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Seitenzahlen verweisen auf: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 18, 5. Auflage 1973, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 209-287.

1. Korrektur.
Erstellt am 04.03.1999

Friedrich Engels

Zur Wohnungsfrage

Geschrieben in der Zeit von Juni 1872 bis Februar 1873.
Erstmalig veröffentlicht in "Der Volksstaat", Leipzig 1872, Nr. 51-53, 103 und 104, sowie 1873, Nr. 2, 3, 12, 13, 15, 16. Nach der Ausgabe von 1887.

Inhalt:
Vorwort zur zweiten durchgesehenen Auflage "Zur Wohnungsfrage"
Erster Abschnitt: Wie Proudhon die Wohnungsfrage löst
Zweiter Abschnitt: Wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage löst
I
II
III
Dritter Abschnitt: Nachtrag über Proudhon und die Wohnungsfrage
I
II
III
IV


Erster Abschnitt
Wie Proudhon die Wohnungsfrage löst

|213| In Nr. 10 und folgenden des "Volksstaat" findet sich eine Reihe von sechs Artikeln über die Wohnungsfrage, die aus dem einen Grunde Beachtung verdienen, weil sie - abgesehn von einigen längst verschollenen Belletristereien der vierziger Jahre - der erste Versuch sind, die Schule Proudhons nach Deutschland zu verpflanzen. Es liegt hierin ein so ungeheurer Rückschritt gegen den ganzen Entwicklungsgang des deutschen Sozialismus, der grade den Proudhonschen Vorstellungen schon vor 25 Jahren den entscheidenden Stoß gab (1), daß es der Mühe wert ist, diesem Versuch sofort entgegenzutreten.

Die sogenannte Wohnungsnot, die heutzutage in der Presse eine so große Rolle spielt, besteht nicht darin, daß die Arbeiterklasse überhaupt in schlechten, überfüllten, ungesunden Wohnungen lebt. Diese Wohnungsnot ist nicht etwas der Gegenwart Eigentümliches; sie ist nicht einmal eins der Leiden, die dem modernen Proletariat, gegenüber allen frühern unterdrückten Klassen, eigentümlich sind; im Gegenteil, sie hat alle unterdrückten Klassen aller Zeiten ziemlich gleichmäßig betroffen. Um dieser Wohnungsnot ein Ende zu machen, gibt es nur ein Mittel: die Ausbeutung und Unterdrückung der arbeitenden Klasse durch die herrschende Klasse überhaupt zu beseitigen. - Was man heute unter Wohnungsnot versteht, ist die eigentümliche Verschärfung, die die schlechten Wohnungsverhältnisse der Arbeiter durch den plötzlichen Andrang der Bevölkerung nach den großen Städten erlitten haben; eine kolossale Steigerung der Mietspreise; eine noch verstärkte Zusammendrängung der Bewohner in den einzelnen Häusern, für einige die Unmöglichkeit, überhaupt ein Unterkommen zu finden. Und |214| diese Wohnungsnot macht nur soviel von sich reden, weil sie sich nicht auf die Arbeiterklasse beschränkt, sondern auch das Kleinbürgertum mit betroffen hat.

Die Wohnungsnot der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger unserer modernen großen Städte ist einer der zahllosen kleineren, sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen. Sie ist durchaus nicht eine direkte Folge der Ausbeutung des Arbeiters, als Arbeiter, durch den Kapitalisten. Diese Ausbeutung ist das Grundübel, das die soziale Revolution abschaffen will, indem sie die kapitalistische Produktionsweise abschafft. Der Eckstein der kapitalistischen Produktionsweise aber ist die Tatsache: daß unsere jetzige Gesellschaftsordnung den Kapitalisten in den Stand setzt, die Arbeitskraft des Arbeiters zu ihrem Wert zu kaufen, aber weit mehr als ihren Wert aus ihr herauszuschlagen, indem er den Arbeiter länger arbeiten läßt, als zur Wiedererzeugung des für die Arbeitskraft gezahlten Preises nötig ist. Der auf diese Weise erzeugte Mehrwert wird verteilt unter die Gesamtklasse der Kapitalisten und Grundeigentümer, nebst ihren bezahlten Dienern, vom Papst und Kaiser bis zum Nachtwächter und darunter. Wie diese Verteilung sich macht, geht uns hier nichts an; soviel ist sicher, daß alle, die nicht arbeiten, eben nur leben können von Abfällen dieses Mehrwerts, die ihnen auf die eine oder andere Art zufließen. (Vergleiche Marx, "Das Kapital", wo dies zuerst entwickelt.

Die Verteilung des durch die Arbeiterklasse erzeugten und ihr ohne Bezahlung abgenommenen Mehrwerts unter die nicht arbeitenden Klassen wickelt sich ab unter höchst erbaulichen Zänkereien und gegenseitiger Beschwindelung; soweit diese Verteilung auf dem Wege des Kaufs und Verkaufs vor sich geht, ist einer ihrer Haupthebel die Prellerei des Käufers durch den Verkäufer, und diese ist im Kleinhandel, namentlich in den großen Städten, jetzt eine vollständige Lebensbedingung für den Verkäufer geworden. Wenn aber der Arbeiter von seinem Krämer oder Bäcker am Preis oder an der Qualität der Ware betrogen wird, so geschieht ihm das nicht in seiner spezifischen Eigenschaft als Arbeiter. Im Gegenteil, sowie ein gewisses Durchschnittsmaß von Prellerei die gesellschaftliche Regel an irgendeinem Orte wird, muß sie auf die Dauer ihre Ausgleichung finden in einer entsprechenden Lohnerhöhung. Der Arbeiter tritt dem Krämer gegenüber als Käufer auf, d.h. als Besitzer von Geld oder Kredit, und daher keineswegs in seiner Eigenschaft als Arbeiter, d.h. als Verkäufer von |215| Arbeitskraft. Die Prellerei mag ihn, wie überhaupt die ärmere Klasse, härter treffen als die reicheren Gesellschaftsklassen, aber sie ist nicht ein Übel, das ihn ausschließlich trifft, das seiner Klasse eigentümlich ist.

Geradeso ist es mit der Wohnungsnot. Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete, selbst bei der größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihrer Stelle. Der Bonapartismus hat durch seinen Haussmann in Paris {1} diese Tendenz aufs kolossalste zu Schwindel und Privatbereicherung ausgebeutet; aber auch durch London, Manchester, Liverpool ist der Geist Haussmanns geschritten, und in Berlin und Wien scheint er sich ebenso heimisch zu fühlen. Das Resultat ist, daß die Arbeiter vom Mittelpunkt der Städte an den Umkreis gedrängt, daß Arbeiter- und überhaupt kleinere Wohnungen selten und teuer werden und oft gar nicht zu haben sind, denn unter diesen Verhältnissen wird die Bauindustrie, der teurere Wohnungen ein weit besseres Spekulationsfeld bieten, immer nur ausnahmsweise Arbeiterwohnungen bauen.

Diese Mietsnot trifft den Arbeiter also sicher härter als jede wohlhabendere Klasse; aber sie bildet, ebensowenig wie die Prellerei des Krämers, einen ausschließlich auf die Arbeiterklasse drückenden Übelstand und muß, soweit sie die Arbeiterklasse betrifft, bei gewissem Höhegrad und gewisser Dauer, ebenfalls eine gewisse {2} ökonomische Ausgleichung finden.

Es sind vorzugsweise diese der Arbeiterklasse mit andern Klassen, namentlich dem Kleinbürgertum, gemeinsamen Leiden, mit denen sich der kleinbürgerliche Sozialismus, zu dem auch Proudhon gehört, mit Vorliebe beschäftigt. Und so ist es durchaus nicht zufällig, daß unser deutscher Proudhonist sich vor allem der Wohnungsfrage, die, wie wir gesehn haben, keineswegs eine ausschließliche Arbeiterfrage ist, bemächtigt und daß er sie, im Gegenteil, für eine wahre, ausschließliche Arbeiterfrage erklärt.

"Was der Lohnarbeiter gegenüber dem Kapitalisten, das ist der Mieter gegenüber Hausbesitzer."

Dies ist total falsch.

|216| Bei der Wohnungsfrage haben wir zwei Parteien einander gegenüber, den Mieter und den Vermieter oder Hauseigentümer. Der erstere will vom letztern den zeitweiligen Gebrauch einer Wohnung kaufen; er hat Geld oder Kredit - wenn er auch diesen Kredit dem Hauseigentümer selbst wieder zu einem Wucherpreise, einem Mietzuschlag, abkaufen muß. Es ist ein einfacher Warenverkauf; es ist nicht ein Geschäft zwischen Proletarier und Bourgeois, zwischen Arbeiter und Kapitalisten; der Mieter - selbst wenn er Arbeiter ist - tritt als vermögender Mann auf, er muß seine ihm eigentümliche Ware, die Arbeitskraft, schon verkauft haben, um mit ihrem Erlös als Käufer des Nießbrauchs einer Wohnung auftreten zu können, oder er muß Garantien für den bevorstehenden Verkauf dieser Arbeitskraft geben können. Die eigentümlichen Resultate, die der Verkauf der Arbeitskraft an den Kapitalisten hat, fehlen hier gänzlich. Der Kapitalist läßt die gekaufte Arbeitskraft erstens ihren Wert wieder erzeugen, zweitens aber einen Mehrwert, der vorläufig und vorbehaltlich seiner Verteilung unter die Kapitalistenklasse, in seinen Händen bleibt. Hier wird also ein überschüssiger Wert erzeugt, die Gesamtsumme des vorhandenen Werts wird vermehrt. Ganz anders beim Mietgeschäft. Um wieviel auch der Vermieter den Mieter übervorteilen mag, es ist immer nur ein Übertragen bereits vorhandenen, vorher erzeugten Werts, und die Gesamtsumme der von Mieter und Vermieter zusammen besessenen Werte bleibt nach wie vor dieselbe. Der Arbeiter, ob seine Arbeit vom Kapitalisten unter, über oder zu ihrem Wert bezahlt wird, wird immer um einen Teil seines Arbeitsprodukts geprellt; der Mieter nur dann, wenn er die Wohnung über ihren Wert bezahlen muß. Es ist also eine totale Verdrehung des Verhältnisses zwischen Mieter und Vermieter, es mit dem zwischen Arbeiter und Kapitalisten gleichstellen zu wollen. Im Gegenteil, wir haben es mit einem ganz gewöhnlichen Warengeschäft zwischen zwei Bürgern zu tun, und dies Geschäft wickelt sich ab nach den ökonomischen Gesetzen, die den Warenverkauf überhaupt regeln, und speziell den Verkauf der Ware: Grundbesitz. Die Bau- und Unterhaltskosten des Hauses oder des betreffenden Hausteils kommen zuerst in Anrechnung; der durch die mehr oder weniger günstige Lage des Hauses bedingte Bodenwert kommt in zweiter Linie; der augenblickliche Stand des Verhältnisses zwischen Nachfrage und Angebot entscheidet schließlich. Dies einfache ökonomische Verhältnis drückt sich im Kopf unsres Proudhonisten folgendermaßen aus:

"Das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel auf einen bestimmten Bruchteil der gesellschaftlichen Arbeit, wenn auch der wirkliche Wert des Hauses längst schon mehr als genügend in der Form des Mietzinses an den Besitzer gezahlt wurde. |217| So kommt es, daß ein Haus, welches z.B. vor 50 Jahren gebaut wurde, während dieser Zeit in dem Ertrag seines Mietzinses zwei-, drei-, fünf-, zehnmal usw. den ursprünglichen Kostenpreis deckte."

Hier haben wir gleich den ganzen Proudhon. Erstens wird vergessen, daß die Hausmiete nicht nur die Kosten des Hausbaus zu verzinsen, sondern auch Reparaturen und den durchschnittlichen Betrag schlechter Schulden, unbezahlter Mieten, sowie des gelegentlichen Leerstehens der Wohnung zu decken, und endlich das in einem vergänglichen, mit der Zeit unbewohnbar und wertlos werdenden Hause angelegte Baukapital in jährlichen Raten abzutragen {3} hat. Zweitens wird vergessen, daß die Wohnungsmiete ebenfalls den Wertaufschlag des Grundstücks, auf dem das Haus steht, mit zu verzinsen hat, daß also ein Teil davon in Grundrente besteht. Unser Proudhonist erklärt zwar sogleich, daß dieser Wertaufschlag, da er ohne Zutun des Grundeigentümers bewirkt, von Rechts wegen nicht ihm, sondern der Gesellschaft gehört; er übersieht aber, daß er damit in Wirklichkeit die Abschaffung des Grundeigentums verlangt, ein Punkt, auf den näher einzugehn uns hier zu weit führen würde. Endlich übersieht er, daß es sich bei dem ganzen Geschäft gar nicht darum handelt, dem Eigentümer das Haus abzukaufen, sondern nur dessen Nießbrauch für eine bestimmte Zeit. Proudhon, der sich nie um die wirklichen, tatsächlichen Bedingungen kümmerte, unter denen irgendeine ökonomische Erscheinung vor sich geht, kann sich natürlich auch nicht erklären, wie der ursprüngliche Kostpreis eines Hauses unter Umständen in der Gestalt von Miete in fünfzig Jahren zehnmal bezahlt wird. Anstatt diese gar nicht schwere Frage ökonomisch zu untersuchen und festzustellen, ob sie wirklich und wieso mit den ökonomischen Gesetzen in Widerspruch steht, hilft er sich durch einen kühnen Sprung aus der Ökonomie in die Juristerei: "das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel" auf bestimmte jährliche Zahlung. Wie das zustande kommt, wie das Haus ein Rechtstitel wird, davon schweigt Proudhon. Und doch ist es das gerade, was er hätte aufklären müssen. Hätte er es untersucht, so würde er gefunden haben, daß alle Rechtstitel in der Welt, und wenn sie noch so ewig, einem Hause nicht die Macht verleihen, seinen Kostpreis in fünfzig Jahren zehnmal in Gestalt von Miete bezahlt zu erhalten, sondern daß bloß ökonomische Bedingungen (die in Gestalt von Rechtstiteln gesellschaftlich anerkannt sein mögen) dies zustande bringen können Und damit war er wieder so weit wie am Anfang.

Die ganze Proudhonsche Lehre beruht auf diesem Rettungssprung aus |218| der ökonomischen Wirklichkeit in die juristische Phrase. Wo immer dem braven Proudhon der ökonomische Zusammenhang verlorengeht - und das kommt ihm bei jeder ernsthaften Frage vor -, flüchtet er sich in das Gebiet des Rechts und appelliert an die ewige Gerechtigkeit.

"Proudhon schöpft erst sein Ideal der ewigen Gerechtigkeit aus den der Warenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wodurch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spießbürger so tröstliche Beweis geliefert wird, daß die Form der Warenproduktion ebenso notwendig ist wie die Gerechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Warenproduktion und das ihr entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäß ummodeln. Was würde man von einem Chemiker denken, der, statt die wirklichen Gesetze des Stoffwechsels zu studieren und auf Grundlage derselben bestimmte Aufgaben zu lösen. den Stoffwechsel durch die 'ewigen Ideen' der 'Natürlichkeit und der Verwandtschaft' ummodeln wollte? Weiß man etwa mehr über den Wucher, wenn man sagt, er widerspreche der 'ewigen Gerechtigkeit' und der 'ewigen Billigkeit' und der 'ewigen Gegenseitigkeit' und andern 'ewigen Wahrheiten', als die Kirchenväter wußten, wenn sie sagten, er widerspräche der 'ewigen Gnade', dem 'ewigen Glauben' und dem 'ewigen Willen Gottes'?" (Marx, "Kapital", p. 45.)

Unserm Proudhonisten geht es nicht besser als seinem Herrn und Meister:

"Der Mietsvertrag ist eine der tausend Umsetzungen, welche im Leben der modernen Gesellschaft so notwendig sind wie die Zirkulation des Bluts im Körper der Tiere. Es wäre natürlich im Interesse dieser Gesellschaft, wenn alle diese Umsetzungen von einer Rechtsidee durchdrungen wären, d.h. allenthalben nach den strengen Anforderungen der Gerechtigkeit durchgeführt würden. Mit einem Wort, das ökonomische Leben der Gesellschaft muß sich, wie Proudhon sagt, zur Höhe eines ökonomischen Rechtes emporschwingen. In Wahrheit findet bekanntlich das gerade Gegenteil statt."

Sollte man glauben, daß fünf Jahre, nachdem Marx den Proudhonismus, gerade nach dieser entscheidenden Seite hin, so kurz und schlagend gezeichnet, es möglich wäre, noch dergleichen konfuses Zeug in deutscher Sprache drucken zu lassen? Was heißt denn dieser Galimathias? Nichts, als daß die praktischen Wirkungen der ökonomischen Gesetze, die die heutige Gesellschaft regeln, dem Rechtsgefühl des Verfassers ins Gesicht schlagen und daß er den frommen Wunsch hegt, die Sache möge sich so einrichten lassen, daß dem abgeholfen werde. - Ja, wenn die Kröten Schwänze hätten, wären sie |219| eben keine Kröten mehr! Und ist denn die kapitalistische Produktionsweise nicht "von einer Rechtsidee durchdrungen", nämlich von der ihres eigenen Rechts auf Ausbeutung der Arbeiter? Und wenn uns der Verfasser sagt, daß das nicht seine Rechtsidee ist, sind wir einen Schritt weiter?

Aber zurück zur Wohnungsfrage. Unser Proudhonist läßt seiner "Rechtsidee" jetzt freien Lauf und gibt folgende rührende Deklamation zum besten:

"Wir nehmen keinen Anstand, zu behaupten, daß es keinen furchtbareren Hohn auf die ganze Kultur unseres gerühmten Jahrhunderts gibt, als die Tatsache, daß in den großen Städten 90 Prozent der Bevölkerung und darüber keine Stätte haben, die sie ihr eigen nennen können. Der eigentliche Knotenpunkt der sittlichen und Familienexistenz, Haus und Herd, wird vom sozialen Wirbel mit fortgerissen ... Wir stehen in dieser Beziehung weit unter den Wilden. Der Troglodyte hat seine Höhle, der Australier hat seine Lehmhütte, der Indianer seinen eigenen Herd - der moderne Proletarier hängt faktisch in der Luft" usw.

In dieser Jeremiade haben wir den Proudhonismus in seiner ganzen reaktionären Gestalt. Um die moderne revolutionäre Klasse des Proletariats zu schaffen, war es absolut notwendig, daß die Nabelschnur durchgeschnitten wurde, die den Arbeiter der Vergangenheit noch an den Grund und Boden knüpfte. Der Handweber, der sein Häuschen, Gärtchen und Feldchen neben seinem Webstuhl hatte, war bei aller Misere und bei allem politischen Druck ein stiller, zufriedener Mann "in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit", zog den Hut vor den Reichen, Pfaffen und Staatsbeamten und war innerlich durch und durch ein Sklave. Gerade die moderne große Industrie, die aus dem an den Boden gefesselten Arbeiter einen vollständig besitzlosen, aller überkommenen Ketten {4} los und ledigen vogelfreien Proletarier gemacht, gerade diese ökonomische Revolution ist es, die die Bedingungen geschaffen hat, unter denen allein die Ausbeutung der arbeitenden Klasse in ihrer letzten Form, in der kapitalistischen Produktion, umgestürzt werden kann. Und jetzt kommt dieser tränenreiche Proudhonist und jammert, wie über einen großen Rückschritt, über die Austreibung der Arbeiter von Haus und Herd, die gerade die allererste Bedingung ihrer geistigen Emanzipation war.

Vor 27 Jahren habe ich ("Lage der arbeitenden Klasse in England") grade diesen Prozeß der Vertreibung der Arbeiter von Haus und Herd, wie er sich im 18. Jahrhundert in England vollzog, in seinen Hauptzügen geschildert. Die Infamien, die die Grundbesitzer und Fabrikanten sich dabei zuschulden kommen ließen, die materiell und moralisch nachteiligen Wir- |220| kungen, die diese Vertreibung zunächst auf die betroffenen Arbeiter haben mußte, sind dort ebenfalls nach Würden dargestellt. Aber konnte es mir in den Sinn kommen, in diesem, unter den Umständen durchaus notwendigen geschichtlichen Entwicklungsprozeß einen Rückschritt "hinter die Wilden" zu sehn? Unmöglich. Der englische Proletarier von 1872 steht unendlich höher als der ländliche Weber mit "Haus und Herd" von 1772. Und wird der Troglodyte mit seiner Höhle, der Australier mit seiner Lehmhütte, der Indianer mit seinem eignen Herd jemals einen Juniaufstand und eine Pariser Kommune aufführen?

Daß die Lage der Arbeiter seit Durchführung der kapitalistischen Produktion auf großem Maßstab im ganzen materiell schlechter geworden ist, das bezweifelt nur der Bourgeois. Aber sollen wir deshalb sehnsüchtig zurückschauen nach den (auch sehr magern) Fleischtöpfen Ägyptens, nach der ländlichen kleinen Industrie, die nur Knechtsseelen erzog, oder nach den "Wilden"? Im Gegenteil. Erst das durch die moderne große Industrie geschaffene, von allen ererbten Ketten, auch von denen, die es an den Boden fesselten, befreite und in den großen Städten zusammengetriebene Proletariat ist imstande, die große soziale Umgestaltung zu vollziehn, die aller Klassenausbeutung und aller Klassenherrschaft ein Ende machen wird. Die alten ländlichen Handweber mit Haus und Herd wären nie imstande dazu gewesen, sie hätten nie solch einen Gedanken fassen, noch weniger seine Ausführung wollen können.

Für Proudhon hingegen ist die ganze industrielle Revolution der letzten hundert Jahre, die Dampfkraft, die große Fabrikation, die die Handarbeit durch Maschinen ersetzt und die Produktionskraft der Arbeit vertausendfacht, ein höchst widerwärtiges Ereignis, etwas, das eigentlich nicht hätte stattfinden sollen. Der Kleinbürger Proudhon verlangt eine Welt, in der jeder ein apartes, selbständiges Produkt verfertigt, das sofort verbrauchbar und auf dem Markt austauschbar ist; wenn dann nur jeder den vollen Wert seiner Arbeit in einem andern Produkt wiedererhält, so ist der "ewigen Gerechtigkeit" Genüge geleistet und die beste Welt hergestellt. Aber diese Proudhonsche beste Welt ist schon in der Knospe zertreten worden durch den Fuß der fortschreitenden industriellen Entwicklung, die die Einzelarbeit in allen großen Industriezweigen längst vernichtet hat und sie in den kleineren und kleinsten Zweigen täglich mehr vernichtet; die an ihre Stelle die gesellschaftliche Arbeit setzt, unterstützt von Maschinen und dienstbar gemachten Naturkräften, deren fertiges, sofort austauschbares oder verbrauchbares Produkt das gemeinsame Werk vieler einzelnen ist, durch deren Hände es hat gehn müssen. Und grade durch diese industrielle Revolution |221| hat die Produktionskraft der menschlichen Arbeit einen solchen Höhegrad erreicht, daß die Möglichkeit gegeben ist - zum erstenmal, solange Menschen existieren -, bei verständiger Verteilung der Arbeit unter alle, nicht nur genug für die reichliche Konsumtion aller Gesellschaftsglieder und für einen ausgiebigen Reservefonds hervorzubringen, sondern auch jedem einzelnen hinreichend Muße zu lassen, damit dasjenige, was aus der geschichtlich überkommenen Bildung - Wissenschaft, Kunst, Umgangsformen usw. - wirklich wert ist, erhalten zu werden, nicht nur erhalten, sondern aus einem Monopol der herrschenden Klasse in ein Gemeingut der ganzen Gesellschaft verwandelt und weiter fortgebildet werde. Und hier liegt der entscheidende Punkt. Sobald die Produktionskraft der menschlichen Arbeit sich bis auf diesen Höhegrad entwickelt hat, verschwindet jeder Vorwand für den Bestand einer herrschenden Klasse. War doch der letzte Grund, womit der Klassenunterschied verteidigt wurde, stets: Es muß eine Klasse geben, die sich nicht mit der Produktion ihres täglichen Lebensunterhalts abzuplacken hat, damit sie Zeit behält, die geistige Arbeit der Gesellschaft zu besorgen. Diesem Gerede, das bisher seine große geschichtliche Berechtigung hatte, ist durch die industrielle Revolution der letzten hundert Jahre ein für allemal die Wurzel abgeschnitten. Das Bestehn einer herrschenden Klasse wird täglich mehr ein Hindernis für die Entwicklung der industriellen Produktivkraft und ebensosehr für die der Wissenschaft, der Kunst und namentlich der gebildeten Umgangsformen. Größere Knoten als unsere modernen Bourgeois hat es nie gegeben.

Alles dies geht Freund Proudhon nichts an. Er will die "ewige Gerechtigkeit" und weiter nichts. Jeder soll im Austausch für sein Produkt den vollen Arbeitsertrag, den vollen Wert seiner Arbeit erhalten. Das aber in einem Produkt der modernen Industrie auszurechnen, ist eine verwickelte Sache. Die moderne Industrie verdunkelt eben den besonderen Anteil des einzelnen am Gesamtprodukt, der in der alten Einzel-Handarbeit sich im erzeugten Produkt von selbst darstellte. Die moderne Industrie ferner beseitigt mehr und mehr den Einzelaustausch, auf dem Proudhons ganzes System aufgebaut ist {5}, den direkten Austausch nämlich zwischen zwei Produzenten, deren jeder das Produkt des andern eintauscht, um es zu konsumieren. Daher geht durch den ganzen Proudhonismus ein reaktionärer Zug, ein Widerwille gegen die industrielle Revolution, und das bald offener, bald versteckter sich aussprechende Gelüst, die ganze moderne Industrie, Dampfmaschinen, Spinnmaschinen und andern Schwindel zum Tempel hinaus- |222| zuwerfen und zurückzukehren zur alten, soliden Handarbeit. Daß wir dann an Produktionskraft neunhundertneunundneunzig Tausendstel verlieren, daß die gesamte Menschheit zur ärgsten Arbeitssklaverei verdammt, daß die Hungerleiderei allgemeine Regel wird - was liegt daran, wenn wir es nur fertigbringen, den Austausch so einzurichten, daß jeder den "vollen Arbeitsertrag" erhält und daß die "ewige Gerechtigkeit" durchgeführt wird? Fiat justitia, pereat mundus!

Gerechtigkeit muß bestehn -
Und sollt' die ganze Welt zugrunde gehn!

Und zugrunde gehn würde die Welt bei dieser Proudhonschen Kontrerevolution, wenn sie überhaupt durchführbar wäre.

Es versteht sich übrigens von selbst, daß auch bei der, durch die moderne große Industrie bedingten, gesellschaftlichen Produktion, jedem der "volle Ertrag seiner Arbeit", soweit diese Phrase einen Sinn hat, gesichert werden kann. Und einen Sinn hat sie nur, wenn sie dahin erweitert wird, daß nicht jeder einzelne Arbeiter Besitzer dieses "vollen Ertrages seiner Arbeit" wird, wohl aber die ganze, aus lauter Arbeitern bestehende Gesellschaft Besitzerin des gesamten Produkts ihrer Arbeit, das sie teilweise zur Konsumtion unter ihre Mitglieder verteilt, teilweise zum Ersatz und zur Vermehrung ihrer Produktionsmittel verwendet und teilweise als Reservefonds der Produktion und Konsumtion aufspeichert.{6}

Nach dem Vorhergehenden können wir schon im voraus wissen, wie unser Proudhonist die große Wohnungsfrage lösen wird. Einesteils haben wir die Forderung, daß jeder Arbeiter seine eigene, ihm gehörende Wohnung haben muß, damit wir nicht länger unter den Wilden stehn. Andrerseits haben wir die Versicherung, daß die zwei-, drei-, fünf- oder zehnmalige Bezahlung des ursprünglichen Kostenpreises eines Hauses in der Gestalt von Mietzins, wie sie in der Tat stattfindet, auf einem Rechtstitel beruht und daß dieser Rechtsitel im Widerspruch mit der "ewigen Gerechtigkeit" sich befindet. Die Lösung ist einfach: Wir schaffen den Rechtstitel ab und erklären kraft der ewigen Gerechtigkeit den gezahlten Mietzins für eine Abschlagszahlung auf den Preis der Wohnung selbst. Wenn man sich seine Voraussetzungen so eingerichtet hat, daß sie die Schlußfolgerung bereits in sich enthalten, so gehört natürlich nicht mehr Geschicklichkeit dazu, als jeder Scharlatan besitzt, um das im voraus präparierte Resultat fertig aus |223| dem Sack zu ziehn und auf die unerschütterliche Logik zu pochen, deren Erzeugnis es ist.

Und so geschieht es hier. Die Abschaffung der Mietwohnung wird als Notwendigkeit proklamiert, und zwar in der Gestalt, daß die Verwandlung jedes Mieters in den Eigentümer seiner Wohnung gefordert wird. Wie machen wir das? Ganz einfach:

"Die Mietwohnung wird abgelöst ... Dem bisherigen Hausbesitzer wird der Wert seines Hauses bis auf den Heller und Pfennig bezahlt. Statt daß, wie bisher, der bezahlte Mietzins den Tribut darstellt, welchen der Mieter dem ewigen Rechte des Kapitals bezahlt, statt dessen wird von dem Tage an, wo die Ablösung der Mietwohnung proklamiert ist, die vom Mieter bezahlte, genau geregelte Summe die jährliche Abschlagszahlung für die in seinen Besitz übergegangene Wohnung ... Die Gesellschaft ... wandelt sich auf diesem Wege in eine Gesamtheit unabhängiger freier Besitzer von Wohnungen um."

Der Proudhonist findet ein Verbrechen gegen die ewige Gerechtigkeit darin, daß der Hauseigentümer ohne Arbeit Grundrente und Zins {7} aus seinem im Hause angelegten Kapital herausschlagen kann. Er dekretiert, daß dies aufhören muß; daß das in Häusern angelegte Kapital keinen Zins {7}, und so weit es gekauften Grundbesitz vertritt, auch keine Grundrente mehr einbringen soll. Nun haben wir gesehen, daß damit die kapitalistische Produktionsweise, die Grundlage der jetzigen Gesellschaft, gar nicht berührt wird. Der Angelpunkt, um den sich die Ausbeutung des Arbeiters dreht, ist der Verkauf der Arbeitskraft an den Kapitalisten und der Gebrauch, den der Kapitalist von diesem Geschäfte macht, indem er den Arbeiter weit mehr zu produzieren nötigt, als der bezahlte Wert der Arbeitskraft beträgt. Dies Geschäft zwischen Kapitalist und Arbeiter ist es, das all den Mehrwert erzeugt, der nachher in Gestalt von Grundrente, Handelsprofit, Kapitalzins {8}, Steuern usw. auf die verschiedenen Unterarten von Kapitalisten und ihren Dienern sich verteilt. Und jetzt kommt unser Proudhonist und glaubt, wenn man einer einzigen Unterart von Kapitalisten, und zwar von solchen Kapitalisten, die direkt gar keine Arbeitskraft kaufen, also auch keinen Mehrwert produzieren lassen, verböte, Profit resp. Zins {9} zu machen, so sei man einen Schritt weiter! Die Masse der der Arbeiterklasse abgenommenen unbezahlten Arbeit bliebe genau dieselbe, auch wenn den Hausbesitzern die Möglichkeit, Grundrente und Zins {7} sich zahlen zu lassen, morgen genommen würde, was unsern Proudhonisten nicht verhindert, zu erklären:

|224| "Die Abschaffung der Mietwohnung ist somit eine der fruchtbarsten und großartigsten Bestrebungen, welche dem Schoße der revolutionären Idee entstammt und eine Forderung ersten Ranges von seiten der sozialen Demokratie werden muß."

Ganz die Marktschreierei des Meisters Proudhon selbst, bei dem das Gegacker auch stets im umgekehrten Verhältnisse zu der Größe der gelegten Eier steht.

Nun denkt euch aber den schönen Zustand, wenn jeder Arbeiter, Kleinbürger und Bourgeois genötigt wird, durch jährliche Abzahlungen erst Teil-, dann ganzer Eigentümer seiner Wohnung zu werden! In den Industriebezirken Englands, wo es große Industrie, aber kleine Arbeiterhäuser gibt und jeder verheiratete Arbeiter ein Häuschen für sich bewohnt, hätte die Sache noch einen möglichen Sinn. Aber die kleine Industrie von Paris sowie der meisten großen Städte des Kontinents wird ergänzt durch große Häuser, in denen zehn, zwanzig, dreißig Familien zusammenwohnen. Am Tage des weltbefreienden Dekrets, das die Ablösung der Mietwohnung proklamiert, arbeitet Peter in einer Maschinenfabrik in Berlin. Nach Ablauf eines Jahres ist er Eigentümer, meinetwegen des fünfzehnten Teiles seiner aus einer Kammer des fünften Stockes irgendwo am Hamburger Tor bestehenden Wohnung. Er verliert seine Arbeit und findet sich bald darauf in einer ähnlichen Wohnung, mit brillanter Aussicht auf den Hof, im dritten Stock am Pothof in Hannover, wo er nach fünfmonatigem Aufenthalte eben 1/36 des Eigentums erworben hat, als ein Strike ihn nach München verschlägt und ihn zwingt, sich durch elfmonatigen Aufenthalt genau 11/180 des Eigentumsrechts auf ein ziemlich dunkles Anwesen zu ebner Erde, hinter der Ober-Angergasse, aufzuladen. Fernere Umzüge, wie sie Arbeitern heute so oft vorkommen, hängen ihm ferner an: 7/360 einer nicht minder empfehlenswerten Wohnung in St. Gallen, 23/180 einer anderen in Leeds und 347/56.223, genau gerechnet, so daß die "ewige Gerechtikeit" sich nicht beklagen kann, einer dritten in Seraing. Was hat nun unser Peter von allen diesen Wohnungsanteilen? Wer gibt ihm den richtigen Wert dafür? Wo soll er den oder die Eigentümer der übrigen Anteile an seinen verschiedenen ehemaligen Wohnungen auftreiben? Und wie steht es erst um die Eigentumsverhältnisse eines beliebigen großen Hauses, dessen Stockwerke sage zwanzig Wohnungen enthalten und das, wenn die Ablösungsfrist abgelaufen und die Mietswohnung abgeschafft ist, vielleicht dreihundert Teileigentümern gehört, die in allen Weltgegenden zerstreut sind? Unser Proudhonist wird antworten, daß bis dahin die Proudhonsche Tauschbank bestehen wird, welche jederzeit an jedermann für jedes Arbeitsprodukt den vollen Arbeitsertrag, also auch für einen Wohnungsanteil den vollen Wert auszahlen wird. |225| Aber die Proudhonsche Tauschbank geht uns hier erstens gar nichts an, da sie selbst in den Artikeln über die Wohnungsfrage nirgends erwähnt wird; sie beruht zweitens auf dem sonderbaren Irrtum, daß, wenn jemand eine Ware verkaufen will, er auch immer notwendig einen Käufer für ihren vollen Wert findet, und sie hat drittens, ehe Proudhon sie erfand, bereits in England unter dem Namen Labour Exchange Bazaar mehr als einmal falliert.

Die ganze Vorstellung, daß der Arbeiter sich seine Wohnung kaufen soll, beruht wieder auf der schon hervorgehobenen Proudhonschen reaktionären Grundanschauung, daß die durch die moderne große Industrie geschaffenen Zustände krankhafte Auswüchse sind und die Gesellschaft gewaltsam - d.h. gegen die Strömung, der sie seit hundert Jahren folgt - einem Zustande entgegengeführt werden muß, in dem die alte stabile Handarbeit des einzelnen die Regel und der überhaupt nichts anderes ist als eine idealisierte Wiederherstellung des untergegangenen und noch untergehenden Kleingewerbsbetriebs. Sind die Arbeiter erst wieder in diese stabilen Zustände zurückgeworfen, ist der "soziale Wirbel" erst glücklich beseitigt, so kann der Arbeiter natürlich auch wieder Eigentum an "Haus und Herd" gebrauchen und die obige Ablösungstheorie erscheint weniger abgeschmackt. Nur vergißt Proudhon, daß, um dies fertigzubringen, er erst die Uhr der Weltgeschichte um hundert Jahre zurückstellen muß und daß er damit die heutigen Arbeiter wieder zu ebensolchen beschränkten, kriechenden, duckmäuserigen Sklavenseelen machen würde, wie ihre Ururgroßväter waren.

Soweit aber in dieser Proudhonschen Lösung der Wohnungsfrage ein rationeller, praktisch verwertbarer Inhalt liegt, soweit wird sie heutzutage bereits durchgeführt, und zwar entstammt diese Durchführung nicht dem "Schoße der revolutionären Idee", sondern - den großen Bourgeois selbst. Hören wir hierüber ein vortreffliches spanisches Blatt, "La Emancipación" von Madrid, vom 16. März 1872:

"Es gibt noch ein anderes Mittel, die Wohnungsfrage zu lösen, das von Proudhon vorgeschlagen worden und das beim ersten Anblick blendet, aber bei näherer Prüfung seine totale Ohnmacht enthüllt. Proudhon schlug vor, die Mieter in Käufer auf Abschlagszahlung zu verwandeln, so daß der jährlich bezahlte Mietzins als Ablösungsrate auf den Wert der Wohnung angerechnet und der Mieter nach Ablauf einer gewissen Zeit Eigentümer dieser Wohnung würde. Dieses Mittel, das Proudhon für sehr revolutionär hielt, wird heutzutage in allen Ländern durch Gesellschaften von Spekulanten ins Werk gesetzt, welche sich so durch Erhöhung des Mietpreises den Wert der Häuser zwei- bis dreimal bezahlen lassen. Herr Dollfus und andere große Fabrikanten des nordöstlichen Frankreichs haben dies System verwirklicht, nicht nur um Geld herauszuschlagen, sondern obendrein mit einem politischen Hintergedanken.

|226| Die gescheitesten Führer der herrschenden Klassen haben stets ihre Anstrengungen darauf gerichtet, die Zahl der kleinen Eigentümer zu vermehren, um sich eine Armee gegen das Proletariat zu erziehn. Die bürgerlichen Revolutionen des vorigen Jahrhunderts zerteilten den großen Grundbesitz des Adels und der Kirche in kleines Parzelleneigentum, wie heute die spanischen Republikaner es mit dem noch bestehenden großen Grundbesitz machen wollen, und schufen so eine Klasse kleiner Grundeigentümer, die seitdem das allerreaktionärste Element der Gesellschaft und das stetige Hindernis gegenüber der revolutionären Bewegung des städtischen Proletariats geworden ist. Napoleon III. beabsichtigte, durch Verkleinerung der einzelnen Staatsschuldanteile, in den Städten eine ähnliche Klasse zu schaffen, und Herr Dollfus und seine Kollegen, indem sie ihren Arbeitern kleine, durch jährliche Abzahlungen abzutragende Wohnungen verkauften, suchten allen revolutionären Geist in den Arbeitern zu ersticken und gleichzeitig sie durch ihren Grundbesitz an die Fabrik, in der sie einmal arbeiteten, zu fesseln; so daß der Plan Proudhons nicht nur der Arbeiterklasse keine Erleichterung schuf - er kehrte sich sogar direkt gegen sie." (2)

Wie ist nun die Wohnungsfrage zu lösen? In der heutigen Gesellschaft gerade wie eine jede andere gesellschaftliche Frage gelöst wird: durch die allmähliche ökonomische Ausgleichung von Nachfrage und Angebot, eine Lösung, die die Frage selbst immer wieder von neuem erzeugt, also keine Lösung ist. Wie eine soziale Revolution diese Frage lösen würde, hängt nicht nur von den jedesmaligen Umständen ab, sondern auch zusammen mit viel weitergehenden Fragen, unter denen die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land eine der wesentlichsten ist. Da wir keine utopistischen Systeme für die Einrichtung der künftigen Gesellschaft zu machen haben, wäre es mehr als müßig, hierauf einzugehn. Soviel aber ist sicher, daß schon jetzt in den großen Städten hinreichend Wohngebäude vorhanden sind, um bei rationeller Benutzung derselben jeder wirklichen "Wohnungsnot" sofort abzuhelfen. Dies kann natürlich nur durch Expropriation der heutigen |227| Besitzer, resp. durch Bequartierung ihrer Häuser mit obdachlosen oder in ihren bisherigen Wohnungen übermäßig zusammengedrängten Arbeitern geschehen, und sobald das Proletariat die politische Macht erobert hat, wird eine solche, durch das öffentliche Wohl gebotene Maßregel ebenso leicht ausführbar sein wie andere Expropriationen und Einquartierungen durch den heutigen Staat.

Unser Proudhonist ist aber mit seinen bisherigen Leistungen in der Wohnungsfrage nicht zufrieden. Er muß sie von der platten Erde in das Gebiet des höheren Sozialismus erheben, damit sie doch auch hier als ein wesentlicher "Bruchteil der sozialen Frage" sich bewähre.

"Wir nehmen nun an, die Produktivität des Kapitals werde wirklich bei den Hörnern gefaßt, wie das früher oder später geschehn muß, z.B. durch ein Übergangsgesetz, welches den Zins aller Kapitalien auf ein Prozent festsetzt, wohlgemerkt, mit der Tendenz, auch diesen Prozentsatz immer mehr dem Nullpunkt zu nähern, so daß schließlich nichts mehr bezahlt wird, als die zur Umsetzung des Kapitals nötige Arbeit. Wie alle anderen Produkte ist natürlich auch Haus und Wohnung in den Rahmen dieses Gesetzes gefaßt ... Der Besitzer selbst wird der erste sein, der seine Hand zum Verkauf bietet, da sein Haus sonst unbenutzt und das in ihm angelegte Kapital einfach nutzlos sein würde."

Dieser Satz enthält einen der Hauptglaubensartikel des Proudhonschen Katechismus und gibt ein schlagendes Exempel von der darin herrschenden Konfusion.

Die "Produktivität des Kapitals" ist ein Unding, das Proudhon von den bürgerlichen Ökonomen unbesehn übernimmt. Die bürgerlichen Ökonomen fangen zwar auch mit dem Satz an, daß die Arbeit die Quelle alles Reichtums und das Maß des Wertes aller Waren ist; aber sie müssen auch erklären, wie es kommt, daß der Kapitalist, der Kapital zu einem industriellen oder Handwerksgeschäft vorschießt, nicht nur sein vorgeschossenes Kapital am Ende des Geschäftes zurückerhält, sondern auch noch einen Profit obendrein. Sie müssen sich daher in allerlei Widersprüche verwickeln und auch dem Kapital eine gewisse Produktivität zuschreiben. Nichts beweist besser, wie tief Proudhon noch in der bürgerlichen Denkweise befangen ist, als daß er sich diese Redeweise von der Produktivität des Kapitals angeeignet. Wir haben gleich am Anfang gesehn, daß die sogenannte "Produktivität des Kapitals" nichts andres ist, als die ihm (unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen, ohne die es eben kein Kapital wäre) anhaltende Eigenschaft, sich die unbezahlte Arbeit von Lohnarbeitern aneignen zu können.

Aber Proudhon unterscheidet sich von den bürgerlichen Ökonomen dadurch, daß er diese "Produktivität des Kapitals" nicht billigt, sondern im |228| Gegenteil in ihr eine Verletzung der "ewigen Gerechtigkeit" entdeckt. Sie ist es, die es verhindert, daß der Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit erhält. Sie muß also abgeschafft werden. Und wie? Indem der Zinsfuß durch Zwangsgesetze herabgesetzt und endlich auf Null reduziert wird. Dann hört nach unserm Proudhonisten das Kapital auf, produktiv zu sein.

Der Zins des ausgeliehenen Geldkapitals ist nur ein Teil des Profits; der Profit, sei es des industriellen, sei es des Handelskapitals, ist nur ein Teil des, in Gestalt von unbezahlter Arbeit, der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse abgenommenen Mehrwerts. Die ökonomischen Gesetze, die den Zinsfuß regeln, sind von denen, die die Rate des Mehrwerts regeln, so unabhängig, wie dies überhaupt zwischen Gesetzen einer und derselben Gesellschaftsform stattfinden kann. Was aber die Verteilung dieses Mehrwerts unter die einzelnen Kapitalisten angeht, so ist klar, daß für Industrielle und Kaufleute, die viel von andren Kapitalisten vorgeschossenes Kapital in ihrem Geschäft haben, die Rate ihres Profits in demselben Maß steigen muß, wie - wenn alle andern Umstände sich gleichbleiben - der Zinsfuß fällt. Die Herabdrückung und schließliche Abschaffung des Zinsfußes würde also keineswegs die sogenannte "Produktivität des Kapitals" wirklich "bei den Hörnern fassen", sondern nur die Verteilung des der Arbeiterklasse abgenommenen unbezahlten Mehrwerts unter die einzelnen Kapitalisten anders regeln und nicht dem Arbeiter gegenüber dem industriellen Kapitalisten, sondern dem industriellen Kapitalisten gegenüber dem Rentier einen Vorteil sichern.

Proudhon, von seinem juristischen Standpunkt aus, erklärt den Zinsfuß, wie alle ökonomischen Tatsachen, nicht durch die Bedingungen der gesellschaftlichen Produktion, sondern durch die Staatsgesetze, in denen diese Bedingungen einen allgemeinen Ausdruck erhalten. Von diesem Standpunkt aus, dem jede Ahnung des Zusammenhangs der Staatsgesetze mit den Produktionsbedingungen der Gesellschaft abgeht, erscheinen diese Staatsgesetze notwendigerweise als rein willkürliche Befehle, die jeden Augenblick ebensogut durch ihr direktes Gegenteil ersetzt werden können. Es ist also nichts leichter für Proudhon, als ein Dekret zu erlassen - sobald er die Macht dazu hat -, wodurch der Zinsfuß auf ein Prozent herabgesetzt wird. Und wenn alle andren gesellschaftlichen Umstände bleiben, wie sie waren, so wird dies Proudhonsche Dekret eben nur auf dem Papier existieren. Der Zinsfuß wird sich nach wie vor nach den ökonomischen Gesetzen regeln, denen er heute unterworfen ist, trotz aller Dekrete; kreditfähige Leute werden nach Umständen Geld zu 2, 3, 4 und mehr Prozent aufnehmen, ebensogut wie vorher, und der einzige Unterschied wird der sein, daß die Rentiers |229| sich genau vorsehn und nur solchen Leuten Geld vorschießen, bei denen kein Prozeß zu erwarten ist. Dabei ist dieser große Plan, dem Kapital seine "Produktivität" zu nehmen, uralt, so alt wie die - Wuchergesetze, die nichts andres bezwecken, als den Zinsfuß zu beschränken, und die jetzt überall abgeschafft sind, weil sie in der Praxis stets gebrochen oder umgangen wurden und der Staat seine Ohnmacht gegenüber den Gesetzen der gesellschaftlichen Produktion bekennen mußte. Und die Wiedereinführung dieser mittelalterlichen, unausführbaren Gesetze soll "die Produktivität des Kapitals bei den Hörnern fassen"? Man sieht, je näher man den Proudhonismus untersucht, desto reaktionärer erscheint er.

Und wenn dann der Zinsfuß auf diese Weise auf Null heruntergebracht, der Kapitalzins also abgeschafft ist, dann wird "nichts mehr bezahlt als die zur Umsetzung des Kapitals nötige Arbeit". Das soll heißen, die Abschaffung des Zinsfußes ist gleich der Abschaffung des Profits und sogar des Mehrwerts. Wäre es aber möglich, den Zins durch Dekret wirklich abzuschaffen, was wäre die Folge? Daß die Klasse der Rentiers keine Veranlassung mehr hätte, ihr Kapital in Gestalt von Vorschüssen auszuleihen, sondern es selbst oder in Aktiengesellschaften für eigene Rechnung industriell anzulegen. Die Masse des der Arbeiterklasse durch die Kapitalistenklasse abgenommenen Mehrwerts bliebe dieselbe, nur ihre Verteilung änderte sich, und auch das nicht bedeutend.

In der Tat übersieht unser Proudhonist. daß auch schon jetzt, im Warenkauf der bürgerlichen Gesellschaft, durchschnittlich eben nichts mehr bezahlt wird, als "die zur Umsetzung des Kapitals" (soll heißen, zur Produktion der bestimmten Ware) "nötige Arbeit". Die Arbeit ist der Maßstab des Werts aller Waren, und es ist in der heutigen Gesellschaft - von den Schwankungen des Marktes abgesehen - rein unmöglich, daß im Gesamtdurchschnitt für die Waren mehr bezahlt wird als die zu ihrer Herstellung nötige Arbeit. Nein, nein, lieber Proudhonist, der Haken liegt wo ganz anders: Er liegt darin, daß "die zur Umsetzung des Kapitals" (um Ihre konfuse Ausdrucksweise zu gebrauchen) "nötige Arbeit" eben nicht voll bezahlt wird! Wie das zugeht, können Sie bei Marx ("Kapital", S. 128-160) nachlesen.

Damit nicht genug. Wenn der Kapitalzins abgeschafft wird, ist damit auch der Mietzins abgeschafft. Denn "wie alle anderen Produkte ist natürlich auch Haus und Wohnung in den Rahmen dieses Gesetzes gefaßt". Dies ist ganz im Geist des alten Majors, der seinen Einjährigen rufen ließ: "Sagen Sie mal, ich höre, Sie sind Doktor - da kommen Sie doch von Zeit zu Zeit |230| zu mir; wenn man eine Frau und sieben Kinder hat, da gibt's immer was zu flicken."

Einjähriger: "Aber verzeihen Sie, Herr Major, ich bin Doktor der Philosophie."

Major: "Das ist mich ganz egal, Pflasterkasten ist Pflasterkasten."

So geht es unserm Proudhonisten auch: Mietzins oder Kapitalzins, das ist ihm ganz egal, Zins ist Zins, Pflasterkasten ist Pflasterkasten. - Wir haben oben gesehen, daß der Mietpreis, vulgo Mietzins, sich zusammensetzt: 1. aus einem Anteil Grundrente; 2. aus einem Anteil Zins auf das Baukapital einschließlich des Profits für den Bauunternehmer; 3. aus einem Anteil für Reparatur- und Assekuranzkosten; 4. aus einem Anteil, der das Baukapital inkl. Profit in jährlichen Ratenzahlungen abträgt (amortisiert), im Verhältnis, wie das Haus allmählich verschleißt.

Und nun muß es auch dem Blindesten klargeworden sein:

"Der Besitzer selbst wird der erste sein, der seine Hand zum Verkaufe bietet, da sein Haus sonst unbenutzt und das in ihm angelegte Kapital einfach nutzlos sein würde."

Natürlich. Wenn man den Zins auf Vorschußkapital abschafft, so kann kein Hausbesitzer mehr einen Pfennig Miete für sein Haus erhalten, bloß weil man für Miete auch Mietzins sagen kann {10} und weil der Mietzins einen Anteil einschließt, der wirklicher Kapitalzins ist. Pflasterkasten bleibt Pflasterkasten. Wenn die Wuchergesetze in Beziehung auf den gewöhnlichen Kapitalzins doch nur durch Umgehung unwirksam gemacht werden konnten, so haben sie den Satz der Hausmiete nie auch nur im entferntesten berührt. Erst Proudhon blieb es vorbehalten, sich einzubilden, sein neues Wuchergesetz werde ohne weiteres nicht nur den einfachen Kapitalzins, sondern auch den komplizierten Mietzins für Wohnungen regeln und allmählich abschaffen.{11} Warum dann dem Hausbesitzer noch das "einfach nutzlose" Haus für teures Geld abgekauft werden soll, und wieso unter diesen Umständen der Hausbesitzer nicht noch Geld dazu gibt, dies "einfach nutzlose" Haus loszuwerden, damit er keine Reparaturkosten mehr daranzuwenden hat, darüber läßt man uns im dunkeln.

Nach dieser triumphierenden Leistung auf dem Gebiet des höheren Sozialismus (Suprasozialismus nannte das der Meister Proudhon) hält sich unser Proudhonist für berechtigt, noch etwas höher zu fliegen.

|231| "Es handelt sich jetzt nur mehr darum, noch einige Folgerungen zu ziehn, um von allen Seiten her volles Licht auf unsern so bedeutenden Gegenstand fallen zu lassen."

Und was sind diese Folgerungen? Dinge, die aus dem Vorhergehenden ebensowenig folgen wie die Wertlosigkeit der Wohnhäuser aus der Abschaffung des Zinsfußes und die, der pompösen und weihevollen Redensarten unsres Verfassers entkleidet, weiter nichts bedeuten als daß zur besseren Abwicklung des Mietwohnungs-Ablösungsgeschäfts wünschenswert ist: 1. eine genaue Statistik über den Gegenstand, 2. eine gute Gesundheitspolizei und 3. Genossenschaften von Bauarbeitern, die den Neubau von Häusern übernehmen können - alles Dinge, die gewiß sehr schön und gut sind, die aber trotz aller marktschreierischen Phrasenumhüllung durchaus kein "volles Licht" in das Dunkel der Proudhonschen Gedankenverwirrung bringen.

Wer so großes vollbracht, hat nun auch das Recht, an die deutschen Arbeiter eine ernste Mahnung zu richten:

"Solche und ähnliche Fragen, dünkt uns, sind der Aufmerksamkeit der sozialen Demokratie wohl wert ... Möge sie sich, wie hier über die Wohnungsfrage, so auch über die andern gleich wichtigen Fragen, wie Kredit, Staatsschulden, Privatsschulden, Steuer usw. klarzuwerden suchen" usw.

Hier stellt uns unser Proudhonist also eine ganze Reihe von Artikeln über "ähnliche Fragen" in Aussicht, und wenn er sie alle so ausführlich behandelt wie den gegenwärtigen "so bedeutenden Gegenstand", so hat der "Volksstaat" Manuskripte genug für ein Jahr. Wir können dem indes vorgreifen - es läuft alles auf das schon Gesagte hinaus: Der Kapitalzins wird abgeschafft, damit fällt der für Staatsschulden und Privatschulden zu zahlende Zins fort, der Kredit wird kostenfrei usw. Dasselbe Zauberwort wird auf jeden beliebigen Gegenstand angewandt, und bei jedem einzelnen Fall kommt das erstaunliche Resultat mit unerbittlicher Logik heraus: daß, wenn der Kapitalzins abgeschafft ist, man für aufgenommenes Geld keine Zinsen mehr zu zahlen hat.

Übrigens sind es schöne Fragen, mit denen unser Proudhonist uns bedroht: Kredit! Welchen Kredit braucht der Arbeiter, als den von Woche zu Woche oder den Kredit des Pfandhauses? Ob ihm dieser kostenfrei oder für Zinsen, selbst Pfandhauswucherzinsen, geleistet wird, wieviel macht ihm das Unterschied? Und wenn er, allgemein genommen, einen Vorteil davon hätte, also die Produktionskosten der Arbeitskraft wohlfeiler würden, müßte nicht der Preis der Arbeitskraft fallen? - Aber für den Bourgeois und speziell den Kleinbürger - für die ist der Kredit eine wichtige Frage, und für den |232| Kleinbürger speziell wäre es eine schöne Sache, den Kredit jederzeit, und noch dazu ohne Zinszahlung, erhalten zu können. - "Staatsschulden"! Die Arbeiterklasse weiß, daß sie sie nicht gemacht hat, und wenn sie zur Macht kommt, wird sie die Abzahlung denen überlassen, die sie aufgenommen haben. - "Privatschulden"! - siehe Kredit. - "Steuern"! Dinge, die die Bourgeoisie sehr, die Arbeiter aber nur sehr wenig interessieren: Was der Arbeiter an Steuern zahlt, geht auf die Dauer in die Produktionskosten der Arbeitskraft mit ein, muß also vom Kapitalisten mitvergütet werden. Alle diese Punkte, die uns hier als hochwichtige Fragen für die Arbeiterklasse vorgehalten werden, haben in Wirklichkeit wesentliches Interesse nur für den Bourgeois und noch mehr für den Kleinbürger, und wir behaupten, trotz Proudhon, daß die Arbeiterklasse keinen Beruf hat, die Interessen dieser Klassen wahrzunehmen.

Von der großen, die Arbeiter wirklich angehenden Frage, von dem Verhältnis zwischen Kapitalist und Lohnarbeiter, von der Frage: wie es kommt, daß der Kapitalist sich aus der Arbeit seiner Arbeiter bereichern kann, davon sagt unser Proudhonist kein Wort. Sein Herr und Meister hat sich allerdings damit beschäftigt, aber durchaus keine Klarheit hineingebracht und ist auch in seinen letzten Schriften im wesentlichen nicht weiter als in der von Marx schon 1847 so schlagend in ihr ganzes Nichts aufgelösten "Philosophie de la Misère" (Philosophie des Elends).

Es ist schlimm genug, daß die romanisch redenden Arbeiter seit fünfundzwanzig Jahren fast gar keine andre sozialistische Geistesnahrung gehabt haben als die Schriften dieses "Sozialisten des zweiten Kaisertums"; es wäre ein doppeltes Unglück, wenn die proudhonistische Theorie jetzt auch noch Deutschland überfluten sollte. Dafür ist jedoch gesorgt. Der theoretische Standpunkt der deutschen Arbeiter ist dem proudhonistischen um fünfzig Jahre voraus, und es wird genügen, an dieser einen Wohnungsfrage ein Exempel zu statuieren, um fernerer Mühe in dieser Beziehung überhoben zu sein.


Zweiter Abschnitt
Wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage löst

I

|233| In dem Abschnitt über die proudhonistische Lösung der Wohnungsfrage wurde gezeigt, wie sehr das Kleinbürgertum bei dieser Frage direkt interessiert ist. Aber auch das Großbürgertum hat ein sehr bedeutendes, wenn auch indirektes Interesse daran. Die moderne Naturwissenschaft hat nachgewiesen, daß die sogenannten "schlechten Viertel", in denen die Arbeiter zusammengedrängt sind, die Brutstätten aller jener Seuchen bilden, die von Zeit zu Zeit unsre Städte heimsuchen. Cholera, Typhus und typhoide Fieber, Blattern und andre verheerende Krankheiten verbreiten in der verpesteten Luft und dem vergifteten Wasser dieser Arbeiterviertel ihre Keime; sie sterben dort fast nie aus, entwickeln sich, sobald die Umstände es gestatten, zu epidemischen Seuchen, und dringen dann auch über ihre Brutstätten hinaus in die luftigeren und gesunderen, von den Herren Kapitalisten bewohnten Stadtteile. Die Kapitalistenherrschaft kann nicht ungestraft sich das Vergnügen erlauben, epidemische Krankheiten unter der Arbeiterklasse zu erzeugen; die Folgen fallen auf sie selbst zurück, und der Würgengel wütet unter den Kapitalisten ebenso rücksichtslos wie unter den Arbeitern.

Sobald dies einmal wissenschaftlich festgestellt war, entbrannten die menschenfreundlichen Bourgeois in edlem Wetteifer für die Gesundheit ihrer Arbeiter. Gesellschaften wurden gestiftet, Bücher geschrieben, Vorschläge entworfen, Gesetze debattiert und dekretiert, um die Quellen der immer wiederkehrenden Seuchen zu verstopfen. Die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter wurden untersucht und Versuche gemacht, den schreiendsten Übelständen abzuhelfen. Namentlich in England, wo die meisten großen Städte bestanden und daher das Feuer den Großbürgern am heftigsten auf die Nägel brannte, wurde eine große Tätigkeit entwickelt; Regierungskommissionen wurden ernannt, um die Gesundheitsverhältnisse der arbeitenden |234| Klasse zu untersuchen; ihre Berichte, durch Genauigkeit, Vollständigkeit und Unparteilichkeit vor allen kontinentalen Quellen sich rühmlich auszeichnend, lieferten die Grundlagen zu neuen, mehr oder weniger scharf eingreifenden Gesetzen. So unvollkommen diese Gesetze auch sind, so übertreffen sie doch unendlich alles, was bisher auf dem Kontinent in dieser Richtung geschehn. Und trotzdem erzeugt die kapitalistische Gesellschaftsordnung die Mißstände, um deren Kur es sich handelt, immer wieder mit solcher Notwendigkeit, daß selbst in England die Kur kaum einen einzigen Schritt vorgerückt ist.

Deutschland brauchte, wie gewöhnlich, eine weit längere Zeit, bis die auch hier chronisch bestehenden Seuchenquellen zu derjenigen akuten Höhe sich entwickelten, die notwendig war, um das schläfrige Großbürgertum aufzurütteln. Indes, wer langsam geht, geht sicher, und so entstand auch bei uns schließlich eine bürgerliche Literatur der öffentlichen Gesundheit und der Wohnungsfrage, ein wässeriger Auszug ihrer ausländischen, namentlich englischen, Vorgänger, dem man durch volltönende, weihevolle Phrasen den Schein höherer Auffassung anschwindelt. Zu dieser Literatur gehört: Dr. Emil Sax, "Die Wohnungszustände der arbeitenden Classen und ihre Reform", Wien 1869.

Ich greife, um die bürgerliche Behandlung der Wohnungsfrage darzulegen, dies Buch nur deswegen heraus, weil es den Versuch macht, die bürgerliche Literatur über den Gegenstand möglichst zusammenzufassen. Und eine schöne Literatur ist es, die unsrem Verfasser als "Quelle" dient! Von den englischen Parlamentsberichten, den wirklichen Hauptquellen, werden nur drei der allerältesten mit Namen genannt; das ganze Buch beweist, daß der Verfasser nie auch nur einen davon angesehn hat; dagegen wird uns eine ganze Reihe von gemeinplätzlich bürgerlichen, wohlmeinend spießbürgerlichen und heuchlerisch philanthropischen Schriften vorgeführt: Ducpétiaux, Roberts, Hole, Huber, die Verhandlungen der englischen Sozialwissenschafts- (oder vielmehr Kohl-) Kongresse, die Zeitschrift des Vereins für das Wohl der arbeitenden Klassen in Preußen, der östreichische amtliche Bericht über die Pariser Weltausstellung, die amtlichen bonapartistischen Berichte über dieselbe, die "Illustrierte Londoner Zeitung", "Über Land und Meer" und endlich "eine anerkannte Autorität", ein Mann von "scharfsinniger, praktischer Auffassung", von "überzeugender Eindringlichkeit der Rede", nämlich - Julius Faucher! Es fehlt in dieser Quellenliste nur noch die "Gartenlaube", der "Kladderadatsch" und der Füsilier Kutschke.

Damit über den Standpunkt des Herrn Sax kein Mißverständnis aufkommen könne, erklärt er Seite 22:

|235| "Wir bezeichnen mit Sozialökonomie die Volkswirtschaftslehre in ihrer Anwendung auf die sozialen Fragen, genauer ausgedrückt, den Inbegriff der Mittel und Wege, welche uns diese Wissenschaft bietet, auf Grund ihrer 'ehernen' Gesetze innerhalb des Rahmens der gegenwärtig herrschenden Gesellschaftsordnung, die sogenannten (!) besitzlosen Klassen auf das Niveau der Besitzenden emporzuheben."

Wir gehen nicht ein auf die konfuse Vorstellung, daß die "Volkswirtschaftslehre" oder politische Ökonomie sich überhaupt mit andern als "sozialen" Fragen beschäftige. Wir gehn gleich auf den Hauptpunkt los. Dr. Sax verlangt, die "ehernen Gesetze" der bürgerlichen Ökonomie, der "Rahmen der gegenwärtig herrschenden Gesellschaftsordnung", mit andern Worten, die kapitalistische Produktionsweise soll unverändert bestehn bleiben, und doch sollen die "sogenannten besitzlosen Klassen auf das Niveau der Besitzenden" emporgehoben werden. Nun ist es aber eine unumgängliche Voraussetzung der kapitalistischen Produktionsweise, daß eine nicht sogenannte, sondern wirkliche besitzlose Klasse vorhanden ist, die eben nichts zu verkaufen hat als ihre Arbeitskraft, und die daher auch gezwungen ist, den industriellen Kapitalisten diese Arbeitskraft zu verkaufen. Die Aufgabe der von Herrn Sax erfundenen neuen Wissenschaft der Sozialökonomie besteht also darin: die Mittel und Wege zu finden, wie innerhalb eines Gesellschaftszustands, der begründet ist auf dem Gegensatz von Kapitalisten, Inhabern aller Rohmaterialien, Produktionsinstrumente und Lebensmittel einerseits, und von besitzlosen Lohnarbeitern, die nur ihre Arbeitskraft und weiter nichts ihr eigen nennen, andrerseits, wie innerhalb dieses Gesellschaftszustands alle Lohnarbeiter in Kapitalisten verwandelt werden können, ohne aufzuhören, Lohnarbeiter zu sein. Herr Sax meint diese Frage gelöst zu haben. Vielleicht wird er so gut sein, uns zu zeigen, wie man alle Soldaten der französischen Armee, von denen ja seit dem alten Napoleon jeder seinen Marschallstab im Tornister trägt, in Feldmarschälle verwandeln kann, ohne daß sie aufhören, gemeine Soldaten zu sein. Oder wie man es fertig bringt, alle 40 Millionen Untertanen des Deutschen Reichs zu deutschen Kaisern zu machen.

Es ist das Wesen des bürgerlichen Sozialismus, die Grundlage aller Übel der heutigen Gesellschaft aufrechterhalten und gleichzeitig diese Übel abschaffen zu wollen. Die bürgerlichen Sozialisten wollen, wie schon das "Kommunistische Manifest" sagt, "den sozialen Mißständen abhelfen, um den Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern", sie wollen "die Bourgeoisie ohne das Proletariat". Wir haben gesehn, daß Herr Sax die |236| Frage genau ebenso stellt. Ihre Lösung findet er in der Lösung der Wohnungsfrage; er ist der Ansicht, daß

"durch Verbesserung der Wohnungen der arbeitenden Klassen dem geschilderten leiblichen und geistigen Elend mit Erfolg abzuhelfen und dadurch - durch umfassende Besserung der Wohnungszustände allein - der überwiegende Teil dieser Klassen aus dem Sumpf ihrer oft kaum menschenwürdigen Existenz zu den reinen Höhen materiellen und geistigen Wohlbefindens emporzuheben wäre". (Seite 14.)

Nebenbei bemerkt, liegt es im Interesse der Bourgeoisie, die Existenz eines durch die bürgerlichen Produktionsverhältnisse geschaffenen und deren Fortbestand bedingenden Proletariats zu vertuschen. Daher erzählt uns Herr Sax, Seite 21, daß unter arbeitenden Klassen alle "unbemittelten Gesellschaftsklassen", "kleine Leute überhaupt, als Handwerker, Witwen, Pensionisten (!), subalterne Beamte usw." neben den eigentlichen Arbeitern zu verstehn sind. Der Bourgeoissozialismus reicht dem kleinbürgerlichen die Hand.

Woher kommt nun die Wohnungsnot? Wie entstand sie? Herr Sax darf als guter Bourgeois nicht wissen, daß sie ein notwendiges Erzeugnis der bürgerlichen Gesellschaftsform ist; daß eine Gesellschaft nicht ohne Wohnungsnot bestehen kann, in der die große arbeitende Masse auf Arbeitslohn, also auf die zu ihrer Existenz und Fortpflanzung notwendige Summe von Lebensmitteln, ausschließlich angewiesen ist; in der fortwährend neue Verbesserungen der Maschinerie usw. Massen von Arbeitern außer Arbeit setzen; in der heftige, regelmäßig wiederkehrende industrielle Schwankungen einerseits das Vorhandensein einer zahlreichen Reservearmee von unbeschäftigten Arbeitern bedingen, andrerseits zeitweilig die große Masse der Arbeiter arbeitslos auf die Straße treiben; in der Arbeiter massenhaft in den großen Städten zusammengedrängt werden, und zwar rascher, als unter den bestehenden Verhältnissen Wohnungen für sie entstehn, in der also für die infamsten Schweineställe sich immer Mieter finden müssen; in der endlich der Hausbesitzer, in seiner Eigenschaft als Kapitalist, nicht nur das Recht, sondern, vermöge der Konkurrenz, auch gewissermaßen die Pflicht hat, aus seinem Hauseigentum rücksichtslos die höchsten Mietpreise herauszuschlagen. In einer solchen Gesellschaft ist die Wohnungsnot kein Zufall, sie ist eine notwendige Institution, sie kann mitsamt ihren Rückwirkungen auf die Gesundheit usw. nur beseitigt werden, wenn die ganze Gesellschaftsordnung, der sie entspringt, von Grund aus umgewälzt wird. Das aber darf der Bourgeoissozialismus nicht wissen. Er darf sich die Wohnungsnot nicht aus den Verhältnissen erklären. Es bleibt ihm also kein anderes Mittel übrig, als sie mit moralischen Phrasen aus der Schlechtigkeit der Menschen zu erklären, sozusagen aus der Erbsünde.

|237| "Und da ist nicht zu verkennen - und folglich nicht zu leugnen" (kühner Schluß!) -, "daß die Schuld ... einesteils an den Arbeitern selbst liegt, den Wohnungsbegehrenden, andern und zwar weit größeren Teils aber an denjenigen, welche die Befriedigung des Bedürfnisses übernehmen, oder, obwohl sie über die erforderlichen Mittel gebieten, auch nicht übernehmen, an den besitzenden, höheren Gesellschaftsklassen. Die Schuld auf seiten der letzteren ... besteht darin, daß sie es sich nicht angelegen sein lassen, für ausreichendes Angebot guter Wohnungen zu sorgen."

Wie Proudhon uns aus der Ökonomie in die Juristerei, so versetzt uns hier unser Bourgeoissozialist aus der Ökonomie in die Moral. Und nichts ist natürlicher. Wer die kapitalistische Produktionsweise, die "ehernen Gesetze" der heutigen bürgerlichen Gesellschaft, für unantastbar erklärt und doch ihre mißliebigen, aber notwendigen Folgen abschaffen will, dem bleibt nichts übrig, als den Kapitalisten Moralpredigten zu halten, Moralpredigten, deren Rühreffekt sofort wieder durch das Privatinteresse und nötigenfalls durch die Konkurrenz in Dunst aufgelöst wird. Diese Moralpredigten gleichen genau denen der Henne am Rande des Teichs, auf dem ihre ausgebrüteten Entchen lustig herumschwimmen. Die Entchen gehn aufs Wasser, obwohl es keine Balken, und die Kapitalisten stürzen sich auf den Profit, obwohl er kein Gemüt hat. "In Geldsachen hört die Gemütlichkeit auf", sagte schon der alte Hansemann, der das besser kannte als Herr Sax.

"Die guten Wohnungen stehn so hoch im Preise, daß es dem größten Teil der Arbeiter ganz und gar unmöglich ist, davon Gebrauch zu machen. Das große Kapital ... hält sich von den Wohnungen für die arbeitenden Klassen scheu zurück ... So fallen denn diese Klassen mit ihrem Wohnungsbedürfnisse zum größten Teil der Spekulation anheim."

Abscheuliche Spekulation - das große Kapital spekuliert natürlich nie! Aber es ist nicht der böse Wille, es ist nur die Unwissenheit, die das große Kapital verhindert, in Arbeiterhäusern zu spekulieren:

"Die Hausbesitzer wissen gar nicht, welch große und wichtige Rolle eine normale Befriedigung des Wohnungsbedürfnisses ... spielt, sie wissen nicht, was sie den Leuten tun, wenn sie ihnen, wie die Regel, so unverantwortlich schlechte, schädliche Wohnungen anbieten, und sie wissen endlich nicht, wie sie sich selbst damit schaden." (Seite 27.)

Die Unwissenheit der Kapitalisten bedarf aber der Unwissenheit der Arbeiter, um mit ihr die Wohnungsnot zu erzeugen. Nachdem Herr Sax zugegeben, daß die "alleruntersten Schichten" der Arbeiter, "um nicht ganz obdachlos zu bleiben, wo und wie immer ein Nachtlager zu suchen bemüßigt (!) und in dieser Beziehung völlig wehr- und hülflos sind", erzählt er uns:

|238| "Denn es ist eine altbekannte Tatsache, wie viele unter ihnen" (den Arbeitern) aus Leichtsinn, vorwiegend aber aus Unwissenheit, ihrem Körper die Bedingungen naturgemäßer Entwickelung und gesunder Existenz, fast möchte man sagen, mit Virtuosität, entziehn, indem sie von einer rationellen Gesundheitspflege, insbesondere aber davon, welch enorme Bedeutung der Wohnung in dieser zukommt, nicht den mindesten Begriff haben." (Seite 27.)

Nun aber kommt das bürgerliche Eselsohr heraus. Während bei den Kapitalisten die "Schuld" sich in Unwissenheit verflüchtigte, ist bei den Arbeitern die Unwissenheit nur der Anlaß zur Schuld. Man höre:

"So kommt es" (nämlich durch die Unwissenheit), "daß sie sich, wenn sie nur etwas an der Miete ersparen, in dunkle, feuchte, unzureichende, kurz allen Anforderungen der Hygiene Hohn sprechende Wohnungen ziehn ... daß oft mehrere Familien in eine einzige Wohnung, ja, ein einziges Zimmer sich zusammen mieten - alles, um möglichst wenig für die Wohnung auszugeben, während sie daneben auf Trunk und allerlei eitle Vergnügungen ihr Einkommen in wahrhaft sündhafter Weise verschleudern."

Das Geld, das die Arbeiter "auf Branntwein und Tabak verschwenden" (Seite 28), das "Wirtshausleben mit all seinen beklagenswerten Folgen, das wie ein Bleigewicht den Arbeiterstand immer wieder in den Schlamm hinabzieht", liegt Herrn Sax in der Tat wie ein Bleigewicht im Magen. Daß unter den gegebenen Verhältnissen die Trunksucht unter den Arbeitern ein notwendiges Produkt ihrer Lebenslage ist, ebenso notwendig wie Typhus, Verbrechen, Ungeziefer, Gerichtsvollzieher und andere gesellschaftliche Krankheiten, so notwendig, daß man die Durchschnittszahl der der Trunksucht Verfallenden vorher berechnen kann, das darf Herr Sax wieder nicht wissen. Übrigens sagte schon mein alter Elementarlehrer: "Die Gemeinen gehen in das Fuselhaus, und die Vornehmen gehn in den Klub", und da ich in beiden gewesen bin, kann ich die Richtigkeit bezeugen.

Das ganze Gerede von der "Unwissenheit" beider Teile läuft hinaus auf die alten Redensarten von der Harmonie der Interessen von Kapital und Arbeit. Wenn die Kapitalisten ihr wahres Interesse kennten, würden sie den Arbeitern gute Wohnungen liefern und sie überhaupt besserstellen; und wenn die Arbeiter ihr wahres Interesse verständen, würden sie nicht striken, nicht Sozialdemokratie treiben, nicht politisieren, sondern hübsch ihren Vorgesetzten, den Kapitalisten, folgen. Leider finden beide Teile ihre Interessen ganz woanders als in den Predigten des Herrn Sax und seiner zahllosen Vorgänger. Das Evangelium von der Harmonie zwischen Kapital und Arbeit ist nun schon an die fünfzig Jahre gepredigt worden; die bürgerliche Philanthropie hat es sich schweres Geld kosten lassen, diese Harmonie durch |239| Musteranstalten zu beweisen, und wie wir später sehen werden, sind wir heute grade so weit wie vor fünfzig Jahren.

Unser Verfasser geht nun an die praktische Lösung der Frage. Wie wenig revolutionär der Vorschlag Proudhons war, die Arbeiter zu Eigentümern ihrer Wohnungen zu machen, geht schon daraus hervor, daß der bürgerliche Sozialismus diesen Vorschlag schon vor ihm praktisch auszufahren versucht hatte und noch versucht. Auch Herr Sax erklärt, daß die Wohnungsfrage vollständig nur durch Übertragung des Eigentums der Wohnung an die Arbeiter zu lösen sei (S. 58 und 59). Mehr noch, er verfällt in dichterische Verzückung bei diesem Gedanken und bricht in folgenden Begeisterungsschwung aus:

"Es ist etwas Eigentümliches um die im Menschen liegende Sehnsucht nach Grundbesitz, einen Trieb, den selbst das fieberhaft pulsierende Güterleben der Gegenwart nicht abzuschwächen vermochte. Es ist dies das unbewußte Gefühl von der Bedeutung der wirtschaftlichen Errungenschaft, die der Grundbesitz darstellt. Mit ihm bekommt der Mensch einen sicheren Halt, er wurzelt gleichsam fest in dem Boden, und jede Wirtschaft (!) hat in demselben die dauerhafteste Basis. Doch weit über diese materiellen Vorteile reicht die Segenskraft des Grundbesitzes hinaus. Wer so glücklich ist, einen solchen sein zu nennen, hat die denkbar höchste Stufe wirtschaftlicher Unabhängigkeit erreicht; er hat ein Gebiet, worauf er souverän schalten und walten kann, er ist sein eigner Herr, er hat eine gewisse Macht und einen sichern Rückhalt für die Zeit der Not; es wächst sein Selbstbewußtsein und mit diesem seine moralische Kraft. Daher die tiefe Bedeutung des Eigentums in der vorliegenden Frage ... Der Arbeiter, hülflos heute den Wechselfällen der Konjunktur ausgesetzt, in steter Abhängigkeit von dem Arbeitgeber, würde dadurch bis zu einem gewissen Grad dieser prekären Lage entrückt, er würde Kapitalist und gegen die Gefahren der Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit durch den Realkredit, der ihm infolgedessen offenstände, gesichert. Er würde dadurch aus der besitzlosen in die Klasse der Besitzenden emporgehoben." (Seite 63.)

Herr Sax scheint vorauszusetzen, daß der Mensch wesentlich Bauer ist, sonst würde er nicht den Arbeitern unserer großen Städte eine Sehnsucht nach Grundbesitz andichten, die sonst niemand bei ihnen entdeckt hat. Für unsre großstädtischen Arbeiter ist Freiheit der Bewegung erste Lebensbedingung, und Grundbesitz kann ihnen nur eine Fessel sein. Verschafft ihnen eigne Häuser, kettet sie wieder an die Scholle, und ihr brecht ihre Widerstandskraft gegen die Lohnherabdrückung der Fabrikanten. Der einzelne Arbeiter mag sein Häuschen gelegentlich verkaufen können, bei einem ernstlichen Strike oder einer allgemeinen Industriekrise {12} aber würden sämtliche den betreffenden Arbeitern gehörenden Häuser zum Verkauf auf den |240| Markt kommen müssen, also gar keine Käufer finden oder weit unter Kostpreis losgeschlagen werden. Und wenn sie alle Käufer fänden, so wäre ja die ganze große Wohnungsreform des Herrn Sax wieder in nichts aufgelöst, und er könnte wieder von vorn anfangen. Indes, Dichter leben in einer Welt der Einbildung, und so auch Herr Sax, der sich einbildet, der Grundbesitzer habe "die höchste Stufe wirtschaftlicher Unabhängigkeit erreicht", er habe "einen sichern Rückhalt", "er würde Kapitalist und gegen die Gefahren der Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit durch den Realkredit, der ihm infolgedessen offenstände, gesichert" usw. Herr Sax sehe sich doch die französischen und unsre rheinischen kleinen Bauern an; ihre Häuser und Felder sind mit Hypotheken über und über beschwert, ihre Ernte gehört ihren Gläubigern, ehe sie geschnitten ist, und auf ihrem "Gebiet" schalten und walten nicht sie souverän, sondern der Wucherer, der Advokat und der Gerichtsvollzieher. Das ist allerdings die denkbar höchste Stufe der wirtschaftlichen Unabhängigkeit - für den Wucherer! Und damit die Arbeiter so rasch wie möglich ihr Häuschen unter dieselbe Souveränität des Wucherers bringen, weist sie der wohlwollende Herr Sax vorsorglich auf den ihnen offenstehenden Realkredit hin, den sie in Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit benutzen können, statt der Armenpflege zur Last zu fallen.

Jedenfalls hat nun Herr Sax die anfangs gestellte Frage gelöst: der Arbeiter "wird Kapitalist" durch Erwerb eines eignen Häuschens.

Kapital ist Kommando über die unbezahlte Arbeit andrer. Das Häuschen des Arbeiters wird also nur Kapital, sobald er es einem Dritten vermietet und in der Gestalt der Miete sich einen Teil des Arbeitsprodukts dieses Dritten aneignet. Dadurch, daß er es selbst bewohnt, wird das Haus gerade daran verhindert, Kapital zu werden, ebenso wie der Rock in demselben Augenblick aufhört, Kapital zu sein, wo ich ihn vom Schneider kaufe und anziehe. Der Arbeiter, der ein Häuschen im Wert von tausend Talern besitzt, ist allerdings kein Proletarier mehr, aber man muß Herr Sax sein, um ihn einen Kapitalisten zu nennen.

Das Kapitalistentum unsres Arbeiters hat aber noch eine andre Seite. Nehmen wir an, in einer gegebenen Industriegegend sei es die Regel geworden, daß jeder Arbeiter sein eignes Häuschen besitzt. In diesem Fall wohnt die Arbeiterklasse jener Gegend frei; Unkosten für Wohnung gehn nicht mehr ein in den Wert ihrer Arbeitskraft. Jede Verringerung der Erzeugungskosten der Arbeitskraft, d.h. jede dauernde Preiserniedrigung der Lebensbedürfnisse des Arbeiters kommt aber "auf Grund der ehernen Gesetze der Volkswirtschaftslehre" einer Herabdrückung des Werts der Arbeitskraft gleich und hat daher schließlich einen entsprechenden Fall im |241| Arbeitslohn zur Folge. Der Arbeitslohn würde also durchschnittlich um den ersparten Durchschnittsmietbetrag fallen, d.h., der Arbeiter würde die Miete für sein eignes Haus zahlen, aber nicht, wie früher, in Geld an den Hausbesitzer, sondern in unbezahlter Arbeit an den Fabrikanten, für den er arbeitet. Auf diese Weise würden die im Häuschen angelegten Ersparnisse des Arbeiters allerdings gewissermaßen zu Kapital, aber Kapital nicht für ihn, sondern für den ihn beschäftigenden Kapitalisten.

Herr Sax bringt es also nicht einmal auf dem Papier fertig, seinen Arbeiter in einen Kapitalisten zu verwandeln.

Beiläufig bemerkt, gilt das oben Gesagte von allen sogenannten sozialen Reformen, die auf Sparen oder auf Verwohlfeilung der Lebensmittel des Arbeiters hinauslaufen. Entweder werden sie allgemein, und dann folgt ihnen eine entsprechende Lohnherabsetzung, oder aber sie bleiben ganz vereinzelte Experimente, und dann beweist ihr bloßes Dasein als einzelne Ausnahme, daß ihre Durchführung im großen mit der bestehenden kapitalistischen Produktionsweise unvereinbar ist. Nehmen wir an, in einer Gegend gelinge es, durch allgemeine Einführung von Konsumvereinen die Lebensmittel der Arbeiter um 20 Prozent wohlfeiler zu machen; so müßte der Arbeitslohn auf die Dauer dort um annähernd 20 Prozent fallen, d.h. in demselben Verhältnis, in dem die betreffenden Lebensmittel in den Lebensunterhalt der Arbeiter eingehn. Verwendet der Arbeiter z.B. durchschnittlich drei Viertel seines Wochenlohns auf diese Lebensmittel, so fällt der Arbeitslohn schließlich um 1/4 20 = 15 Prozent. Kurzum: sobald eine derartige Sparreform allgemein geworden, erhält der Arbeiter in demselben Verhältnis weniger Lohn, als ihm seine Ersparnisse erlauben, wohlfeiler zu leben. Gebt jedem Arbeiter ein erspartes, unabhängiges Einkommen von 52 Taler, und sein Wochenlohn muß schließlich um einen Taler sinken. Also: je mehr er spart, desto weniger Lohn erhält er. Er spart also nicht in seinem eignen Interesse, sondern in dem des Kapitalisten. Was bedarf es mehr, in ihm "die erste wirtschaftliche Tugend, den Sparsinn ... auf das mächtigste anzuregen"? (S. 64.)

Übrigens sagt uns Herr Sax auch gleich darauf, daß die Arbeiter Hausbesitzer werden sollen nicht sowohl in ihrem eignen Interesse als in dem der Kapitalisten:

"Doch nicht der Arbeiterstand, auch die Gesellschaft im ganzen hat das höchste Interesse daran, möglichst viele ihrer Glieder mit dem Boden verknüpft (!) zu sehen" (ich möchte Herrn Sax wohl einmal in dieser Positur sehn) "... {13} Alle die geheimen |242| Kräfte, die den Vulkan, die soziale Frage genannt, der unter unsern Füßen glüht, entflammen, die proletarische Verbitterung, der Haß ... die gefährlichen Begriffsverwirrungen ... sie müssen zerstäuben wie die Nebel vor der Morgensonne, wenn ... die Arbeiter selbst auf jenem Wege in die Klasse der Besitzenden übergehen." (S. 65.)

In andern Worten: Herr Sax hofft, daß die Arbeiter durch eine Verschiebung ihrer proletarischen Stellung, wie sie der Hauserwerb herbeiführen müßte, auch ihren proletarischen Charakter verlieren und wieder gehorsame Duckmäuser werden gleich ihren ebenfalls hausbesitzenden Vorfahren. Die Proudhonisten mögen sich das zu Gemüte führen.

Hiermit glaubt Herr Sax die soziale Frage gelöst zu haben:

"Die gerechtere Verteilung der Güter, das Sphinxrätsel, an dessen Lösung sich schon viele vergeblich versuchten, liegt sie nicht so als greifbares Faktum vor uns, ist sie nicht damit den Regionen der Ideale entrückt und in den Bereich der Wirklichkeit getreten? Und wenn realisiert, ist damit nicht eins der höchsten Ziele erreicht, das selbst die Sozialisten der extremsten Richtung als den Gipfelpunkt ihrer Theorien hinstellen"? (S. 66.)

Es ist ein wahres Glück, daß wir uns bis hierher durchgearbeitet haben. Dieser Jubelruf bildet nämlich den "Gipfelpunkt" des Saxschen Buchs, und von jetzt an geht es wieder sachte bergunter, aus "den Regionen der Ideale" auf die platte Wirklichkeit, und wenn wir unten ankommen, werden wir finden, daß sich nichts, aber auch gar nichts in unsrer Abwesenheit geändert hat.

Den ersten Schritt bergab läßt uns unser Führer tun, indem er uns belehrt, daß es zwei Systeme von Arbeiterwohnungen gibt: das Cottagesystem, wo jede Arbeiterfamilie ihr eignes Häuschen und womöglich Gärtchen hat, wie in England, und das Kasernensystem der großen, viele Arbeiterwohnungen enthaltenden Gebäude, wie in Paris, Wien usw. Zwischen beiden stehe das in Norddeutschland übliche System. Nun sei zwar das Cottagesystem das einzig richtige, und das einzige, wobei der Arbeiter das Eigentum an seinem Hause erwerben könne; auch habe das Kasernensystem sehr große Nachteile für Gesundheit, Moralität und häuslichen Frieden - aber leider, leider sei das Cottagesystem grade in den Mittelpunkten der Wohnungsnot, in den großen Städten, wegen der Bodenteurung unausführbar, und man könne noch froh sein, wenn man dort, statt großer Kasernen, Häuser zu 4 bis 6 Wohnungen errichte oder den Hauptmängeln des Kasernensystems durch allerhand bauliche Künsteleien abhelfe. (S. 71-92.)

Nicht wahr, wir sind schon ein gutes Stück heruntergekommen? Die Verwandlung der Arbeiter in Kapitalisten, die Lösung der sozialen Frage, |243| das jedem Arbeiter eigentümlich gehörende Haus - das alles ist oben in "den Regionen der Ideale" geblieben; wir haben uns nur noch damit zu beschäftigen, das Cottagesystem auf dem Lande einzuführen und in den Städten die Arbeiterkasernen so erträglich wie möglich einzurichten.

Die bürgerliche Lösung der Wohnungsfrage ist also eingestandenermaßen gescheitert - gescheitert an dem Gegensatz von Stadt und Land. Und hier sind wir an dem Kernpunkt der Frage angelangt. Die Wohnungsfrage ist erst dann zu lösen, wenn die Gesellschaft weit genug umgewälzt ist, um die Aufhebung des von der jetzigen kapitalistischen Gesellschaft auf die Spitze getriebenen Gegensatzes von Stadt und Land in Angriff zu nehmen. Die kapitalistische Gesellschaft, weit entfernt, diesen Gegensatz aufheben zu können, muß ihn im Gegenteil täglich mehr verschärfen. Dagegen haben schon die ersten modernen utopistischen Sozialisten, Owen und Fourier, dies richtig erkannt. In ihren Mustergebäuden existiert der Gegensatz von Stadt und Land nicht mehr. Es findet also das Gegenteil statt von dem, was Herr Sax behauptet: nicht die Lösung der Wohnungsfrage löst zugleich die soziale Frage, sondern erst durch die Lösung der sozialen Frage, d.h. durch die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, wird zugleich die Lösung der Wohnungsfrage möglich gemacht. Die Wohnungsfrage lösen wollen und die modernen großen Städte forterhalten wollen, ist ein Widersinn. Die modernen großen Städte werden aber beseitigt erst durch die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, und wenn diese erst in Gang gebracht, wird es sich um ganz andere Dinge handeln, als jedem Arbeiter ein ihm zu eigen gehörendes Häuschen zu verschaffen.

Zunächst wird aber jede soziale Revolution die Dinge nehmen müssen, wie sie sie findet, und den schreiendsten Übeln mit den vorhandenen Mitteln abhelfen müssen. Und da haben wir schon gesehn, daß der Wohnungsnot sofort abgeholfen werden kann durch Expropriation eines Teils der den besitzenden Klassen gehörenden Luxuswohnungen und durch Bequartierung des übrigen Teils.

Wenn nun Herr Sax im Verfolg wieder aus den großen Städten herausgeht und ein langes und breites redet über Arbeiterkolonien, die neben den Städten angelegt werden sollen, wenn er alle die Schönheiten solcher Kolonien schildert, mit ihrer gemeinsamen "Wasserleitung, Gasbeleuchtung, Luft- oder Warmwasserheizung, Waschküchen, Trockenstuben, Badekammern u.dgl.", mit "Kleinkinderbewahranstalt, Schule, Betsaal (!), Lesezimmer, Bibliothek ... Wein und Bierstube, Tanz- und Musiksaal in allen Ehren", mit Dampfkraft, die in alle Häuser geleitet werden und so "die Produktion in gewissem Umfang aus den Fabriken in die häusliche Werk- |244| stätte zurückverlegen" kann - so ändert das an der Sache nichts. Die Kolonie, wie er sie schildert, ist von Herrn Huber den Sozialisten Owen und Fourier direkt abgeborgt und bloß durch Abstreifung alles Sozialistischen total verbürgert. Dadurch aber wird sie erst recht utopistisch. Kein Kapitalist hat ein Interesse daran, solche Kolonien anzulegen, wie denn auch nirgendwo in der Welt eine solche besteht, außer in Guise in Frankreich; und diese ist gebaut von einem Fourieristen, nicht als rentable Spekulation, sondern als sozialistisches Experiment. (3) Ebensogut hätte Herr Sax die im Anfang der vierziger Jahre von Owen in Hampshire gegründete und längst untergegangene kommunistische Kolonie Harmony Hall zugunsten seiner bürgerlichen Projektenmacherei anführen können.

Indes ist all dies Gerede von Kolonisation nur ein lahmer Versuch, wieder in die "Regionen der Ideale" emporzufliegen, der auch sofort wieder fallengelassen wird. Wir gehn nun wieder flott bergab. Die einfachste Lösung ist nun die,

"daß die Arbeitgeber, die Fabrikherren, den Arbeitern zu entsprechenden Wohnungen verhelfen, sei es, daß sie diese selbst herstellen, sei es, daß sie die Arbeiter zu eigner Bautätigkeit aufmuntern und unterstützen, indem sie ihnen Grund und Boden zur Verfügung stellen, das Baukapital vorschießen usw." (S. 106.)

Hiermit sind wir wieder aus den großen Städten heraus, wo von alledem keine Rede sein kann, und aufs Land zurückversetzt. Herr Sax beweist nun, daß es hier im Interesse der Fabrikanten selbst liegt, ihren Arbeitern zu erträglichen Wohnungen zu verhelfen, einerseits als gute Kapitalanlage, andrerseits, weil die daraus unfehlbar

"resultierende Hebung der Arbeiter ... eine Steigerung ihrer körperlichen und geistigen Arbeitskraft nach sich ziehen muß, was natürlich ... nicht minder ... dem Arbeitgeber zugute kommt. Damit ist aber auch der rechte Gesichtspunkt für die Beteiligung der letztern an der Wohnungsfrage gegeben: Sie erscheint als Ausfluß der latenten Assoziation, der meist unter dem Gewande humanitärer Bestrebungen verborgenen Sorge der Arbeitgeber für das leibliche und wirtschaftliche, geistige und sittliche Wohl ihrer Arbeiter, welche sich durch ihre Erfolge, Heranziehung und Sicherung einer tüchtigen, geschickten, willigen, zufriedenen und ergebenen Arbeiterschaft von selbst pekuniär entlohnt." (S. 108.)

Die Phrase der "latenten Assoziation", womit Huber dem bürgerlich-philanthropischen Gefasel einen "höheren Sinn" unterzuschieben ver- |245| suchte, ändert an der Sache nichts. Auch ohne diese Phrase haben die großen ländlichen Fabrikanten, namentlich in England, längst eingesehn, daß die Anlage von Arbeiterwohnungen nicht nur eine Notwendigkeit, ein Stück der Fabrikanlage selbst ist, sondern sich auch sehr gut rentiert. In England sind auf diese Weise ganze Dörfer entstanden, von denen manche sich später zu Städten entwickelt haben. Die Arbeiter aber, statt den menschenfreundlichen Kapitalisten dankbar zu sein, haben von jeher sehr bedeutende Einwendungen gegen dies "Cottagesystem" gemacht. Nicht nur, daß sie Monopolpreise für die Häuser zahlen müssen, weil der Fabrikant keine Konkurrenten hat; sie sind bei jedem Strike sofort obdachlos, da der Fabrikant sie ohne weiteres an die Luft setzt und dadurch jeden Widerstand sehr erschwert. Das Nähere kann man in meiner "Lage der arbeitenden Klasse in England" S. 224 und 228 nachlesen. Aber Herr Sax meint, dergleichen "verdiene doch kaum eine Widerlegung". (S. 111.) Und will er nicht dem Arbeiter das Eigentum an seinem Häuschen verschaffen? Allerdings, aber da "die Arbeitgeber in der Lage sein müßten, über die Wohnung stets zu verfügen, um, wenn sie einen Arbeiter entlassen, für den Ersatzmann Raum zu haben", so - nun ja, so müßte "durch Verabredung der Widerruflichkeit des Eigentums für jene Fälle vorgesehen werden"! (S. 113.)(4)

Diesmal sind wir unerwartet rasch heruntergekommen. Erst hieß es: Eigentum des Arbeiters an seinem Häuschen; dann erfahren wir, daß das in den Städten unmöglich und nur auf dem Lande durchführbar; jetzt wird uns erklärt, daß dies Eigentum auch auf dem Lande nur ein "durch Verabredung widerrufliches" sein soll! Mit dieser von Herrn Sax neu entdeckten Sorte von Eigentum für die Arbeiter, mit dieser ihrer Verwandlung in |246| "durch Verabredung widerrufliche" Kapitalisten, sind wir glücklich wieder auf ebener Erde angekommen und haben hier zu untersuchen, was die Kapitalisten und sonstigen Philanthropen zur Lösung der Wohnungsfrage wirklich getan haben.

II

Wenn wir unserm Dr. Sax glauben dürfen, so ist von seiten der Herren Kapitalisten schon jetzt Bedeutendes zur Abhülfe der Wohnungsnot geleistet und der Beweis geliefert worden, daß die Wohnungsfrage auf Grund der kapitalistischen Produktionsweise lösbar ist.

Vor allen Dingen führt uns Herr Sax an - das bonapartistische Frankreich! Louis Bonaparte ernannte bekanntlich zur Zeit der Pariser Weltausstellung eine Kommission, scheinbar um über die Lage der arbeitenden Klassen Frankreichs zu berichten, in der Tat, um zum größern Ruhm des Kaiserreichs diese Lage als eine wahrhaft paradiesische zu schildern. Und auf den Bericht dieser aus den korruptesten Werkzeugen des Bonapartismus zusammengesetzten Kommission beruft sich Herr Sax, besonders auch, weil die Resultate ihrer Arbeit "nach dem eigenen Ausspruch des damit betrauten Komitees für Frankreich ziemlich vollständig" sind! Und was sind diese Resultate? Von 89 Großindustriellen resp. Aktiengesellschaften, welche Auskunft erteilten, haben 31 keine Arbeiterwohnungen errichtet; die errichteten Wohnungen beherbergen nach Sax' eigner Schätzung höchstens 50.000-60.000 Köpfe, und die Wohnungen bestehn fast ausschließlich nur aus zwei Zimmern für jede Familie!

Es ist selbstredend, daß jeder Kapitalist, den die Bedingungen seiner Industrie - Wasserkraft, Lage der Kohlengruben, Eisensteinlager und sonstigen Bergwerke usw. - an eine bestimmte ländliche Lokalität fesseln, Wohnungen für seine Arbeiter bauen muß, wenn keine vorhanden sind. Darin einen Beweis der Existenz der "latenten Assoziation", "ein sprechendes Zeugnis für die Zunahme des Verständnisses der Sache und ihrer hohen Tragweite", einen "viel verheißenden Anfang" (S. 115) zu sehn, dazu gehört eine stark entwickelte Gewohnheit, sich selbst etwas aufzubinden. Übrigens unterscheiden sich die Industriellen der verschiedenen Länder auch hierin nach ihrem jedesmaligen Nationalcharakter.- Z.B. erzählt uns Herr Sax S. 117:

"In England macht sich erst in neuester Zeit eine gesteigerte Tätigkeit der Arbeitgeber in dieser Richtung bemerkbar. Namentlich sind es die abgelegenen Weiler auf dem Lande ... Der Umstand, daß die Arbeiter sonst häufig von der nächsten Ortschaft |247| einen weiten Weg zur Fabrik zurückzulegen haben und, schon erschöpft daselbst anlangend, ungenügende Arbeit leisten, ist es vorwiegend, welcher den Arbeitgebern den Beweggrund zum Baue von Wohnungen für ihre Arbeitskräfte abgibt. Indes mehrt sich auch die Zahl derjenigen, welche, in tieferer Auffassung der Verhältnisse, mit der Wohnungsreform auch mehr oder weniger alle sonstigen Elemente der latenten Assoziation in Verbindung bringen, und diesen danken jene blühenden Kolonien ihr Entstehen ... Die Namen eines Ashton in Hyde, Ashworth in Turton, Grant in Bury, Greg in Bollington, Marshall in Leeds, Strutt in Belper, Salt in Saltaire, Ackroyd in Copley u.a. sind im Vereinigten Königreiche um dessentwillen wohlbekannt."

Heilige Einfalt und noch heiligere Unwissenheit! Erst in der "neuesten Zeit" haben die englischen ländlichen Fabrikanten Arbeiterwohnungen gebaut! Nein, lieber Herr Sax, die englischen Kapitalisten sind wirkliche Großindustrielle, nicht nur dem Beutel, sondern auch dem Kopfe nach. Lange ehe man in Deutschland eine wirklich große Industrie besaß, hatten sie eingesehn, daß bei ländlicher Fabrikation die Auslage für Arbeiterwohnungen ein notwendiger, direkt und indirekt sehr rentabler Teil des Gesamtanlagekapitals ist. Lange ehe der Kampf zwischen Bismarck und den deutschen Bourgeois den deutschen Arbeitern die Koalitionsfreiheit schenkte, hatten die englischen Fabrikanten, Bergwerks- und Hüttenbesitzer praktisch erfahren, welchen Druck sie auf strikende Arbeiter ausüben können, wenn sie gleichzeitig die Mietsherren dieser Arbeiter sind. "Die blühenden Kolonien" eines Greg, eines Ashton, eines Ashworth gehören so sehr der "neuesten Zeit" an, daß sie schon vor 40 Jahren von der Bourgeoisie als Muster ausposaunt wurden, wie ich das selbst schon vor 28 Jahren beschrieben ("Lage der arbeitenden Klasse", Seite 228-230, Anmerkung). Etwa ebenso alt sind die von Marshall und Akroyd (so schreibt sich der Mann), und noch viel älter, ins vorige Jahrhundert in ihren Anfängen zurückreichend, ist die von Strutt. Und da in England die durchschnittliche Dauer einer Arbeiterwohnung auf 40 Jahre angenommen wird, so kann Herr Sax sich selbst an den Fingern abzählen, in welchem verfallenen Zustand sich diese "blühenden Kolonien" jetzt befinden. Zudem liegt die Mehrzahl dieser Kolonien jetzt nicht mehr auf dem Lande, die kolossale Ausdehnung der Industrie hat die meisten von ihnen derart mit Fabriken und Häusern umgeben, daß sie mitten in schmutzigen und rauchigen Städten von 20.000 bis 30.000 und mehr Einwohnern liegen; was die durch Herrn Sax repräsentierte deutsche Bourgeoisiewissenschaft nicht verhindert, die alten englischen Lobgesänge von 1840, die gar nicht mehr anwendbar sind, noch heute getreulichst nachzubeten.

|248| Und nun gar der alte Akroyd! {14} Dieser brave Mann war allerdings ein Philanthrop vom reinsten Wasser. Er liebte seine Arbeiter und besonders seine Arbeiterinnen so sehr, daß seine weniger menschenfreundlichen Konkurrenten in Yorkshire von ihm zu sagen pflegten: er treibe seine Fabrik ausschließlich mit seinen eignen Kindern! Allerdings behauptet Herr Sax, daß in diesen blühenden Kolonien "uneheliche Geburten immer seltener werden" (Seite 118). Jawohl, uneheliche Geburten außer der Ehe; die hübschen Mädchen verheiraten sich in den englischen Fabrikdistrikten nämlich sehr jung.

In England ist die Anlage von Arbeiterwohnungen dicht neben jeder großen ländlichen Fabrik, und gleichzeitig mit der Fabrik, die Regel gewesen seit 60 Jahren und mehr. Wie schon erwähnt, sind viele solcher Fabrikdörfer der Kern geworden, um den sich später eine ganze Fabrikstadt angesetzt hat, mit allen den Übelständen, die eine Fabrikstadt mit sich bringt. Diese Kolonien haben also die Wohnungsfrage nicht gelöst, sie haben sie in ihrer Lokalität erst geschaffen.

Dagegen in den Ländern, die England auf dem Gebiet der großen Industrie nur nachgehinkt sind und die eigentlich erst seit 1848 kennengelernt haben, was eine große Industrie ist, in Frankreich und besonders {15} in Deutschland ist es ganz anders. Hier sind es nur kolossale Hüttenwerke und Fabriken, die sich nach langem Zaudern zum Bau einiger Arbeiterwohnungen entschließen - wie das Schneidersche Werk in Creusot und das Kruppsche in Essen. Die große Mehrzahl der ländlichen Industriellen läßt ihre Arbeiter in Hitze, Schnee und Regen meilenweit morgens zur Fabrik und abends wieder nach Hause traben. Dies ist besonders in gebirgigen Gegenden der Fall in den französischen und Elsasser Vogesen, wie an der Wupper, Sieg, Agger, Lenne und anderen rheinisch-westfälischen Flüssen. Im Erzgebirge wird's nicht besser sein. Es ist dieselbe kleinliche Knickerei bei Deutschen wie bei Franzosen.

Herr Sax weiß sehr gut, daß sowohl der vielversprechende Anfang wie die blühenden Kolonien weniger als nichts bedeuten. Er sucht also jetzt den Kapitalisten zu beweisen, welche prächtige Renten sie aus der Anlage von Arbeiterwohnungen ziehen können. Mit andern Worten, er sucht ihnen einen neuen Weg anzuzeigen, die Arbeiter zu prellen.

Zuerst hält er ihnen das Exempel einer Reihe von Londoner Baugesellschaften vor, welche, teils philanthropischer, teils spekulativer Natur, einen |249| Reinertrag von 4 bis 6% und mehr erzielt haben. Daß Kapital, in Arbeiterwohnungen angelegt, sich gut rentiert, braucht uns Herr Sax nicht erst zu beweisen. Der Grund, weshalb nicht mehr darin angelegt wird als geschieht, ist der, daß teurere Wohnungen sich dem Eigentümer noch besser rentieren. Herrn Sax' Mahnung an die Kapitalisten läuft also wieder auf bloße Moralpredigt hinaus.

Was nun diese Londoner Baugesellschaften angeht, deren glänzende Erfolge Herr Sax so laut ausposaunt, so haben sie laut seiner eignen Aufzählung - und darin ist jede beliebige Bauspekulation mit aufgeführt - im ganzen Unterkommen für 2.132 Familien und für 706 einzelne Männer hergestellt, also für unter 15.000 Personen! Und dergleichen Kindereien wagt man in Deutschland ernsthaft als große Erfolge aufzuführen, während im Ostteil von London allein eine Million Arbeiter in den elendesten Wohnungszuständen leben? Diese sämtlichen philanthropischen Bestrebungen sind in der Tat so erbärmlich nichtig, daß in den englischen Parlamentsberichten, die sich mit der Lage der Arbeiter befassen, ihrer nie auch nur Erwähnung getan wird.

Von der lächerlichen Unkenntnis Londons, die sich in diesem ganzen Abschnitt breitmacht, wollen wir hier gar nicht sprechen. Nur eins. Herr Sax meint, das Logierhaus für einzelne Männer in Soho sei eingegangen, weil in dieser Gegend "auf zahlreiche Kundschaft nicht zu rechnen" war. Herr Sax stellt sich nämlich das ganze Westend von London als eine einzige Luxusstadt vor und weiß nicht, daß dicht hinter den elegantesten Straßen die schmutzigsten Arbeiterviertel liegen, von denen z.B. Soho eins ist. Das Musterlogierhaus in Soho, von dem er spricht und das ich schon vor 23 Jahren kannte, hatte anfangs Zuspruch die Menge, ging aber ein, weil kein Mensch es darin aushalten konnte. Und dabei war es noch eins der besten.

Aber die Arbeiterstadt von Mülhausen im Elsaß - das ist doch ein Erfolg?

Die Arbeiterstadt in Mülhausen ist das große Paradepferd der kontinentalen Bourgeois, grade wie die weiland blühenden Kolonien von Ashton, Ashworth, Greg und Konsorten das der englischen. Leider ist sie kein Produkt der "latenten" Assoziation, sondern der offenen Assoziation zwischen dem zweiten französischen Kaisertum und den Elsasser Kapitalisten. Sie war eins von Louis Bonapartes sozialistischen Experimenten, zu dem der Staat 1/3 des Kapitals vorschoß. Sie hat in 14 Jahren (bis 1867) 800 |250| kleine Häuschen nach einem mangelhaften, in England, wo man dies besser versteht, unmöglichen System gebaut, und überläßt diese den Arbeitern gegen monatliche Bezahlung eines erhöhten Mietbetrags nach 13 bis 15 Jahren als Eigentum. Diese Art der Eigentumserwerbung, in den englischen genossenschaftlichen Baugesellschaften, wie wir sehen werden, längst eingeführt, brauchte von den Elsasser Bonapartisten nicht erst erfunden zu werden. Die Mietaufschläge für den Ankauf der Häuser sind im Verhältnis zu den englischen ziemlich stark; der Arbeiter erhält z.B., nachdem er 4.500 Franken in fünfzehn Jahren nach und nach eingezahlt hat, ein Haus, das vor 15 Jahren 3.300 Franken wert war. Falls der Arbeiter wegziehen will oder auch nur mit einer einzigen Monatszahlung im Rückstand bleibt (in welchem Fall er herausgesetzt werden kann), berechnet man ihm 62/3% des ursprünglichen Hauswerts als jährliche Miete (z.B. 17 Franken monatlich bei 3.000 Franken Hauswert), und zahlt ihm den Rest heraus, aber ohne einen Pfennig Zinsen. Daß dabei die Gesellschaft, abgesehen von der "Staatshülfe", fett werden kann, begreift sich; ebensowohl begreift sich, daß die unter diesen Umständen gelieferten Wohnungen, schon weil vor der Stadt, halb ländlich, angelegt, besser sind als die alten Kasernenwohnungen in der Stadt selbst.

Von den paar erbärmlichen Experimenten in Deutschland, deren Jämmerlichkeit selbst Herr Sax, Seite 157, anerkennt, sagen wir kein Wort.

Was beweisen nun alle diese Exempel? Einfach, daß die Anlage von Arbeiterwohnungen, selbst wenn nicht alle Gesetze der Gesundheitspflege mit Füßen getreten worden, sich kapitalistisch rentiert. Das aber ist nie bestritten worden, das wußten wir alle längst. Jede Kapitalanlage, die ein Bedürfnis befriedigt, rentiert sich bei rationellem Betrieb. Die Frage ist grade: warum trotzdem die Wohnungsnot fortbesteht, warum trotzdem die Kapitalisten nicht für hinreichende gesunde Wohnungen für die Arbeiter sorgen? Und da hat Herr Sax eben wieder nur Ermahnungen an das Kapital zu richten und bleibt uns die Antwort schuldig. Die wirkliche Antwort auf diese Frage haben wir oben schon gegeben.

Das Kapital, das ist jetzt endgültig festgestellt, will die Wohnungsnot nicht abschaffen, selbst wenn es könnte. Bleiben nur zwei andere Auskunftsmittel: die Selbsthülfe der Arbeiter und die Staatshülfe.

Herr Sax, ein begeisterter Verehrer der Selbsthülfe, weiß auch auf dem Gebiet der Wohnungsfrage Wunderdinge von ihr zu berichten. Leider muß er gleich im Anfang zugeben, daß sie nur da etwas leisten kann, wo das Cottagesystem entweder besteht oder doch durchführbar ist, also wiederum |251| nur auf dem Lande; in den großen Städten, auch in England, nur in sehr beschränktem Maßstab. Dann, seufzt Herr Sax,

"kann sich die Reform durch dieselbe" (die Selbsthülfe) "nur auf einem Umwege, daher stets nur unvollkommen vollziehen, nämlich nur insofern, als eben dem Prinzip des Eigenbesitzes eine auf die Qualität der Wohnung rückwirkende Kraft zukommt".

Auch dies wäre in Zweifel zu ziehn; jedenfalls hat "das Prinzip des Eigenbesitzes" auf die "Qualität" des Stils unsres Verfassers keineswegs reformierend zurückgewirkt. Trotz alledem hat die Selbsthülfe in England solche Wunder getan,

"daß dadurch alles, was dort zur Lösung der Wohnungsfrage nach anderen Richtungen hin geschehen ist, weit überholt wird. Es sind dies die englischen building societies |Baugesellschaften|", die Herr Sax auch besonders deswegen weitläufiger behandelt, weil "über ihr Wesen und Wirken im allgemeinen sehr ungenügende oder irrige Vorstellungen verbreitet sind. Die englischen building societies sind keineswegs ... Baugesellschaften oder Baugenossenschaften, sie sind vielmehr ... im Deutschen etwa durch: 'Hauserwerbvereine' zu bezeichnen; sie sind Vereine mit dem Zwecke, durch periodische Beiträge der Mitglieder einen Fonds anzusammeln, und daraus, eben nach Maßgabe der Mittel, den Mitgliedern zum Ankauf eines Hauses Darlehen zu gewähren ... Die building society ist somit für den einen Teil ihrer Mitglieder ein Sparverein, für den andern Teil eine Vorschußkasse. - Die building societies sind also für die Bedürfnisse des Arbeiters berechnete Hypothekarkreditanstalten, welche hauptsächlich ... die Ersparnisse der Arbeiter ... den Standesgenossen der Einleger zum Ankauf oder Bau eines Hauses zuwenden. Wie vorauszusetzen, werden diese Darlehen gegen Verpfändung der betreffenden Realität und in der Weise konstituiert, daß die Tilgung derselben in kurzen Ratenzahlungen erfolgt, welche Verzinsung und Amortisation in sich vereinen ... Die Verzinsung wird den Einlegern nicht ausbezahlt, sondern stets auf Zinseszins gutgeschrieben ... Die Rückforderung der Einlagen samt den angewachsenen Interessen ... kann gegen monatliche Kündigung jeden Augenblick erfolgen." (Seite 170-172.) "Es bestehen in England über 2.000 solcher Vereine ... das in ihnen angesammelte Kapital beläuft sich auf etwa 15.000.000 Pfund Sterling, und an 100.000 Arbeiterfamilien sind auf diesem Wege bereits zu dem Besitze eines eignen häuslichen Herdes gelangt; eine soziale Errungenschaft, der sicherlich nicht bald eine andre an die Seite zu stellen." (Seite 174.)

Leider kommt auch hier das "Aber" dicht hintendrein gehinkt:

"Eine vollendete Lösung der Frage ist indes damit noch keineswegs erreicht. Schon aus dem Grunde nicht, weil der Hauserwerb nur den bessergestellten Arbeitern ... offensteht ... Namentlich die sanitären Rücksichten sind oft nicht genügend beobachtet." (Seite 176.)

|252| Auf dem Kontinent finden "derartige Vereine ... nur ein geringes Terrain zur Entfaltung vor". Sie setzen das Cottagesystem voraus, das hier nur auf dem Lande besteht; auf dem Lande aber sind die Arbeiter zur Selbsthülfe noch nicht entwickelt genug. Andrerseits in den Städten, wo sich eigentliche Baugenossenschaften bilden könnten, stehn ihnen "sehr erhebliche und ernste Schwierigkeiten mannigfacher Art entgegen". (Seite 179.) Sie könnten eben nur Cottages bauen, und das geht in den großen Städten nicht. Kurzum, "dieser Form der genossenschaftlichen Selbsthülfe" kann "nach den heutigen Verhältnissen - und auch kaum in naher Zukunft - die Hauptrolle in der Lösung der vorliegenden Frage wohl nicht zufallen". Diese Baugenossenschaften befinden sich nämlich noch "im Stadium der ersten, unentwickelten Anfänge". "Dies gilt selbst für England." (Seite 181.)

Also: die Kapitalisten wollen nicht und die Arbeiter können nicht. Und damit könnten wir diesen Abschnitt schließen, wenn es nicht unbedingt nötig wäre, über die englischen building societies, die die Bourgeois von der Couleur Schulze-Delitzsch unsern Arbeitern stets als Muster vorhalten, einige Aufklärung zu geben.

Diese building societies sind weder Arbeitergesellschaften, noch ist ihr Hauptzweck, Arbeitern eigne Häuser zu verschaffen. Wir werden im Gegenteil sehn, daß dies nur sehr ausnahmsweise geschieht. Die building societies sind wesentlich spekulierender Natur, die kleinen, welche die ursprünglichen sind, nicht weniger als ihre großen Nachahmer. In einem Wirtshaus tun sich, auf Betrieb gewöhnlich des Wirts, bei dem dann die wöchentlichen Versammlungen stattfinden, eine Anzahl Stammgäste und deren Freunde, Krämer, Kommis, Handlungsreisende, Kleinmeister und andres Kleinbürgertum - hier und da auch ein Maschinenbauer oder sonstiger zur Aristokratie seiner Klasse gehöriger Arbeiter - zu einer Baugenossenschaft zusammen; die nächste Veranlassung ist gewöhnlich, daß der Wirt ein verhältnismäßig wohlfeil zu habendes Grundstück in der Nachbarschaft oder sonstwo aufgespart hat. Die meisten der Mitglieder sind durch ihre Beschäftigung nicht an eine bestimmte Gegend gebunden; selbst viele der Krämer und Handwerker haben in der Stadt nur ein Geschäftslokal, keine Wohnung; wer irgend kann, wohnt lieber draußen als mitten in der rauchigen Stadt. Die Baustelle wird gekauft, und die mögliche Anzahl von Cottages darauf errichtet. Der Kredit der Wohlhabenderen ermöglicht den Ankauf, die wöchentlichen Beiträge, nebst einigen kleinen Anleihen, decken die wöchentlichen Auslagen für den Bau. Diejenigen Mitglieder, die auf ein eignes Haus spekulieren, erhalten durchs Los die fertig werdenden Cottages zugeteilt, und der entsprechende Mietaufschlag amortisiert den |253| Kaufpreis. Die übrigbleibenden Cottages werden vermietet oder verkauft. Die Baugesellschaft aber, wenn sie gute Geschäfte macht, sammelt ein kleineres oder größeres Vermögen an, das den Mitgliedern verbleibt, solange sie ihre Beiträge zahlen, und von Zeit zu Zeit oder bei Auflösung der Gesellschaft verteilt wird. Das ist der Lebenslauf von neun englischen Baugesellschaften aus zehn. Die übrigen sind größere, zuweilen unter politischen oder philanthropischen Vorwänden gebildete Gesellschaften, deren Hauptzweck aber schließlich immer der ist, den Ersparnissen des Kleinbürgertums eine höhere hypothekarische Anlage mit guter Verzinsung und Aussicht auf Dividende vermittelst Spekulation in Grundeigentum zu verschaffen.

Auf welche Sorte von Kunden diese Gesellschaften spekulieren, beweise der Prospekt einer der größten, wo nicht der größten unter ihnen. Die Birkbeck Building Society, 29 and 30, Southampton Buildings, Chancery Lane, London, deren Einnahmen seit ihrem Bestehn über 101/2 Millionen Pfund Sterling (70 Millionen Taler) betragen, die über 416.000 Pfund in der Bank und in Staatspapieren angelegt hat und gegenwärtig 21.441 Mitglieder und Depositare zählt, kündigt sich dem Publikum folgendermaßen an:

"Die meisten Leute sind vertraut mit dem sogenannten Dreijahre-System der Pianofortefabrikanten, nach welchem jeder, der ein Pianoforte auf drei Jahre mietet, nach Verlauf dieser Zeit der Eigentümer desselben wird. Vor der Einführung dieses Systems war es für Leute von beschränktem Einkommen fast ebenso schwer, sich ein gutes Pianoforte, wie ein eignes Haus anzuschaffen; man zahlte jahraus, jahrein für die Miete des Pianofortes und gab zwei- oder dreimal soviel Geld aus, als das Pianoforte wert war. Was aber bei einem Pianoforte tunlich ist, ist es auch bei einem Hause ... Da aber ein Haus mehr kostet als ein Pianoforte ... ist eine längere Zeit nötig, um den Kaufpreis durch Miete abzutragen. Infolgedessen haben die Direktoren mit Hauseigentümern in verschiedenen Teilen von London und seinen Vorstädten Abmachungen getroffen, wodurch sie imstande sind, den Mitgliedern der Birkbeck Building Society und andern eine große Auswahl von Häusern in den verschiedensten Stadtteilen anzubieten. Das System, wonach die Direktoren zu verfahren beabsichtigen, ist: die Häuser für 12 1/2 Jahre zu vermieten, nach Verlauf welcher Zeit, falls die Miete regelmäßig bezahlt wird, das Haus das absolute Eigentum des Mieters wird, ohne fernere Zahlung irgendwelcher Art ... Der Mieter kann auch für eine kürzere Anfallzeit bei höherer Miete, oder für eine längere Anfallzeit bei niedrigerer Miete, akkordieren ... Leute von beschränktem Einkommen, Handlungs- und Ladengehülfen und andere können sich sofort von jedem Hausvermieter unabhängig machen, indem sie Mitglieder der Birkbeck Building Society werden."

Das spricht klar genug. Von Arbeitern keine Rede, wohl aber von Leuten mit beschränktem Einkommen, Laden- und Handlungsgehülfen etc.; und noch dazu wird vorausgesetzt, daß die Applikanten in der Regel schon |254| ein Pianoforte besitzen. In der Tat, es handelt sich hier gar nicht um Arbeiter, sondern um Kleinbürger und solche, die es werden wollen und können; Leute, deren Einkommen, wenn auch innerhalb gewisser Grenzen, in der Regel allmählich steigt, wie das der Handlungskommis und ähnlicher Erwerbszweige, während das des Arbeiters, im Betrage bestenfalls sich gleichbleibend, in Wirklichkeit fällt im Verhältnis der Zunahme seiner Familie und ihre wachsenden Bedürfnisse. In der Tat, nur wenige Arbeiter können ausnahmsweise an solchen Gesellschaften teilnehmen. Einerseits ist ihr Einkommen zu gering, andrerseits zu unsichrer Natur, als daß sie Verpflichtungen auf 121/2 Jahre hinaus übernehmen könnten. Die wenigen Ausnahmen, für die dies nicht gilt, sind entweder die bestbezahlten Arbeiter oder Fabrikaufseher.(5)

Übrigens sieht jedermann, daß die Bonapartisten der Arbeiterstadt Mülhausen weiter nichts sind als elende Nachäffer dieser kleinbürgerlichen englischen Baugesellschaften. Bloß daß jene, trotz der ihnen gewährten Staatshülfe, ihre Kunden weit mehr beschwindeln als die Baugesellschaften. Ihre Bedingungen sind im ganzen weniger liberal als die durchschnittlich in England gültigen, und während in England von jeder Anzahlung stets Zins und Zinseszins berechnet und nach einmonatlicher Kündigung auch |255| zurückbezahlt wird, stecken die Mülhauser Fabrikanten den Zins und Zinseszins in die Tasche und zahlen nur den in harten Fünffrankentalern eingezahlten Betrag zurück. Und niemand wird sich über diesen Unterschied mehr wundern als Herr Sax, der das alles in seinem Buche stehen hat, ohne es zu wissen.

Mit der Selbsthülfe der Arbeiter ist es also auch nichts. Bleibt die Staatshülfe. Was kann uns Herr Sax in dieser Beziehung bieten? Dreierlei:

"Erstens, der Staat hat darauf bedacht zu sein, in seiner Gesetzgebung und Verwaltung alles auszumerzen oder entsprechend zu bessern, was in irgendeiner Weise die Beförderung der Wohnungsnot der arbeitenden Klassen zur Folge hat." (Seite 187.)

Also: Revision der Baugesetzgebung und Freigebung der Baugewerbe, damit wohlfeiler gebaut werde. Aber in England ist die Baugesetzgebung auf ein Minimum beschränkt, die Baugewerbe sind frei wie der Vogel in der Luft, und doch existiert die Wohnungsnot. Dabei wird jetzt in England so wohlfeil gebaut, daß die Häuser wackeln, wenn eine Karre vorbeifährt, und daß täglich welche einstürzen. Noch gestern, 25. Oktober 1872, sind in Manchester sechs auf einmal zusammengestürzt und haben sechs Arbeiter schwer verletzt. Hilft also auch nichts.

"Zweitens, die Staatsgewalt hat zu verhindern, daß der einzelne in seinem beschränkten Individualismus das Übel fortpflanze oder neu hervorrufe."

Also: Gesundheits- und baupolizeiliche Inspektion der Arbeiterwohnungen, Übertragung der Befugnis an die Behörden, gesundheitsgefährliche und baufällige Wohnungen zu schließen, wie dies in England seit 1857 geschehn ist. Aber wie ist es dort geschehn? Das erste Gesetz von 1855 (Nuisances Removal Act) blieb, wie Herr Sax selbst zugibt, "ein toter Buchstabe", ebenso das zweite von 1858 (Local Government Act) (Seite 197). Dagegen glaubt Herr Sax, daß das dritte, der Artisans' Dwellings Act, der nur für Städte über 10.000 Einwohner gilt, "sicherlich ein günstiges Zeugnis ablegt von der hohen Einsicht des britischen Parlaments in sozialen Dingen" (Seite 199), während diese Behauptung wieder nur "ein günstiges Zeugnis ablegt von" der totalen Unbekanntschaft des Herrn Sax mit englischen "Dingen". Daß England überhaupt "in sozialen Dingen" dem Kontinent weit voraus ist, versteht sich von selbst; es ist das Mutterland der modernen großen Industrie, in ihm hat sich die kapitalistische Produktionsweise am freisten und am weitesten entwickelt, ihre Konsequenzen treten hier am grellsten an den Tag und rufen daher auch zuerst eine Reaktion in der Gesetzgebung hervor. Der beste Beweis dafür die Fabrikgesetzgebung. Wenn aber Herr Sax glaubt, ein Parlamentsakt brauche nur Gesetzeskraft |256| zu erhalten, um auch sogleich praktisch eingeführt zu werden, so irrt er sich gewaltig. Und dies gilt von keinem Parlamentsakt mehr (den Workshops' Act allenfalls ausgenommen) als grade von dem Local Government Act. Die Ausführung des Gesetzes wurde den städtischen Behörden übertragen, welche fast überall in England anerkannte Mittelpunkte von Korruption aller Art, Familienbegünstigung und Jobbery (6) sind. Die Agenten dieser städtischen Behörden, ihre Stellen allerlei Familienrücksichten verdankend, sind entweder nicht fähig oder nicht gesinnt, derartige Sozialgesetze auszuführen, während grade in England die mit Vorbereitung und Ausführung der Sozialgesetzgebung beauftragten Staatsbeamten sich meist durch strenge Pflichterfüllung auszeichnen - wenn auch jetzt in geringeren Maß als vor zwanzig, dreißig Jahren. In den Stadträten sind die Eigentümer ungesunder und baufälliger Wohnungen fast überall direkt oder indirekt stark vertreten. Die Wahl der Stadträte nach kleinen Bezirken macht die Gewählten von den kleinlichsten Lokalinteressen und Einflüssen abhängig; kein Stadtrat, der wiedergewählt werden will, darf wagen, für Anwendung dieses Gesetzes auf seinen Wahlbezirk zu stimmen. Man begreift also, mit welchem Widerwillen dies Gesetz fast überall von den Lokalbehörden aufgenommen wurde, und daß es bisher nur auf die allerskandalösesten Fälle - und auch da meist nur infolge einer bereits ausgebrochenen Epidemie, wie voriges Jahr in Manchester und Salford bei der Pockenepidemie - Anwendung gefunden hat. Der Appell an den Minister des Innern hat bisher nur in derartigen Fällen seine Wirkung gehabt, wie es denn das Prinzip jeder liberalen Regierung in England ist, soziale Reformgesetze nur notgedrungen vorzuschlagen und die schon bestehenden, wenn irgend möglich, gar nicht auszuführen. Das fragliche Gesetz, wie manche andere in England, hat nur die Bedeutung, daß es in den Händen einer von den Arbeitern beherrschten oder gedrängten Regierung, die es endlich wirklich anwendet, eine mächtige Waffe sein wird, in den gegenwärtigen sozialen Zustand Bresche zu legen.

|257| "Drittens" soll die Staatsgewalt nach Herrn Sax "alle ihr zu Gebote stehenden positiven Maßregeln zur Abhülfe der bestehenden Wohnungsnot in umfassendstem Maße in Anwendung bringen."

Das heißt, sie soll Kasernen, "wahrhafte Musterbauten" für ihre "subalternen Beamten und Diener" errichten (aber das sind ja keine Arbeiter!) und "Gemeindevertretungen, Gesellschaften und auch Privaten zum Zweck der Verbesserung der Wohnungen für die arbeitenden Klassen Darlehen ... gewähren" (Seite 203), wie dies in England laut dem Public Works Loan Act geschieht und wie Louis Bonaparte in Paris und Mülhausen getan hat. Aber der Public Works Loan Act besteht eben auch nur auf dem Papier, die Regierung stellt den Kommissären nur höchstens 50.000 Pfund Sterling zur Verfügung, also die Mittel zum Bau von höchstens 400 Cottages, also in 40 Jahren 16.000 Cottages oder Wohnungen für höchstens 80.000 Köpfe - ein Tropfen am Eimer! Selbst wenn wir annehmen, daß nach zwanzig Jahren die Mittel der Kommission sich durch Rückzahlung verdoppeln, also in den letzten 20 Jahren Wohnungen für fernere 40.000 Köpfe hergestellt werden, so bleibt es immer nur ein Tropfen am Eimer. Und da die Cottages nur 40 Jahre durchschnittlich dauern, so müssen nach 40 Jahren jedes Jahr die flüssigen 50.000 oder 100.000 Pfund dazu verwandt werden, die verfallenen ältesten Cottages wieder zu ersetzen. Dies nennt Herr Sax, Seite 203: das Prinzip praktisch richtig und "auch in unbeschränktem Maß" durchführen! Und mit diesem Eingeständnis, daß der Staat, selbst in England, "in unbeschränktem Maß" so gut wie gar nichts geleistet hat, schließt Herr Sax sein Buch, nur noch eine erneute Moralpredigt an alle Beteiligten vom Stapel lassend.(7)

Daß der heutige Staat der Wohnungsplage weder abhelfen kann noch will, ist sonnenklar. Der Staat ist nichts als die organisierte Gesamtmacht der besitzenden Klassen, der Grundbesitzer und Kapitalisten gegenüber |258| den ausgebeuteten Klassen, den Bauern und Arbeitern. Was die einzelnen Kapitalisten (und diese kommen hier allein in Frage, da in dieser Sache auch der beteiligte Grundbesitzer zunächst in seiner Eigenschaft als Kapitalist auftritt) nicht wollen, das will auch ihr Staat nicht. Wenn also die einzelnen Kapitalisten die Wohnungsnot zwar beklagen, aber kaum zu bewegen sind, ihre erschreckendsten Konsequenzen oberflächlich zu vertuschen, so wird der Gesamtkapitalist, der Staat, auch nicht viel mehr tun. Er wird höchstens dafür sorgen, daß der einmal üblich gewordene Grad oberflächlicher Vertuschung überall gleichmäßig durchgeführt wird. Und wir haben gesehen, daß dies der Fall ist.

Aber, kann man einwenden, in Deutschland herrschen die Bourgeois noch nicht, in Deutschland ist der Staat noch eine, in gewissem Grade unabhängig über der Gesellschaft schwebende Macht, die ebendeshalb die Gesamtinteressen der Gesellschaft repräsentiert und nicht die einer einzelnen Klasse. Ein solcher Staat kann allerdings manches, was ein Bourgeoisstaat nicht kann; von ihm darf man auch auf sozialem Gebiet ganz andere Dinge erwarten.

Das ist die Sprache der Reaktionäre. In Wirklichkeit aber ist auch in Deutschland der Staat, wie er besteht, das notwendige Produkt der gesellschaftlichen Unterlage, aus der er herausgewachsen ist. In Preußen - und Preußen ist jetzt maßgebend - besteht neben einem immer noch starken, großgrundbesitzenden Adel eine verhältnismäßig junge und namentlich sehr feige Bourgeoisie, die sich bisher weder die direkte politische Herrschaft, wie in Frankreich, noch die mehr oder weniger indirekte, wie in England, erkämpft hat. Neben beiden Klassen aber besteht ein sich rasch vermehrendes, intellektuell sehr entwickeltes und sich täglich mehr und mehr organisierendes Proletariat. Wir finden also hier neben der Grundbedingung der alten absoluten Monarchie: dem Gleichgewicht zwischen Grundadel und Bourgeoisie, die Grundbedingung des modernen Bonapartismus: das Gleichgewicht zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Sowohl in der alten absoluten, wie in der modernen bonapartistischen Monarchie aber liegt die wirkliche Regierungsgewalt in den Händen einer besondern Offiziers- und Beamtenkaste, die sich in Preußen teils aus sich selbst, teils aus dem kleinen Majoratsadel, seltener aus dem großen Adel, zum geringsten Teil aus der Bourgeoisie ergänzt. Die Selbständigkeit dieser Kaste, die außerhalb und sozusagen über der Gesellschaft zu stehen scheint, gibt dem Staat den Schein der Selbständigkeit gegenüber der Gesellschaft.

Die Staatsform, welche sich in Preußen (und nach seinem Vorgang in der neuen Reichsverfassung Deutschlands) aus diesen widerspruchsvollen |259| gesellschaftlichen Zuständen mit notwendiger Konsequenz entwickelt hat, ist der Scheinkonstitutionalismus; eine Form, die sowohl die heutige Auflösungsform der alten absoluten Monarchie, wie die Existenzform der bonapartistischen Monarchie ist. In Preußen verdeckte und vermittelte der Scheinkonstitutionalismus von 1848 bis 1866 nur die langsame Verwesung der absoluten Monarchie. Seit 1866 und namentlich seit 1870 aber geht die Umwälzung der gesellschaftlichen Zustände und damit die Auflösung des alten Staats vor aller Augen und auf kolossal wachsender Stufenleiter vor sich. Die rasche Entwicklung der Industrie und namentlich des Börsenschwindels hat alle herrschenden Klassen in den Strudel der Spekulation hineingerissen. Die 1870 aus Frankreich importierte Korruption im großen entwickelt sich mit unerhörter Schnelligkeit. Strousberg und Péreire ziehen den Hut voreinander. Minister, Generale, Fürsten und Grafen machen in Aktien trotz der geriebensten Börsenjuden, und der Staat erkennt ihre Gleichheit an, indem er die Börsenjuden massenweise baronisiert. Der Landadel, seit langem als Rübenzuckerfabrikant und Branntweinbrenner industriell, hat die alten soliden Zeiten längst hinter sich und schwellt mit seinen Namen die Listen der Direktoren aller soliden und unsoliden Aktiengesellschaften. Die Bürokratie verachtet mehr und mehr den Kassendefekt als einziges Mittel der Gehaltsaufbesserung; sie läßt den Staat laufen und macht Jagd auf die weit einträglicheren Posten in der Verwaltung industrieller Unternehmungen; die noch im Amt bleiben, folgen dem Beispiel ihrer Vorgesetzten, spekulieren in Aktien oder lassen sich bei Eisenbahnen usw. "beteiligen". Man ist sogar berechtigt anzunehmen, daß auch die Lieutenants in mancher Spekulation ihr Händchen haben. Kurz, die Zersetzung aller Elemente des alten Staats, der Übergang der absoluten Monarchie in die bonapartistische ist in vollem Gang, und mit der nächsten großen Handels- und Industriekrisis bricht nicht nur der gegenwärtige Schwindel, sondern auch der alte preußische Staat zusammen."(8)

Und dieser Staat, dessen nichtbürgerliche Elemente sich täglich mehr verbürgern, soll "die soziale Frage" lösen oder auch nur die Wohnungsfrage? Im Gegenteil. In allen ökonomischen Fragen verfällt der preußische Staat mehr und mehr der Bourgeoisie; und wenn die Gesetzgebung seit 1866 auf ökonomischem Gebiet nicht noch mehr den Interessen der Bour- |260| geoisie angepaßt worden ist, als dies geschehen, an wem liegt die Schuld? Hauptsächlich an der Bourgeoisie selbst, die erstens zu feig ist, um ihre Forderungen energisch zu vertreten, und die zweitens sich gegen jede Konzession sträubt, sobald diese Konzession gleichzeitig dem drohenden Proletariat neue Waffen in die Hand gibt. Und wenn die Staatsgewalt, d.h. Bismarck, sich ein eignes Leibproletariat zu organisieren versucht, um damit die politische Tätigkeit der Bourgeoisie im Zaume zu halten, was ist das anders, als ein notwendiges und wohlbekanntes bonapartistisches Mittelchen, das gegenüber den Arbeitern zu nichts verpflichtet als zu einigen wohlwollenden Redensarten und höchstens zu einem Minimum von Staatshülfe bei Baugesellschaften à la Louis Bonaparte?

Der beste Beweis dafür, was die Arbeiter vom preußischen Staat zu erwarten haben, liegt in der Verwendung der französischen Milliarden, die der Selbständigkeit der preußischen Staatsmaschine, gegenüber der Gesellschaft, eine neue, kurze Galgenfrist gegeben. Ist auch nur ein Taler dieser Milliarden verwandt worden, um die auf die Straße geworfenen Berliner Arbeiterfamilien unter Dach zu bringen? Im Gegenteil. Als der Herbst herangekommen, ließ der Staat selbst die paar elenden Baracken einreißen, die ihnen im Sommer als Notdach gedient hatten. Die fünf Milliarden gehn flott genug den Weg alles Fleisches, in Festungen, Kanonen und Soldaten; und trotz Wagner von Dummerwitz, trotz Stieberkonferenzen mit Östreich wird den deutschen Arbeitern von den Milliarden noch nicht so viel zugewandt werden, als Louis Bonaparte den französischen zuwandte von den Millionen, die er Frankreich gestohlen.

III

In Wirklichkeit hat die Bourgeoisie nur eine Methode, die Wohnungsfrage in ihrer Art zu lösen - das heißt, sie so zu lösen, daß die Lösung die Frage immer wieder von neuem erzeugt. Diese Methode heißt: "Haussmann".

Ich verstehe hier unter "Haussmann" nicht bloß die spezifisch-bonapartistische Manier des Pariser Haussmann, lange, gerade und breite Straßen mitten durch die enggebauten Arbeiterviertel zu brechen und sie mit großen Luxusgebäuden an beiden Seiten einzufassen, wobei neben dem strategischen Zweck der Erschwerung des Barrikadenkampfes noch die Heranbildung eines von der Regierung abhängigen, spezifisch-bonapartistischen Bauproletariats und die Verwandlung der Stadt in eine reine Luxusstadt |261| beabsichtigt war. Ich verstehe unter "Haussmann" die allgemein gewordene Praxis des Breschelegens in die Arbeiterbezirke, besonders die zentral gelegenen unserer großen Städte, ob diese nun durch Rücksichten der öffentlichen Gesundheit und der Verschönerung oder durch Nachfrage nach großen zentral gelegenen Geschäftslokalen oder durch Verkehrsbedürfnisse, wie Eisenbahnanlagen, Straßen usw., veranlaßt worden. Das Resultat ist überall dasselbe, mag der Anlaß noch so verschieden sein: die skandalösesten Gassen und Gäßchen verschwinden unter großer Selbstverherrlichung der Bourgeoisie von wegen dieses ungeheuren Erfolges, aber - sie erstehn anderswo sofort wieder und oft in der unmittelbaren Nachbarschaft.

In der "Lage der arbeitenden Klasse in England" gab ich eine Schilderung von Manchester, wie es 1843 und 1844 aussah. Seitdem sind durch Eisenbahnen, die mitten durch die Stadt gehn, durch Anlegung neuer Straßen, durch Errichtung von großen öffentlichen und Privatgebäuden manche der schlimmsten, dort beschriebenen Distrikte durchbrochen, bloßgelegt und verbessert worden, andre ganz beseitigt; obwohl noch viele - abgesehn von der seither schärfer gewordenen gesundheitspolizeilichen Aufsicht - in demselben oder gar in schlimmerem baulichen Zustand sich befinden als damals. Dafür aber sind, dank der enormen Ausdehnung der Stadt, deren Bevölkerung seitdem um mehr als die Hälfte gewachsen, Bezirke, die damals noch luftig und reinlich waren, jetzt ebenso verbaut, ebenso schmutzig und überfüllt mit Menschen wie damals die verrufensten Stadtteile. Hier nur ein Beispiel: In meinem Buch schilderte ich Seite 80 und folgende eine in der Talsohle des Flusses Medlock gelegene Häusergruppe, die unter dem Namen Klein-Irland (Little Ireland) schon seit Jahren den Schandfleck von Manchester gebildet hatte. Klein-Irland ist lange verschwunden; an seiner Stelle erhebt sich jetzt, auf hohem Unterbau ein Bahnhof; die Bourgeoisie wies prunkend auf die glückliche, endgültige Beseitigung von Klein-Irland hin wie auf einen großen Triumph. Nun erfolgt im verflossenen Sommer eine gewaltige Überschwemmung, wie denn überhaupt die eingedämmten Flüsse in unsern großen Städten aus leicht erklärlichen Ursachen von Jahr zu Jahr größere Überschwemmungen veranlassen. Da findet sich denn, daß Klein-Irland keineswegs beseitigt, sondern bloß von der Südseite von Oxford Road nach der Nordseite verlegt ist und noch immer floriert. Hören wir die "Manchester Weekly Times" vom 20. Juli 1872, das Organ der radikalen Bourgeois von Manchester:

|262| "Das Unglück, das die Bewohner der Talniederung des Medlock am vorigen Samstag überfiel, wird hoffentlich eine gute Folge haben: daß die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt wird auf die handgreifliche Verspottung aller Gesetze der Gesundheitspflege, die nun schon so lange vor der Nase der städtischen Beamten und des städtischen Gesundheits-Ausschusses dort geduldet worden. Ein derber Artikel in unserer gestrigen täglichen Ausgabe hat, nur noch zu schwach, den schmählichen Zustand einiger der Kellerwohnungen bei Charles Street und Brook Street enthüllt, die von der Überschwemmung erreicht wurden. Eine genaue Untersuchung eines der in jenem Artikel genannten Höfe befähigt uns, alle dort gemachten Angaben zu bestätigen und zu erklären, daß die Kellerwohnungen in diesem Hof längst hätten geschlossen werden sollen: richtiger, man hätte sie nie als menschliche Wohnungen dulden sollen. Squire's Court wird von sieben oder acht Wohnhäusern an der Ecke von Charles Street und Brook Street gebildet, über die der Wanderer, selbst an der niedrigsten Stelle von Brook Street, unter dem Eisenbahnbogen, Tag für Tag hinweggehen kann, ohne zu ahnen, daß menschliche Wesen in der Tiefe unter ihm in Höhlen wohnen. Der Hof ist dem öffentlichen Blick verborgen, nur zugänglich denen, die das Elend zwingt, in seiner grabähnlichen Abgeschlossenheit ein Unterkommen zu suchen. Selbst wenn die meist stockenden, zwischen Wehren eingedämmten Gewässer des Medlock ihren gewöhnlichen Stand nicht überschreiten, kann der Fußboden dieser Wohnungen nur einige Zoll über ihrem Spiegel sein: jeder tüchtige Regenschauer ist imstande, ekelhaft fauliges Wasser aus den Versenklöchern oder Abzugsröhren in die Höhe zu treiben und die Wohnungen mit den Pestgasen zu vergiften, welche jedes Überschwemmungswasser zum Andenken hinterläßt ... Squire's Court liegt noch tiefer als die unbewohnten Keller der an Brook Street stehenden Häuser ... zwanzig Fuß niedriger als die Straße, und das verpestete Wasser, das aus den Versenklöchern am Samstag emporgetrieben wurde, reichte bis an die Dächer. Wir wußten dies und erwarteten daher, den Hof unbewohnt oder nur von den Beamten des Gesundheits-Ausschusses besetzt zu finden, um die stinkenden Wände abzuwaschen und zu desinfizieren. Statt dessen sahen wir einen Mann, beschäftigt in der Kellerwohnung eines Barbiers ... einen Haufen faulenden Unrats, der in einer Ecke lag, auf eine Schubkarre zu schaufeln. Der Barbier, dessen Keller schon ziemlich ausgefegt war, schickte uns noch tiefer hinab zu einer Reihe von Wohnungen, von denen er sagte: wenn er schreiben könnte, würde er an die Presse schreiben und auf ihrer Schließung bestehn. So kamen wir endlich nach Squire's Court, wo wir eine hübsche, gesund aussehende Irländerin fanden, die alle Hände voll mit der Wäsche zu tun hatte. Sie und ihr Mann, ein Privat-Nachtwächter, hatten seit 6 Jahren in dem Hof gewohnt, sie hatten eine zahlreiche Familie ... In dem Hause, das sie eben verlassen hatten, war die Flut bis dicht ans Dach gestiegen, die Fenster waren zerbrochen, die Möbel ein Trümmerhaufen. Der Bewohner, sagte er, habe das Haus nur dadurch in erträglichem Geruchszustand halten können, daß er es alle zwei Monate mit Kalk weißte ... Im inneren Hof, wohin unser Berichterstatter jetzt erst vordrang, fand er drei Häuser, mit der Rückmauer an die eben beschriebenen angebaut, wovon zwei bewohnt waren. Der Gestank war dort so abscheulich, daß der gesundeste Mensch nach ein paar Minuten seekrank werden mußte ... Dies widerwärtige Loch war |263| bewohnt von einer Familie von sieben Personen, die am Donnerstagabend (dem Tag der ersten Überschwemmung) alle im Hause geschlafen hatten. Oder vielmehr, wie die Frau sich verbesserte, nicht geschlafen, denn sie und ihr Mann hatten von dem Gestank den größten Teil der Nacht durch sich erbrochen. Am Samstag mußten sie, bis an die Brust durchs Wasser watend, ihre Kinder hinaustragen. Sie war auch der Ansicht, das Loch sei für ein Schwein zu schlecht, aber wegen der wohlfeilen Miete - 1 1/2 Schilling (15 Groschen) die Woche - hätte sie es genommen, da ihr Mann wegen Krankheit die letzte Zeit oft verdienstlos gewesen. Der Eindruck, den dieser Hof und die in ihm wie in ein verfrühtes Grab eingepferchten Bewohner machen, ist der der äußersten Hülflosigkeit. Wir müssen übrigens sagen, daß nach gemachten Beobachtungen Squire's Court nur ein Abbild - vielleicht ein übertriebenes - mancher andrer Lokalitäten jener Gegend ist, deren Existenz unser Gesundheits-Ausschuß nicht verantworten kann. Und wenn man gestattet, daß diese Lokalitäten fernerhin bewohnt werden, so ladet der Ausschuß eine Verantwortlichkeit und die Nachbarschaft eine Gefahr ansteckender Epidemien auf sich, deren Gewicht wir nicht weiter untersuchen wollen."

Dies ist ein schlagendes Exempel, wie die Bourgeoisie die Wohnungsfrage in der Praxis löst. Die Brutstätten der Seuchen, die infamsten Höhlen und Löcher, worin die kapitalistische Produktionsweise unsre Arbeiter Nacht für Nacht einsperrt, sie werden nicht beseitigt, sie werden nur - verlegt! Dieselbe ökonomische Notwendigkeit, die sie am ersten Ort erzeugte, erzeugt sie auch am zweiten. Und solange die kapitalistische Produktionsweise besteht, solange ist es Torheit, die Wohnungsfrage oder irgendeine andre das Geschick der Arbeiter betreffende gesellschaftliche Frage einzeln lösen zu wollen. Die Lösung liegt aber in der Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, in der Aneignung aller Lebens- und Arbeitsmittel durch die Arbeiterklasse selbst.

Dritter Abschnitt
Nachtrag über Proudhon und die Wohnungsfrage

I

|264| In Nr. 86 des "Volksstaats" gibt sich A. Mülberger als Verfasser der von mir in Nr. 51 u. folg. d. Bl. kritisierten Artikel zu erkennen. Er überhäuft mich in seiner Antwort mit einer solchen Reihe von Vorwürfen und verrückt dabei so sehr alle Gesichtspunkte, um die es sich handelt, daß ich wohl oder übel darauf erwidern muß. Ich will versuchen, meiner Entgegnung, die sich zu meinem Bedauern großenteils auf dem von Mülberger mir vorgeschriebnen Gebiet der persönlichen Polemik bewegen muß, ein allgemeines Interesse dadurch zu geben, daß ich die Punkte, auf die es hauptsächlich ankommt, nochmals und womöglich deutlicher als vorher entwickle, selbst auf die Gefahr hin, von Mülberger abermals bedeutet zu werden, daß alles dies "im wesentlichen nichts Neues, weder für ihn noch die sonstigen Leser des 'Volksstaat' enthält".

Mülberger beklagt sich über Form und Inhalt meiner Kritik. Was die Form angeht, so genügt es zu erwidern, daß ich zu jener Zeit gar nicht wußte, von wem die betreffenden Artikel herrührten. Von einer persönlichen "Voreingenommenheit" gegen den Verfasser konnte also keine Rede sein; gegen die in den Artikeln entwickelte Lösung der Wohnungsfrage war ich allerdings insoweit "voreingenommen" als sie mir aus Proudhon längst bekannt war und meine Ansicht darüber feststand.

Über den "Ton" meiner Kritik will ich mit Freund Mülberger nicht streiten. Wenn man so lange in der Bewegung gewesen wie ich, bekommt man eine ziemlich harte Haut gegen Angriffe und setzt eine solche daher auch leicht bei andern voraus. Um Mülberger zu entschädigen, will ich |265| diesmal versuchen, meinen "Ton" mit der Empfindlichkeit seiner Epidermis (Oberhaut) in ein richtiges Verhältnis zu bringen.

Mülberger beklagt sich besonders bitter darüber, daß ich ihn einen Proudhonisten genannt, und beteuert, er sei keiner. Ich muß ihm natürlich glauben, werde aber den Beweis führen, daß die betreffenden Artikel - und mit ihnen allein hatte ich zu tun - nichts enthalten als puren Proudhonismus.

Aber auch Proudhon kritisiere ich, nach Mülberger, "leichtfertig" und tue ihm schweres Unrecht:

"Die Lehre vom Kleinbürger Proudhon ist bei uns in Deutschland ein stehendes Dogma geworden, das sogar viele verkünden, ohne auch nur eine Zeile von ihm gelesen zu haben."

Wenn ich bedaure, daß die romanisch redenden Arbeiter seit zwanzig Jahren keine andre Geistesnahrung haben als die Werke Proudhons, so antwortet Mülberger, daß bei den romanischen Arbeitern "die Prinzipien, wie sie von Proudhon formuliert sind, fast allenthalben die treibende Seele der Bewegung bilden". Dies muß ich ableugnen. Erstens liegt die "treibende Seele" der Arbeiterbewegung nirgendswo in den "Prinzipien", sondern überall in der Entwicklung der großen Industrie und deren Wirkungen, der Akkumulation und Konzentration des Kapitals auf der einen und des Proletariats auf der andern Seite. Zweitens ist es nicht richtig, daß die Proudhonschen sogenannten "Prinzipien" bei den Romanen die entscheidende Rolle spielen, die Mülberger ihnen zuschreibt; daß die "Prinzipien der Anarchie, der Organisation des forces économiques, der Liquidation sociale |Organisation der ökonomischen Kräfte, der gesellschaftlichen Liquidation| usw. dort ... die wahrhaften Träger der revolutionären Bewegung geworden sind". Von Spanien und Italien gar nicht zu reden, wo die proudhonistischen Allerweltsheilmittel nur in der durch Bakunin weiter verballhornten Gestalt irgendwelchen Einfluß gewonnen haben, ist es für jeden, der die internationale Arbeiterbewegung kennt, notorische Tatsache, daß in Frankreich die Proudhonisten eine wenig zahlreiche Sekte bilden, während die Masse der Arbeiter von dem unter dem Titel "Liquidation sociale und Organisation des forces économiques" von Proudhon entworfnen gesellschaftlichen Reformplan nichts wissen will. Es hat sich das u.a. unter der Kommune gezeigt. Obwohl die Proudhonisten stark in ihr vertreten waren, wurde doch nicht der geringste Versuch gemacht, nach Proudhons Vorschlägen die alte Gesellschaft zu liquidieren oder die ökonomischen Kräfte zu organi- |266| sieren. Im Gegenteil. Es gereicht der Kommune zur höchsten Ehre, daß bei allen ihren ökonomischen Maßregeln nicht irgendwelche Prinzipien ihre "treibende Seele" bildeten, sondern - das einfache praktische Bedürfnis. Und deshalb waren diese Maßregeln - die Abschaffung der Nachtarbeit der Bäcker, das Verbot der Geldstrafen in Fabriken, die Konfiskation stillgesetzter Fabriken und Werkstätten und ihre Überlassung an Arbeiter-Assoziationen durchaus nicht im Geist Proudhons, wohl aber in dem des deutschen wissenschaftlichen Sozialismus. Die einzige soziale Maßregel, die die Proudhonisten durchsetzten, war - die Bank von Frankreich nicht mit Beschlag zu legen, und zum Teil daran ging die Kommune zugrunde. Ebenso haben die sogenannten Blanquisten, sobald sie den Versuch machten, sich aus bloß politischen Revolutionären in eine sozialistische Arbeiterfraktion mit bestimmtem Programm zu verwandeln - wie dies in dem von den blanquistischen Flüchtlingen in London in ihrem Manifest: "Internationale et Révolution" geschehn ist -, nicht die "Prinzipien" des Proudhonschen Plans der Gesellschaftsrettung proklamiert, wohl aber, und zwar fast buchstäblich, die Anschauungen des deutschen wissenschaftlichen Sozialismus von der Notwendigkeit der politischen Aktion des Proletariats und seiner Diktatur als Obergang zur Abschaffung der Klassen und, mit ihnen, des Staats - wie solche bereits im "Kommunistischen Manifest" und seitdem unzählige Male ausgesprochen worden. Und wenn Mülberger gar aus der Mißachtung Proudhons bei den Deutschen einen Mangel an Verständnis der romanischen Bewegung "bis zur Kommune von Paris" herleitet, so möge er zum Beweis dieses Mangels diejenige romanische Schrift nennen, die die Kommune nur annähernd so richtig verstanden und dargestellt hat wie die "Adresse des Generalrats der Internationalen über den Bürgerkrieg in Frankreich", geschrieben von dem Deutschen Marx.

Das einzige Land, wo die Arbeiterbewegung direkt unter dem Einfluß der Proudhonschen "Prinzipien" steht, ist Belgien, und die belgische Bewegung kommt eben deswegen auch, wie Hegel sagt, "von nichts durch nichts zu nichts".

Wenn ich es für ein Unglück halte, daß die romanischen Arbeiter, direkt oder indirekt, seit zwanzig Jahren geistig nur von Proudhon zehrten, so finde ich dies nicht in der durchaus mythischen Herrschaft des Proudhonschen Reformrezepts - was Mülberger die "Prinzipien" nennt -, sondern darin, daß ihre ökonomische Kritik der bestehenden Gesellschaft von den durch- |267| aus falschen Proudhonschen Wendungen infiziert und ihre politische Aktion durch proudhonistischen Einfluß verhunzt wurde. Ob danach die "verproudhonisierten romanischen Arbeiter" oder die deutschen, die jedenfalls den wissenschaftlichen deutschen Sozialismus unendlich besser begreifen als die Romanen ihren Proudhon, "mehr in der Revolution stehn", werden wir beantworten können, wenn wir erst wissen, was das heißt: "in der Revolution stehn". Man hat reden gehört von Leuten, die "im Christentum, im wahren Glauben, in der Gnade Gottes stehn" usw. Aber in der Revolution, in der gewaltsamsten Bewegung "stehn"? Ist denn "die Revolution" eine dogmatische Religion, an die man glauben muß?

Ferner wirft mir Mülberger vor, ich habe, gegen die ausdrücklichen Worte seiner Arbeit, behauptet, er erkläre die Wohnungsfrage für eine ausschließliche Arbeiterfrage.

Diesmal hat Mülberger in der Tat recht. Ich hatte die betreffende Stelle übersehn. Unverantwortlicherweise übersehn, denn sie ist eine der bezeichnendsten für die ganze Tendenz seiner Abhandlung. Mülberger sagt wirklich mit dürren Worten:

"Da uns so oft und viel der lächerliche Vorwurf gemacht wird, wir treiben Klassenpolitik, wir streben eine Klassenherrschaft an u.dgl. mehr, so betonen wir zunächst und ausdrücklich, daß die Wohnungsfrage keineswegs ausschließlich das Proletariat betrifft, sondern im Gegenteil - sie interessiert in ganz hervorragender Weise den eigentlichen Mittelstand, das Kleingewerbe, die kleine Bourgeoisie, die gesamte Bürokratie ... die Wohnungsfrage ist gerade derjenige Punkt der sozialen Reformen, welche mehr als alle andern geeignet erscheint, die absolute innere Identität der Interessen des Proletariats einerseits und der eigentlichen Mittelklassen der Gesellschaft andrerseits aufzudecken. Die Mittelklassen leiden ebenso stark, vielleicht noch stärker unter der drückenden Fessel der Mietwohnung als das Proletariat ... Die eigentlichen Mittelklassen der Gesellschaft stehen heute vor der Frage, ob sie ... die Kraft finden werden ... im Bunde mit der jugendkräftigen und energievollen Arbeiterpartei in den Umgestaltungsprozeß der Gesellschaft einzugreifen, dessen Segnungen gerade ihnen vor allen zugute kommen werden."

Freund Mülberger konstatiert hier also folgendes:

1. "Wir" treiben keine "Klassenpolitik" und streben nach keiner "Klassenherrschaft". Die deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei, eben weil sie eine Arbeiterpartei ist, treibt indes notwendigerweise "Klassenpolitik", die Politik der Arbeiterklasse. Da jede politische Partei darauf ausgeht, die Herrschaft im Staat zu erobern, so strebt die deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei notwendig ihre Herrschaft, die Herrschaft der Arbeiterklasse, also eine "Klassenherrschaft" an. übrigens hat jede wirkliche proletarische Partei, von den englischen Chartisten an, immer die |268| Klassenpolitik, die Organisation des Proletariats als selbständige politische Partei, als erste Bedingung, und die Diktatur des Proletariats als nächstes Ziel des Kampfes hingestellt. Indem Mülberger dies für "lächerlich" erklärt, stellt er sich außerhalb der proletarischen Bewegung und innerhalb des kleinbürgerlichen Sozialismus.

2. Die Wohnungsfrage hat den Vorzug, daß sie keine ausschließliche Arbeiterfrage ist, sondern das Kleinbürgertum "in ganz hervorragender Weise interessiert", indem die "eigentlichen Mittelklassen ebenso stark, vielleicht noch stärker" unter ihr leiden als das Proletariat. Wenn jemand erklärt, das Kleinbürgertum leide, auch nur in einer einzigen Beziehung, "vielleicht noch stärker als das Proletariat", so wird er sich sicher nicht beklagen können, wenn man ihn unter die kleinbürgerlichen Sozialisten rechnet. Hat Mülberger also Grund zur Unzufriedenheit, wenn ich sage:

"Es sind vorzugsweise diese der Arbeiterklasse mit andern Klassen, namentlich dem Kleinbürgertum, gemeinsamen Leiden, mit denen sich der kleinbürgerliche Sozialismus, zu dem auch Proudhon gehört, mit Vorliebe beschäftigt. Und so ist es durchaus nicht zufällig, daß unser deutscher Proudhonist sich vor allem der Wohnungsfrage, die, wie wir gesehn haben, keineswegs eine ausschließliche Arbeiterfrage ist, bemächtigt."

3. Zwischen den Interessen der "eigentlichen Mittelklassen der Gesellschaft" und denen des Proletariats besteht "absolute innere Identität", und es ist nicht das Proletariat, sondern [es sind] diese eigentlichen Mittelklassen, denen die "Segnungen" des bevorstehenden Umgestaltungsprozesses der Gesellschaft "gerade vor allen zugute kommen werden".

Die Arbeiter werden also die bevorstehende soziale Revolution "gerade vor allen" im Interesse der Kleinbürger machen. Und ferner besteht eine absolute innere Identität der Interessen der Kleinbürger mit denen des Proletariats. Sind die Interessen der Kleinbürger mit denen der Arbeiter innerlich identisch, so die der Arbeiter mit denen der Kleinbürger. Der kleinbürgerliche Standpunkt ist also in der Bewegung ebenso berechtigt wie der proletarische. Und die Behauptung dieser Gleichberechtigung ist eben, was man kleinbürgerlichen Sozialismus nennt.

Es ist daher auch ganz konsequent, wenn Mülberger S. 25 des Separatabdrucks das "Kleingewerbe" als den "eigentlichen Strebepfeiler der Gesellschaft" feiert, "weil es seiner eigentlichen Anlage nach die drei Faktoren: Arbeit - Erwerb - Besitz in sich vereinigt, weil es in der Vereinigung dieser drei Faktoren der Entwicklungsfähigkeit des Individuums keinerlei |269| Schranke gegenüberstellt"; und wenn er der modernen Industrie namentlich vorwirft, daß sie diese Pflanzschule von Normalmenschen vernichtet und "aus einer lebenskräftigen, sich immer wieder neu erzeugenden Klasse einen bewußtlosen Haufen Menschen gemacht hat, der nicht weiß, wohin er seinen angstvollen Blick wenden soll". Der Kleinbürger ist also Mülbergers Mustermensch und das Kleingewerbe Mülbergers Muster-Produktionsweise. Habe ich ihn also verlästert, wenn ich ihn unter die kleinbürgerlichen Sozialisten verwies?

Da Mülberger jede Verantwortlichkeit für Proudhon ablehnt, so wäre es überflüssig, hier weiter zu erörtern, wie Proudhons Reformpläne dahin abzielen, alle Glieder der Gesellschaft in Kleinbürger und Kleinbauern zu verwandeln. Ebensowenig wird es nötig sein, auf die angebliche Identität der Interessen der Kleinbürger mit denen der Arbeiter einzugehn. Das Nötige findet sich bereits im "Kommunistischen Manifest". (Leipziger Ausgabe 1872, S. 12 u. 21.)

Das Resultat unsrer Untersuchung ist also das, daß neben die "Sage vom Kleinbürger Proudhon" die Wirklichkeit vom Kleinbürger Mülberger tritt.

II

Wir kommen jetzt auf einen Hauptpunkt. Ich warf den Mülbergersehen Artikeln vor, daß sie nach Proudhonscher Manier ökonomische Verhältnisse verfälschen durch Übersetzung in juristische Ausdrucksweise. Als Beispiel dafür hob ich folgenden Mülbergerschen Satz heraus:

"Das einmal gebaute Haus dient als ewiger Rechtstitel auf einen bestimmten Bruchteil der gesellschaftlichen Arbeit, wenn auch der wirkliche Wert des Hauses längst schon mehr als genügend in der Form des Mietzinses an den Besitzer gezahlt wurde. So kommt es, daß ein Haus, welches z.B. vor fünfzig Jahren gebaut wurde, während dieser Zeit in dem Ertrag seines Mietzinses zwei-, drei-, fünf-, zehnmal usw. den ursprünglichen Kostenpreis deckte."

Mülberger beschwert sich nun:

"Diese einfache, nüchterne Konstatierung einer Tatsache veranlaßt Engels, mir zu Gemüte zu führen, daß ich hätte erklären sollen, wie das Haus 'Rechtstitel' wird - eine Sache, die ganz außerhalb des Bereichs meiner Aufgabe lag ... Ein anderes ist eine Schilderung, ein anderes eine Erklärung. Wenn ich nach Proudhon sage, das ökonomische Leben der Gesellschaft solle von einer Rechtsidee durchdrungen sein, so schildere ich hiermit die heutige Gesellschaft als eine solche, in der zwar nicht jede Rechtsidee, aber die Rechtsidee der Revolution fehlt, eine Tatsache, die Engels selbst zugeben wird."

|270| Bleiben wir zunächst bei dem einmal gebauten Hause. Das Haus, wenn vermietet, bringt seinem Erbauer Grundrente, Reparaturkosten und Zins {16} auf sein ausgelegtes Baukapital einschließlich des darauf gemachten Profits {17} in der Gestalt von Miete ein, und je nach den Verhältnissen kann der nach und nach gezahlte Mietbetrag zwei-, drei-, fünf-, zehnmal den ursprünglichen Kostenpreis ausmachen. Dies, Freund Mülberger, ist die "einfache, nüchterne Konstatierung" der "Tatsache", die eine ökonomische ist; und wenn wir wissen wollen, wieso "es so kommt", daß sie existiert, so müssen wir die Untersuchung auf ökonomischem Gebiet führen. Sehen wir uns also die Tatsache etwas näher an, damit kein Kind sie weiter mißverstehen könne. Der Verkauf einer Ware besteht bekanntlich darin, daß der Besitzer ihren Gebrauchswert weggibt und ihren Tauschwert einsteckt. Die Gebrauchswerte der Waren unterscheiden sich unter anderem auch darin, daß ihre Konsumtion verschiedene Zeiträume erfordert. Ein Laib Brot wird in einem Tage verzehrt, ein Paar Hosen in einem Jahr verschlissen, ein Haus meinetwegen in hundert Jahren. Bei Waren von langer Verschleißdauer tritt also die Möglichkeit ein, den Gebrauchswert stückweise, jedesmal auf bestimmte Zeit, zu verkaufen, d.h. ihn zu vermieten. Der stückweise Verkauf realisiert also den Tauschwert nur nach und nach; für diesen Verzicht auf sofortige Rückzahlung des vorgeschossenen Kapitals und des darauf erworbenen Profits wird der Verkäufer entschädigt durch einen Preisaufschlag, eine Verzinsung, deren Höhe durch die Gesetze der politischen Ökonomie, durchaus nicht willkürlich, bestimmt wird. Am Ende der hundert Jahre ist das Haus aufgebraucht, verschlissen, unbewohnbar geworden. Wenn wir dann von dem gezahlten Gesamtmietbetrag abziehen: 1. die Grundrente nebst der etwaigen Steigerung, die sie während der Zeit erfahren, und 2. die ausgelegten laufenden Reparaturkosten, so werden wir finden, daß der Rest im Durchschnitt sich zusammensetzt: 1. aus dem ursprünglichen Baukapital des Hauses, 2. aus dem Profit darauf, und 3. aus der Verzinsung des nach und nach fällig gewordenen Kapitals und Profits {18}. Nun hat zwar am Ende dieses Zeitraums der Mieter kein Haus, aber der Hausbesitzer auch nicht. Dieser hat nur das Grundstück (wenn es ihm nämlich gehört) und die darauf befindlichen Baumaterialien, die aber kein Haus mehr sind. Und wenn das Haus inzwischen "fünf- oder zehnmal den ursprünglichen Kostenpreis deckte", so werden wir sehn, daß dies lediglich einem Aufschlag der Grundrente geschuldet ist; wie dies niemandem ein |271| Geheimnis ist an Orten wie London, wo Grundbesitzer und Hausbesitzer meist zwei verschiedene Personen sind. Solche kolossale Mietsaufschläge kommen vor in rasch wachsenden Städten, aber nicht in einem Ackerdorf, wo die Grundrente für Bauplätze fast unverändert bleibt. Es ist ja notorische Tatsache, daß, abgesehn von Steigerungen der Grundrente, die Hausmiete dem Hausbesitzer durchschnittlich nicht über 7 p.c. des angelegten Kapitals (inkl. Profits) jährlich einbringt, woraus dann noch Reparaturkosten etc. zu bestreiten sind. Kurz, der Mietvertrag ist ein ganz gewöhnliches Warengeschäft, das für den Arbeiter theoretisch nicht mehr und nicht minder Interesse hat als jedes andere Warengeschäft, ausgenommen das, worin es sich um den Kauf und Verkauf der Arbeitskraft handelt, während er ihm praktisch als eine der tausend Formen der bürgerlichen Prellerei gegenübertritt, von denen ich Seite 4 des Separatabdrucks spreche, die aber auch, wie ich dort nachgewiesen, einer ökonomischen Regelung unterworfen sind.

Mülberger dagegen sieht im Mietvertrag nichts als reine "Willkür" (S. 19 des Separatabdrucks), und wenn ich ihm das Gegenteil beweise, so beklagt er sich, ich sage ihm "lauter Dinge, die er leider schon selbst gewußt".

Mit allen ökonomischen Untersuchungen über die Hausmiete kommen wir aber nicht dahin, die Abschaffung der Mietwohnung zu verwandeln in "eine der fruchtbarsten und großartigsten Bestrebungen, welche dem Schoß der revolutionären Idee entstammt". Um dies fertigzubringen, müssen wir die einfache Tatsache aus der nüchternen Ökonomie in die schon viel ideologischere Juristerei übersetzen. "Das Haus dient als ewiger Rechtstitel" auf Hausmiete - "so kommt es", daß der Wert des Hauses in Hausmiete zwei-, drei-, fünf-, zehnmal gezahlt werden kann. Um zu erfahren, wie das "so kommt", hilft uns der "Rechtstitel" keinen Zoll vom Fleck; und deswegen sagte ich, Mülberger hätte erst durch Untersuchung, wie das Haus Rechtstitel wird, erfahren können, wie das "so kommt". Dies erfahren wir erst, wenn wir, wie ich tat, die ökonomische Natur der Hausmiete untersuchen, statt uns über den juristischen Ausdruck, unter welchem die herrschende Klasse sie sanktioniert, zu erbosen. - Wer ökonomische Schritte zur Abschaffung der Hausmiete vorschlägt, der ist doch wohl verpflichtet, etwas mehr von der Hausmiete zu wissen, als daß sie "den Tribut darstellt, den der Mieter dem ewigen Rechte des Kapitals bezahlt". Darauf antwortet Mülberger: "Ein anderes ist eine Schilderung, ein anderes eine Erklärung."

|272| Wir haben also das Haus, obwohl es keineswegs ewig ist, in einen ewigen Rechtstitel auf Hausmiete verwandelt. Wir finden, einerlei wie das "so kommt", daß kraft dieses Rechtstitels das Haus seinen Wert in der Gestalt von Hausmiete mehrfach einbringt. Wir sind, durch die Übersetzung ins juristische, glücklich so weit von der Ökonomie entfernt, daß wir nur noch die Erscheinung sehen, daß ein Haus sich in Brutto-Miete allmählich mehrfach bezahlt machen kann. Da wir juristisch denken und sprechen, so legen wir an diese Erscheinung den Maßstab des Rechts, der Gerechtigkeit und finden, daß sie ungerecht ist, daß sie der "Rechtsidee der Revolution", was das auch immer für ein Ding sein mag, nicht entspricht und daß der Rechtstitel daher nichts taugt. Wir finden ferner, daß dasselbe vom zinstragenden Kapital und vom verpachteten Ackerland gilt, und haben nun den Vorwand, diese Klassen von Eigentum von den andern auszuscheiden und sie einer ausnahmsweisen Behandlung zu unterwerfen. Diese besteht in der Forderung: 1. dem Eigentümer das Kündigungsrecht, das Recht auf Rückforderung seines Eigentums, zu nehmen; 2. dem Mieter, Borger oder Pächter den Nießbrauch des ihm übertragenen, aber ihm nicht gehörigen Gegenstandes unentgeltlich zu überlassen, und 3. den Eigentümer in längeren Raten ohne Verzinsung abzuzahlen. Und damit haben wir die Proudhonschen "Prinzipien" nach dieser Seite hin erschöpft. Es ist dies Proudhons "gesellschaftliche Liquidation".

Beiläufig bemerkt. Daß dieser ganze Reformplan fast ausschließlich den Kleinbürgern und Kleinbauern in der Weise zugute kommen soll, daß er sie in ihrer Stellung als Kleinbürger und Kleinbauern befestigt, liegt auf der Hand. Die nach Mülberger sagenhafte Gestalt des "Kleinbürgers Proudhon" erhält hier also plötzlich eine sehr handgreifliche historische Existenz.

Mülberger fährt fort:

"Wenn ich nach Proudhon sage, das ökonomische Leben der Gesellschaft solle von einer Rechtsidee durchdrungen sein, so schildere ich hiermit die heutige Gesellschaft als eine solche, in der zwar nicht jede Rechtsidee, aber die Rechtsidee der Revolution fehlt, eine Tatsache, die selbst Engels zugeben wird."

Leider bin ich außerstande, Mülberger diesen Gefallen zu tun. Mülberger verlangt, die Gesellschaft solle von einer Rechtsidee durchdrungen sein, und nennt das eine Schilderung. Wenn mir ein Gerichtshof eine Aufforderung durch Gerichtsvollzieher zukommen läßt, eine Schuld zu bezahlen, so tut er, nach Mülberger, weiter nichts, als daß er mich als einen Menschen schildert, der seine Schulden nicht bezahlt! Ein anderes ist eine Schilderung, ein anderes eine Zumutung. Und gerade hier liegt der wesentliche Unterschied des deutschen wissenschaftlichen Sozialismus von |273| Proudhon. Wir schildern - und jede wirkliche Schilderung ist, trotz Mülberger, zugleich die Erklärung der Sache - die ökonomischen Verhältnisse, wie sie sind und wie sie sich entwickeln, und führen, strikt ökonomisch, den Beweis, daß diese ihre Entwicklung zugleich die Entwicklung der Elemente einer sozialen Revolution ist: die Entwicklung - einerseits, einer Klasse, deren Lebenslage sie notwendig zur sozialen Revolution treibt, des Proletariats - andererseits, von Produktivkräften, die, dem Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft entwachsen, ihn notwendig sprengen müssen und die gleichzeitig die Mittel bieten, die Klassenunterschiede ein für allemal im Interesse des gesellschaftlichen Fortschritts selbst zu beseitigen. Proudhon dagegen stellt an die heutige Gesellschaft die Forderung, sich nicht nach den Gesetzen ihrer eignen ökonomischen Entwicklung, sondern nach den Vorschriften der Gerechtigkeit (die "Rechtsidee" gehört nicht ihm, sondern Mülberger) umzugestalten. Wo wir beweisen, predigt und lamentiert Proudhon, und mit ihm Mülberger.

Was die "Rechtsidee der Revolution" für ein Ding ist, kann ich absolut nicht erraten. Proudhon allerdings macht sich aus "der Revolution" eine Art Göttin, die Trägerin und Vollstreckerin seiner "Gerechtigkeit"; wobei er dann in den sonderbaren Irrtum verfällt, die bürgerliche Revolution von 1789-1794 und die künftige proletarische Revolution durcheinanderzuwerfen. Dies tut er in fast allen seinen Werken, besonders seit 1848; als Beispiel führe ich nur an: "Idée générale de la Révolution", ed. 1868, p. 39 & 40. Da aber Mülberger alle und jede Verantwortlichkeit für Proudhon ablehnt, so bleibt mir verboten, die "Rechtsidee der Revolution" aus Proudhon zu erklären, und ich verharre in ägyptischer Finsternis.

Weiter sagt Mülberger:

"Aber weder Proudhon noch ich appellieren an eine 'ewige Gerechtigkeit', um dadurch die bestehenden ungerechten Zustände zu erklären oder gar, wie dies Engels mir imputiert, die Besserung dieser Zustände von dem Appell an diese Gerechtigkeit zu erwarten."

Mülberger muß darauf bauen, daß "Proudhon überhaupt in Deutschland so gut wie gar nicht gekannt" ist. In allen seinen Schriften mißt Proudhon alle gesellschaftlichen, rechtlichen, politischen {19}, religiösen Sätze an dem Maßstab der "Gerechtigkeit", verwirft sie oder erkennt sie an, je nachdem sie stimmen oder nicht stimmen mit dem, was er "Gerechtigkeit" nennt. In den "Contradictions économiques" heißt diese Gerechtigkeit noch "ewige Gerechtigkeit", justice éternelle. Später wird die Ewigkeit |274| verschwiegen, bleibt aber der Sache nach. Z.B. in: "De la Justice dans la Révolution et dans l'Église", Ausgabe 1858, ist folgende Stelle der Text der ganzen dreibändigen Predigt (Band I, Seite 42):

"Welches ist das Grundprinzip, das organische, regelnde, souveräne Prinzip der Gesellschaften, das Prinzip, welches, sich alle andern unterordnend, regiert, schützt, zurückdrängt, züchtigt, im Notfalle selbst unterdrückt alle rebellischen Elemente? Ist es die Religion, das Ideal, das Interesse? ... Dies Prinzip, nach meiner Ansicht, ist die Gerechtigkeit. - Was ist die Gerechtigkeit? Das Wesen der Menschheit selbst. Was ist sie gewesen seit dem Anfang der Welt? Nichts. - Was sollte sie sein? Alles."

Eine Gerechtigkeit, die das Wesen der Menschheit selbst ist, was ist das anders als die ewige Gerechtigkeit? Eine Gerechtigkeit, die das organische, regelnde, souveräne Grundprinzip der Gesellschaften, die bisher trotzdem nichts gewesen ist, die aber alles sein soll - was ist sie anders als der Maßstab, an dem alle menschlichen Dinge zu messen, an die in jedem Kollisionsfall als entscheidende Richterin zu appellieren ist? Und habe ich etwas anderes behauptet, als daß Proudhon seine ökonomische Unwissenheit und Hülflosigkeit damit verdeckt, daß er alle ökonomischen Verhältnisse nicht nach den ökonomischen Gesetzen, sondern darnach beurteilt, ob sie mit seiner Vorstellung von dieser ewigen Gerechtigkeit stimmen oder nicht? Und wodurch unterscheidet sich Mülberger von Proudhon, wenn Mülberger verlangt, daß "alle Umsetzungen im Leben der modernen Gesellschaft ... von einer Rechtsidee durchdrungen, d.h. allenthalben nach den strengen Anforderungen der Gerechtigkeit durchgeführt" werden sollen? Kann ich nicht lesen, oder kann Mülberger nicht schreiben?

Weiter sagt Mülberger:

"Proudhon weiß so gut wie Marx und Engels, daß das eigentlich Treibende in der menschlichen Gesellschaft die ökonomischen, nicht die juridischen Verhältnisse sind, auch er weiß, daß die jeweiligen Rechtsideen eines Volkes nur der Ausdruck, der Abdruck, das Produkt der ökonomischen - insbesondere Produktionsverhältnisse sind ... Das Recht ist für Proudhon mit einem Wort - historisch gewordenes ökonomisches Produkt."

Wenn Proudhon dies (ich will die unklare Ausdrucksweise Mülbergers passieren lassen und den guten Willen für die Tat nehmen), wenn Proudhon dies alles "ebensogut weiß wie Marx und Engels", wie können wir uns dann noch streiten? Aber es steht eben etwas anders mit der Wissenschaft Proudhons. Die ökonomischen Verhältnisse einer gegebenen Gesellschaft stellen sich zunächst dar als Interessen. Nun sagt Proudhon in der eben zitierten Stelle seines Hauptwerkes mit dürren Worten, daß das "regelnde, organische souveräne Grundprinzip der Gesellschaften, welches sich alle andern |275| unterordnet", nicht das Interesse ist, sondern die Gerechtigkeit. Und er wiederholt dasselbe in allen seinen Schriften an allen entscheidenden Stellen. Was Mülberger nicht verhindert fortzufahren:

" ... daß die Idee des ökonomischen Rechts, wie sie von Proudhon am tiefsten in 'La Guerre et la Paix' entwickelt ist, vollständig zusammenfällt mit jenen Grundgedanken Lassalles, wie sie so schön in seinem Vorwort zum 'System der erworbenen Rechte' gegeben sind."

"La Guerre et la Paix" ist vielleicht das schülerhafteste der vielen schülerhaften Werke Proudhons, aber daß es als Beweismittel aufgeführt werde für sein angebliches Verständnis der deutschen materialistischen Geschichtsauffassung, die alle historischen Ereignisse und Vorstellungen, alle Politik, Philosophie, Religion, aus den materiellen, ökonomischen, Lebensverhältnissen der fraglichen geschichtlichen Periode erklärt, das konnte ich nicht erwarten. Das Buch ist so wenig materialistisch, daß es seine Konstruktion des Krieges nicht einmal fertigbringen kann, ohne den Schöpfer zu Hülfe zu rufen:

"Indessen hatte der Schöpfer, der diese Lebensweise für uns gewählt hat, seine Zwecke" (Bd. II, S. 100 der Ausgabe von 1869).

Auf welcher Geschichtskenntnis es beruht, geht daraus hervor, daß es an die geschichtliche Existenz des goldnen Zeitalters glaubt:

"Im Anfang, als die Menschheit noch dünn gesäet war auf dem Erdball, sorgte die Natur ohne Mühe für seine Bedürfnisse. Es war das goldene Zeitalter, das Zeitalter des Überflusses und des Friedens" (ebenda, S. 102).

Sein ökonomischer Standpunkt ist der des krassesten Malthusianismus:

"Wenn die Produktion verdoppelt wird, so wird die Bevölkerung es bald ebenfalls sein" (S. 106).

Und worin besteht denn der Materialismus des Buchs? Darin, daß es behauptet, die Ursache des Kriegs sei von jeher und immer noch: "der Pauperismus" (z.B. Seite 143). Onkel Bräsig war ein ebenso gelungener Materialist, als er in seiner 1848er Rede das große Wort gelassen aussprach: Die Ursache der großen Armut ist die große pauvreté |Armut|.

Lassalles "System der erworbenen Rechte" ist nicht nur in der ganzen Illusion des Juristen, sondern auch in der des Althegelianers befangen. Lassalle erklärt S. VII ausdrücklich, daß auch "im Ökonomischen der Begriff des erworbenen Rechts der treibende Springquell aller weiteren Entwicklung" ist, er will "das Recht als einen vernünftigen, sich aus sich selbst" |276| (also nicht aus ökonomischen Vorbedingungen) "entwickelnden Organismus" nachweisen (S. XI), es handelt sich für ihn um Ableitung des Rechts, nicht aus ökonomischen Verhältnissen, sondern aus dem "Willensbegriff selbst, dessen Entwicklung und Darstellung die Rechtsphilosophie nur ist" (S. XII). Was soll also das Buch hier? Der Unterschied zwischen Proudhon und Lassalle ist nur der, daß Lassalle ein wirklicher Jurist und Hegelianer war und Proudhon in der Juristerei und Philosophie, wie in allen andern Dingen, ein reiner Dilettant.

Daß Proudhon, der sich bekanntlich fortwährend widerspricht, auch hier und da einmal eine Äußerung tut, die danach aussieht, als erkläre er Ideen aus Tatsachen, weiß ich sehr gut. Dergleichen Äußerungen sind aber ohne allen Belang gegenüber der durchgehenden Denkrichtung des Mannes, und wo sie vorkommen, noch dazu äußerst verworren und in sich inkonsequent.

Auf einer gewissen, sehr ursprünglichen Entwicklungsstufe der Gesellschaft stellt sich das Bedürfnis ein, die täglich wiederkehrenden Akte der Produktion, der Verteilung und des Austausches der Produkte unter eine gemeinsame Regel zu fassen, dafür zu sorgen, daß der einzelne sich den gemeinsamen Bedingungen der Produktion und des Austausches unterwirft. Diese Regel, zuerst Sitte, wird bald Gesetz. Mit dem Gesetz entstehn notwendig Organe, die mit seiner Aufrechterhaltung betraut sind - die öffentliche Gewalt, der Staat. Mit der weitern gesellschaftlichen Entwicklung bildet sich das Gesetz fort zu einer mehr oder weniger umfangreichen Gesetzgebung. Je verwickelter diese Gesetzgebung wird, desto weiter entfernt sich ihre Ausdrucksweise von der, in welcher die gewöhnlichen ökonomischen Lebensbedingungen der Gesellschaft ausgedrückt werden. Sie erscheint als ein selbständiges Element, das nicht aus den ökonomischen Verhältnissen, sondern aus eignen, inneren Gründen, meinetwegen aus dem "Willensbegriff" die Berechtigung seiner Existenz und die Begründung seiner Fortentwicklung hernimmt. Die Menschen vergessen die Abstammung ihres Rechts aus ihren ökonomischen Lebensbedingungen, wie sie ihre eigne Abstammung aus dem Tierreich vergessen haben. Mit der Fortbildung der Gesetzgebung zu einem verwickelten, umfangreichen Ganzen tritt die Notwendigkeit einer neuen gesellschaftlichen Arbeitsteilung hervor; es bildet sich ein Stand berufsmäßiger Rechtsgelehrten, und mit diesen entsteht die Rechtswissenschaft. Diese vergleicht in ihrer weitern Entwicklung die Rechtssysteme verschiedner Völker und verschiedner Zeiten miteinander, nicht als Abdrücke der jedesmaligen ökonomischen Verhältnisse, sondern als Systeme, die ihre Begründung in sich selbst finden. Die Vergleichung |277| setzt Gemeinsames voraus: dieses findet sich, indem die Juristen das mehr oder weniger Gemeinschaftliche aller dieser Rechtssysteme als Naturrecht zusammenstellen. Der Maßstab aber, an dem gemessen wird, was Naturrecht ist und nicht, ist eben der abstrakteste Ausdruck des Rechts selbst: die Gerechtigkeit. Von jetzt an ist also die Entwicklung des Rechts für die Juristen und die, die ihnen aufs Wort glauben, nur noch das Bestreben, die menschlichen Zustände, soweit sie juristisch ausgedruckt werden, dem Ideal der Gerechtigkeit, der ewigen Gerechtigkeit immer wieder näherzubringen. Und diese Gerechtigkeit ist immer nur der ideologisierte, verhimmelte Ausdruck der bestehnden ökonomischen Verhältnisse, bald nach ihrer konservativen, bald nach ihrer revolutionären Seite hin. Die Gerechtigkeit der Griechen und Römer fand die Sklaverei gerecht: die Gerechtigkeit der Bourgeois von 1789 forderte die Aufhebung des Feudalismus, weil er ungerecht sei. Für die preußischen Junker ist selbst die faule Kreisordnung eine Verletzung der ewigen Gerechtigkeit. Die Vorstellung von der ewigen Gerechtigkeit wechselt also nicht nur mit der Zeit und dem Ort, sondern selbst mit den Personen, und gehört zu den Dingen, worunter, wie Mülberger richtig bemerkt, "jeder etwas anderes versteht". Wenn im gewöhnlichen Leben bei der Einfachheit der Verhältnisse, die da zur Beurteilung kommen, Ausdrücke wie recht, unrecht, Gerechtigkeit, Rechtsgefühl auch in Beziehung auf gesellschaftliche Dinge ohne Mißverständnis hingenommen werden, so richten sie in wissenschaftlichen Untersuchungen über ökonomische Verhältnisse, wie wir gesehn haben, dieselbe heillose Verwirrung an, die z.B. in der heutigen Chemie entstehn würde, wollte man die Ausdrucksweise der phlogistischen Theorie beibehalten. Noch schlimmer wird die Verwirrung, wenn man, wie Proudhon, an dies soziale Phlogiston, die "Gerechtigkeit", glaubt oder, wie Mülberger beteuert, mit dem Phlogiston nicht minder als mit dem Sauerstoff habe es seine vollkommene Richtigkeit. (9)

III

|278| Mülberger beschwert sich ferner, ich nenne seine "emphatische" Auslassung darüber,

"daß es keinen furchtbareren Hohn auf die ganze Kultur unseres gerühmten Jahrhunderts gibt als die Tatsache, daß in den großen Städten 90% und darüber der Bevölkerung keine Stätte haben, die sie ihr eigen nennen können"

- eine reaktionäre Jeremiade. Allerdings. Hätte Mülberger sich darauf beschränkt, wie er vorgibt, die "Greuel der Gegenwart" zu schildern, ich hätte "ihm und seinen bescheidenen Worten" sicher kein böses Wort nachgesagt. Er tut aber etwas ganz andres. Er schildert diese "Greuel" als Wirkung davon, daß die Arbeiter "keine Stätte haben, die sie ihr eigen nennen können". Ob man "die Greuel der Gegenwart" aus der Ursache beklagt, daß das Hauseigentum der Arbeiter abgeschafft ist, oder wie die Junker tun, aus der, daß der Feudalismus und die Zünfte abgeschafft sind - in beiden Fällen kann nichts herauskommen als eine reaktionäre Jeremiade, ein Klagelied über das Hereinbrechen des Unvermeidlichen, des geschichtlich Notwendigen. Die Reaktion liegt eben darin, daß Mülberger das individuelle Hauseigentum der Arbeiter wieder herstellen will - eine Sache, über die die Geschichte längst reinen Bord gemacht hat; daß er sich die Befreiung der Arbeiter nicht anders denken kann als so, daß jeder wieder Eigentümer seines Hauses wird.

Weiter:

"Ich sage aufs ausdrücklichste: Der eigentliche Kampf gilt der kapitalistischen Produktionsweise, und nur aus ihrer Umänderung heraus ist eine Besserung der Wohnungsverhältnisse zu hoffen. Engels sieht von alledem nichts ... ich setze die ganze Lösung der sozialen Frage voraus, um zur Ablösung der Mietswohnung schreiten zu können."

Leider sehe ich von alledem auch heute noch nichts. Ich kann doch unmöglich wissen, was jemand, dessen Namen ich nicht einmal kannte, im stillen Kämmerlein seines Gehirns voraussetzt. Ich kann mich nur an die gedruckten Artikel Mülbergers halten. Und da finde ich auch heute noch, daß Mülberger (Seite 15 und 16 des Separatabdrucks), um zur Ablösung der Mietwohnung schreiten zu können, nichts voraussetzt als - die Mietwohnung. Erst auf Seite 17 faßt er, "die Produktivität des Kapitals bei den Hörnern", worauf - wir noch zurückkommen. Und selbst in seiner Antwort bestätigt er dies, wenn er sagt:

|279| "Es galt vielmehr zu zeigen, wie aus den bestehenden Verhältnissen heraus eine vollständige Umänderung in der Wohnungsfrage durchgesetzt werden könne."

Aus den bestehenden Verhältnissen heraus, und aus der Umänderung (soll heißen Abschaffung) der kapitalistischen Produktionsweise heraus, sind doch wohl ganz entgegengesetzte Dinge.

Kein Wunder, daß Mülberger sich beklagt, wenn ich in den philanthropischen Bestrebungen der Herren Dollfus und anderer Fabrikanten, den Arbeitern zu eigenen Häusern zu verhelfen, die einzig mögliche praktische Verwirklichung seiner proudhonistischen Projekte finde. Wenn er einsähe, daß Proudhons Plan zur Gesellschaftsrettung eine sich durchaus auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft bewegende Phantasie ist, so würde er selbstredend nicht daran glauben. Seinen guten Willen habe ich ja nie und nirgends bezweifelt. Warum aber lobt er denn Dr. Reschauer dafür, daß er die Dollfusschen Projekte dem Wiener Stadtrat zur Nachahmung vorschlägt?

Ferner erklärt Mülberger:

"Was speziell den Gegensatz zwischen Stadt und Land betrifft, so gehört es unter die Utopien, ihn aufheben zu wollen. Dieser Gegensatz ist ein natürlicher, richtiger gesagt, ein historisch gewordener ... Es gilt nicht, diesen Gegensatz aufzuheben, sondern politische und soziale Formen zu finden, in denen er unschädlich, ja sogar fruchtbringend ist. Auf diese Weise ist ein friedlicher Ausgleich, ein allmähliches Gleichgewicht der Interessen zu erwarten."

Also die Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land ist eine Utopie, weil dieser Gegensatz ein natürlicher, richtiger gesagt, ein historisch gewordener ist. Wenden wir diese Logik auf andere Gegensätze der modernen Gesellschaft an, und sehen wir, wohin wir dann kommen. Z.B.:

"Was speziell den Gegensatz zwischen" Kapitalisten und Lohnarbeitern "betrifft, so gehört es unter die Utopien, ihn aufheben zu wollen. Dieser Gegensatz ist ein natürlicher, richtiger gesagt, ein historisch gewordener. Es gilt nicht, diesen Gegensatz aufzuheben, sondern politische und soziale Formen zu finden, in denen er unschädlich, ja sogar fruchtbringend ist. Auf diese Weise ist ein friedlicher Ausgleich, ein allmähliches Gleichgewicht der Interessen zu erwarten."

Womit wir wieder bei Schulze-Delitzsch angekommen sind.

Die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land ist nicht mehr und nicht minder eine Utopie als die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Kapitalisten und Lohnarbeitern. Sie wird von Tag zu Tag mehr eine praktische Forderung der industriellen wie ackerbauenden Produktion. |280| Niemand hat sie lauter gefordert als Liebig in seinen Schriften über die Chemie des Ackerbaus, worin stets seine erste Forderung ist, daß der Mensch an den Acker das zurückgebe, was er von ihm erhält, und worin er beweist, daß nur die Existenz der Städte, namentlich der großen Städte, dies verhindert. Wenn man sieht, wie hier in London allein eine größere Menge Dünger, als das ganze Königreich Sachsen produziert, Tag für Tag unter Aufwendung ungeheurer Kosten - in die See geschüttet wird, und welche kolossalen Anlagen nötig werden, um zu verhindern, daß dieser Dünger nicht ganz London vergiftet, so erhält die Utopie von der Abschaffung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land eine merkwürdig praktische Grundlage. Und selbst das verhältnismäßig unbedeutende Berlin erstinkt seit mindestens dreißig Jahren in seinem eigenen Dreck. Andererseits ist es eine reine Utopie, wenn man, wie Proudhon, die jetzige bürgerliche Gesellschaft umwälzen und den Bauer als solchen erhalten will. Nur eine möglichst gleichmäßige Verteilung der Bevölkerung über das ganze Land, nur eine innige Verbindung der industriellen mit der ackerbauenden Produktion, nebst der dadurch nötig werdenden Ausdehnung der Kommunikationsmittel - die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise dabei vorausgesetzt - ist imstande, die Landbevölkerung aus der Isolierung und Verdummung herauszureißen, in der sie seit Jahrtausenden fast unverändert vegetiert. Nicht das ist eine Utopie, zu behaupten, daß die Befreiung der Menschen aus den durch ihre geschichtliche Vergangenheit geschmiedeten Ketten erst dann vollständig sein wird, wenn der Gegensatz zwischen Stadt und Land abgeschafft ist; die Utopie entsteht erst dann, wenn man sich unterfängt, "aus den bestehenden Verhältnissen heraus" die Form vorzuschreiben, worin dieser oder irgendein anderer Gegensatz der bestehenden Gesellschaft gelöst werden soll. Und das tut Mülberger, indem er sich die Proudhonsche Formel für die Lösung der Wohnungsfrage aneignet.

Dann beschwert sich Mülberger, daß ich ihn für "die ungeheuerlichen Anschauungen Proudhons über Kapital und Zins" gewissermaßen mitverantwortlich mache, und sagt:

"Ich setze die Änderung der Produktionsverhältnisse als gegeben voraus, und das den Zinsfuß regelnde Übergangsgesetz hat nicht die Produktionsverhältnisse, sondern die gesellschaftlichen Umsetzungen, die Zirkulationsverhältnisse zum Gegenstand ... Die Änderung der Produktionsverhältnisse, oder wie die deutsche Schule genauer sagt, die Abschaffung der kapitalistischen Produktionsweise, ergibt sich freilich nicht, wie mir Engels andichtet, aus einem den Zins aufhebenden Übergangsgesetz, sondern aus der faktischen Besitzergreifung sämtlicher Arbeitsinstrumente, aus der Inbesitznahme der gesamten Industrie von seiten des arbeitenden Volks. Ob das arbeitende Volk hierbei |281| mehr der Ablösung oder mehr der sofortigen Expropriation huldigen (!) wird, hat weder Engels noch ich zu entscheiden."

Ich reibe mir erstaunt die Augen. Ich lese Mülbergers Abhandlung nochmals von Anfang bis zu Ende durch, um die Stelle zu finden, wo er erklärt, daß seine Ablösung der Mietwohnung "die faktische Besitzergreifung sämtlicher Arbeitsinstrumente, die Inbesitznahme der gesamten Industrie von seiten des arbeitenden Volks" als fertig voraussetze. Ich finde die Stelle nicht. Sie existiert nicht. Von "faktischer Besitzergreifung" usw. ist nirgend die Rede. Wohl aber heißt es S. 17:

"Wir nehmen nun an, die Produktivität des Kapitals werde wirklich bei den Hörnern gefaßt, wie das früher oder später geschehen muß, z.B. durch ein Übergangsgesetz, welches den Zins aller Kapitalien auf ein Prozent festsetzt, wohlgemerkt, mit der Tendenz, auch diesen Prozentsatz immer mehr dem Nullpunkt zu nähern ... Wie alle andern Produkte, ist natürlich auch Haus und Wohnung in den Rahmen dieses Gesetzes gefaßt ... Wir sehen also von dieser Seite her, daß sich die Ablösung der Mietwohnung mit Notwendigkeit ergibt als eine Folge der Abschaffung der Produktivität des Kapitals überhaupt."

Hier wird also, ganz im Gegensatz zu Mülbergers nettester Wendung, mit dürren Worten gesagt, daß die Produktivität des Kapitals, unter welcher konfusen Phrase er eingestandenermaßen die kapitalistische Produktionsweise versteht, durch das Zinsabschaffungsgesetz allerdings "bei den Hörnern gefaßt werde" und daß gerade infolge dieses Gesetzes die Ablösung der Mietwohnung sich mit Notwendigkeit ergibt als eine Folge der Abschaffung der Produktivität des Kapitals überhaupt. Keineswegs, sagt Mülberger jetzt. jenes Übergangsgesetz hat "nicht die Produktionsverhältnisse, sondern die Zirkulationsverhältnisse zum Gegenstand". Es bleibt mir in diesem vollkommenen Widerspruch, der nach Goethe "gleich geheimnisvoll für Weise wie für Toren", nur übrig anzunehmen, daß ich es mit zwei ganz verschiedenen Mülbergern zu tun habe, von denen der eine sich mit Recht beschwert, ich habe ihm das "angedichtet", was der andere hat drucken lassen.

Daß das arbeitende Volk weder mich noch Mülberger fragen wird, ob es bei der faktischen Besitzergreifung "mehr der Ablösung oder mehr der sofortigen Expropriation huldigen wird", das ist sicher richtig. Es wird höchstwahrscheinlich vorziehen, überhaupt nicht zu "huldigen". Aber von faktischer Besitzergreifung sämtlicher Arbeitsinstrumente durch das arbeitende Volk war ja gar nicht die Rede, sondern nur von Mülbergers Behauptung (S. 17), daß "der Gesamtinhalt der Lösung der Wohnungsfrage in dem Wort: Ablösung gegeben" sei. Wenn er jetzt diese Ablösung für äußerst |282| zweifelhaft erklärt, wozu dann uns beiden und den Lesern all die nutzlose Mühe machen?

Übrigens muß konstatiert werden, daß die "faktische Besitzergreifung" sämtlicher Arbeitsinstrumente, die Inbesitznahme der gesamten Industrie von seiten des arbeitenden Volks, das gerade Gegenteil ist von der proudhonistischen "Ablösung". Bei der letzteren wird der einzelne Arbeiter Eigentümer der Wohnung, des Bauernhofs, des Arbeitsinstruments; bei der ersteren bleibt das "arbeitende Volk" Gesamteigentümer der Häuser, Fabriken und Arbeitsinstrumente, und wird deren Nießbrauch, wenigstens während einer Übergangszeit, schwerlich ohne Entschädigung der Kosten an einzelne oder Gesellschaften überlassen. Gerade wie die Abschaffung des Grundeigentums nicht die Abschaffung der Grundrente ist, sondern ihre Übertragung, wenn auch in modifizierter Weise, an die Gesellschaft. Die faktische Besitznahme sämtlicher Arbeitsinstrumente durch das arbeitende Volk schließt also die Beibehaltung des Mietsverhältnisses keineswegs aus.

Überhaupt handelt es sich nicht um die Frage, ob das Proletariat, wenn es zur Macht gelangt, die Produktionsinstrumente, Rohstoffe und Lebensmittel einfach gewaltsam in Besitz nimmt, ob es sofort Entschädigung dafür zahlt oder das Eigentum daran durch langsame Ratenzahlungen ablöst. Eine solche Frage im voraus und für alle Fälle beantworten zu wollen hieße Utopien fabrizieren, und das überlasse ich andern.

IV

Soviel Schreiberei war nötig, um durch die mannigfachen Ausflüchte und Windungen Mülbergers hindurch endlich auf die Sache selbst zu kommen, die Mülberger in seiner Antwort sorgfältig zu berühren vermeidet.

Was hatte Mülberger in seiner Abhandlung Positives gesagt?

Erstens, "der Unterschied zwischen dem ursprünglichen Kostenpreis eines Hauses, Bauplatzes usw. und seinem heutigen Wert" gehöre von Rechts wegen der Gesellschaft. Dieser Unterschied heißt in ökonomischer Sprache Grundrente. Diese will Proudhon ebenfalls der Gesellschaft zueignen, wie man in "Idée générale de la Révolution", Ausgabe 1868, S. 219, lesen kann.

Zweitens, die Lösung der Wohnungsfrage bestehe darin, daß jeder, statt Mieter, Eigentümer seiner Wohnung wird.

Drittens, diese Lösung vollzieht sich, indem man die Mietezahlungen durch ein Gesetz in Abzahlungen auf den Kaufpreis der Wohnung verwandelt. - Diese Punkte 2 und 3 sind beide aus Proudhon entlehnt, wie jeder- |283| mann in "Idée générale de la Révolution", S. 199 und folgende, ersehen kann, und wo sich sogar S. 203 der betreffende Gesetzentwurf fertig redigiert vorfindet.

Viertens, daß die Produktivität des Kapitals bei den Hörnern gefaßt wird durch ein Übergangsgesetz, wodurch der Zinsfuß vorläufig auf 1 Prozent, vorbehaltlich späterer weiterer Erniedrigung, herabgesetzt wird. Dies ist ebenfalls aus Proudhon entlehnt, wie in "Idée générale", S. 182-186, ausführlich zu lesen.

Ich habe bei jedem dieser Punkte die Stelle bei Proudhon zitiert, worin sich das Original der Mülbergerschen Kopie findet, und frage nun, ob ich berechtigt war, den Verfasser eines durchaus proudhonistischen und nichts als proudhonistische Anschauungen enthaltenden Artikels einen Proudhonisten zu nennen oder nicht? Und doch beschwert sich Mülberger über nichts bitterer, als daß ich ihn so nenne, weil ich "auf einige Wendungen stieß, wie sie Proudhon eigentümlich sind"! Im Gegenteil. Die "Wendungen" gehören alle Mülberger, der Inhalt gehört Proudhon. Und wenn ich dann die proudhonistische Abhandlung aus Proudhon ergänze, so klagt Mülberger, ich schiebe ihm die "ungeheuerlichen Anschauungen" Proudhons unter!

Was habe ich nun auf diesen proudhonistischen Plan entgegnet?

Erstens, daß Übertragung der Grundrente an den Staat gleichbedeutend ist mit Abschaffung des individuellen Grundeigentums.

Zweitens, daß die Ablösung der Mietwohnung und die Übertragung des Eigentums der Wohnung an den bisherigen Mieter die kapitalistische Produktionsweise gar nicht berührt.

Drittens, daß dieser Vorschlag bei der jetzigen Entwicklung der großen Industrie und der Städte ebenso abgeschmackt wie reaktionär ist und daß die Wiedereinführung des individuellen Eigentums jedes einzelnen an seiner Wohnung ein Rückschritt wäre.

Viertens, daß die zwangsmäßige Herabsetzung des Kapitalzinses die kapitalistische Produktionsweise {20} keineswegs angreift, im Gegenteil, wie die Wuchergesetze beweisen, ebenso uralt wie unmöglich ist.

Fünftens, daß mit Abschaffung des Kapitalzinses das Mietgeld für Häuser keineswegs abgeschafft ist.

Punkt 2 und 4 hat Mülberger jetzt zugegeben. Auf die andern Punkte erwidert er kein Wort. Und doch sind dies grade die Punkte, um die es sich in der Debatte handelt. Aber Mülbergers Antwort ist keine Widerlegung; sie umgeht sorgfältig alle ökonomischen Punkte, welche doch die entschei- |284| denden sind; sie ist eine persönliche Beschwerdeschrift, weiter nichts. So beklagt er sich, wenn ich seine angekündigte Lösung andrer Fragen, z.B. Staatsschulden, Privatschulden, Kredit, vorwegnehme und sage: die Lösung sei überall die, daß, wie bei der Wohnungsfrage, der Zins abgeschafft, die Zinszahlungen in Abzahlungen auf den Kapitalbetrag verwandelt und der Kredit kostenfrei gemacht wird. Trotzdem möchte ich noch heute wetten, daß, wenn diese Mülbergerschen Artikel das Licht der Welt erblicken, ihr wesentlicher Inhalt mit Proudhons "Idée générale": Kredit S. 182, Staatsschulden S. 186, Privatschulden S. 196, ebenso stimmen wird wie diejenige über die Wohnungsfrage mit den zitierten Stellen desselben Buchs.

Bei dieser Gelegenheit belehrt mich Mülberger, daß diese Fragen, wie Steuern, Staatsschulden, Privatschulden, Kredit, wozu jetzt noch die Autonomie der Gemeinde kommt, für den Bauer und für die Propaganda auf dem Lande von der höchsten Wichtigkeit sind. Großenteils einverstanden; aber 1. war von den Bauern bisher gar nicht die Rede, und 2. sind die Proudhonschen "Lösungen" aller dieser Fragen ebenso ökonomisch widersinnig und ebenso wesentlich bürgerlich wie seine Lösung der Wohnungsfrage. Gegen die Andeutung Mülbergers, als verkannte ich die Notwendigkeit, die Bauern in die Bewegung zu ziehn, brauche ich mich nicht zu verteidigen. Aber das halte ich allerdings für Torheit, zu diesem Zweck den Bauern die Proudhonsche Wunderdoktorei anzuempfehlen. In Deutschland besteht noch sehr viel großes Grundeigentum. Nach der Proudhonschen Theorie müßte dies alles in kleine Bauernhöfe zerteilt werden, was beim heutigen Stand der Ackerbauwissenschaft und nach den in Frankreich und Westdeutschland mit dem Parzellen-Grundeigentum gemachten Erfahrungen geradezu reaktionär wäre. Das noch bestehnde große Grundeigentum wird uns vielmehr eine willkommne Handhabe bieten, den Ackerbau im großen, der allein alle moderne Hilfsmittel, Maschinen usw. anwenden kann, durch assoziierte Arbeiter betreiben zu lassen und dadurch den Kleinbauern die Vorteile des Großbetriebs vermittelst der Assoziation augenscheinlich zu machen. Die dänischen Sozialisten, in dieser Beziehung allen andern voraus, haben dies längst eingesehn.

Ebensowenig habe ich nötig, mich dagegen zu verteidigen, als erschienen mir die heutigen infamen Wohnungszustände der Arbeiter "als unbedeutende Kleinigkeit". Ich bin, soviel ich weiß, der erste gewesen, der in deutscher Sprache diese Zustände in ihrer klassisch entwickelten Form, wie sie in England bestehn, geschildert hat: nicht wie Mülberger meint, weil sie "meinem Rechtsgefühl ins Gesicht schlagen" - wer alle Tatsachen, die seinem |285| Rechtsgefühl ins Gesicht schlagen, in Bücher verwandeln wollte, der hätte viel zu tun -, sondern, wie in der Vorrede meines Buchs zu lesen, um dem damals entstehnden, in hohlen Phrasen herumfahrenden deutschen Sozialismus eine tatsächliche Unterlage zu geben durch Beschreibung der von der modernen großen Industrie geschaffnen Gesellschaftszustände. Aber die sogenannte Wohnungsfrage lösen zu wollen, das fällt mir allerdings nicht ein, ebensowenig wie ich mich mit den Details der Lösung der noch wichtigeren Eßfrage befasse. Ich bin zufrieden, wenn ich nachweisen kann, daß die Produktion unsrer modernen Gesellschaft hinreichend ist, um allen Gesellschaftsgliedern genug zu essen zu verschaffen, und daß Häuser genug vorhanden sind, um den arbeitenden Massen vorläufig ein geräumiges und gesundes Unterkommen zu bieten. Wie eine zukünftige Gesellschaft die Verteilung des Essens und der Wohnungen regeln wird, darüber zu spekulieren führt direkt in die Utopie. Wir können höchstens aus der Einsicht in die Grundbedingungen der sämtlichen bisherigen Produktionsweisen feststellen, daß mit dem Fall der kapitalistischen Produktion gewisse Aneignungsformen der bisherigen Gesellschaft unmöglich werden. Selbst die Übergangsmaßregeln werden sich überall nach den augenblicklich bestehnden Verhältnissen zu richten haben, in Ländern kleinen Grundeigentums wesentlich andre sein als in Ländern großen Grundbesitzes usw. Wohin man kommt, wenn man für diese sogenannten praktischen Fragen, wie Wohnungsfrage usw., Einzellösungen sucht, beweist uns niemand besser als Mülberger selbst, der erst auf 28 Seiten auseinandersetzt, wie "der Gesamtinhalt der Lösung der Wohnungsfrage in dem Wort: Ablösung gegeben sei", um dann, sowie man ihm auf den Leib rückt, verlegen zu stammeln, es sei in der Tat sehr fraglich, ob bei der faktischen Besitzergreifung der Häuser "das arbeitende Volk mehr der Ablösung huldigen werde" oder irgendeiner andern Form der Expropriation.

Mülberger verlangt, wir sollen praktisch werden, wir sollen "den wirklichen praktischen Verhältnissen gegenüber" nicht "nur tote abstrakte Formeln ins Feld führen", wir sollen "aus dem abstrakten Sozialismus heraus und an die bestimmten konkreten Verhältnisse der Gesellschaft herantreten". Hätte Mülberger dies getan, so hätte er sich vielleicht große Verdienste um die Bewegung erworben. Der erste Schritt beim Herantreten an die bestimmten konkreten Verhältnisse der Gesellschaft besteht doch wohl darin, daß man sie kennenlernt, daß man sie nach ihrem bestehnden ökonomi- |286| schen Zusammenhang untersucht. Und was finden wir da bei Mülberger? Zwei ganze Sätze, und zwar:

1. "Was der Lohnarbeiter gegenüber dem Kapitalisten, das ist der Mieter gegenüber dem Hausbesitzer."

Ich habe S. 6 des Separatabdrucks nachgewiesen, daß dies total falsch ist, und Mülberger hat kein Wort darauf zu erwidern.

2. "Der Stier aber, der" (bei der sozialen Reform) "bei den Hörnern gefaßt werden muß, ist die Produktivität des Kapitals, wie es die liberale Schule der Nationalökonomie nennt, die in Wahrheit nicht existiert, die aber in ihrer scheinbaren Existenz zum Deckmantel aller Ungleichheit dient, welche auf der heutigen Gesellschaft lastet."

Der Stier, der bei den Hörnern gefaßt werden muß, existiert also "in Wahrheit nicht", hat also auch keine "Hörner". Nicht er selbst, sondern seine scheinbare Existenz ist vom Übel. Trotzdem ist die "sogenannte Produktivität" (des Kapitals) "imstande, Häuser und Städte aus dem Boden zu zaubern", deren Existenz alles, nur nicht "scheinbar" ist. (S. 12.) Und ein Mann, der, obwohl Marx' "Kapital" "auch ihm wohlbekannt" ist, in dieser hülflos verworrenen Weise über das Verhältnis von Kapital und Arbeit radebrecht, unternimmt es, den deutschen Arbeitern einen neuen und bessern Weg weisen zu wollen, und gibt sich aus für den "Baumeister", der "sich über das architektonische Gefüge der zukünftigen Gesellschaft wenigstens im ganzen und großen klar" ist?

Niemand ist näher "an die bestimmten konkreten Verhältnisse der Gesellschaft herangetreten" als Marx im "Kapital". Er hat fünfundzwanzig Jahre darauf verwandt, sie nach allen Seiten hin zu untersuchen, und die Resultate seiner Kritik enthalten überall ebenfalls die Keime der sogenannten Lösungen, soweit solche überhaupt heutzutage möglich sind. Das aber genügt Freund Mülberger nicht. Das ist alles abstrakter Sozialismus, tote abstrakte Formeln. Statt die "bestimmten konkreten Verhältnisse der Gesellschaft" zu studieren, begnügt sich Freund Mülberger mit der Lektüre einiger Bände Proudhon, die ihm zwar so gut wie nichts über die bestimmten konkreten Verhältnisse der Gesellschaft bieten, dagegen aber sehr bestimmte konkrete Wunderkuren für alle gesellschaftlichen Übel, und bringt diesen fertigen sozialen Rettungsplan, dies Proudhonsche System, vor die deutschen Arbeiter unter dem Vorwand, er wolle "den Systemen Adieu sagen", während ich "den umgekehrten Weg wähle"! Um dies zu begreifen, muß ich annehmen, daß ich blind bin und Mülberger taub, so daß eine jede Verständigung zwischen uns rein unmöglich ist.

|287| Genug. Wenn diese Polemik zu weiter nichts dient, so hat sie jedenfalls das Gute, den Beweis geliefert zu haben, was es mit der Praxis dieser sich so nennenden "praktischen" Sozialisten auf sich hat. Diese praktischen Vorschläge zur Beseitigung aller sozialen Übel, diese gesellschaftlichen Allerweltsheilmittel, sind stets und überall das Fabrikat von Sektenstiftern gewesen, die zu einer Zeit auftraten, wo die proletarische Bewegung noch in ihrer Kindheit lag. Auch Proudhon gehört zu ihnen. Die Entwicklung des Proletariats wirft diese Kinderwindeln bald beiseite und erzeugt in der Arbeiterklasse selbst die Einsicht, daß nichts unpraktischer ist als diese vorher ausgeklügelten, auf alle Fälle anwendbaren "praktischen Lösungen" und daß der praktische Sozialismus vielmehr in einer richtigen Erkenntnis der kapitalistischen Produktionsweise nach ihren verschiednen Seiten hin besteht. Eine Arbeiterklasse, die hierin Bescheid weiß, wird im gegebnen Falle nie in Verlegenheit sein, gegen welche sozialen Institutionen und in welcher Weise sie ihre Hauptangriffe zu richten hat.


Fußnoten von Engels

(1) In Marx, "Misére de la Philosophie etc." 10, Bruxelles et Paris, 1847. <=

(2) Wie sich diese Lösung der Wohnungsfrage vermittelst der Fesselung der Arbeiter an ein eigenes "Heim" in der Nähe großer oder emporkommender amerikanischer Städte naturwüchsig macht, darüber folgende Stelle aus einem Brief von Eleanor Marx-Aveling, Indianapolis, 28. November 1886: "In oder vielmehr bei Kansas City sahen wir erbärmliche kleine Holzschuppen, zu etwa drei Zimmern, noch ganz in der Wildnis; der Boden kostete 600 Dollars und war eben groß genug, das kleine Häuschen darauf zu setzen; dieses selbst kostete weitere 600 Dollars, also zusammen 4.800 Mark für ein elendes kleines Ding, eine Stunde Wegs von der Stadt, in einer schlammigen Einöde." Somit haben die Arbeiter schwere Hypothekschulden aufzunehmen, um nur diese Wohnungen zu erhalten, und sind nun erst recht die Sklaven ihrer Brotherren; sie sind an ihre Häuser gebunden, sie können nicht weg und müssen alle ihnen gebotenen Arbeitsbedingungen sich gefallen lassen. [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1887.] <=

(3) Und auch diese ist schließlich eine bloße Heimat der Arbeiter-Ausbeutung geworden. Siehe den Pariser "Socialiste", Jahrgang 1886. [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1887.] <=

(4)Auch hierin haben die englischen Kapitalisten längst alle Herzenswünsche des Herrn Sax nicht nur erfüllt, sondern weit übertroffen. Montag, den 14. Oktober 1872, hatte in Morpeth der Gerichtshof zur Feststellung der Parlaments-Wählerlisten über den Antrag von 2.000 Bergarbeitern auf Eintragung ihrer Namen in die Liste zu entscheiden. Es stellte sich heraus, daß der größte Teil dieser Leute nach dem Reglement der Grube, wo sie arbeiteten, nicht als Mieter der von ihnen bewohnten Häuschen, sondern nur als darin geduldet anzusehn seien und ohne jede Kündigung jederzeit an die Luft gesetzt werden konnten. (Grubenbesitzer und Hauseigentümer waren natürlich eine und dieselbe Person.) Der Richter entschied, daß diese Leute keine Mieter, sondern Knechte seien und als solche zur Eintragung nicht berechtigt. ("Daily News", 15. Oktober 1872.) <=

(5) Hier noch ein kleiner Beitrag zum Geschäftsbetrieb speziell der Londoner Bauvereine. Bekanntlich gehört der Boden von fast ganz London ungefähr einem Dutzend Aristokraten, darunter die Vornehmsten die Herzöge von Westminster, von Bedford, von Portland usw. Diese hatten die einzelnen Baustellen ursprünglich auf 99 Jahre verpachtet und treten bei Ablauf dieser Zeit in den Besitz des Grundstücks mit allem, was daran steht. Sie vermieten nun die Häuser auf kürzere Termine, 39 Jahre z.B. unter einer sogenannten repairing lease, kraft deren der Mieter das Haus in baulichen Stand setzen und darin erhalten muß. Sobald der Kontrakt soweit abgemacht ist, schickt der Grundherr seinen Architekten und den Baupolizeibeamten (surveyor) des Distrikts, das Haus zu inspizieren und die nötigen Reparaturen festzustellen. Diese sind oft sehr umfassend, bis zur Erneuerungsfrage der ganzen Frontmauer, des Dachs etc. Der Mieter deponiert nun den Mietsvertrag als Sicherheit bei einem Bauverein und erhält von diesem das nötige Geld - bis zu 1.000 Pfd. St. und mehr bei jährlicher Miete von 130-150 Pfd. - vorgeschossen für den auf seine Kosten zu vollführenden Bau. Diese Bauvereine sind also ein wichtiges Mittelglied geworden in einem System, das den Zweck hat, die den großen Grundaristokraten gehörigen Londoner Häuser mühelos und auf Kosten des Publikums immer wieder neu zu bauen und bewohnbar zu erhalten. Und das soll eine Lösung der Wohnungsfrage für die Arbeiter sein! [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1887.] <=

(6) Jobbery heißt die Benutzung eines öffentlichen Amts zu Privatvorteilen für den Beamten oder seine Familie. Wenn z.B. der Chef der Staatstelegraphie eines Landes stiller Gesellschafter einer Papierfabrik wird, dieser Fabrik Holz aus seinen Forsten liefert und dann ihr Papierlieferungen für die Telegraphenbüros überträgt, so ist das ein zwar ziemlich kleiner, aber doch insofern ganz hübscher job, als er ein vollkommenes Verständnis der Prinzipien der Jobbery bekundet {21}; wie dies übrigens bei Bismarck selbstverständlich und zu erwarten war. <=

(7) Neuerdings wird in den englischen Parlamentsakten, welche den Londoner Baubehörden das Recht der Expropriation behufs Neuanlage von Straßen erteilen, einigermaßen Rücksicht genommen auf die so an die Luft gesetzten Arbeiter. Es wird die Bestimmung eingeschaltet, daß die neu zu errichtenden Gebäude zur Aufnahme der bisher an dieser Stelle wohnenden Bevölkerungsklassen geeignet sein müssen. Man baut also große fünf- bis sechsstöckige Mietskasernen für Arbeiter auf die geringwertigsten Baustellen und genügt so dem Buchstaben des Gesetzes. Wie sich diese, den Arbeitern ganz ungewohnte und inmitten der alten Londoner Verhältnisse durchaus fremdartige Einrichtung bewähren wird, bleibt abzuwarten. Im besten Fall wird aber hier kaum ein Viertel der wirklich durch die Neuanlage vertriebnen Arbeiter untergebracht. [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1887.] <=

(8) Was auch heute, 1886, noch den preußischen Staat und seine Grundlage, die in den Schutzzöllen besiegelte Allianz von Großgrundbesitz und industriellem Kapital zusammenhält, ist lediglich die Angst vor dem seit 1872 riesig an Zahl und Klassenbewußtsein gewachsenen Proletariat. [Anmerkung von Engels zur Ausgabe von 1887.] <=

(9) Vor der Entdeckung des Sauerstoffs erklärten sich die Chemiker die Verbrennung des Körpers in atmosphärischer Luft durch die Annahme eines eignen Brennstoffs, des Phlogiston, der bei der Verbrennung entweicht. Da sie fanden, daß verbrannte einfache Körper nach der Verbrennung mehr wogen als vorher, erklärten sie, das Phlogiston habe eine negative Schwere, so daß ein Körper ohne sein Phlogiston mehr wiege als mit ihm. Auf diese Weise wurden dem Phlogiston allmählich die Haupteigenschaften des Sauerstoffs angedichtet, aber alle umgekehrt. Die Entdeckung, daß die Verbrennung in der Verbindung der brennenden Körper mit einem andern, dem Sauerstoff, bestehe, und die Darstellung dieses Sauerstoffs machte dieser Annahme - aber erst nach langem Widerstand der ältern Chemiker - ein Ende. <=


Textvarianten

{1} Im "Volksstaat" fehlt: in Paris <=

{2} Im "Volksstaat": ihre (statt eine gewisse) <=

{3} Im "Volksstaat" fehlt: und endlich das in ... Raten abzutragen <=

{4} Im "Volksstaat": Kultur <=

{5} Im "Volksstaat" endet hier der Satz <=

{6} Im "Volksstaat" fehlt der letzte Satz <=

{7} Im "Volksstaat": Profit <=

{8} Im "Volksstaat" fehlt: Kapitalzins <=

{9} Im "Volksstaat" fehlt: resp. Zins <=

{10} Im "Volksstaat" endet hier der Satz <=

{11} Im "Volksstaat" fehlen die zwei letzten Sätze <=

{12} Im "Volksstaat" fehlt: oder einer allgemeine Industriekrise <=

{13} Im "Volksstaat" eingefügt: der Grundbesitz ... vermindert die Zahl derjenigen, die gegen die Herrschaft der besitzenden Klasse ankämpfen ... <=

{14} Im "Volksstaat": Und nun gar der alte A - ich will den Namen nicht nennen, er ist längst tot und begraben! <=

{15} Im "Volksstaat" fehlt: besonders <=

{16} Im "Volksstaat": Profit <=

{17} Im "Volksstaat" fehlt: einschließlich des darauf gemachten Profits <=

{18} Im "Volksstaat" fehlt: und Profits <=

{19} Im "Volksstaat" eingefügt: Zustände, alle theoretischen, philosophischen <=

{20} Im "Volksstaat": Produktion <=

{21} Im "Volksstaat" endet hier der Satz <=


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