht, wer siegen werde, die Nation oder der "Neffe seines Onkels". Ich will zur Schilderung der damaligen Situation nur einige Stellen zitieren aus dem London "Economist", der als das Organ der City, als Vorredner des italienischen Kriegs und als das Eigentum Wilsons <517> (der jüngst verstorbene Schatzkanzler von Indien und Werkzeug Palmerstons) große Wichtigkeit besaß:

"Alarmiert über die kolossale Erregung, die verursacht worden ist, versucht die französische Regierung jetzt das Besänftigungssystem." ("Economist", 15. Januar I859.)

In seiner Nummer vom 22. Januar 1859, in einem Artikel, betitelt "Praktische Schranken der kaiserlichen Macht in Frankreich", sagt der "Economist":

"Ob des Kaisers Pläne für einen Krieg in Italien ausgeführt oder nicht ausgeführt werden, eine Tatsache wenigstens steht fest, daß seine Pläne einen sehr starken und wahrscheinlich unerwarteten Widerstand gefunden in der eisigen Haltung, womit die Volksstimmung in Frankreich sie aufnahm, in der gänzlichen Abwesenheit irgendeiner Sympathie für des Kaisers Plan ... Er schlägt Krieg vor, und das französische Volk zeigt nichts als Alarm und Unzufriedenheit, die Staatspapiere sind entwertet, die Furcht vor dem Steuereinnehmer erlöscht jeden Funken von martialischem und politischem Enthusiasmus, der kommerzielle Teil der Nation ist panikgeschlagen, die ländlichen Distrikte sind stumm und mißvergnügt, in Furcht vor neuen Konskriptionen und neuen Abgaben; die politischen Zirkel, die das kaiserliche Regime als ein pis aller <einen Notbehelf> gegen Anarchie am stärksten unterstützt haben, erklären sich ganz aus denselben Gründen gegen den Krieg - es ist sicher, daß Louis Napoleon in allen Klassen eine Ausdehnung und Tiefe der Opposition gegen einen Krieg, selbst für Italien, entdeckt hat, die er nicht ahnte."(8)

Dieser französischen Volksstimmung gegenüber wurde der Teil der Dentuschen Originalpamphlets losgelassen, der "im Namen des Volks" dem "Kaiser" zuherrschte, "Frankreich endlich zu seiner majestätischen Ausbreitung von den Alpen bis zum Rhein" zu verhelfen und sich nicht länger der "Kriegslust" und dem "Nationalitäts-Befreiungsdrang der Nation" entgegenzustemmen. Vogt stößt in dasselbe Horn mit den Prostituierten des Dezember. In demselben Augenblick, als Europa erstaunte über die zähe Friedenssucht Frankreichs, entdeckte Vogt, daß "heute das leicht- <518> bewegliche Volk" (der Franzosen) "von kriegerischen Gelüsten erfüllt erscheint" (l.c. p.29, 30), und Herr Hlùdowîg nur der "herrschenden Zeitströmung" folge, die grade auf die "Unabhängigkeit der Nationalitäten" gerichtet sei. (p. 31, l.c.) Er glaubte natürlich keine Silbe von dem, was er schrieb. In seinem "Programm", das die Demokraten zur Mitarbeit an seiner bonapartistischen Propaganda aufrief, erzählt er sehr genau, daß der italienische Krieg unpopulär in Frankreich sei.

"Für den Beginn glaube ich an keine Gefahr für den Rhein; sie kann aber in der Folge eintreten, ein Krieg dort oder gegen England würde Louis Napoleon fast populär machen, der Krieg in Italien hat diese populäre Seite nicht." (p. 34, "Hauptbuch", Dokumente.)(9)

Wenn nun der eine Teil der Dentuschen Originalpamphlets die französische Nation durch die traditionellen Eroberungsphantome aus ihrer "Friedenslethargie" aufzujagen und Louis Bonapartes Privatwünsche der Nation in den Mund zu legen suchte, hatte der andre Teil, mit dem "Moniteur" an der Spitze, die Aufgabe, vor allen Deutschland von des Kaisers Abscheu vor Ländererwerb und seinem idealen Beruf als Nationalitäten-befreiendem Messias zu überzeugen. Die Beweise, einerseits für die Uneigennützigkeit seiner Politik, andrerseits für seine Nationalitäts-Befreiungstendenz, sind leicht auswendig zu behalten, da sie beständig wiederholt werden und nur um zwei Achsenpunkte sich herumdrehn. Beweis für die Uneigennützigkeit der dezembristischen Politik - der Krimkrieg. Beweis für die Nationalitäts-Befreiungstendenz - Oberst Cusa und die rumänische Nationalität. Der "Moniteur" schlug hier direkt den Ton an. Siehe den "Moniteur" vom 15. März 1859 über den Krimkrieg. Der "Moniteur" vom 10. April 1859 sagt über die rumänische Nationalität:

"In Deutschland, wie in Italien, will es" (Frankreich), "daß die durch die Verträge anerkannten Nationalitäten sich erhalten und selbst verstärken. - In den Donaufürstentümern hat er" (der Kaiser) "sich bemüht, den legitimen Wünschen dieser Provinzen zum Triumph zu verhelfen, um auch in diesem Teil Europas der auf Nationalinteressen gestützten Ordnung Genüge zu tun."

<519> Siehe auch das anfangs 1859 bei Dentu erschienene Pamphlet "Napoleon III et la question roumaine". Mit Bezug auf den Krimkrieg:

"Endlich, welche Kompensation hat Frankreich verlangt für das Blut, das es vergossen, und die Millionen, die es verausgabt hat im Orient in einem ausschließlich europäischen Interesse?" (p. 13, "La vraie Question", Paris, bei Dentu 1859.)

Dasselbe zu Paris in unendlichen Variationen abgespielte Thema verdeutschte Vogt so richtig, daß E. About, die geschwätzige Elster des Bonapartismus, Vogts deutsche Übersetzung ins Französische rückübersetzt zu haben scheint. Siehe "La Prusse en 1860". Auch hier wieder verfolgt uns der Krimkrieg und die rumänische Nationalität unter Oberst Cuza.

"Aber so viel wissen wir wenigstens", hallt Vogt dem "Moniteur" und Dentus Originalpamphlets nach, "daß Frankreich keinen Fußbreit Landes eroberte" (in der Krim) "und daß der Onkel nach dem siegreichen Feldzuge sich mit dem magern Resultate der konstituierten Überlegenheit in der Kriegskunst nicht begnügt hätte." ("Studien", p. 33.) "Hier zeigt sich doch eine wesentliche Verschiedenheit von der alten napoleonischen Politik."(10) (l.c.)

<520> Als ob Vogt uns beweisen müsse, daß "Napoleon le Petit" nicht der wirkliche Napoleon ist! Vogt hätte mit demselben Recht 1851 prophezeien können, daß der Neffe, der dem ersten italienischen Feldzug und der Expedition nach Ägypten nichts entgegenzustellen hatte als das Abenteuer von Straßburg, die Expedition nach Boulogne und die Wurstrevue von Satory , niemals den achtzehnten Brumaire nachmachen und sich noch weniger jemals die Kaiserkrone aufsetzen werde. Da war denn doch "eine wesentliche Verschiedenheit von der alten napoleonischen Politik". Den Krieg gegen eine europäische Koalition und ihn mit Erlaubnis einer europäischen Koalition führen, war eine andre Verschiedenheit.

Der "glorreiche Krimfeldzug", worin England, Frankreich, die Türkei und Sardinien vereint, nach zwei Jahren, die eine Hälfte einer russischen Festung "eroberten", in Ersatz dafür eine ganze türkische Festung (Kars) an Rußland verloren und beim Friedensschluß auf dem Pariser Kongreß vom Feind bescheiden "die Erlaubnis" "erbitten" mußten, ihre Truppen ungestört nach Hause verschiffen zu dürfen - war in der Tat alles andre, nur nicht "napoleonisch". Glorreich überhaupt nur in Bazancourts Roman. Aber der Krimkrieg bewies allerlei. Louis Bonaparte verriet den angeblichen Alliierten (die Türkei), um die Allianz des angeblichen Feindes zu erwerben. Der erste Erfolg des Pariser Friedens war die Opferung der "zirkassischen Nationalität" und die russische Ausrottung der Krimtartaren, nicht minder die Vernichtung der nationalen Hoffnungen, die Polen und Schwe- <521> den an einen Kreuzzug Westeuropas gegen Rußland geknüpft hatten. Eine andre Moral des Krimkriegs war: Louis Bonaparte durfte keinen zweiten Krimkrieg führen, eine alte Armee verlieren und eine neue Staatsschuld erwerben im Austausch für das Bewußtsein, daß Frankreich reich genug sei, "de payer sa propre gloire" <"für seinen Ruhm selbst zu zahlen">, daß der Name Louis-Napoleon in einem europäischen Vertrage figuriere, daß "die konservative und dynastische Presse Europas", wie Vogt ihm so hoch anrechnet (p. 32, l.c.), "die Regententugenden, die Weisheit und die Mäßigung des Kaisers" einstimmig anerkenne und daß ihm damals ganz Europa alle Honneurs eines wirklichen Napoleon antat unter der ausdrücklichen Bedingung, daß Louis Bonaparte nach dem Beispiel Louis-Philippes sich hübsch innerhalb "der Grenzen der praktischen Vernunft", d.h. der Verträge von 1815, bewege und keinen Augenblick die zarte Scheidelinie vergesse, die den Pickelhäring vom Helden trennt, den er vorstellt. Die politischen Kombinationen, die Machthaber und die Gesellschaftszustände, die es überhaupt dem Chef der Dezemberbande ermöglichen konnten, den Napoleon zu spielen, erst in Frankreich, dann außerhalb des französischen Terrains, gehören in der Tat seiner Epoche, nicht den Annalen der großen französischen Revolution.

"Die Tatsache ist doch wenigstens da, daß die jetzige französische Politik in dem Osten dem Streben einer Nationalität" (der rumänischen) "nach Einigung gerecht geworden ist." ("Studien", p. 34, 35.)

Cuza, wie bereits erwähnt, hält die Stelle offen, entweder für einen russischen Gouverneur oder für einen russischen Vasallen. In der Karte "L'Europe en 1860" figuriert ein Großherzog von Mecklenburg als der Vasall. Rußland erlaubte Louis Bonaparte natürlich alle Honneurs dieser rumänischen Emanzipation, während es selbst alle ihre Vorteile einkassierte. Seinen weitern wohlwollenden Absichten stand Östreich im Wege. Der italienische Krieg hatte Östreich daher aus einem Hindernis in ein Werkzeug umzumodeln.

Der Bauchredner in den Tuilerien spielte bereits während des Jahres 1858 auf seinen zahllosen Mundstücken die "rumänische Nationalität". Eine Autorität Vogts, Herr Kossuth, konnte daher bereits am 20. November 1858 in einer Vorlesung zu Glasgow antworten:

"Walachei und Moldau erhalten eine Konstitution, ausgebrütet in der Höhle der geheimen Diplomatie ... Sie ist in der Wirklichkeit nichts mehr noch minder als eine Charte für Rußland, die ihm die freie Verfügung über die Donaufürstentümer über- <522> läßt." ("It is in reality no more nor less than a charter granted to Russia for the purpose of disposing of the Principalities.")

Das "Nationalitätsprinzip" wurde also von Louis Bonaparte in den Donaufürstentümern ganz so mißbraucht, um ihre Übermachung an Rußland zu maskieren, wie die östreichische Regierung 1848/49 das "Nationalitätsprinzip" mißbrauchte, um die magyarische und deutsche Revolution durch Serben, Slawonen, Kroaten, Walachen usw. zu erwürgen.

Das rumänische Volk - und dafür sorgen gleichzeitig der russische Konsul zu Bukarest und das Interesse des moldau-walachischen Bojarengesindels, dessen Majorität nicht einmal rumänisch ist, sondern eine buntscheckige Mosaik aus der Fremde hergelaufner Abenteurer, eine Art orientalischer Dezemberbande -, das rumänische Volk schmachtet nach wie vor unter dem scheußlichsten Frondienst, wie ihn nur Russen durch ein réglement organique organisieren und nur eine orientalische Demimonde festhalten konnten.

Vogt, um die aus den Dentuschen Originalquellen geschöpfte Weisheit mit eigner Beredsamkeit aufzuputzen, sagt:

"Östreich hatte schon hinlänglich genug an einem Piemont im Süden; es braucht kein zweites im Osten." (l.c. p. 64.)

Piemont annexiert italische Länder. Also die Donaufürstentümer, das unkriegerischste Land der Türkei, rumänische? erobern also Bessarabien von Rußland, Siebenbürgen, das Banat von Temesvár und die Bukowina von Östreich? Vogt vergißt nicht nur den "wohlwollenden Zar". Er vergißt, daß Ungarn 1848/49 durchaus nicht geneigt schien, diese mehr oder minder rumänischen Länder von sich absondern zu lassen, auf ihren "Schmerzensruf" mit gezücktem Schwerte antwortete, und daß es vielmehr Östreich war, welches gegen Ungarn solche "Nationalitätsprinzip-Propaganda" losließ.

Im vollsten Glanze strahlt jedoch wieder die historische Gelehrsamkeit seiner "Studien", wenn Vogt, in halber Reminiszenz aus einem flüchtig durchblätterten Tagespamphlet und mit großer Seelenruhe

"den jammervollen Zustand der Fürstentümer ... aus dem zersetzenden Gifte der Griechen und Fanarioten herleitet". (l.c. p. 63.)

Er ahnte nicht, daß die Fanarioten (so genannt von einem Stadtteil Konstantinopels) eben dieselben identischen Griechen sind, die seit dem Anfang des 18. Jahrhunderts unter russischem Schutz in den Donaufürstentümern gehaust haben. Es sind zum Teil die Nachkommen dieser Limondji <523> (Limonadenverkäufer) von Konstantinopel, die jetzt wieder in russischem Auftrag "rumänische Nationalität" spielen.

Während nun der weiße Engel des Nordens vom Osten vorgeht und die Nationalitäten zu Ehren der slawischen Race vernichtet, der weiße Engel des Südens aber als Bannerführer des Nationalitätsprinzips von der entgegengesetzten Seite vorgeht, und

"man abwarten muß, bis die Befreiung der Nationalitäten durch diesen Schicksalsmenschen erfolgt ist" ("Studien", p. 36);

während dieser "im engsten Bündnis" kombinierten Operationen der beiden Engel und "beiden größten äußern Feinde der Einheit Deutschlands" ("Studien", 2. Auflage, Nachwort, p.154) - welche Rolle weist der Reichs-Vogt, der jedoch kein "Mehrer des Reichs" ist, Deutschland zu?

"Dem Kurzsichtigsten", sagt Vogt, "muß es nun klargeworden sein, daß ein Einverständnis zwischen Preußens Regierung und der kaiserlichen Regierung Frankreichs besteht; daß Preußen nicht zur Verteidigung der außerdeutschen Provinzen Östreichs" (natürlich Böhmen und Mähren eingeschlossen) "zum Schwerte greifen wird; daß es zu allen Maßregeln, welche die Verteidigung des Bundesgebiets" (mit Ausschluß seiner "außerdeutschen" Provinzen) "betreffen, seine Zustimmung geben, sonst aber jede Teilnahme des Bundes oder einzelner Bundesglieder für Östreich verhindern wird, um dann, bei den späteren Friedensverhandlungen, seinen Lohn für diese Anstrengungen in norddeutschen Flachlanden zu erhalten." ("Studien", 1. Auflage, p. 18, 19.)

Indem Vogt das ihm von den Tuilerien anvertraute Geheimnis, Preußen handle im "geheimen Einverständnis" mit dem "äußern Feinde Deutschlands", der es zum "Lohn in norddeutschen Flachlanden" auszahlen werde, schon vor dem wirklichen Ausbruch des Kriegs gegen Östreich an die große Glocke hing, leistete er Preußen natürlich den besten Vorschuß zur Erreichung seiner angeblichen Zwecke. Er rief den Verdacht der übrigen deutschen Regierungen wach, sowohl gegen Preußens neutralisierende Bestrebungen im Beginn wie gegen seine militärischen Rüstungen und seinen Anspruch auf Oberbefehlshaberschaft im Fortgang des Kriegs.

"Welches auch der Weg sein mochte", sagt Vogt, "den in der gegenwärtigen Krisis Deutschland einzuschlagen hat, das ist keine Frage, daß es, als Ganzes betrachtet, einen bestimmten Weg mit Energie gehen mußte, während jetzt der unselige Bundestag usw." (l.c. p. 96.)

<524> Die Verbreitung der Ansicht, daß Preußens Weg Arm in Arm mit "dem äußern Feinde" gehe und zur Verspeisung der nordischen Flachlande führe, sollte wohl die auf dem Bundestag mangelnde Einheit herstellen. Sachsen wird speziell aufmerksam gemacht, daß Preußen ihm schon einmal "den Verlust einiger seiner schönsten Provinzen" angetan. (l.c. p. 93). Der "Kauf des Jadebusen" (l.c. p. 15) wird denunziert.

"Holstein sollte den Preis der Mitwirkung Preußens" (im türkischen Krieg) "bilden, als der berüchtigte Depeschendiebstahl den Verhandlungen eine andere Wendung gab." (l.c. p. 15.) "Mecklenburg, Hannover, Oldenburg, Holstein und was noch so drum und dran hängt ..., diese deutschen Bruderstaaten bilden den Köder, auf welchen Preußen" - und zwar "bei jeder Gelegenheit" - "begierig losschnappt" (l.c. p. 14, 15)

und an dem es, wie Vogt verrät, bei dieser Gelegenheit von Louis Bonaparte festgeangelt worden ist. Auf der einen Seite wird und muß Preußen im geheimen "Einverständnis" mit Louis Bonaparte und "auf Kosten seiner deutschen Brüder die Küsten der Nord- und Ostsee erreichen". (1.c. p. 14.) Auf der andern Seite erhält

"Preußen erst dann eine natürliche Grenze, wenn die Wasserscheide des Erz- und Fichtelgebirges durch den weißen Main und die Mainlinie bis nach Mainz fortgezogen wird". (l.c. p. 93.)

Natürliche Grenzen mitten in Deutschland! Und nun gar gebildet durch eine Wasserscheide, die durch einen Fluß läuft! Es sind derartige Entdeckungen im Gebiet der physikalischen Erdbeschreibung, wozu auch der auftauchende Kanal (s. "Hptbuch") gehört, die "die abgerundete Natur" mit A. v. Humboldt auf gleiche Linie stellen. Während er dem Deutschen Bund derart Vertrauen in Preußens Führung predigt, erfand Vogt zugleich, unbefriedigt mit der "alten Rivalität Preußens gegen Östreich auf deutschem usw. Gebiete", eine Rivalität zwischen beiden, die "auf außereuropäischem Gebiete so oft hervorgetreten ist". (l.c. p. 20.) Dies außereuropäische Gebiet liegt wohl im Mond.

In der Tat setzt Vogt einfach die von der französischen Regierung 1858 herausgegebene Karte "L'Europe en 1860" in Worte. Auf dieser Karte sind Hannover, Mecklenburg, Braunschweig, Holstein, Kurhessen, nebst den verschiednen Waldeck, Anhalt, Lippe usw. an Preußen annexiert, während "l'Empereur des Français conserve ses (!) limites actuelles", der Kaiser der Franzosen seine (!) alten Grenzen einhält. "Preußen bis an den Main" ist zugleich ein Stichwort der russischen Diplomatie. (Siehe z.B. das schon erwähnte Memorandum von 1837.) Einem preußischen Norddeutschland würde ein östreichisches Süddeutschland gegenübertreten, durch natür- <525> liche Grenzen, Tradition, Konfession, Dialekt und Stammunterschiede getrennt, die Ent-Zweiung Deutschlands wäre durch Vereinfachung seiner Gegensätze vollendet und der 30jährige Krieg in Permanenz erklärt.

Nach der ersten Auflage der "Studien" sollte Preußen also solchen "Lohn" erhalten für die "Anstrengungen", womit es während des Kriegs das deutsche Bundesschwert in die Scheide zwang. In Vogts "Studien" wie in der französischen Karte "L'Europe en 1860", ist es nämlich nicht Louis Bonaparte, sondern Preußen, das Gebietsvergrößerung und natürliche Grenzen durch den französischen Krieg gegen Östreich sucht und findet.

Indes erst im Nachwort zur zweiten Auflage seiner "Studien", die während des östreichisch-französischen Kriegs erschienen, enthüllt Vogt die wahre Aufgabe Preußens. Es soll einen "Bürgerkrieg" (s. zweite Auflage, p. 152) beginnen zur Stiftung einer "einheitlichen Zentralgewalt" (l.c. p. 153), zur Einverleibung Deutschlands in die preußische Monarchie. Während Rußland von Osten vorgeht und Östreich von Louis Bonaparte in Italien gelähmt wird, soll Preußen einen dynastischen "Bürgerkrieg" in Deutschland eröffnen. Vogt garantiert dem Prinzregenten <Wilhelm>, daß der

"jetzt" in Italien "entzündete Krieg wenigstens das Jahr 1859 in Anspruch" nehmen wird, .während die Einigung Deutschlands, mit raschem Entschlusse durchgeführt, nicht so viel Wochen kosten würde als der italienische Feldzug Monate". (l.c. p. 155.)

Der Bürgerkrieg in Deutschland würde nur Wochen kosten! Außer den östreichischen Truppen, die sofort, mit oder ohne Krieg in Italien, gegen Preußen marschiert wären, würde Preußen, wie Vogt selbst erzählt, Widerstand finden an "Bayern ..., dem östreichischen Einflusse vollständig unterworfen" ("Studien", erste Aufl., p. 90), an Sachsen, das zunächst bedroht wäre und keinen weitern Grund hätte, seiner "Sympathie für Östreich" (l.c. p. 93) Gewalt anzutun, an "Württemberg, Hessen-Darmstadt und Hannover" (l.c. p. 94), kurz an "Neun Zehntel" (l.c. p. 16) der "deutschen Regierungen". Und diese Regierungen, wie Vogt weiter beweist, würden in solchem dynastischen "Bürgerkrieg", nun gar von Preußen unternommen zu einer Zeit, wo Deutschland von seinen "beiden größten äußern Feinden" bedroht war, keineswegs in der Luft geschwebt haben.

"Der Hof" (in Baden), sagt Vogt, "geht mit Preußen, das Volk aber, darüber kann kein Zweifel obwalten, schließt sich in diesen Sympathien der regierenden Familie <526> gewiß nicht an. Das Breisgau ist sogar ebensogut wie Oberschwaben durch die Bande der Sympathie und der Konfession, durch alte Erinnerungen an Vorderöstreich, zu dem es einst gehörte, noch immer fester an den Kaiser und den Kaiserstaat geknüpft, als man es nach so langer Trennung vermuten sollte." (l.c. p. 93, 94.) "Mit Ausschluß von Mecklenburg" und "vielleicht" Kurhessen, "herrscht Mißtrauen gegen die Aufgehens-Theorie und widerstrebendes Nachgeben in Norddeutschland gegen Preußen. Das instinktive Gefühl der Abneigung, ja des Hasses, den Süddeutschland gegen Preußen hegt ... auch dieses Gefühl hat alles volltönende Geschrei der Kaiserpartei nicht ausrotten oder wegdeklamieren können. Es existiert lebendig im Volke, und keine Regierung, selbst wenn es die badische wäre, kann ihm lange widerstehn. Wahre Sympathie hat also Preußen nirgends im deutschen Volke noch in den Regierungen des deutschen Bundes." (l.c. p. 21.)

So sagt Vogt. Und eben darum würde nach demselben Vogt ein dynastischer "Bürgerkrieg", von Preußen unternommen in "geheimem Einverständnis", mit den "beiden größten äußern Feinden Deutschlands", nur "Wochen" gekostet haben. Aber noch nicht genug.

"Altpreußen geht mit der Regierung - Rheinland-Westfalen mit dem katholischen Östreich. Gelingt es der dortigen Volksbewegung nicht, die Regierung zu Östreich zu drängen, so wird die nächste Folge ein erneutes Aufreißen der Kluft zwischen den beiden Teilen der Monarchie sein." (l.c. p. 20.)

Wenn also nach Vogt einfache Nichtparteinahme Preußens für Östreich schon die Kluft zwischen Rheinland-Westfalen und Altpreußen von neuem aufriß, mußte natürlich nach demselben Vogt ein "Bürgerkrieg", den Preußen zum Ausschluß Östreichs aus Deutschland unternahm, Rheinland-Westfalen völlig von Preußen losreißen. Aber "was geht diese Römlinge Deutschland an?" (l.c. p. 119), oder, wie er eigentlich meint, was gehn diese Römlinge Deutschland an? Rheinland-Westfalen sind ultramontane "römisch-katholische", aber keine "wahrhaft deutsche" Länder. Sie müssen also nicht minder vom Bundesgebiet ausgeschieden werden als Böhmen und Mähren. Und diesen Ausscheidungsprozeß sollte der Preußen von Vogt anempfohlene dynastische "Bürgerkrieg" beschleunigen. In der Tat hatte die französische Regierung in der 1858 von ihr herausgegebenen Karte "L'Europe en 1860", die dem Vogt als Kompaß seiner "Studien" diente, wie Ägypten an Östreich, so die Rheinprovinzen als Länder "katholischer Nationalität" an Belgien annexiert - ironische Formel für die Annexierung Belgiens und der Rheinprovinz an Frankreich. Daß Vogt weiter geht als die französische Regierungskarte und das katholische Westfalen mit in den Kauf gibt, erklärt sich aus den "wissenschaftlichen Verhältnissen" des <527> flüchtigen Reichsregenten zu Plon-Plon, dem Sohn des Exkönigs von Westfalen <Jérôme Bonaparte>.

Also Resumé: Auf der einen Seite wird Louis Bonaparte Rußland erlauben, von Posen bis Böhmen hinein und über Ungarn nach der Türkei hinaus die Arme zu strecken; auf der andern Seite wird er selbst durch Waffengewalt an Frankreichs Grenze ein einiges und unabhängiges Italien stiften und alles - pour le roi de Prusse <für den König von Preußen; hier: für nichts und wieder nichts>; alles, damit Preußen Gelegenheit erhält, Deutschland durch einen Bürgerkrieg unter seinen Hut zu bringen und "die Rheinprovinzen auf ewig" gegen Frankreich zu "sichern". (l.c. p. 121.)

"Aber, sagt man, es ist Gefahr für das Bundesgebiet da, der Erbfeind droht, sein eigentliches Ziel ist der Rhein. So schütze man diesen und schütze das Bundesgebiet" (l.c. p. 105),

und zwar schütze man das Bundesgebiet, indem man Böhmen und Mähren an Rußland abtritt, und schütze man den Rhein, indem man einen deutschen "Bürgerkrieg" beginnt, der unter anderm bestimmt ist, Rheinland-Westfalen von Preußen loszureißen.

"Aber, sagt man, Louis-Napoleon ... will den napoleonischen Länderdurst befriedigen auf irgendeine Weise! Wir glauben das nicht, wir haben das Beispiel des Krimfeldzugs vor uns!" (l.c. p. 129.)

Außer seinem Unglauben an den napoleonischen Länderdurst und seinem Glauben an den Krimfeldzug hat Vogt jedoch ein andres Argument in petto. Östreicher und Franzosen werden sich nach dem Vorbild der Katzen von Kilkenny so lange in Italien beißen, bis von beiden nur die Schwänze übriggeblieben sind.

"Es wird ein furchtbar blutiger, hartnäckiger, vielleicht unentschiedner Krieg werden." (l.c. p. 127, 128.) "Nur mit Anstrengung <bei Vogt: Anspannung> seiner äußersten Kräfte wird Frankreich mit Piemont den Sieg erringen, und es werden Jahrzehnte hingehen, ehe es sich von dieser erschöpfenden Anstrengung erholen kann." (l.c. p. 129.)

Diese Aussicht auf die Dauer des italienischen Kriegs schlägt seine Widersacher. Die Methode nun, wodurch Vogt Östreichs Widerstand gegen die französischen Waffen in Italien verlängert und Frankreichs Aggressivkraft lähmt, ist in der Tat originell genug. Auf der einen Seite erhalten die Franzosen carte blanche in Italien; auf der andern Seite wird dem "wohlwollenden Zar" erlaubt, durch seine Manöver in Galizien, Ungarn, Mähren und <528> Böhmen, durch revolutionäre Umtriebe im Innern und militärische Demonstrationen an den Grenzen

"einen bedeutenden Teil der östreichischen Streitkräfte in denjenigen Teilen der Monarchie zu halten, welche einem russischen Angriffe ausgesetzt oder russischen Umtrieben zugänglich sind". (l.c. p. 11.)

Und schließlich durch einen dynastischen "Bürgerkrieg", den Preußen gleichzeitig in Deutschland eröffnet, wird Östreich gezwungen, seine Hauptkräfte zur Erhaltung seiner deutschen Besitzungen aus Italien wegzuziehn. Unter solchen Umständen werden Franz Joseph und Louis Bonaparte natürlich keinen Frieden von Campoformio schließen, sondern - "sich beide in Italien verbluten".

Östreich wird dem "wohlwollenden Zar" weder Konzessionen im Osten machen und die längst angebotene Schadloshaltung in Serbien und Bosnien annehmen, noch wird es Frankreich die Rheinprovinzen garantieren und im Bund mit Rußland und Frankreich über Preußen herfallen. Beileibe nicht! Es wird darauf bestehen, sich "in Italien zu verbluten". Jedenfalls aber würde Vogts "Schicksalsmensch" solche Entschädigung am Rhein mit sittlicher Entrüstung abweisen. Vogt weiß, daß

"die äußere Politik des heutigen Kaiserreichs nur ein Prinzip hat, das der Selbsterhaltung". (l.c. p. 31.)

Er weiß, daß Louis Bonaparte

"nur eine einzige Idee verfolgt, diejenige, sich in dieser Herrschaft" (über Frankreich) "zu erhalten". (l.c. p. 29.)

Er weiß, daß der "italienische Krieg ihn nicht populär in Frankreich macht", während die Erwerbung der Rheinprovinzen ihn und seine Dynastie "populär" machen würde. Er sagt:

"Die Rheinprovinzen sind in der Tat ein Lieblingsgelüst des französischen Chauvin, und vielleicht, wenn man auf den Grund geht, würde man nur eine kleine Minorität der Nation finden, welche nicht diesen Wunsch im Herzen trüge." (l.c. p. 121.)

Andrerseits wissen die "Einsichtigen in Frankreich", darum wohl auch Vogts "Schicksalsmensch mit der Schlangenklugheit",

"daß nur so lange eine Hoffnung zu dieser Verwirklichung ist" (nämlich Frankreichs Erwerb der natürlichen Rheingrenze), "als Deutschland 34 verschiedne Regierungen besitzt [...] Laßt ein wahrhaftes Deutschland existieren mit einheitlichen Interessen und fester Organisation und die Rheingrenze wird auf ewig gesichert sein." (l.c. p. 121.)

Eben deshalb würde Louis Bonaparte, der zu Villafranca dem Kaiser von Östreich die Lombardei anbot im Austausch für die Garantie der <529> Rheinprovinzen (siehe die Erklärung Kinglakes im Hause der Gemeinen, 12. Juli 1860), Östreichs Angebot der Rheinprovinzen für französische Hülfe gegen Preußen entrüstet abgewiesen haben.

Auch Vogts Dentusche Originalquellen ergingen sich nicht nur in Schwärmereigefühlen für Deutschlands Einigung unter Preußen (11): Sie wiesen namentlich jede Anspielung auf die Rheinprovinzgelüste mit tugendhafter Emphase zurück.

"Der Rhein! ... Was ist der Rhein - eine Grenze. Die Grenzen werden bald Anachronismen sein." (p. 36, "La foi des traités etc.", Paris 1859.)(12)

In dem von Badinguet auf Grundlage des Nationalitätsprinzips zu stiftenden Tausendjährigen Reich, wer wird da von Rheingrenze sprechen, überhaupt von Grenzen!

"Stipuliert Frankreich Entschädigung für die Opfer, die es bereit ist, für einen Zweck der Billigkeit, gerechten Einflusses und im Interesse des europäischen Gleichgewichts zu bringen? Verlangt es das linke Rheinufer? Erhebt es selbst auch nur Ansprüche auf Savoyen und auf die Grafschaft Nizza?" ("La vraie question etc.", Paris 1859, p. 13.)(13)

<530> Frankreichs Verzichtleistung auf Savoyen und Nizza als Beweis für Frankreichs Verzichtleistung auf den Rhein! Das hat Vogt nicht verdeutscht.

Vor Beginn des Kriegs war es für Louis Bonaparte entscheidend wichtig, wenn er Preußen zu keinem Einverständnis ködern konnte, den Deutschen Bund wenigstens glauben zu machen, er habe es geködert. Diesen Glauben sucht Vogt in der ersten Auflage seiner "Studien" zu verbreiten. Während des Kriegs wurde es noch wichtiger für Louis Bonaparte, Preußen zu Schritten zu verleiten, die Östreich den Beweis oder den Scheinbeweis eines solchen Einverständnisses geliefert hätten. In der zweiten Auflage der "Studien", die während des Kriegs erschien, fordert Vogt Preußen daher in einem eignen Nachwort zur Eroberung Deutschlands auf und zur Einleitung eines dynastischen "Bürgerkriegs", von dem er im Text des Buches beweist, daß er "blutig, hartnäckig, vielleicht unentschieden" sein und mindestens Rheinland-Westfalen kosten würde, und wovon er im Nachwort desselben Buchs hoch beteuert, daß er "nur Wochen kosten würde". Vogts Stimme ist nun in der Tat keine Sirenenstimme. Louis Bonaparte, in seinem Gaunerstreich unterstützt von Bottle-holder <Steigbügelhalter> Palmerston, mußte daher von ihm selbst geschmiedete preußische Vorschläge dem Franz Joseph in Villafranca vorlegen; Östreich mußte Preußens bescheidne Ansprüche auf Deutschlands militärische Führung zum Vorwand eines Friedensschlusses machen (14), den Louis Bonaparte vor Frankreich damit entschuldigen mußte, daß der italienische Krieg gedroht, in einen allgemeinen Krieg umzuschlagen, der "die deutsche Einheit schaffen und so ein Werk ausführen würde, dessen Vereitlung der stete Zweck der französischen Politik seit Franz I. gewesen sei" (15).

<531> Nachdem Frankreich durch den ital[ienischen] Krieg Savoyen und Nizza und mit ihnen eine Position erworben, die für den Fall eines Rheinkriegs mehr als eine Armee aufwiegt, wurden "deutsche Einheit unter preußischer Hegemonie" und "Abtretung des linken Rheinufers an Frankreich" konvertible Größen im Wahrscheinlichkeitskalkül des 2. Dezember. Die 1858 herausgegebene Karte "L'Europe en 1860" ward verdolmetscht durch die 1860 herausgegebene Karte "L'Europe pacifiée" (das zu Ruhe gebrachte Europa?), worin Ägypten nicht länger an Östreich fällt und die Rheinprovinzen samt Belgien an Frankreich annexiert sind zum Ersatz für die Preußen zugewiesenen "nordischen Flachlande". (16)

Endlich, zu Etienne, erklärte Persigny offiziell, daß schon im "Interesse des europäischen Gleichgewichts" jede weitere Zentralisation Deutschlands das Vordringen Frankreichs an den Rhein bedingen.(17) Aber weder vor noch nach dem italienischen Krieg hat der groteske Bauchredner der Tuilerien schamloser gesprochen als durch das Mundstück des flüchtigen Reichsregenten.

<532> Vogt, "der Neuschweizer, der Kantonsbürger von Bern und der Genfer Ständerat" (l.c., Vorrede), eröffnet den Schweizer Teil seiner "Studien" durch einen Prolog (l.c. p. 37-39), worin die Schweiz zu einem Freudenausbruch über die Ersetzung Louis-Philippes durch Louis Bonaparte auf gefordert wird. Allerdings verlangte Louis Bonaparte "Preßmaßregelungen" vom Bundesrat, aber "die Napoleoniden scheinen in dieser Beziehung eine außerordentlich kitzlige Haut zu haben". (l.c. p. 36.) Bloße Hautkrankheit, so an die Familie angewachsen, daß sie sich nicht nur durch das Familienblut, sondern auch - teste <dafür zeugt> Louis Bonaparte - durch den bloßen Familiennamen vererbt. Allerdings:

"Die Verfolgung unschuldiger Menschen in Genf, welche von dem Bundesrat auf kaiserlichen Befehl hin durchgeführt wurde gegen arme Teufel, die weiter nichts verbrochen hatten, als Italiener zu sein; die Errichtung der Konsulate; die Preßplackereien; die unsinnigen Polizeimaßregeln jeder Art und in letzter Linie die Verhandlungen über die Abtretung des Dappentales haben wesentlich dazu beigetragen, in der Schweiz die Erinnerungen an die Dienste zu verwischen, welche der Kaiser im Neuenburger Handel wirklich geleistet und namentlich derjenigen Partei geleistet hat, die jetzt am heftigsten sich gegen ihn kehrt." (l.c. p. 37, 38.)

Großmütiger Kaiser, undankbare Partei! Was der Kaiser im Neuenburger Handel wollte, war keineswegs ein Präzedens für die Verletzung der Verträge von 1815, Preußens Demütigung und das Protektorat der Schweiz. Es galt ihm, der Schweiz "wirkliche Dienste zu leisten" in seiner Eigenschaft als "Neuschweizer, Kantonsbürger von Thurgau und Oberstraßer Artilleriehauptmann". Die Undankbarkeit, deren Vogt im März 1859 die antibonapartistische Partei in der Schweiz bezüchtigt hat, <533> warf ein andrer Diener des Kaisers, Herr von Thouvenel, im Juni l860, der ganzen Schweiz vor. Man liest in der "Times" vom 30. Juni 1860:

"Vor einigen Tagen fand im Ministerium des Auswärtigen zu Paris eine Zusammenkunft zwischen Dr. Kern und Herrn von Thouvenel statt in Gegenwart des Lord Cowley. Thouvenel erklärte dem ehrenwerten Repräsentanten der Schweiz, daß die Zweifel und Protestationen der Bundesregierung beleidigend seien, insofern sie Unglauben an die Regierung Sr. Kais[erlichen] Majestät einzuschließen schienen. Solches Betragen sei grober Undank in Betracht der Dienste (services), die der Kaiser Napoleon dem Bunde bei vielen Gelegenheiten, namentlich aber im Neuenburger Handel, geleistet (rendered) hatte. Wie dem auch sei, da die Schweiz so blind gewesen, ihrem Wohltäter zu mißtrauen, müsse sie selbst die Folgen auf sich nehmen."

Und dennoch hatte Vogt schon im März I 859 der blinden antibonapartistischen Partei in der Schweiz den Star zu stechen gesucht. Auf der einen Seite verweist er auf "die wirklichen Dienste", die "der Kaiser geleistet". Auf der andern Seite "verschwinden die kaiserlichen Plackereien völlig" gegen die königlichen Plackereien unter Louis-Philippe. (l.c. p. 39.) Als z.B.: 1858 verjagt der Bundesrat "auf kaiserlichen Befehl arme Teufel, die weiter nichts verbrochen hatten, als Italiener zu sein" (p. 37); 1838, trotz Louis-Philippes Drohungen, verweigert er, den Louis Bonaparte zu verjagen, der weiter nichts verbrach, als von der Schweiz aus gegen Louis-Philippes Krone zu konspirieren. Im Jahre 1846 wagt die Schweiz trotz Louis-Philippes "Kriegsspektakel" den Sonderbundskrieg, denn dem Friedenskönig gegenüber hieß es: Bangemachen gilt nicht; 1858 tut sie kaum jüngferlich gegen Louis Bonapartes Dappental-Tastungen.

"Ludwig-Philipp", sagt Vogt selbst, "hatte eine ärmliche europäische Existenz fortgeschleppt, gehunzt von allen Seiten, selbst von den kleinern legitimen Fürsten, weil er nicht gewagt hatte, nach außen hin eine starke Politik zu verfolgen." (1.c. p. 31.) Aber: "Der Schweiz gegenüber ist die kaiserliche Politik ohne Zweifel diejenige eines mächtigen Nachbars, der weiß, daß er am Ende alles durchsetzen kann, was er will." (l.c. p. 37.)

Also, schließt Vogt, mit Grandguillotscher Logik, "daß man sich, vom rein schweizerischen Standpunkte aus, nur im höchsten Grade freuen kann" (p. 39) über die Änderung, die statt des "von allen Seiten gehunzten Louis-Philippe" der Schweiz einen "mächtigen Nachbar" gab, "der weiß, daß er ihr gegenüber alles kann, was er will".

Diesem Prolog, der die nötige Gemütsstimmung vorbereitet, folgt eine deutsche Übersetzung der Bundestagsnote vom 14. März 1859, und sonderbarerweise belobt Vogt diese Note, worin der Bundesrat sich auf die Ver- <534> träge von 1815 beruft, auf die sich zu berufen derselbe Vogt für "Heuchelei" erklärt. "Geht doch mit eurer Heuchelei!" (l.c. p. 112.)(18)

Vogt untersucht nun weiter, "von welcher Seite her der erste Angriff gegen die Neutralität der Schweiz kommen wird" (l.c. p. 84), und führt den überflüssigen Beweis, daß die französische Armee, welche Piemont diesmal nicht zu erobern hatte, weder über den Simplon noch über den Großen Bernhard marschieren werde. Gleichzeitig entdeckt er den nicht existierenden Landweg "über den Mont Cenis, über Fenestrella durch das Sturatal". (l.c. p. 84.) Soll nämlich heißen Doratal. Von Frankreich her also droht der Schweiz keine Gefahr.

"Nicht mit gleicher Beruhigung kann man die Schonung der schweizerischen Neutralität von seiten Östreichs erwarten, und verschiedne Erscheinungen deuten sogar darauf hin, daß man vorkommenden Falles dieselbe in der Tat zu verletzen beabsichtigt." (l.c. p. 85.) "Bedeutungsvoll in dieser Beziehung dürfte die Ansammlung eines Truppenkorps in Bregens und Feldkirch sein." (l.c. p. 86.)

Hier wird der rote Faden sichtbar, der die "Studien" durchläuft und gradenwegs von Genf nach Paris leitet.

Das vom Derby-Kabinett veröffentlichte Blue Book über "The affairs of Italy. January to May 1859" erzählt nämlich, daß "die Ansammlung eines östreichischen Truppenkorps bei Bregenz und Feldkirch" ein geflissentlich von bonapartistischen Agenten in der Schweiz verbreitetes Gerücht war, dem jeder tatsächliche Vorwand fehlte. (N. 174 des zitierten Blue Book, Brief des Captain Harris an Lord Malmesbury, d.d. Bern, 24. März 1859.) Humboldt-Vogt entdeckt bei dieser Gelegenheit auch, daß man sich in Bregenz und Feldkirch

"in unmittelbarer Nähe des Rheintals befindet, in welches drei große Alpenpässe mit fahrbaren Straßen, nämlich die Via Mala, der Splügen und der Bernhardin einmünden, der letztere nach dem Tessin, die beiden erstern nach dem Comer See führend". (l.c. p. 86.)

<535> In der Wirklichkeit führt die Via Mala erstens über den Splügen, zweitens über den Bernhardin und drittens nirgends woanders hin.

Nach all diesem Polonius-Gewäsch, das den Verdacht der Schweiz von der westlichen nach der östlichen Grenze hinlenken sollte, kugelt "die abgerundete Natur" endlich zu ihrer eigentlichen Aufgabe heran.

"Die Schweiz, sagt Vogt, "ist vollkommen im Rechte, wenn sie die Verpflichtung, Truppenzüge über diese Eisenbahn" (von Culoz nach Aix und Chambéry) "nicht zu gestatten, entschieden zurückweist und sich darauf beschränkt, vorkommenden Falles das Neutralitätsgebiet nur so weit in Anspruch zu nehmen, als es zur Verteidigung ihres eignen Gebiets nötig ist" (l.c. p. 89),

und er versichert dem Bundesrat, daß zu dieser "in seiner Note vom 14. März angedeuteten Politik die ganze Schweiz wie ein Mann stehen wird".

Vogt veröffentlicht seine "Studien" Ende März. Erst am 24. April benutzte Louis Bonaparte die besagte Eisenbahn für Truppenzüge, und den Krieg erklärte er noch später. Vogt, in die Details des bonapartistischen Kriegsplans eingeweiht, wußte also ganz genau, "von welcher Seile der erste Angriff gegen die Neutralität der Schweiz kommen" werde. Er hatte den ausdrücklichen Beruf, sie zur Duldung einer ersten Neutralitätsverletzung zu kirren, deren logische Folge: Annexation des neutralisierten Savoyer Gebiets an das Dezemberreich. Den Bundesrat auf die Schulter klopfend, unterlegt er der Note vom 14. März einen Sinn, den sie vom bonapartistischen Standpunkte aus haben sollte. Der Bundesrat sagt in seiner Note, die Schweiz werde ihre vertragsmäßige "Mission" der Neutralität "gleichmäßig und loyal gegen alle erfüllen". Er zitiert ferner einen Artikel der Verträge, wonach "keinerlei Truppen irgendeiner andern Macht sich daselbst" (dem neutralisierten Gebiet von Savoyen) "aufhalten oder durchziehen dürfen". Er erwähnt mit keinem Wort, daß er die Benutzung der Eisenbahn, die durch das neutralisierte Gebiet läuft, den Franzosen gestatten werde. Bedingungsweise als "Maßregel zur Sicherung und Verteidigung ihres Gebiets" behält er der Eidgenossenschaft "die militärische Besetzung" des neutralisierten Gebiets vor. Daß Vogt hier geflissentlich und in höherm Auftrag die Bundestagsnote umlügt, beweist nicht nur ihr Wortlaut, sondern auch die Erklärung Lord Malmesburys - damals englischer Minister der auswärtigen Angelegenheiten - in der Sitzung des Oberhauses vom 23. April 1860.

"Als", sagt Malmesbury, "die französischen Truppen im Begriff standen" (mehr als einen Monat nach der Note des Bundesrates vom 14. März), "durch Savoyen nach Sardinien zu marschieren, warf die schweizerische Regierung, treu der Neutralität, auf <536> der ihre Unabhängigkeit beruht, zuerst ein, diese Truppen hätten kein Recht, das neutralisierte Gebiet zu passieren."(19)

Und durch welchen Einwurf beseitigten Louis Bonaparte und die mit ihm verbündete Schweizer-Partei das Bedenken des Bundesrats? Vogt, der Ende März 1859 wußte, daß französische Truppenzüge das neutralisierte Gebiet Ende April 1859 verletzen würden, antizipiert natürlich auch schon Ende März die Phrase, wodurch Louis Bonaparte Ende April seinen Gewaltstreich beschönigen wird. Er erhebt die Bedenklichkeit, ob das "Kopfende der Linie von Culoz nach Aix und Chambéry in das Bereich des Neutralitätsgebiets" fällt (l.c. p. 89), und demonstriert, daß "die Bestimmung des Neutralitätsgebiets durchaus nicht den Zweck hatte, die Kommunikation zwischen Frankreich und Chambéry aufzuheben", die besagte Eisenbahnlinie also moralisch das Neutralitätsgebiet vermeidet.(20)

Hören wir andrerseits Lord Malmesbury:

"Später, auf das Bedenken hin, ob die Eisenbahnlinie nicht den neutralisierten Teil von Savoyen vermeide, zog die Schweizer Regierung ihren Einwand zurück und erlaubte den französischen Truppen den Durchmarsch. Ich glaube, daß sie im Unrecht war, als sie dies tat. (I think that they were wrong in doing so.) Wir hielten die Bewahrung der Neutralität dieses Gebiets für einen Gegenstand von so europäischer Wichtigkeit ..., daß wir dem französischen Hof am 28. April 1859 einen Protest gegen den Durchmarsch dieser Truppen nach Sardinien zusandten."

Wegen dieses Protests klagte Palmerston den Malmesbury "östreichischer" Sympathien an, indem er "überflüssigerweise die französische Regierung beleidigt habe" (had uselessly offended the French government), ganz wie Vogt im "Hauptbuch" (p. 183) das "Volk" anklagt,

<537> "es gab sich alle Mühe", natürlich Östreich zulieb, "der Schweiz Verlegenheiten zu bereiten ... Man lese die Artikel, welche das 'Volk' über die Neutralitätsfrage und den Durchmarsch der Franzosen durch Savoyen brachte, um diese von der 'Allgemeinen Zeitung' vollkommen geteilte Tendenzen mit Händen zu greifen." (21)

Man wird nun "mit Händen greifen", daß der ganze auf die Schweiz bezügliche Abschnitt von Vogts "Studien" durchaus nichts andres bezweckte als Bevorwortung der ersten Verletzung des Schweizer Neutralitätsgebiets durch seinen "Schicksalsmenschen". Es war der erste Schritt zur Annexation Savoyens und daher der französischen Schweiz. Das Schicksal der Schweiz hing von der Energie ab, womit sie diesem ersten Schritt entgegentrat, ihr Recht erhielt, indem sie im entscheidenden Augenblick davon Gebrauch machte, es zu einer europäischen Frage erhob zu einer Zeit, wo die Unterstützung der englischen Regierung gewiß war und Louis Bonaparte, der seinen lokalisierten Krieg eben begann, nicht wagen durfte, ihr den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Einmal offiziell engagiert, konnte die englische Regierung nicht mehr zurückweichen.(22) Daher die gewaltige Anstrengung des "Neuschweizers, Kantonsbürgers von Bern und Ständerats von Genf", Staubwolken aufzujagen und die Gestattung des Durchmarsches der französischen Truppen durch das neutralisierte Gebiet als ein von der Schweiz geltend zu machendes Recht darzustellen, als tapfre Demonstration gegen Östreich. Hatte er doch die Schweiz vor Catilina-Cherval gerettet!

Während Vogt den Protest gegen die Rheingrenzgelüste seinen Dentuschen Originalpamphlets verstärkend nachhallt, vermeidet er jede, auch die leiseste Anspielung auf die in denselben Pamphlets enthaltene Entsagung auf Savoyen und Nizza. Selbst die bloßen Namen Savoyen und Nizza fehlen in seinen "Studien". Nun protestierten aber bereits im Februar 1859 Savoyer <538> Deputierte zu Turin gegen den italienischen Krieg, weil Savoyens Annexation an das Dezemberreich den Kaufpreis der franz[ösischen] Allianz bilde. Der Protest war nie zu Vogts Ohren gedrungen. Ebensowenig die der übrigen Emigration wohlbekannten zwischen Louis Bonaparte und Cavour im August 1858 zu Plombières vereinbarten Stipulationen (veröffentlicht in einer der ersten Nummern des "Volk"). Mazzini, in der schon früher erwähnten Nummer des "Pensiero ed Azione" (2. bis 16. Mai 1859) hatte wörtlich vorausgesagt:

"Sollte aber Östreich gleich im Beginn des Kriegs geschlagen werden und die Vorschlage, die es im Jahre 1848 eine Zeitlang der englischen Regierung machte, wiederholen, nämlich die Preisgabe der Lombardei unter der Bedingung, Venedig zu behalten, so würde der Frieden angenommen werden. Die Bedingungen der Vergrößerung der sardinischen Monarchie und der Zäsion Savoyens und Nizzas an Frankreich würden allein zur Ausführung kommen."(23)

Mazzini veröffentlichte seine Vorhersage Mitte Mai 1859, Vogt die zweite Auflage seiner "Studien" Mitte Juni 1859, aber kein Sterbenswort von Savoyen und Nizza. Schon vor Mazzini und schon vor den Savoyer Deputierten, schon im Oktober 1858, anderthalb Monate nach der Verschwörung von Plombières, unterrichtete der Bundespräsident der Schweiz in einer eignen Depesche das englische Ministerium,

"er habe Grund zu glauben, daß zwischen Louis Bonaparte und Cavour ein bedingungsweises Übereinkommen über die Abtretung Savoyens geschlossen worden sei"(24).

Anfang Juni 1859 teilte der Bundespräsident dem englischen Geschäftsführer zu Bern von neuem seine Befürchtungen über die bevorstehende Annexation Savoyens und Nizzas mit.(25) Zu Vogt, dem Schweizerretter <539> von Fach, drang nie die leiseste Kunde weder von dem Protest der Savoyer Deputierten noch von Mazzinis Enthüllungen, noch von den seit Oktober 1858 bis Juni 1859 fortdauernden Befürchtungen der Schweizer Bundesregierung. Ja, wie wir später sehn werden, noch im März 1960, als das Geheimnis von Plombières durch alle Straßen von Europa lief, vermied es, dem Herrn Vogt jemals zu begegnen. Wohl mit Bezug auf ihr Verstummen über die drohende Annexation tragen die "Studien" das Motto: "Schweigen ist die Tugend des Sklaven." Eine Andeutung enthalten sie jedoch:

"Aber gesetzt auch", sagt Vogt, "gesetzt auch, das Unwahrscheinliche geschähe und der Siegespreis würde in italischem Lande, sei es südwärts oder nordwärts ausbezahlt ... Wahrlich vom engsten deutschen Standpunkt aus ... mochte man innigst wünschen, daß der welsche Wolf einen italischen Knochen zwischen die Zähne bekomme." (l.c. p. 129, 130.)

Das italische Land nordwärts meinte natürlich Nizza und Savoyen. Nachdem der Neuschweizer, Kantonsbürger von Bern und Genfer Ständerat "vom rein schweizerischen Standpunkte aus" (l.c. p. 39) die Schweiz aufgefordert hatte, "sich im höchsten Grade zu freuen" über Louis Bonapartes Nachbarschaft, fällt dem flüchtigen Reichsregenten plötzlich ein, wie er "wahrlich vom engsten deutschen Standpunkte aus innigst wünschen möchte", daß der welsche Wolf "den Knochen" von Nizza und Savoyen und also die französische Schweiz "zwischen die Zähne bekomme"(26).

Vor einiger Zeit erschien zu Paris ein Pamphlet "Napoléon III", nicht "Napoléon III et 1'Italie", oder "Napoléon III et la question Roumain", oder "Napoléon III et la Prusse", sondern "Napoléon III" schlechthin, ein- <540> facher Napoleon III. Es ist ein in Hyperbeln von Napoleon III. auf Napoleon III. geschriebener Panegyrik. Dies Pamphlet ist von einem Araber namens Dâ-Dâ in seine Muttersprache verdolmetscht worden. Im Nachwort vermag der trunkne Dâ-Dâ seinen Enthusiasmus nicht länger zu halten und strömt in lichterlohe Poesieverse über. In der Vorrede jedoch ist Dâ-Dâ noch nüchtern genug zu gestehn, daß seine Schrift auf Befehl der Lokalbehörden von Algier veröffentlicht werde und bestimmt sei zur Verteilung unter die eingebornen arabischen Stämme jenseits der Grenzen Algeriens, damit "die Idee der Einheit und Nationalität unter einem gemeinschaftlichen Chef sich ihrer Phantasie bemächtige." Dieser gemeinschaftliche Chef, der "die Einheit der arabischen Nationalität" stiften soll, ist, wie Dâ-Dâ verrät, kein Geringerer als "die Sonne der Wohltätigkeit, der Ruhm des Firmaments - der Kaiser Napoleon III.". Vogt, obgleich er ungereimt schreibt, ist kein Geringerer als der deutsche Dâ-Dâ.

Daß Dâ-Dâ Vogt seine deutsche Umschreibung der von der Sonne der Wohltätigkeit und dem Ruhm des Firmaments ausgestrahlten "Moniteur"-Artikel, Dentupamphlets und Karten des revidierten Europas "Studien" nennt, ist der beste Witz, der ihm während seiner heitern Lebensläufe entfallen ist, besser selbst als die Reichsregentschaft und der Reichsweinschwelg und die von ihm selbst erfundnen Reichspässe ins Ausland. Daß der "gebildete" deutsche Bürgersmann "Studien", worin Östreich mit England um Ägypten ringt, Östreich und Preußen auf außereuropäischen Gebieten hadern, Napoleon I. die Bank von England ihr Gold zu wägen statt zu zählen zwingt, Griechen und Fanarioten verschiedne Racen sind, ein Landweg vom Mont Cenis über Fenestrella durch das Sturatal führt usw., daß er solche "Studien" für bona fide Studien nahm, beweist den Hochdruck, womit eine zehnjährige Reaktion auf seinem liberalen Hirnschädel gelastet hat.

Sonderbarerweise fuhr derselbe liberale deutsche Bärenhäuter, der Vogts grob übertreibende Verdeutschung der dezembristischen Originalpamphlets beklatscht hatte, ganz erbost von seinem Schlafstuhl auf, sobald Edmond About in seinem "La Prusse en 1860" (ursprünglich "Napoléon III et la Prusse") Dâ-Dâs Kompilation mit weiser Mäßigung ins Französische rückübersetzte. Diese geschwätzige Elster des Bonapartismus ist nebenbei bemerkt nicht ohne Schalkheit. Als Beweis der bonapartistischen Sympathien für Deutschland führt About z.B. an, daß das Dezemberreich den Dâ-Dâ Vogt ganz so mit Humboldt in einen Topf wirft wie den Lazarillo Hackländer mit Goethe. Jedenfalls zeigt diese Kombination Vogt-Hackländer ein tieferes Studium auf seiten Abouts als irgendwie aufzutreiben wäre in den "Studien" des deutschen Dâ-Dâ.


Fußnoten von Marx

(1) "De quel droit, d'ailleurs, le gouvernement autrichien viendrait-il invoquer l'inviolabilité de ceux (traités) de 1815, lui qui les a violés en confisquant Cracovie, dont ces traites garantissaient l'indépendance?" <=

(2) Palmerston, der Europa durch seinen lächerlichen Protest foppte, hatte unermüdlich seit 1831 an der Intrige gegen Krakau mitgearbeitet. (S[iehe] mein Pamphlet "Palmerston and Poland", London 1853.) <=

(3) "La Russie est de la famille des Slaves, race d'élite ... On s'est étonné de l'accord chevaleresque survenu soudainement entre la France et la Russie. Rien de plus naturel: accord des principes, unanimité du but ... soumission à la loi de l'alliance sainte des gouvernements et des peuples, non pour leurrer et contraindre, mais pour guider et aider la marche divine des nations. De la cordialité la plus parfaite sont sortis les plus heureux effets: chemins de fer, affranchissement des serfs, stations commerciales dans la Méditerranée etc.", p. 33 "La foi des traites etc.", Paris 1859. <=

(4) Es war, sagt der polnische Oberst Lapinski, der bis zur Übergabe Komorns in der ungarischen Revolutionsarmee, später in Zirkassien gegen die Russen focht, "es war das Unglück der Ungarn, daß sie die Russen nicht kannten". (Theophil Lapinski, "Feldzug der Ungarischen Hauptarmee im Jahre 1849", Hamburg 1850, p. 216.) "Das Wiener Kabinett war vollkommen in der Hand der Russen ... nach ihrem Rat wurden die Häupter gemordet ... während die Russen in jeder Weise sich Sympathien erwarben, wurde Ostreich von ihnen kommandiert, sich noch mehr verhaßt zu machen, als es je gewesen." (l.c. p. 188, 189.) <=

(5) General Moritz Perczel, rühmlich bekannt aus dem ungarischen Revolutionskrieg, zog sich noch während der italienischen Kampagne von den zu Turin um Kossuth versammelten ungarischen Offizieren zurück und setzte in einer öffentlichen Erklärung die Gründe seines Rücktritts auseinander - auf der einen Seite Kossuth, nur als bonapartistische Vogelscheuche dienend, auf der andern Seite die Perspektive von Ungarns russischer Zukunft. In einem Antwortschreiben (d.d. St. Hélier, 19. April 1860) auf einen Brief, worin ich um nähere Aufschlüsse über seine Erklärung bat, sagt er u.a.: "Nie werde ich als Werkzeug behülflich sein, Ungarn aus den Krallen des doppelten Adlers nur darum zu erretten, um es der tödlichen Zärtlichkeit des Nordbärs zu überliefern." <=

(6) Herr Kossuth hat sich niemals über die Richtigkeit der im Text entwickelten Ansicht getäuscht. Er wußte, daß Östreich Ungarn mißhandeln, aber nicht vernichten kann. "Der Kaiser Joseph II.", schreibt er an den Großwesir Reschid-Pascha unter dem Datum Kutayah, 15. Februar 1851, "der einzige Mann von Genie, den die Familie der Habsburger erzeugt hat, erschöpfte alle außerordentlichen Hülfsquellen seines seltnen Geistes wie der damals noch volkstümlichen Vorstellungen über die Macht seines Hauses, in dem Versuch, Ungarn zu germanisieren und es in den Gesamtstaat übergehn zu machen, aber Ungarn ging mit erneuter Lebenskraft aus dem Kampfe hervor ... In der letzten Revolution hat Östreich sich nur aus dem Staube erhoben, um vor dem Zaren auf die Füße zu fallen, dem Zaren, seinem Meister, der seine Hülfe niemals gibt, sondern stets verkauft. Und teuer hat Östreich diese Hülfe zahlen müssen." ("Correspondence of Kossuth", p. 33.) Dagegen sagt er in demselben Brief, nur Ungarn und die Türkei vereint könnten die panslawistischen Umtriebe Rußlands brechen. Er schreibt an David Urquhart d.d. Kutayah, 17. Januar 1851: "We must crush Russia, my dear Sir! and, headed by you, we will! I have not only the resolution of will, but also that of hope! and this no vain word, my dear Sir, no sanguine fascination; it is the word of a man, who is wont duly to calculate every chance: of a man though very weak in faculties, not to be shaken in perseverance and resolution, etc." (l.c. p. 39.) ("Wir müssen Rußland zermalmen, mein lieber Freund; und von Ihnen geleitet, werden wir es zermalmen. Ich habe nicht allein den Entschluß des Willens, sondern auch der Hoffnung, und dies ist keine leere Phrase, mein lieber Freund, kein sanguinisches Hirngespinst; es ist das Wort eines Mannes, gewohnt, jede Möglichkeit sorgsam zu berechnen; eines Mannes, der, obgleich von sehr schwachen Fähigkeiten, unerschütterlich in Ausdauer und Entschließung ist, etc.") <=

(7) Es ist in der Tat die industrielle Prosperität, die Louis Bonapartes Regime so lange hielt. Der franz[ösische] Ausfuhrhandel hatte sich infolge der australisch-kalifornischen Entdeckungen und ihrer Wirkungen auf den Weltmarkt mehr als verdoppelt, einen bisher unerhörten Aufschwung genommen. Die Februarrevolution ist überhaupt in letzter Instanz an Kalifornien und Australien gescheitert. <=

(8) Lord Chelsea, der den Lord Cowley zu Paris während dessen Abwesenheit vertrat, schreibt: "The official disavowal" (im .Moniteur" vom 5. März 1859) "of all warlike intentions on the part of the Emperor, this Imperial message of peace, has been received hy all classes of Paris with feelings of what may be called ezultation." (Nr. 88 des Blue Book "On the affairs of Italy. January to May 1859.") ("Die offizielle Ableugnung aller kriegerischen Absichten auf Seite des Kaisers, diese kaiserliche Friedensbotschaft ist von allen Klassen zu Paris mit überschwenglichem Enthusiasmus aufgenommen worden.") <=

(9) Notabene. In seinen "Studien" wiederholt er mit dem .Moniteur" und den Dentuschen Originalpamphlets, "daß es eine eigentümliche Laune des Schicksals ist, welche diesen Menschen" (Louis Bonaparte) "zwingt, sich als Befreier der Nationalitäten in erste Linie zu stellen" ([p.] 35), daß man "dieser Politik seine Beihülfe zusagen müsse, solange dieselbe in den Schranken der Befreiung der Nationalitäten sich hält", und abwarten müsse, "bis diese Befreiung durch diesen Schicksalsmenschen erfolgt sei", (p. 36.) In seinem Programm an die Herren Demokraten heißt es dagegen: "Wir können und sollen vor einem solchen Helfer warnen." ([p.] 34, "Hauptbuch", Dokumente.) <=

(10) Übrigens hat "Napoleon le Petit" auch die Nationalitäts-Befreiungsphrase dem wirklichen Napoleon nachkopiert. Im Mai 1809 erließ Napoleon z.B. von Schönbrunn aus eine Proklamation an die Ungarn, worin es u. a. heißt: "Ungarn! Der Augenblick für den Wiedererwerb eurer Unabhängigkeit ist gekommen ... Ich verlange nichts von euch. Ich wünsche nur, euch als eine freie und unabhängige Nation zu sehn. Eure Verbindung mit Östreich war euer Fluch usw." Am 16. Mai 1797 schloß Bonaparte einen Vertrag mit der Republik Venedig, dessen erster Artikel lautet: "Künftig sollen Frieden und gutes Einverständnis zwischen Frankreich und der venetianischen Republik herrschen." Seine Zwecke in diesem Friedensschluß enthüllt er dem französischen Direktorium drei Tage später in einer geheimen Depesche, die mit den Worten beginnt: "Sie erhalten hiermit den Vertrag, den ich mit der Republik Venedig geschlossen und kraft dessen General Baraguay d'Hilliers mit 5 - 6.000 Mann die Stadt besetzt hat. Ich hatte mit diesem Friedensabschluß verschiedene Zwecke im Auge." Als letzten Zweck zählt er auf: "Alles, was in Europa gesagt werden mag, abzudampfen, da es jetzt den Schein haben wird, als ob unsere Besetzung Venedigs nur eine vorübergehende Operation sei, welche die Venetianer selbst eifrig verlangt hätten." Wieder zwei Tage später, am 26. Mai, schrieb Bonaparte an die Munizipalität Venedigs: "Der zu Mailand abgeschlossene Vertrag mag unterdessen von der Munizipalität gezeichnet werden - die geheimen Artikel durch drei ihrer Mitglieder. Ich werde stets alles in meiner Gewalt tun, um euch Beweise meines Wunsches zu geben, eure Freiheiten zu befestigen und das unglückliche Italien endlich den Platz einnehmen zu sehn, wozu es auf dem Welttheater berufen ist, frei und unabhängig von allen Fremden." Einige Tage später schreibt er dem General Baraguay d'Hilliers: "Bei Empfang dieses melden Sie sich bei der provisorischen Regierung von Venedig und stellen Sie ihr vor, daß, im Einklang mit den Prinzipien, die jetzt die Republiken Frankreichs und Venedigs vereinigen, und mit dem unmittelbaren Schutz, den die französische Republik der venetianischen angedeihen läßt, es unerläßlich ist, daß die Seemacht der Republik auf einen Respekt einflößenden Fuß gestellt werde. Unter diesem Vorwand werden Sie von allem Besitz ergreifen, gleichzeitig darauf bedacht, in gutem Einverständnis mit den Venetianern zu leben, und für unsern Dienst - und zwar, indem Sie beständig im Namen Venedigs sprechen - alle Matrosen der Republik zu werben. Kurz, Sie müssen es so anstellen, daß Sie alle Marinevorräte und Schiffe im Hafen von Venedig nach Toulon transportieren. Kraft eines geheimen Artikels des Vertrags sind die Venetianer verpflichtet, der französischen Republik Marinevorräte zum Wert von 3 Millionen für die Marine von Toulon zu liefern, aber es ist meine Absicht, für die französische Republik Besitz von allen venetianischen Schiffen und allen ihren Marinevorräten zum Nutzen Toulons zu ergreifen. " (Siehe "Correspondance secrète et confidentielle de Napoleon", 7 vol[ume]s, Paris 1817.) Diese Befehle wurden wörtlich ausgeführt; und sobald Venedig von allen Marine- und Kriegsmitteln ausgeplündert war, übergab Napoleon, ohne das geringste Zögern, seinen neuen Alliierten, die befreite Republik Venedig, die er feierlich geschworen hatte auf jede Gefahr hin zu verteidigen, dem despotischen Joche Östreichs. <=

(11) "La Prusse est l'espoir de l'Allemagne ... l'esprit allemand a son centre à Berlin ... l'esprit allemand cherche l'unité de son corps, la vérité de la Confédération. C'est par cet entraînement que s'élève la Prusse... D'où vient-il que, lorsque l'Italie réclame l'intégrité, l'unité nationale, ce que l'Allemagne désire, celle-ci favorise l'Autriche, négation vivante de toute nationalité? ... C'est que la Prusse n'est pas encore la tête; c'est que la tête est l'Autriche qui, pesant avec ces forces hétérogènes sur l'Allemagne politique, l'entraîne à des contradictions avec l'Allemagne véritable." <"Preußen ist Deutschlands Hoffnung ... der deutsche Geist hat seinen Mittelpunkt in Berlin ... der deutsche Geist sucht die Einheit seines Körpers, die Wahrheit des Bundes. Dieser Drang ist es, der Preußen sich erheben läßt ... Woher kommt es, daß, während Italien den Zusammenschluß, die nationale Einheit, verlangt, was auch Deutschland begehrte, daß dieses Italien Österreich begünstigt, die lebendige Verneinung der Nationalität? ... Der Grund liegt darin, daß Preußen noch nicht die Führung hat; der Grund liegt darin, daß Österreich die Führung hat, das, mit seinen heterogenen Kräften auf dem politischen Deutschland lastend, es in Widerspruch mit dem wahren Deutschland setzt."> (p. 34, "La foi des traites etc.") <=

(12) "Le Rhin! ... Qu'est-ce que le Rhin? Une frontière. Les frontières seront bientôt des anachronismes." (l.c. p. 36.) <=

(13) La France stipule-t-elle des dédommagements pour les sacrifices qu'elle est prête a faire dans un but d'équité, de juste influence, et dans l'intérêt de l'équilibre européen? Demande-t-elle la rive gauche du Rhin? Élève-t-elle même des prétentions sur la Savoie et sur le Comté de Nice?" (p. 13. "La vraie question etc.") <=

(14) Die "Prager Zeitung" brachte einige Tage nach dem Friedensabschluß von Villafranca folgende offizielle Erklärung: "Es liefert diese Protestation" (Preußens Protestation, den Oberbefehl der Bundesarmee unter Bundeskontrolle zu übernehmen) "den klaren Beweis, daß Preußen nach der Hegemonie in Deutschland, also nach dem Ausschlusse Östreichs aus Deutschland strebt. Da die treulose Lombardei unendlich weniger wert ist als die Behauptung unserer Stellung in Deutschland, so gaben wir sie hin, um zum Frieden zu gelangen, der für uns durch die Haltung Preußens zur gebieterischen Notwendigkeit geworden war." <=

(15) Der Pariser "Galignani's Messenger", der nur ausnahmsweise und nur im besondren offiziellen Auftrag Leitartikel bringt, sagt in seiner Nummer vom 22. Juli 1859: "To give another province to the King of Piedmont, it would not only have been necessary to support a war against two-thirds of Europe, but German unity would have been realised, and a work thus accomplished, which ever since the time of Francis I. it has been the object of French policy to prevent. <"Um dem König von Piemont noch eine weitere Provinz zu verschaffen, wäre es nicht nur notwendig gewesen, einen Krieg gegen zwei Drittel von Europa zu unterstützen, sondern die Einigung Deutschlands wäre verwirklicht worden und damit ein Werk herbeigeführt, das zu vereiteln seit der Zeit Franz I. immer der Zweck der französischen Politik war."> <=

(16) Plon-Plons Spezialblatt, die "Opinion nationale", sagt in einem Artikel vom 5. Juli 1860: "Der Tag der Revindikation durch die Gewalt ist vorüber. Dazu ist der Kaiser mit einem zu feinen Takt, mit einem zu richtigen Gefühl für die Tendenz der öffentlichen Meinung begabt ... Aber ist Preußen eidlich verpflichtet, niemals an deutsche Einheit zu denken? Kann es dafür einstehn, daß es nie ein lüsternes Auge auf Hannover, Sachsen, Braunschweig, Hessen, Oldenburg und Mecklenburg werfen wird? Heute umarmen sich die Fürsten, und sicher aufrichtig. Aber wer weiß, was das Volk in wenigen Jahren von ihnen verlangen wird? Und wenn Deutschland, unter dem Drucke der öffentlichen Meinung, sich zentralisiert, wäre es gerecht, wäre es vernünftig, daß Frankreich nicht erlaubt sein sollte, sein Gebiet auf Kosten seiner Nachbarn auszudehnen? ... Sollten die Deutschen für gut finden, ihre alte politische Konstitution zu ändern und an die Stelle des ohnmächtigen Bundes eine starke, zentralisierte Regierung zu setzen, so können wir nicht dafür stehn, daß Frankreich nicht gut finden würde, von Deutschland Entschädigungen und Sicherheiten zu verlangen." <=

(17) Der kaiserliche Pecksniff übertrifft sich selbst in dem Dentu-Pamphlet "La politique anglaise", Paris 1860. Danach müssen nämlich ein paar Millionen Deutsche und Belgier gestohlen werden, um die moralische Konstitution Frankreichs zu verbessern, dessen südliches Element größerer Beimischung mit nordischer Solidität bedürfe. Nachdem auseinandergesetzt, daß Frankreich aus politischen und militärischen Gründen der Grenzen bedarf, die die Natur ihm selbst gegeben hat, heißt es weiter: "Ein zweiter Grund macht solche Annexation" (der Rheinprovinzen und Belgiens) "notwendig. Frankreich liebt und verlangt eine vernünftige Freiheit (une sage liberté), und das südliche Element bildet ein großes Element seiner öffentlichen Körper. Dies Element hat wundervolle Eigenschaften ... aber es fehlt ihm Ausdauer und Festigkeit. Es bedarf der geduldigen Standhaftigkeit, der kalten und unbeugsamen Entschließung unserer nordischen Brüder. Die von der Vorsehung uns bestimmten Grenzen sind uns daher nicht minder notwendig für unsere Freiheit als für unsere Unabhängigkeit." <=

(18) Es waren in der Tat nicht die "Verträge", die die Neutralität der Schweiz geschützt hatten, sondern die sich wechselseitig paralysierenden Interessen der verschiedenen Grenzmächte. "Die Schweizer fühlen", schreibt Captain Harris, der englische Geschäftsführer zu Bern, nach einer Unterredung mit dem Bundespräsidenten Frey-Hérosé, an Lord John Russell, "daß ... die Ereignisse in jüngster Zeit das verhältnismäßige Gewicht der Grenzmächte wesentlich verändert haben, indem Preußen seit dem Neuchateler Handel gleichgültig, Östreich gelähmt und Frankreich ungleich mächtiger als zuvor ist." <=

(19) "When the French troops were about to march through Savoy into Sardinia the Swiss Government, true to the neutrality upon which depends its independence, at first objected that these troops had no right to pass through the neutralised territory." <=

(20) Daß die Eisenbahn in das neutralisierte Gebiet fällt, ist ausdrücklich zugegeben in einer Note, die Bundespräsident Stämpfli und Kanzler Schieß am 18. November 1859 an Captain Harris richteten. Es heißt darin: "Il pourrait être aussi question d'un autre point qui concerne la neutralité de la Savoie ... nous voulons parler du chemin de fer dernièrement construit de Culoz à Chambéry, a l'égard duquel on peut se demander s'il devait continuer à faire partie du territoire neutralisé". <"In Frage stehen könnte auch ein anderer Punkt, der die Neutralität Savoyens betrifft ... wir wollen von der letzthin neuerbauten Eisenbahn von Culoz nach Chambéry sprechen, bezüglich deren es fraglich sein kann, ob sie weiterhin einen Teil des neutralisierten Gebietes bilden kann." <=

(21) Vogt wirft dem "Volk" speziell vor, es habe gesucht, "die Eidgenossenschaft in Konflikt mit den größern Nachbarmächten zu bringen". Als die Annexation Savoyens wirklich stattfand, klagte die "Eidgenössische Zeitung", ein bonapartistisches Blatt, den offiziellen "Bund" an, "seine Ansicht über Savoyen und Frankreich sei ein schwacher Überrest der Politik, welche die Schweiz schon seit 1848 in die europäischen Kämpfe verwickeln wollte". (Siehe "Bund", Bern, 12. März 1860, No. 71.) Man sieht, die Phrasen der bonapartistischen Federn sind fertig zugeschnitten. <=

(22) Had those provinces (Chablais and Faucigny) been occupied by the Federal troops... there can be little doubt they would have remained in them up to this moment. <Wären diese Provinzen (Chablais und Faucigny) von den eidgenössischen Truppen besetzt worden ... so könnte kaum ein Zweifel daran bestehen, daß sie bis zu diesem Augenblick in ihnen verblieben wären.> (p. 20 L. Oliphant, "Universal Sufrage and Napoleon III", London 1860.) <=

(23) "Ma dove l'Austria, disfatta in sulle prime, affacciasse proposte eguali, a quelle ch'essa affacciò per breve tempo nel 1848 al Governo inglese, abbandono della Lombardia a patto di serbare il Veneto, la pace ... sarebbe accettata: le sole condizioni dell' ingrandimento della Monarchia Sarda e della cessione della Savoia e di Nizza alla Francia, riceverebbero esecuzione." <=

(24) In seiner oben erwähnten Rede sagt Lord Malmesbury: "There is a despatch now in the Foreign Office, dated as long back as October 1858 ... from the President of the Swiss Republic, stating that he had reason to believe that some conditional agreement had been come to between the Emperor of the French and Count Cavour with respect to Savoy." <"Es liegt jetzt eine Depesche des Schweizer Bundespräsidenten im Auswärtigen Amt vor, die noch aus dem Oktober 1S58 stammt ..., in der dargelegt ist, er habe Grund zu der Annahme gehabt, es sei ein Zusatzabkommen in bezug auf Savoyen zwischen dem Kaiser von Frankreich und dem Grafen Cavour erzielt worden." <=

(25) Siehe No. I des ersten Blue Book "On the proposed annexation of Savoy, etc." <=.

(26) Vogts Wunsch, "vom engsten deutschen Standpunkt aus" dem "welschen Wolf" italienische "Knochen" in den Schlund zu jagen, damit der Wolf an Verdauungsbeschwerden leide, wird unstreitig in stets wachsendem Maß erfüllt werden. In der offiziösen "Revue contemporaine" vom 15. Okt. 1860 - nebenbei bemerkt, Vogts spezielle Patronin - findet sich eine Turiner Korrespondenz vom 8. Oktober, worin es u.a. heißt: "Genua und Sardinien würden der legitime Preis eines neuen (französischen) Kriegs für die Einheit Italiens sein. Ich füge hinzu, daß der Besitz Genuas das notwendige Instrument unseres Einflusses auf die Halbinsel und das einzige wirksame Mittel wäre, zu verhüten, daß die Seemacht, zu deren Bildung wir beigetragen hätten, eines Tages unserer Allianz entschlüpfe, um irgendeine neue einzugehn. Nur mit unserm Knie auf seinem Hals können wir die Treue Italiens sichern. Östreich, ein guter Richter in dieser Sache, weiß das sehr wohl. Wir werden weniger plump, aber besser als Östreich drücken - das ist der einzige Unterschied." <=